Zeitungstausch Tamedia/BaZ

"Wir haben die grösstmögliche Vielfalt bewahrt"

An der Pressekonferenz von heute Mittag: (von links) BaZ-Chefredaktor Markus Somm, Zeitungshaus AG-Mitbesitzer Christoph Blocher, Tamedia-Chef Pietro Supino und Serge Reymond, bei Tamedia Leiter Bezahlmedien.
Markus Knöpfli, knö
An der Pressekonferenz von heute Mittag: (von links) BaZ-Chefredaktor Markus Somm, Zeitungshaus AG-Mitbesitzer Christoph Blocher, Tamedia-Chef Pietro Supino und Serge Reymond, bei Tamedia Leiter Bezahlmedien.
Dass Christoph Blocher und Markus Somm in Basel nun aufgeben, schreiben sie weder der Machart noch der Ausrichtung ihrer "Basler Zeitung" zu, sondern einzig dem Strukturwandel und dem veränderten Nutzerverhalten. Wie es mit der BaZ unter Tamedia konkret weiter geht, bleibt dagegen noch offen.
Wenn die Zahlen stimmen, dann erwirtschaftete die Basler Zeitung AG als Teil der Zeitungshaus AG für sich allein im Jahr 2017 einen Umsatz von 39,4 Millionen Franken und einen Gewinn von gut 5 Millionen Franken - dies mit total 84 Vollzeitstellen. Die EBIT-Marge bezifferte SVP-Stratege Christoph Blocher, Veraltungsratsmitglied der Zeitungshaus AG, an der Pressekonferenz in Basel mit 10.6 Prozent, dieses Jahr sollen es sogar knapp 14 Prozent werden, falls das Budget eingehalten werden kann. Es ist das erste Mal überhaupt, dass solche Zahlen zur BaZ bekannt gegeben werden.

Die Basler Zeitung in Zahlen ab 2012 - gemäss Blocher

JahrUmsatz in CHFErgebnis in CHFMarge in %Vollzeitstellen
201272.131 Mio-7.775 Mio-10.8231
201362.692 Mio.-1.125 Mio-1.8155
201452.112 Mio+1.320 Mio+2.5147
201547.974 Mio+6.318 Mio+13.1124
201643.505 Mio+5.006 Mio+11.5107
201739.481 Mio+4.203 Mio+10.684
2018*36.5 Mio+5.011 Mio+13.782
* Budget
Quelle: Zeitungshaus AG
Ähnlich gewinnbringend hätte man noch zwei oder drei Jahre weiter wirtschaften können, sagte Blocher. Aber längerfristig sei es nicht möglich, eine eigenständige Zeitung alleine und doch profitabel weiterführen zu können. Zu gross seien Leser- und Aboschwund. Die BaZ habe denn auch diverse andere Kooperationslösungen gesucht – etwa eine Mantellösung mit der "Südostschweiz" – doch alle seien gescheitert. Schliesslich habe man keine andere Lösung mehr gesehen als den Zeitungstausch mit Tamedia.

Von Scheitern in Basel kann keine Rede sein

Diese Lösung, so betonte Blocher, bewahre oder schaffe immerhin "eine grösstmögliche redaktionelle Vielfalt" in den entsprechenden Regionen. In Basel werde nun Tamedia redaktionell aktiv, was vorher nicht der Fall gewesen sei. Wäre die BaZ an die AZ Medien oder die NZZ verkauft worden, hätten wir heute ein Zeitungsmonopol, sagte Blocher, weil sich AZ Medien und NZZ ja in naher Zukunft zusammentun wollen und in der Nordwestschweiz bereits die "Basellandschaftliche Zeitung" herausgeben.
BaZ-Mitbesitzer Christoph Blocher in Basel.
BaZ-Mitbesitzer Christoph Blocher in Basel. (© zvg)
In Zürich werde durch den Besitzerwechsel der Lokalblätter "Tagblatt der Stadt Zürich", "Rümlanger"und "Furttaler" die Vielfalt sogar noch vergrössert, weil neu neben der NZZ und Tamedia nun mit der Zeitungshaus AG noch ein dritter Player auf den Plan trete, so Blocher. Ähnlich sah er es in der Westschweiz: Durch das Einsteigen bei den beiden Gratiszeitungen "Lausanne Cités" und GHI komme auch hier neben Ringier und Tamedia mit der Zeitungshaus AG noch ein weiterer Player dazu.

Dennoch – ist Blochers Idee, in Basel eine (recht-)bürgerliche Zeitung etablieren, gescheitert? "Nein", sagte der SVP-Stratege, "Sie können ja jeden Tag die BaZ lesen." Und diese sei jedenfalls kein linkes Kampfblatt. Das Grundproblem aber, das alle Zeitungen betreffe, sei der strukturelle Wandel und das sich verändernde Nutzerverhalten. Zudem sei es nicht gelungen, weitere dringend notwendige Kooperationen über die Region Nordwestschweiz hinaus aufzubauen und sich breiter abzustützen. "Dieses Konzept ist gescheitert, wenn Sie so wollen", sagte er.



Um das sich ändernde Nutzerverhalten aufzuzeigen, verteilte Blocher den anwesenden Medienleuten eine Tabelle, die die Leserentwicklung diverser Zeitungen und Zeitschriften zwischen den Mach Basic-Erhebungsperioden 2013-2 und 2018-1 aufzeigte. Es war dieselbe Tabelle, die auch BaZ-Mitbesitzer Rolf Bollmann in der BaZ vom 10. April publiziert hatte – mit exakt denselben falschen Zahlen (HORIZONT Swiss berichtete). Demnach hat die BaZ seit 2013 19,5 Prozent ihrer Reichweite verloren: "Sie liege damit etwa im Mittelfeld aller Titel", sagte er. Andere habe es im selben Zeitraum stärker getroffen.


Als ein Journalist jedoch daran erinnerte, dass die BaZ seit 2010, also als Markus Somm BaZ-Chefredaktor wurde, fast die Hälfte ihrer Reichweite eingebüsst habe, wehrte sich Somm selbst: Wegen der Methodikänderung 2013 bei der Wemf-Leserschaftsforschung sei dazu keine Aussage möglich. Das Hauptroblem jedenfalls sei der Strukturwandel.

Blocher will 100 Prozent in Zürich und in der Westschweiz

Blocher gab zudem bekannt, dass die Zeitungshaus AG das "Tagblatt der Stadt Zürich", das aktuell zu 65 Prozent Tamedia und zu 35 Prozent der Lokalinfo AG gehört, zu 100 Prozent übernehmen werde. In der Westschweiz hingegen könnte der Deal offenbar noch scheitern: Gemäss Blocher hat dort Mitbesitzer Jean-Marie Fleury ein Vorkaufsrecht, und es sei noch offen, ob die Familie davon Gebrauch mache oder nicht. Letztlich hofft Blocher aber, dass seine Zeitungshaus AG bei den beiden Titeln nicht nur die 50 Prozent von Tamedia, sondern jeweils auch die zweite Hälfte übernehmen kann.

Weiter gab Blocher bekannt, dass sich der 69-jährige Rolf Bollmann, VR-Präsident der Zeitungshaus AG, altershalber zurückziehe. Das heisst, dass er auch seine operative Funktion bei der Swissregio Media AG, die Blochers 24 Gratiszeitungen herausgibt, beendet. An seine Stelle tritt per 1. Juni 2018 Marcel Geissbühler, bisher Direktor der Groupe Gassmann in Biel: Dieser sei an der Swissregio Media AG beteiligt und sei auch Mitglied des Verwaltungsrates, hiess es heute in einer Mitteilung.

"Wir machen nicht Politik, sondern wir informieren"

Wie geht es umgekehrt mit der BaZ weiter? Tamedia-Chef Pietro Supino wollte dazu noch keine konkreten Angaben machen. Auch nicht, ob er gedenke, sich nach dem "aggressiven Journalismus von Chefredaktor Markus Somm", wie es ein Journalist formulierte, von einzelnen Redaktoren zu trennen. "Auf dieses Framing will ich nicht eingehen", sagte Supino. "Die BaZ geniesst einen guten Ruf, sie passt unter unser Dach." Dann fügte er jedoch hinzu: Für ihn seien die wichtigsten Kriterien die journalistische Qualität und die Unabhängigkeit – und zwar Unabhängigkeit in wirtschaftlicher und ideeller Hinsicht. "Das ist auch die Basis für die BaZ", sagte er. Womit er sich wohl zwischen den Zeilen vom bisherigen BaZ-Kurs distanzierte.
Tamedia-Chef Pietro Supino in Basel.
Tamedia-Chef Pietro Supino in Basel. (© zvg)
Supino betonte ferner, dass man bei Tamedia liberal denke und schon heute verschieden ausgerichtete Zeitungen herausgebe. "Wir respektieren jeweils Eigenarten und Geschichte", was auch einen föderalistischen Gedanken entspreche. "Aber wir wollen nicht Politik oder Meinungen machen, sondern informieren", ergänzte der Verleger noch.

"Ich habe bei der BaZ keinen Einfluss genommen"

Nochmals zurück zur Zeitungshaus AG: Auf die Frage einer Journalistin, wie hoch Blochers Investitionen bei der Basler Zeitung gewesen seien und ob er insgesamt Geld verloren oder gewonnen habe, wollte Blocher keine konkreten Antworten geben. Nur so viel: "Die Sanierung hat viel gekostet, zum Teil haben wir das Geld aber wieder reingespielt." Doch die Sache sei noch nicht erledigt. Ausserhalb der heutigen Basler Zeitung AG, die nun an Tamedia gehen soll, besitze die Zeitunghaus AG beispielsweise noch BaZ-Immobilien von früher, die nicht veräussert seien.

Auf eine weitere Frage, ob er bei den diversen Lokalzeitungen, auch bei den neuen von Tamedia, redaktionell Einfluss nehmen werde, sagte Blocher: "Ich habe nie Einfluss genommen, auch bei der BaZ nicht." Die Journalistin hakte nach: "Werden Sie Leute installieren, die Ihrem politischen Kurs entsprechen?" "Ja", antwortete der SVP-Stratege, "ich werde dafür sorgen, dass wir gute Leute haben. Sicher keine Linken." knö




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