Cannes Lions

Design-Juror Dominic Sturm über seine Cannes-Erfahrung

Cannes-Juror Dominic Sturm, Präsident der Swiss Design Association
© zvg/Dominic Sturm
Cannes-Juror Dominic Sturm, Präsident der Swiss Design Association
Ein paar Tage im Dunkeln hat Dominic Sturm hinter sich. Der Präsident der Swiss Design Association war an der Côte d’Azur bei den Cannes Lions als Juror am Start und hat in den Kellern des Palais du Festival mit entschieden, wer in der Kategorie Design mit einem Löwen nach Hause gehen kann. HORIZONT Swiss hat ihn zu seinen Erfahrungen in der Jury, um die Rolle von Design in der globalisierten, digitalisierten Welt und Haltung in der Kommunikation befragt.

15 Juroren aus der ganzen Welt, 10 Stunden am Tag hunderte Arbeiten bewerten, drinnen Klimaanlage, draussen Sonne und Strand. Wie besonders war die Erfahrung, bei den Cannes Lions zu jurieren?

Es war sehr intensiv. Die Stimmung in der Jury war ausgeglichen. Mit mir haben Jurorinnen und Juroren aus dem Nahen Osten, Japan, China und Brasilien, aber auch sehr vielen europäischen Ländern sowie den USA juriert. Eine sehr bunte Mischung. Wir haben uns wirklich gut verstanden. Die Arbeit war aber auch ein bisschen surreal.



Woran liegt das?

Zum einen ist man jeden Tag lange Zeit im Keller des Palais und vertieft sich völlig in hunderte von Arbeiten, dann kommt man abends raus und ist konfrontiert mit Sonne, Touristen und Werbern. Zum anderen liegt das natürlich an den Arbeiten, die wir bewertet haben.

Was war speziell oder anders an den Arbeiten?

Die Arbeiten, die wir in der Design-Jury angeschaut haben, kamen ebenfalls aus der ganzen Welt und waren sehr unterschiedlich. Es hat sehr geholfen, dass die Jury so international besetzt war – manche Wettbewerbsbeiträge hätten wir sonst nur schlecht greifen können. Sie funktionieren nicht in jedem kulturellen Kontext. Paradox ist dabei, dass die Arbeiten internationaler und durch die technischen Möglichkeiten überall verbreitet werden, gleichzeitig aber hyperlokal werden. Wir können auf alles überall auf der Welt zugreifen, die Welt wird kleiner, zugleich treten die die kulturellen Unterschiedehervor.



Ihr Fachgebiet ist Industrial Design – wie hat das in die Jury eines Wettbewerbs gepasst, der sich vor allem mit den Facetten kommerzieller Auftragskommunikation befasst?

Design ist heute weit mehr, als die Gestaltung eines Objekts oder eines Logos. Es dient vielmehr mit Methoden des Design Thinkings disziplinübergreifend der Gestaltung prospektiver Problemlösungen. Hier bei den Cannes Lions suchen wir also nach innovativen Kommunikationslösungen, die differenziert, glaubwürdig, konsistent und authentisch gestaltet sind. Das steht für ein neues Bewusstsein – auch in derWerbung. Designer sind heute – überspitzt gesagt-, nicht mehr nur dazu da, etwas schön zu machen, sondern sind integraler Teil des strategischen kommunikativen Prozess‘. Deshalb ist es wichtig, in einer Design Jury in Cannes verschiedene Facetten und Dimensionen des Designs zusammenzubringen.

Das Thema Haltung war auch dieses Jahr bei den Cannes Lions unglaublich gross. Sehr viele bedeutende Marken haben sich einen ‚Purpose‘ auf die Fahne geschrieben, was auch als PR-Masche kritisiert wird. Wie nehmen Sie die Debatte wahr?
Auch in unserer Jury gab es viele solche Arbeiten zu bewerten. Die vorherrschende Meinung war, dass Werbung beziehungsweise Kommunikation in Zukunft nur noch über Aufrichtigkeit und echtes Interesse an den Bedürfnissen der Nutzer und Konsumentinnen funktionieren kann. Offensichtliches Green- oder Pinkwashing hingegen funktioniert nicht.

Warum?
Einerseits gibt es einfach zu viele austauschbare Produkte, Marken und Botschaften, die sich nicht mehr differenzieren. Die Welt ist so global und atomisiert, dass die meisten Marken ihre Zielgruppen nicht mehr wirklich erreichen. Andererseits sind moderne Konsumentinnen weltweit mündig, anspruchsvoll und kompetent in der Auswahl und im Gebrauch von Marken und Produkten. Natürlich muss heute den Marken klar sein, dass sie nicht lügen, übertreiben oder verschleiern dürfen, sondern ehrlich mit relevanten Themen umgehen müssen. Interview: ems

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