Telesuisse

Wurde der PrivatTV-Verband von "No Billag" wachgerüttelt?

Heute Vormittag um 11.30 Uhr: Die aktuellste Mitteilung auf telesuisse.ch stammt vom 12. Januar 2016. Seither gähnende Leere.
Screenshot vom 3.11.17, 11.30 Uhr
Heute Vormittag um 11.30 Uhr: Die aktuellste Mitteilung auf telesuisse.ch stammt vom 12. Januar 2016. Seither gähnende Leere.
Seit zwei Jahren tut sich rein nichts mehr beim PrivatTV-Verband Telesuisse. Jedenfalls nichts Sichtbares: Keine Mitteilungen, keine Stellungnahmen, keine Veranstaltungen, scheinbar keine GVs. Eine Ausnahme: Am letzten Freitag-Abend zeigte sich Telesuisse-Präsident André Moesch in der "Arena" zu "No Billag" – offensichtlich von der Initiative aufgeweckt.
Letzte Woche schlug das UVEK im Rahmen der Revision der Radio- und Fernsehverordnung (RTVV) vor, der SRG und den PrivatTVs mit einer Konzession künftig in ihren Programmen zielgruppenspezifische Werbung zu erlauben. Der Verband Schweizer Medien protestierte, der Werbeauftraggeber-Verband SWA befürwortete die Neuerung. Und was sagte der PrivatTV-Verband Telesuisse? Nichts.

Seit Wochen und Monaten läuft die Diskussion um "No Billag", und die Verleger, in vielen Fällen Besitzer der Privat-TVs, nutzen dies, um tiefere Gebühren zu fordern. Und was tun die PrivatTVs und ihr Verband? Offenbar nichts. Obwohl viele von ihnen durch die Abschaffung der Gebühren existenziell bedroht wären.

telesuisse.ch ist seit zwei Jahren inaktiv

Schaut man auf der Website telesuisse.ch nach, scheint dort die Zeit seit zwei Jahren stillgestanden zu sein. Die letzte aufgeschaltete Pressemitteilung stammt vom 12. Januar 2016, allerdings nur auf Deutsch.
 Screenshot vom 3.11.17, 11.30 Uhr
Screenshot vom 3.11.17, 11.30 Uhr (© Screenshot vom 3.11.17, 11.30 Uhr)
Die letzte Mitteilung auf Französisch ist noch ein halbes Jahr älter – nämlich vom 14. Juni 2015. Es handelt sich um eine Stellungnahme zur knapp angenommenen RTVG-Abstimmung, die den meisten Telesuisse-Mitgliedern mehr Gebührengelder einbrachte. Seither also schläft der Verband wie Onkel Dagobert in seiner mit Goldtalern gefüllten Badewanne. Jedenfalls macht es diesen Anschein.



Ein ähnliches Bild auch bei den Veranstaltungen: Die letzte Telesuisse-Anlass war gemäss Website die GV 2014. Nachher ist nichts mehr eingetragen.
Was ist das für ein Verein? Bei Telesuisse fanden scheinbar nicht einmal mehr die statutarisch festgelegten GVs statt.
Was ist das für ein Verein? Bei Telesuisse fanden scheinbar nicht einmal mehr die statutarisch festgelegten GVs statt. (© Screenshot vom 3.11.17, 11.30 Uhr)
Will man bei den einzelnen aufgeführten Mitgliedern und Vorstandsmitgliedern nachfragen, stellt man fest, dass mindestens drei angegebene Adressen nicht mehr gültig sind. Schaut man auch noch bei den aufgeschalteten Dokumenten oder Gesetzen nach, dann findet sich zuoberst das RTVG, über das wir 2015 abstimmten. Der oben erwähnte Entwurf zum RTVV zum Beispiel ist nicht zu finden. Obwohl der Verband mit André Moesch, Chef von TeleOstschweiz, eigentlich einen Präsidenten und mit Marc Friedli einen Geschäftsführer hat.
Aktuelles ist auf telesuisse.ch nicht zu finden. Seit Jahren nicht mehr.
Aktuelles ist auf telesuisse.ch nicht zu finden. Seit Jahren nicht mehr. (© Screenshots vom 3.11.17, 11.30 Uhr)
Ah, ja, worauf man auch noch stösst, allerdings beim Verband Schweizer Medien: Moesch wirkt dort im Departement "Elektronische Medien" mit.


Und noch eine Aktivität gibt es: Am letzten Freitag-Abend, 3. November, zeigt sich Moesch in der SRF-"Arena" zum Thema "No Billag". Doch das erfuhr man zuvor nicht etwa auf telesuisse.ch, sondern bei SRF.
Telesuisse zeigte am letzten Freitag wieder einmal öffentlich Gesicht und Präsenz, nach zweijähriger Zurückhaltung.
Telesuisse zeigte am letzten Freitag wieder einmal öffentlich Gesicht und Präsenz, nach zweijähriger Zurückhaltung. (© Screenshot srf.)

Kommunikation war nebensächlich

Es stellt sich deshalb die Frage, was der Verband überhaupt tut. HORIZONT Swiss stellte diese Frage am Freitag-Vormittag, 3. November 2107, den einzelnen Mitgliedern, die auf der telesuisse.ch aufgeführt sind. Kurz danach kam eine Antwort – von Telesuisse-Geschäftsführer Marc Friedli. "Im Gegensatz zu Ihrer Wahrnehmung ist der Verband Telesuisse hoch aktiv, in den letzten zwei bis drei Jahren wohl so aktiv, wie noch nie zuvor", schrieb er. Und da der Grossteil der Verbandsarbeiten innerhalb von Gremien und Interessengruppen passiere, "steht die Kommunikation nach aussen bei den allermeisten Geschäften nicht im Vordergrund." Trotzdem weist er darauf hin, die letzte Telesuisse-Medienmitteilung erst kürzlich erschienen sei, am 26.9.2017. Er schickte sie freundlicherweise auch gleich mit. " Regionalfernsehen begrüssen Gebührenanpassung", heisst es dort. Es ging ihm also einmal mehr ums Geld. Merkwürdigerweise ist die Mitteilung aber auf der Website nicht abrufbar. Auch hat sie HORIZONT Swiss nicht erhalten – und war damit offenbar nicht allein: Auch bei den andern Branchendienste ist die Meldung nicht zu finden. Die aktuellste Meldung, die auf eine Mitteilung des Verbandes zurück geht (z.B. Eingabe "Telesuisse" im Suchfeld), findet sich bei kleinreport.ch und persoenlich.com im Jahr 2015. Wie auf telesuisse.ch.
Unter dem Stichwort "Telesuisse" ist bei kleinreport.ch erst 2015 ein Artikel zu finden, der auf einer Verbandsmeldung beruht.
Unter dem Stichwort "Telesuisse" ist bei kleinreport.ch erst 2015 ein Artikel zu finden, der auf einer Verbandsmeldung beruht.
Unter dem Stichwort "Telesuisse" ist bei persoenlich.com bis 2015 kein Artikel zu finden, der auf einer Verbandsmeldung beruht.
Unter dem Stichwort "Telesuisse" ist bei persoenlich.com bis 2015 kein Artikel zu finden, der auf einer Verbandsmeldung beruht.
Anders bei werbewoche.ch: Dort findet sich eine Meldung von 2017, allerdings vom März, danach klafft ein grosses Loch – bis 2014!
Unter dem Stichwort "Telesuisse" ist dieses Jahr bei werbewoche.ch gerade mal ein Artikel zu finden, der auf einer Verbandsmeldung beruhend dürfte, danach erst wieder 2014.
Unter dem Stichwort "Telesuisse" ist dieses Jahr bei werbewoche.ch gerade mal ein Artikel zu finden, der auf einer Verbandsmeldung beruhend dürfte, danach erst wieder 2014. (© zvg)
Wie dem auch sei – Friedli fährt fort: "Ich erlaube mir die Feststellung, dass Sie sich hier glaube ich auf einer falschen Fährte befinden…"

Technik, Urheberrechte, Politik, Untertitelung, HbbTV

Und dann beginnt der Geschäftsführer aufzulisten, was der Verband alles leistet. So sei er "äusserst aktiv" in den politischen Prozess eingebunden und bei praktisch allen Sitzungen der vorberatenden Kommissionen vertreten. "Er spielte bei der RTVG-Abstimmung eine wichtige Rolle und wird sich auch bei der 'No Billag'-Initiative stark für die Interessen seiner Mitglieder einsetzen." Unter anderem koordiniere "in hoher Intensität" diverse Aktivitäten rund um die Abstimmung. Auch führe er für sämtliche Mitglieder die Verhandlungen rund um Urheberrechte und entsprechende Tarife - "mit grossem Engagement und mit beachtlichen Erfolgen". Der Verband habe zudem die Regionalsender zurück in die Zuschauerforschung geführt (was allerdings schon ein Weilchen her ist) und koordiniere die entsprechenden Aktivitäten seiner Mitglieder.

Weiter habe Telesuisse dieses Jahr im Rahmen eines Projekts die Untertitelung der regionalen Nachrichtensendungen aufgegleist, inklusive Evaluation einer zentralen Technik und Ausbildung der Untertitelredaktoren. Ferner sei er dabei, zusammen mit den Mitgliedern ein gemeinsames HbbTV-Projekt für die Schweizer Regionalsender zu erarbeiten, und er betreibe das sogenannte Telesuisse-Net, eine technische Plattform zum Austausch der Werbespots. – Wirklich grossartig, nur steht davon nichts auf der Website.

Friedli weist schliesslich noch darauf hin, dass die Telesuisse-GV jährlich stattfinde, letztmals am 17.2.17 (auch wenn dies nicht auf telesuisse.ch vermerkt ist), und dass nächstes Mal, am 23./24. Februar 2018, gar eine zweitägige Veranstaltung durchgeführt werde – unter anderem mit Bakom-Direktor Philipp Metzger als Gast (hoffentlich wird das noch rechtzeitig auf telesuisse.ch oder via Communiqué angekündigt). Apropos Veranstaltungen: Mitte November sind von Telesuisse zwei Feedback-Workshop zur News-Untertitelung geplant, einer auf Deutsch, der andere auf Französisch. Und im Rahmen der "No Billag"-Diskussion treten Verbandsmitglieder am 25.11.17 in Bern und am 15.3.18 in Basel auf.

Plötzlich wird wieder aktiver kommuniziert – aber erst einsprachig

Man muss also anerkennen, dass beim Verband allerhand läuft. Einzig die Kommunikation kam etwas zu kurz. Doch nun scheint Telesuisse diesbezüglich wieder aktiver zu werden. Das zeigte der Moesch-Auftritt in der "Arena". Und kleinere Retouchen auf telesuisse.ch am letzten Freitag-Nachmittag, kurz nach der Anfrage von HORIZONT Swiss: Es wurde doch tatscählich eine neue, aktuellere Pressemitteilung aufgeschaltet mit dem Titel "Nein zu 'No Billag'", leider abernur auf Deutsch.
Nein zu No Billag
Nein zu No Billag (© Screenshot vom 3.11.17, 11.30 Uhr)
Allem Anschein nach brauchte es dazu die "No Billag-Initiative – und vielleicht auch die Mailanfrage von HORIZONT Swiss. Zu hoffen ist jedoch, dass der kommunikative Elan auch nach dem 4. März 2018 noch anhält. knö
 
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