"Basler Zeitung"

Dürftiger Start der neuen Aera Rohr

Marcel Rohrs Grusswort an seine Leser in der BaZ vom 29.12.18
© Ausriss BaZ
Marcel Rohrs Grusswort an seine Leser in der BaZ vom 29.12.18
Die achtjährige Ära Somm bei der "Basler Zeitung" ging mit dem 31. Dezember 2018 definitiv zu Ende, gestern startete die BaZ mit dem neuen Chefredaktor Marcel Rohr. Ein grosser Wurf war die gestrige Ausgabe allerdings nicht, ebenso wenig Rohrs Grusswort einige Tage zuvor.
Der 2. Januar ist in Basel kein Feiertag – und so musste die BaZ gestern wohl oder übel erscheinen. Doch das Blättchen, das im Briefkasten steckte, war bloss bemitleidenswerte 28 Seiten dünn. Wohl weil die Lokalredaktion abgespeckt hat und die Mantelredaktion aller Deutschschweizer Tamedia-Titel noch mit dem Ausschlafen des Silvesterkaters beschäftigt war. Auch Neu-Chefredaktor Marcel Rohr gönnte sich gestern wohl noch ein Nickerchen, jedenfalls hielt er es weder für nötig, das Impressum der eigene Zeitung zu aktualisieren, wie das Nachrichtenportal Onlinereports süffisant feststellte, noch seine Leserschaft mit einem Grusswort ins Neue Jahr zu geleiten. Letzteres hatte er schon ein paar Tage zuvor am 29. Dezember noch explizit als designierter CR besorgt.


Doch schon der erste Abschnitt seiner ganzseitigen "Ansprache" unter dem Titel "Die besten Zeitung der Welt" geriet leicht daneben: Rohr schwafelte davon, dass er als ehemaliger Sportjournalist nun seine Allwetterjacke gegen eine Chefredaktor-gemässe Kleidung ausgestauscht habe. "Nun sitzt der Krawattenknopf. Hoffentlich." Doch auf dem dazugehörigen Bild war er weder mit Krawatte, geschweige denn mit entsprechendem Knopf zu sehen. Wenn das nur kein Omen ist: Nicht schreiben, was ist (nach Rudolf Augstein), sondern schreiben, was einem gerade so einfällt. Wenn das die neue Devise ist, dann wäre dies eine Fortsetzung des BaZ-Programms der vergangenen acht Jahre. Hoffentlich nicht.

Unbescheiden gab sich Rohr obendrein: "Wir wollen die beste Zeitung der Welt machen", hielt er fest. Wobei er diese Welt flugs eingrenzte auf "meine Welt zwischen Rheinknie, Jura-Nordfuss und Fricktal". Und nur wenige Zeilen später relativiert er erneut: "Die beste BaZ der Welt: Das sind grosse Ziele." Naja, das erinnert einen irgendwie an Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, die ja ganz ähnlich sang: "...Ich mach' mir die Welt - widdewidde wie sie mir gefällt...". In einer derart zurecht geschrumpften Welt dürfte es Rohr kaum schwer fallen, die beste BaZ zu machen. Eine andere gibts ja nicht. Nur: Wer sich schon zu Beginn derart tiefe Masstäbe setzt, der hat bereits verloren.


Oder war dies gar nicht ernst gemeint, bloss etwas ironisch? Möglich. Doch wer sein Amt antritt und ausser Ironie auf einer ganzen Seiten keinen ernstzunehmenden Inhalt bietet, der hat wohl auch kein Programm mit Substanz.

Es gibt einzig zwei Stellen in Rohrs Grusswort, wo er sich wohltuend von seinem Vorgänger und dessen achtjährigen Aera abgrenzt: "Ich bin Chefredaktor, nicht Prediger", schreibt er einmal. Für Missionar Markus Somm traf das Umgekehrte zu.

Und an einer zweiten Textstelle lobt Rohr die neue BaZ-Besitzerin Tamedia, die Knowhow in Verkauf, Vertrieb, Digitalisierung und Inhalt garantiere. "Zwar sind wir nun abhängig von einem Medienriesen aus Zürich", fährt Rohr weiter, "gleichzeitig sind wir unabhängig von jedem Politiker, jedem Wirtschaftsunternehmen und jeder Partei."

Allerdings: Was auf den ersten Blick wie eine sanfte Distanzierung von Christoph Blocher klingt, ist in Tat und Wahrheit wohl eher eine kühle Analyse als eine inhaltlicher Abstand: Dass die BaZ jahrelang so eindeutig der SVP zugeordnet werden konnte, war für sie – und vermutlich auch für Mitarbeiter Rohr – belastend. Man denke nur an den starken Leserschwund. Insofern hat Rohr nun dank Tamedia eine Bürde los und kann in eine neue Aera starten. Dafür muss er an der inhaltlichen Ausrichtung nicht einmal Wesentliches ändern – als Sportjournalist ist das ohnehin nicht sein Ding. Aber es hilft, dass die BaZ nun nicht mehr so ohne Weiteres und als Ganzes verortet werden kann.

Dennoch darf man nicht vergessen: Rohr ist anspassungsfähig. Er trat schon 2005 (noch unter Verleger Matthias Hagemann) in die BaZ-Redaktion ein und hat Blocher und Somm die ganze Zeit hindurch treulich gedient. Zudem lobte er erst kürzlich seinen Vorgänger über den grünen Klee (
HORIZONT Swiss berichtete). Eine wirkliche Distanzierung sieht anders aus, und ein eigenständiger Kurs mit Profil dürfte ihm, dem neuen BaZ-Chefredaktor, eher schwerfallen – selbst in der eigenen kleinen Welt. knö

Hier lässt sich Marcel Rohrs Grusswort downloaden.
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