Zeitversetztes Fernsehen

IRF zieht vors Bundesverwaltungsgericht

Die TV-Sender klagen gegen TV-Verbreiter wie Swisscom, die zeitversetztes Fernsehen anbieten
Swisscom
Die TV-Sender klagen gegen TV-Verbreiter wie Swisscom, die zeitversetztes Fernsehen anbieten
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Zeitversetztes Fernsehen in der Schweiz nimmt zu. Von der immer stärkeren Replay-Nutzung profitieren nach Ansicht der Interessengemeinschaft Radio und Fernsehen (IRF) aber nur die TV-Verbreiter wie Swisscom, Sunrise oder UPC. Deswegen zieht der Verband nun vor Bundesverwaltungsgericht.



Der IRF gehören die SRG, die privaten Schweizer Sender, der Verband TeleSuisse sowie die meisten ausländischen Sender an, deren Programme in der Schweiz empfangen werden können. Die fühlen sich gegenüber Kabelnetzbetreibern wie Swisscom, Sunrise und UPC  benachteiligt.

Die IRF beklagt, dass die Eidgenössische Schiedskommission im Februar den neuen Replay-Tarif genehmigt hat, ohne den TV-Sendern Parteirechte zu gewähren. Parteirechte stünden der IRF aber ihrer Ansicht nach zu. In ihrer Begründung macht sie die zu geringen Entschädigungen geltend, die die TV-Verbreiter an die Sender für die Nutzung der Inhalte zahlen müssten. Demnach könnten die TV-Verbreiter über 50.000 Programmstunden zeitversetzt anbieten - gegen eine Entschädigung an die Verwertungsgesellschaften von nur 1.60 Franken pro Abonnent und Monat (bisher: 1.50 Franken), rechnet der Verband vor. Dabei könnten die Telekomfirmen die Sender-Werbung umgehen. Damit bieten sie faktisch werbefreies free TV an.

Die Schweiz nimmt  in Sachen Replay-TV eine Sonderstellung ein. Im Gegensatz zu anderen Ländern müssten TV-Verbreiter hierzulande die Sender nicht fragen, ob und wie sie ihre Programme für das zeitversetzte Fernsehen übernehmen und kommerzialisieren dürfen. Im Ausland übliche Refinanzierungsmöglichkeiten von TV-Inhalten blieben somit den Sendern in der Schweiz verwehrt, unterstreicht die IRF, die die Existenz des werbefinanzierten, frei empfangbaren Fernsehens mit dem aktuellen Tarif in Frage gestellt sieht.

Den finanziellen Schaden für das laufende Jahr beziffert die Interessensgemeinschaft auf 140 Millionen Franken. Tendenz steigend. Nach Angaben der IRF nimmt das zeitversetzte Fernsehen stark zu. In 2017 sahen laut IRF allein in der Deutschschweiz rund 24 Prozent der 15- bis 59-jährigen Zuschauer die Programme mit zeitlicher Verzögerung an; in der für die Werbung relevanten Prime Time am Abend seien es um die 30 Prozent. Fatal, so IRF,  wirkt sich das auf die Werbenutzung aus: Von den Programmnutzern, die zeitversetzt sehen, überspulen 60 bis 80 Prozent die Werbung. Im Live TV beträgt die Zappingquote hingegen nur 10 bis 30 Prozent. D.h. im zeitversetzten Fernsehen erreicht die Werbung viel weniger Zuschauer. Dadurch verlieren die TV-Sender Werbekontakte und Werbeeinnahmen, die sie brauchen, um die Programme zu finanzieren. vg



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