Antrag an die GV

Die Wemf soll das Honorar ihrer Verwaltungsräte um 150 Prozent erhöhen

Der Antragsteller und sein Geschäftsführer: VSM-Präsident Pietro Supino sucht neue Geldquellen für seinen Verband, Andreas Häuptli, seine rechte Hand und selbst Mitglied des Wemf-Verwaltungsrates, hilft ihm dabei.
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Der Antragsteller und sein Geschäftsführer: VSM-Präsident Pietro Supino sucht neue Geldquellen für seinen Verband, Andreas Häuptli, seine rechte Hand und selbst Mitglied des Wemf-Verwaltungsrates, hilft ihm dabei.
Der Verband Schweizer Medien (VSM) als einer der Aktionäre der AG für Werbemedienforschung (Wemf) stellt dem Verwaltungsrat und der Wemf-Trägerschaft den Antrag, die jährliche Entschädigung für die Wemf-Verwaltungsräte von heute je 10.000 auf neu 25.000 Franken zu erhöhen. Doch bei der Wemf-Trägerschaft gibts auch Vorbehalte.
Der Antrag um Erhöhung des VR-Honorars richtet sich an den Wemf-Verwaltungsrat, ist datiert vom 28. März 2017 und unterschrieben von Pietro Supino, Präsident des Verbandes Schweizer Medien (VSM), sowie von VSM-Geschäftsleiter Andreas Häuptli. Das Anliegen: An der nächsten Sitzung des Wemf-Verwaltungsrates (sie findet morgen Dienstag, 20. Juni, statt) soll der Antrag um Erhöhung des VR-Honorars traktandiert werden. Nach Vorstellung des VSM-Präsidenten und seines Geschäftsführers soll die Entschädigiung je VR-Mitglied von heute jährlich 10.000 auf neu 25.000 Franken angehoben werden. Eine Begründung für die saftige Erhöhung um 150 Prozent ist im Schreiben, das HORIZONT Swiss vorliegt, allerdings nicht enthalten.

Mindestens 120.000 Franken Mehrkosten

Auf Nachfrage von HORIZONT Swiss bestätigt Häuptli: "Das Präsidium des Verbands Schweizer Medien beantragt als Wemf-Aktionärin eine Anpassung der VR-Honorare." Über Beträge spricht er nicht. Aber er liefert eine Bergründung nach: "Die Aktionäre, die auf eine Dividende verzichten, sollen so für das Engagement und die Zeit ihrer Delegierten entschädigt werden."
Soll künftig das Eigenkapital der Wemf angeknabbert werden, um dem VSM einfach so 75.000 Franken mehr Einnahmen zu bescheren? Darüber werden morgen die Wemf-Verwaltungsräte und die Mitglieder des Vereins Wemf zu befinden haben.
Soll künftig das Eigenkapital der Wemf angeknabbert werden, um dem VSM einfach so 75.000 Franken mehr Einnahmen zu bescheren? Darüber werden morgen die Wemf-Verwaltungsräte und die Mitglieder des Vereins Wemf zu befinden haben.
Wie hoch würden aber die Mehrkosten bei Annahme des Antrags ausfallen? Gemäss Statuten und der Website wemf.ch hat der Wemf-VR acht Mitglieder, seit einem Jahr sind es sogar neun, wobei aktuell ein Sitz wieder vakant ist (siehe Kasten). Derzeit müsste die Wemf somit 120.000 Franken zusätzlich für den VR aufwerfen. Die Frage ist, woher sie das nimmt. In den Jahren 2015 und 2014 (der Geschäftsbericht 2016 ist noch nicht abrufbar) wies die Wemf AG einen Jahresgewinn von 111.651 beziehungsweise 96.610 Franken aus. Hätte der beantragte Honorar-Ansatz damals schon gegolten, hätte die Forschungsfirma also rote Zahlen geschrieben. Das liesse sich wohl nur auffangen, wenn die Wemf künftig den Verlegern höhere Gebühren für die Teilnahme an der Auflagebeglaubigung oder an der Leserschaftsforschung MACH Basic aufbürden – oder aber den Agenturen und Werbeauftraggebern mehr Geld für die Studienresultate abknöpfen würde. Doch Häuptli winkt ab: "Die Tragbarkeit der Honorarerhöhung wurde vom Verband im Voraus geprüft. Dank ihrer guten wirtschaftlichen Verfassung und ihrem hohen Eigenkapital kann die Wemf ​aus Sicht des VSM diese Entschädigung ohne Preisanpassungen tragen."

Eigenkapital würde sukzessive abgebaut

Tatsächlich? HORIZONT Swiss schaute nach: 2015 wies die Wemf 7.138 Millionen Franken Eigenkapital aus, rund 111.651 Franken mehr als im Jahr zuvor, also genau so viel mehr, wie sie im selben Jahr Gewinn machte. Anders gesagt: Folgt man der VSM-Logik, würde die Entschädigungserhöhung – zumindest auf der Basis der 2015er-Zahlen – nicht nur den ganzen Jahresgewinn auffressen, sondern auch das Eigenkapital sukzessive um jährlich rund 15.000 bis 20.000 Franken reduzieren, bei neun Verwaltungsratsmitgliedern gar noch stärker.
Jürg Weber, Präsident des Wemf-Verwaltungsrates und einer der vier VSM-Delegierten, will vor der Wemf-GV von morgen keinen Stellung "zu allfälligen Anträgen" nehmen.
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Jürg Weber, Präsident des Wemf-Verwaltungsrates und einer der vier VSM-Delegierten, will vor der Wemf-GV von morgen keinen Stellung "zu allfälligen Anträgen" nehmen.
Ob das Sinn macht, und ob dieses Geld nicht besser anderweitig eingesetzt würde, ist ein anderes Thema. HORIZONT Swiss hätte darüber gerne mit Jürg Weber, Präsident des Wemf-VRs, gesprochen. Doch dieser wollte nicht einmal den Eingang des Antrages bestätigen: "Die Wemf nimmt im Vorfeld von Vereins- und Generalversammlung keine Stellung zu allfälligen Anträgen aus dem Kreise der Mitglieder", schrieb er bloss.

Wemf als neue VSM-Cash Cow?

Noch eine weitere Frage steht im Raum: Warum fällt der Antrag auf Honorar-Erhöhung derart massiv aus – und warum gerade jetzt? Die Antwort ist offensichtlich: Nach dem Austritt von Ringier aus dem Verband ist der VSM dringend auf neue Geldquellen angewiesen. Da kommt ihm die Wemf als neue Cash Cow gerade recht. Zwei Tatsachen weisen auf diesen Hintergrund hin: Erstens tönte es Häuptli oben selbst an: "Die Aktionäre ... sollen für das Engagement ... ihrer Delegierten entschädigt werden." Also nicht die Delegierten selbst, sondern die Verbände als Aktionäre. Zweitens sind vier der derzeit acht VR-Mitglieder Vertreter des VSM. Und diese liefern ihr VR-Honorar (mit oder ohne Erhöhung) dem VSM ab. Das bestätigt Häuptli auf Anfrage. Der Grund: "Sie sind Delegierte des Verbandes."
Wer dem Wemf-VR angehört
Jürg Weber, Präsident, Vertreter Verband Schweizer Medien (Leiter Regionalmedien der NZZ-Mediengruppe)

Dietrich Berg, Vertreter Verband Schweizer Medien (Geschäftsführer Zeitungen bei AZ Medien)

Marianna Di Rocco, Vertreterin Verband Médias Suisses (Leiterin Werbemarkt Romandie von Ringier)

Marcello Foa, Vertreter Verband Stampa Svizzera (CEO beim Corriere del Ticino)

Roger Harlacher, Vertreter Schweizer Werbe-Auftraggeberverband SWA (SWA-Präsident und CEO bei Zweifel Pomy Chips)

Andreas Häuptli, Vertreter Verband Schweizer Medien (VSM-Geschäftsführer)

Roberto Rhiner, Vertreter Verband Schweizer Medien (aktuell Controlling-Leiter bei Tamedia, ab Oktober 2017 Finanzchef der AZ Medien)

Alexander Theobald, Ringier AG (bei Ringier Leiter Bereich Operations und Business Development)

Eigentlich aber zählt der Wemf-VR nicht acht, sondern seit der letztjährigen Mitgliederversammlung (MV) des Vereins Wemf neun Mitglieder: Auch der Verband Schweizerischer Werbegesellschaften (VSW) hat im Gremium Einsitz. Doch im Sommer 2016 trat der VSW-Vertreter Christoph Marty als Publicitas-CEO zurück und wechselte zu Clear Channel Schweiz. Seither blieb der VSW-Sitz unbesetzt. Und daran scheint sich so bald auch nichts zu ändern: An der MV morgen ist für die VSW-Vakanz keine Ersatzwahl traktandiert, obwohl der VSW zu den Aktionären gehört. Ersetzt werden einzig Marianna Di Rocco und Dietrich Berg, die zurücktreten. Für sie sind Eric Meizoz (Vertreter Médias Suisse, CEO von Rhône Media) und Marcel Kohler (Vertreter Verband Schweizer Medien, bei Tamedia Leiter Bereich Werbung & Pendlermedien) als neue VR-Mitglieder vorgeschlagen.
Hinzu kommt: Auch Alexander Theobald, auf wemf.ch als Ringier-Vertreter aufgeführt, tritt sein VR-Honorar an den VSM ab, wie er gegenüber HORIZONT Swiss ausführt: "Das WEMF-VR-Honorar ging bisher an den VSM und wird es auch zukünftig." Der Grund hier: "Wie bekannt ist Ringier nicht mehr Mitglied im Verband. Ich bin, wie es so schön heisst, vom VSM ad personam in den Wemf-VR gewählt worden und nicht als Ringier-Mitarbeiter."

Vorbehalte unter Vereinsmitgliedern

Damit ist klar: Kommt der Antrag durch, spült dies dem VSM künftig jährlich mindestens 75.000 Franken zusätzlich in die Kasse. Wie die Honorar-Gepflogenheiten beim SWA-Vertreter und den beiden Vertretern der VSM-Schwesterverbände in der Romandie und im Tessin aussehen, konnte HORIZONT Swiss nicht in Erfahrung bringen, die Personen waren entweder nicht erreichbar oder nicht auskunftswillig.

Stellt sich noch die Frage, ob der Antrag Chanen hat. IM Verwaltungsrat ziemlich sicher schon, denn angesichts der Mehrheitsverhältnisse wird das Gremium wohl zustimmen. Umso mehr, als auch Theobald von Ringier bekennt: "Ich unterstütze diesen Antrag." Gründe nennt er nicht.

Schwerer einschätzbar ist die Situation im Verein Wemf, der Trägerschaft der Wemf AG. An der Mitgliederversammlung (MV), die auch morgen Dienstag, 20. Juni, stattfindet, ist der Antrag ebenfalls traktandiert. Und ohne Zustimmung der MV wird das VR-Honorar nicht erhöht.
Aus der Geschichte der Wemf
1964 wurde die heutige Wemf AG für Werbemedienforschung als AG für Werbemittelforschung gegründet. Gründungsmitglieder waren die damaligen Interessenverbände der Werbeauftraggeber, der Werbeagenturen, der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger sowie der Werbegesellschaften.

1992 wurde die Trägerschaft der Wemf neu geordnet. Drei Verbände gründeten den Verein Wemf als alleinigen Träger der Wemf AG für Werbemedienforschung: der SZV (Schweizerischer Verband der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger, heute Verband Schweizer Medien), die URJ (Union Romande des éditeurs de journaux et de périodiques, heute Médias Sumses) und der VSW (Verband Schweizerischer Werbegesellschaften). Der Verein hält 100 Prozent der Aktien der Wemf AG für Werbemedienforschung und verfolgt keinen Erwerbszweck. Oberstes Organ des Vereins Wemf ist die Vereinsversammlung.
Doch unter den Wemf-Mitgliedern gibt es welche, die zumindest Vorbehalte äussern. Etwa Benno Frick, Geschäftsführer des Wemf-Mitglieds ASW (Allianz Schweizer Werbeagenturen): "Der Antrag führt keine Begründung an und ist deshalb schwerlich nachvollziehbar", schrieb er.
Kommentar: Hände weg von den Wemf-Geldern!
Die Wemf sei in guter wirtschaftlicher Verfassung, sagt der Verband Schweizer Medien und fühlt sich somit berechtigt, die Forschungsfirma als Cash Cow für den Verband melken zu dürfen. Doch geht es der Wemf wirklich so gut? Bisher schon. Allerdings liegt der Geschäftsbericht 2016 noch nicht vor. Doch selbst wenn dieser positiv ausfällt, was aufgrund des VSM-Statements anzunehmen ist, könnte sich dies schon bald ändern. Tatsache ist: Die MA Leader, eine Leserschaftsstudie im B2B-Bereich, die bis vor kurzem alle zwei Jahre durchgeführt worden war, fand 2016 erstmals nicht mehr statt, weil zu wenig Titel daran interessiert waren. Damit entgingen der Wemf Einnahmen. Und auch bei der Hauptstudie Mach Basic sowie bei der Total Audience nehmen die Teilnehmerzahlen weiter ab, zumal ja auch immer wieder Titel von der Bildfläche verschwinden. "L'Hebdo" und die "Schweiz am Sonntag" lassen grüssen. Möglicherweise führt der VSM hier also sehr kurzsichtige Argumente an.

Kommt dazu, dass die Wemf derzeit mit dem Swiss Media Data Hub beschäftigt ist. Da sollte man ihr auch finanziell den Rücken freihalten. Immerhin zählt das gigantische Risikoprojekt, dessen Finanzierung, Gelingen und Akzeptanz noch keineswegs gesichert sind, zu ihrem Kerngeschäft, der Medienforschung. Die angeschlagenen Finanzen des VSM zu sanieren, gehörte hingegen nie zur Zweckbestimmung der Wemf.

Markus Knöpfli
Und wie steht es beim SWA aus: Dieser ist zwar im Wemf-VR vertreten, aber nicht Mitglied beim Verein Wemf. Wie das kommt, erklärt SWA-Direktor Roland Ehrler so: "Der SWA hält keine Aktien an Marktforschungsunternehmen wie der Wemf und ist somit an einer GV nicht stimmberechtigt. Wir beschränken uns darauf, in den verschiedenen Organen die Interessen der Werbeauftraggeber einzubringen." Und dann fügt er noch hinzu: "Zu 'Interna' aus dem VR Wemf und den Traktanden der GV äussern wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht!" knö






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