Andreas Giger
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Andreas Giger
Ein Appenzeller Trendforscher serviert Markengeschichten mit krimineller Energie – bei Andreas Giger beginnt Branding stets mit einer Leiche.

Appenzell ist kein Paradies für Krimi-Autoren. Einer Gesamtbevölkerung von rund 70000 Einwohnern in den Kantonen Appenzell Interrhoden und Ausserrhoden stehen insgesamt 176 Gewaltdelikte gegenüber – ein Gewaltpotenzial deutlich unter dem Schweizer Durchschnitt. Den Trendforscher und überzeugten Appenzeller Andreas Giger konnte diese Idylle vor sieben Jahren trotzdem nicht bremsen. Ihm genügte eine Reise mit dem öffentlichen Nahverkehr: „Es gibt da eine Haltestelle für den Postbus, die ,Bleiche‘ heißt. Und dort fiel mir plötzlich ein Titel ein: ,Eine Leiche in der Bleiche‘.“



Dem Titel folgte eine Geschichte für den Freundeskreis: „Ich wollte zu meinem 60. Geburtstag ein Gastgebergeschenk für die vielen auswärtigen Besucher haben, die schon immer wissen wollten, was mir so an dieser Gegend gefällt.“ Dementsprechend viel Lokalkolorit bot der Krimi. Von den Rivalitäten zwischen Innerrhoder und Ausserrhoder Appenzellern bis hin zu den Besonderheiten des Appenzeller Jodelns. Aber als Überraschungserfolg sollte sich der wirtschaftliche Hintergrund des Mordmotivs erweisen, erzählt Giger: „In Appenzell wird das Geheimrezept zur Reifung des Käses ähnlich eifersüchtig gehütet wie die Geheimformel von Coca-Cola. Das bot sich als Motiv für den Mord einfach an.“
Von der Realität inspiriert: Andreas Gigers Krimi "Eine Leiche in der Bleiche"
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Von der Realität inspiriert: Andreas Gigers Krimi "Eine Leiche in der Bleiche"
Das Ergebnis begeisterte nicht nur die Geburtstagsgäste, sondern inspirierte auch das Geburtstagskind, über eine neue Karriere nachzudenken. Giger, der bisher nur beruflich darüber nachgedacht hatte, was geschehen könnte, hatte Geschmack daran gefunden, Detektive erforschen zu lassen, was geschehen war. In einem ersten Probelauf bot er seinen Geburtstagskrimi der Sortenorganisation Appenzeller Käse als Content-Vehikel an. Und die Marketingorganisation der örtlichen Molkereibetriebe war interessiert.

Dass eine Marketingorganisation ihr Produkt mit Gewalttaten in Verbindung bringen will, überrascht Giger nicht. Für ihn ist das Krimi-Genre vor allem ein besonders effektives Storyvehikel: „Der Krimi ist das literarische Genre mit dem inhaltlich breitesten Rahmen. Es gibt einfach kein Thema, das sich nicht als Kriminalfall erzählen ließe. Und dann ist der Krimi auch das Genre für Leute, die eigentlich nicht lesen.“ Wer also eine komplexe Markenwelt vermitteln will, kann das über einen Krimi besonders effektiv tun. Hilfreich ist auch, dass schon das Format kostenlose PR garantiert.


Sieben Jahre und 22 Krimis später ist Giger immer noch fasziniert davon, wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten der Markenkrimis in der Kommunikation sind. Die Bandbreite geht von Krimis für den Arzneimittel-Hersteller Herbamed, die als Geschenke an Apotheker gehen, über Krimis als Mitarbeiter-Kommunikation bis hin zu Lokalkrimis zur Steigerung des Fremdenverkehrs und als Begrüßungsgeschenk für Neubürger. Selbst digital ist Giger schon aktiv: Für den Newsletter eines Reiseveranstalters schreibt er einen Fortsetzungskrimi als interaktives Format. Als gemeinsamen Nenner seiner Geschichten sieht Giger ihre Marketingmission: „Die Krimis funktionieren am besten als Investition in die Vertiefung der Kundenbeziehung.“

Die Busstation inspirierte Andreas Giger
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Die Busstation inspirierte Andreas Giger
Giger selbst brauchte allerdings einige Zeit, bis er die Krimis als dauerhafte berufliche Option ernst nahm. Er habe erst zwei Jahre nach dem ersten Buch zum ersten Mal Autor als Berufsbezeichnung genannt. Mittlerweile ist er froh, diesen Schritt gewagt zu haben: „Mich mit 60 Jahren noch einmal neu zu erfinden, war eine absolut gute Erfahrung.“

Auch die Produktion der Markenkrimis hat nun eine gewisse Routine. Giger geht selbst aktiv auf Kundensuche. Ist ein Unternehmen oder ein Verband interessiert, wird der Autorenvertrag zu einem Pauschalhonorar geschlossen. Dabei legt der Autor Wert darauf, die richtige Balance zwischen Storytelling und Content Marketing zu treffen: „Natürlich greife ich in der Geschichte die Themen auf, auf die der Auftraggeber Wert legt. Aber klar ist auch von Anfang an, dass ich auf meiner künstlerischen Freiheit bestehe.“

Künstlerische Freiheit funktioniert in Gigers Fall, weil der Autor in der Entwicklung seiner Geschichten nicht vergisst, dass die Story als Umfeld für eine Markenkommunikation funktionieren muss. So wird das jeweilige kriminelle Delikt in den Geschichten nur angedeutet. Vor dem Schreiben recherchiert er stets vor Ort, um für die maximale Authentizität zu sorgen. Hier entsteht auch meist die eigentliche Idee für den Kriminalfall: „Bei der Recherche finde ich immer die besonderen Orte, über die ich meine Geschichte erzählen kann.“

So persönlich wie der kreative Prozess ist, so zuverlässig ist das anschließende Ergebnis. Nicht ohne Stolz erzählt Giger, dass sich die kritischen Anmerkungen seiner Auftraggeber an den Manuskripten sehr in Grenzen halten: „Einmal hatte ich meinem Bösewicht einen Namen gegeben, der zufällig der Namen des Hauptkonkurrenten meines Auftraggebers war. Das mussten wir natürlich ändern.“ Giger hat über die Jahre sogar ein eigenes Profil für seine Markenkrimis erschrieben. So haben seine Verbrechensgeschichten aus Prinzip – auch als Hommage an den ersten Titel – stets einen Reim im Titel. Von „Leichenraub mit Eichenlaub“ über „Appenzeller Leichenkeller“ und „Wenn Pflanzen tanzen“ bis hin zu „Toter Hahn in der Sihltalbahn“ sind ihm die Schüttelreime noch nicht ausgegangen.

Zu seinem Stil gehört auch, dass sich die Brutalität der Geschichten in Grenzen hält. Giger bedient mit den Krimis schließlich ein überwiegend weibliches Publikum und muss für alle Altersgruppen lesbar sein. Trotzdem sind über die Jahre einige Leichen zusammengekommen. „Wahrscheinlich zwei Dutzend und ein Hahn“, schätzt er selbst. Mit seiner literarisch zelebrierten Mordlust kann Giger ganz gut leben: „Ich glaube, dass Krimischreiber unter anderem schreiben, damit sie die Verbrechen nicht selbst begehen müssen.“

Einige Morde auf Papier will er auf jeden Fall noch begehen. So hätte Giger nichts gegen einen mörderischen Ausflug ins benachbarte Deutschland. Aber auch der direkte Nachbar St. Gallen ist noch ein weißer Fleck in Gigers Verbrechenskartei. An Ideen fehlt es ihm nicht: „Es müsste was mit der Textilbranche zu tun haben. Denkbar wäre auch ein Wirtschaftskrimi an der Hochschule. Und natürlich dürfte auch der Klosterbezirk mit der weltberühmten Stiftsbibliothek nicht in der Handlung fehlen.“ Jetzt fehlt nur noch der Auftraggeber. cam

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