Audi

Mit mehr als 400 PS ins Vollstromer-Geschäft

 Griff in die Ablage mit den Highlights der Vergangenheit: Der E-Tron auf der Streif erinnert an die Werbung für den Audi 100 1986
© Audi/Philipp Platzer
Griff in die Ablage mit den Highlights der Vergangenheit: Der E-Tron auf der Streif erinnert an die Werbung für den Audi 100 1986
Bis 2025 soll fast jeder dritte neu zugelassene Audi ein Elektrofahrzeug sein, haben sich die Ingolstädter zum Ziel gesetzt. Unterdessen will sich die Marke in der Schweiz „als Meinungs- und als Technologieführer“ rund um E-Mobilität positionieren. Beides ein schwieriges Unterfangen.

Ende Januar hat Audi den Rennfahrer Matthias Ekström die bekannte Streif-Piste in Kitzbühel mit dem neuen E-Tron Quattro hinaufgeschickt. Der zweimalige DTM-Sieger und das fast 2,5 Tonnen schwere Elektro-SUV bewältigten die „Mausefalle“, die bis zu 85 Prozent Steigung aufweist. Rückblick: 1986 hatte Audi den zweimaligen Deutscher Rallyemeister Harald Demuth mit einem Audi 100 Quattro die finnische Skisprung-Schanze Pitkävuori hinaufgeschickt - 37,5 Grad Steigungswinkel, 77 Prozent Steigung. Remake: 2005 durfte Audi-Ingenieur Uwe Bleck einen A6 Quattro die Schanze in Kaipola hochsteuern. Die Stunts, die der Marke in Deutschland vor allem Aufmerksamkeit und Imagegewinn verschafft haben, können für den Schweizer Autofahrer von heute ein echtes Kaufargument sein. Denn fast jeder zweite, 2018 neu zugelassene Pkw in der Schweiz verfügt nach Angaben des Importeurverbands Auto-Schweiz über Allradantrieb.



Die Ingolstädter positionieren den E-Tron wie ihren Ur-Quattro, in dessen 4x4-Antrieb sich einst der 1971 entwickelte Audi-Claim „Vorsprung durch Technik“ manifestierte, ohne die Eigenschaft „Quattro“ namentlich hervorzuheben. E-Tron ist vor allem Oberbegriff für alle vollelektrischen Fahrzeuge der Marke. Damit Menschen für das neue Premiumfahrzeug mindestens 90.000 CHF ausgeben und auch andere, künftige Modelle der E-Tron-Reihe an Frau und Mann gebracht werden können, braucht es ein paar Argumente mehr als Effekthascherei mit Extremsituationen. Zumal Audi in Bezug auf Elektromobilität in der Schweiz wie fast überall vor ähnlichen Problemen steht.

Eines davon ist das bislang geringe Käuferinteresse an E-Fahrzeugen. 21.591 Pkw der insgesamt knapp 300.000 Neuzulassungen des vergangenen Jahres waren laut Auto-Schweiz Fahrzeuge mit Alternativantrieb. Davon waren 5109 Fahrzeuge Elektroautos (Marktanteil 1,7 Prozent) und 4378 Plug-in-Hybride (1,5 Prozent). Positiv immerhin: Die beiden Antriebsarten konnten ihren Marktanteil gegenüber 2017 zusammen um 0,5 Prozent steigern, und der Aufwärtstrend setzt sich offenbar fort. Im vergangenen Februar waren 3,3 Prozent der Neuzulassungen vollelektrisch.

Top Ten 2018 der Elektroauto-Marken in der Schweiz

RangMarkeZulassungen *)Anteil (in %)
1BMW160517
2Tesla146015,4
3Renault9109,6
4Volvo8969,5
5Mitsubishi7467,9
6Hyundai5005,3
7Nissan4735
8Mercedes-Benz4234,5
9Porsche4054,3
10Audi3874,1
Sonstige166217,6
9467100
Quelle: Quelle: Swiss eMobility / *) Neu zugelassene Fahrzeuge rein elektrisch (BEV) und mit Hybridantrieb (PHEV)



Ein anderes Audi-Problem ist ebenfalls nicht Schweiz spezifisch. Dieselgate“ und das Debakel beim Zulassungsstandard WLTP, bei dem Abgas- und Verbrauchswerte eines Autos genauer getestet werden, haben dem Ruf der Marke als Technikvorreiter geschadet. Im vergangenen Jahr musste der Autobauer mit 1,812 Millionen verkauften Autos einen Absatzrückgang um 3,5 Prozent verkraften, in Europa waren es minus 14 Prozent. In der Schweiz betrug der Marktanteil Auto-Schweiz zufolge im vergangenen Februar noch 3,5 Prozent (Februar 2018: 6 Prozent). Relativ gesehen: Bedingt durch die WLTP-Umstellungsprobleme 2018 war die Zahl lieferbarer Fahrzeuge eingeschränkt, so dass man mit den 6,1 Prozent Marktanteil (minus 0,5 Prozent Marktanteil gegenüber 2017) im Gesamtjahr dennoch zufrieden sein könne, sagt Olivier Pasche, Teamleiter Marketing Communication Audi beim Importeur AMAG. Die positive Entwicklung bei den Kaufvertragseingängen in den ersten Monaten dieses Jahres habe sich wegen zeitlicher Verzögerungen bei der Abwicklung nur noch nicht in der Zulassungsstatistik niedergeschlagen.

Abgewickelt werden jetzt auch die Vorbestellungen für den E-Tron (20.000 Reservierungen weltweit), denn seit der vergangenen Woche liefert Audi in die Schweiz. Es war das erste Mal, dass Audi mit Online-Reservierungen operiert hat. Im Anschluss an Norwegen gab es diese Möglichkeit gegen Hinterlegung einer Anzahlung schon 2017, und zwar noch vor Deutschland in der Schweiz auf audi.ch/e-tron. Die Herausforderung damals: Wie lässt sich Aufmerksamkeit und Interesse für ein Auto generieren, das in seiner Pre-Launch-Phase noch nicht vorzeigbar ist. Die Lösung von Audi Schweiz: der E-Hub. Die Site e-hub.swiss ging Anfang vergangenen Jahres an den Start und wurde laut Pasche mit SEO-Maßnahmen, über eigene Kanäle wie den Audi-Kundennewsletter und mit einem Mediabudget beworben. Auf der Plattform zu finden sind Beiträge rund um E-Mobilität, die das Thema mit Audi und dem E-Tron verknüpfen. Zielgruppe sind – jenseits der Audi-Fans – Leute, die sich für E-Mobility sowie für E-Autos und -Marken im Allgemeinen interessieren und sich womöglich ein Auto mit alternativem Antrieb zulegen wollen. Der E-Hub bildete das Herzstück der von Mediacom Switzerland entwickelten Kampagne für den E-Tron Quattro. Im Hub spiegelt sich der Anspruch der VW-Tochter wider, Kompetenzzentrum für E-Mobilität zu sein.

Benchmark ist dabei Tesla. Die US-Amerikaner haben allerdings einen deutlichen Vorsprung, auch technisch. Das SUV Model X ist bereits seit Herbst 2015 auf dem Markt. Und da Elektromobilität bei deutschen Konzernen im Vergleich zu den Kaliforniern lange Zeit ein Schattendasein fristete, dürfte es noch ein wenig dauern, bis sich die Ingolstädter gegenüber der Öffentlichkeit glaubhaft als der E-Experte ausgeben können. Um dem Ziel näher zu kommen, wird es den E-Hub nach Angaben Pasches auch in Zukunft geben. Er werde zudem auch andere Themen bespielen, denn vollelektrisch sei bei Audi nur eine Sparte der Alternativ-Antriebe. Zu den Angeboten der Marke auf diesem Feld gehört beispielsweise auch die G-Tron-Palette, also die Reihe der mit Erdgas betriebenen Fahrzeuge.
Thomas Koller hat den e-Ski zum e-tron“, „,Schnee-tron‘ meistert die Streif-Mausefalle“, „So fährt sich die Zukunft“ – Mit Beiträgen unter solchen Überschriften auf seinem E-Hub informiert Audi Schweiz auch über E-Mobilität, Reichweite und Nachhaltigkeit
© zVg
Thomas Koller hat den e-Ski zum e-tron“, „,Schnee-tron‘ meistert die Streif-Mausefalle“, „So fährt sich die Zukunft“ – Mit Beiträgen unter solchen Überschriften auf seinem E-Hub informiert Audi Schweiz auch über E-Mobilität, Reichweite und Nachhaltigkeit
Geworben hat Audi Schweiz für den E-Tron seit dem Genfer Autosalon 2018 gezielt unter anderem beim sommerlichen Formel E-Rennen in Zürich (Out-of-Home, Print). Höhepunkt war nach Angaben von David Burow, Senior Communication Planner bei Mediacom, die Kampagne „Electric has gone Audi“ im Herbst mit einem TV-Flight und Online-Werbung mit Fokus auf Video, nachdem das Auto in San Francisco seine Weltpremiere gehabt hatte. Auch der weltweit erste Pop-up-Store für den E-Tron wurde in der Schweiz gelauncht: Im vergangenen Oktober zog der Stromer für ein paar Wochen am Zürcher Rennweg ein.

Nun steht die nächste größere Werbewelle für den E-Tron in der Schweiz, einem wichtigen Test-Markt für Premiumprodukte, bevor. Laut Pasche soll sie Mitte April starten und unter anderem im TV mit dem in Deutschland bereits bekannten Spot „Elektromobilität. Das nächste Kapitel“ aufwarten. Darin nimmt der Hersteller Vorbehalte gegenüber Elektrofahrzeugen auf und will sie widerlegen. Denn darum geht es beim E-Hub auch: Vorurteile gegenüber E-Autos abbauen, Bedenken, etwa in Hinblick auf die Reichweite oder das Aufladen, zerstreuen respektive widerlegen.

Inwieweit es mit Paid und Owned Media gelingt, Unsicherheiten der Schweizer beim Thema E-Mobilität zu beseitigen, Audi als „Meinungsführer“ darzustellen und „E-Tron“ als „Speerspitze der heutigen Technologie“ zu verkaufen, ist fraglich. Wichtig sei nicht zuletzt, dass die Menschen Elektromobilität erlebten und selbst ein E-Fahrzeug ausprobierten, sagt Pasche. Das würde viele überzeugen. Mit dieser Meinung steht der Audi-Mann nicht allein da. Andere Autobauer sehen das offenbar genauso: Renault etwa wirbt seit geraumer Zeit mit dem Angebot, seinen Zoe einem 24-Stunden-Test zu unterziehen. uf

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