Tamedia

Pietro Supinos Doppel-Verhandlungen mit Goldbach und Admeira

Hier lacht Pietro Supino (2. von rechts) am lautesten – nach seinen Doppelverhandlungen mit Goldbach und Admeira, Mit im Bild: (von links) Christoph Tonini, Jens Alder, ganz rechts: Michi Frank.
zvg.
Hier lacht Pietro Supino (2. von rechts) am lautesten – nach seinen Doppelverhandlungen mit Goldbach und Admeira, Mit im Bild: (von links) Christoph Tonini, Jens Alder, ganz rechts: Michi Frank.
Im letzten Herbst und bis vor Weihnachten führte Tamedia sowohl Gespräche mit der Goldbach Group (zwecks Übernahme) als auch mit Admeira (zwecks Beitritt). Dabei stand die Unvereinbarkeit beider Projekte von Anfang an fest. Wie es dennoch dazu kam und welche Fragen noch offen bleiben.

Am Freitag, 22. Dezember 2017, verkündete Tamedia bekanntlich die Übernahme der Werbevermarkterin Goldbach – und öffnete damit ein erstes Überaschungspäckli unter dem Weihnachtsbaum. An Heiligabend folgte dann die zweite Bescherung, die noch mehr erstaunte: Die „NZZ am Sonntag“ berichtete davon, dass zwischen Tamedia und Admeira ebenfalls Gespräche stattgefunden hatten. Dabei sei es sage und schreibe um nicht weniger als den Beitritt Tamedias zu Admeira gegangen. Konkret: Die SRG tritt aus dem Aktionariat von Admeira aus, Tamedia übernimmt die freiwerdenden Aktien (33 Prozent).


Doch dieser zweite Deal platzte: Gemäss NZZaS soll Ringier-CEO Marc Walder Tamedias parallele Goldbach-Gespräche als Vertrauensbruch gewertet und deshalb Tamedia-Chef Pietro Supino brieflich mitgeteilt haben,  dass die Verhandlungen zu Admeira abgebrochen würden.

Doch was ist wirklich dran an diesen angeblichen Gesprächen? Wie stand es um den Austritt der SRG aus Admeira? War ein Beitritt Tamedias zu Admeira überhaupt realistisch – auch unter wettbewerbspolitischen Gesichtspunkten? Und warum verhandelte Tamedia parallel, um dann doch Goldbach den Vorzug zu geben

Gespräche auf drei Ebenen

HORIZONT Swiss ging diesen Fragen nach – und rekonstruierte das Geschehen aufgrund zuverlässiger Quellen:

Die Sache nahm ihren Anfang im Herbst – aufgrund erster Kontakte zwischen Gilles Marchand und Supino:  Der Tamedia-Chef signalisierte dabei Interesse an einem Beitritt zu Admeira, der SRG-Generaldirektor die Bereitschaft, aus dem Admeira-Aktionariat auszutreten, um den starken Druck auf das öffentlich-rechtliche Medienunternehmen zu mindern.

Daraufhin kam es Anfangs November zu einem ersten Treffen Supinos  mit Ringier-CEO Marc Walder, seines Zeichens auch VR-Präsident von Admeira, sowie Swisscom-CEO Urs Schaeppi. Man einigte sich auf Verhandlungen auf drei Ebenen: Auf Ebene Verwaltungsrat wurden der Wert jener Admeira-Aktien erörtert, die bisher von der SRG gehalten worden waren.

Auf operativer Ebene verhandelte Tamedia-CEO Christoph Tonini mit Admeira über das Inventar, das Tamedia in die Vermarktungsallianz einbringen würde. Man beschränkte sich – auch aus wettbewerbsrechtlichen Gründen – bald auf Tamedias digitales, datengetriebenes Inventar, also auf 20minuten.ch, homegate.ch, die Zeitungsportale der Deutsch- und Westschweiz sowie ricardo.ch. Sie alle sollten künftig von Admeira vermarktet werden.

Auf einer dritten, medienpolitischen Ebene führten Supino und Marchand Gespräche. Marchand bestand darauf, dass die SRG weiterhin von Admeira vermarktet wird. Supinos Standpunkt dazu scheint nicht ganz klar gewesen zu sein. Er habe eingewilligt, ist zu hören. Doch es gibt auch die Version, wonach er auf einem vollständigen SRG-Austritt beharrt habe. Zwischen den Beiden soll auch eine Art Waffenstillstand ausgehandelt worden sein, ein Minimalkonsens , um überhaupt die nächsten paar Jahre miteinander kutschieren zu können.

Auf allen Seiten sollen insgesamt gegen drei Dutzend Personen in die Verhandlungen involviert gewesen sein.

Letztes Verhandlungen in der Woche vor Weihnachten

Die Gespräche waren recht weit fortgeschritten. Beide Seiten hofften offenbar, vor März 2018 („No Billag“-Abstimmung) konkrete Vereinbarungen kommunizieren zu können. Noch in der Woche vor Weihnachten fanden Treffen statt.

Doch dann ging am 21. Dezember bei Walder, Schaeppi und Marchand die Meldung über den anderntags verkündeten Goldbach-Tamedia-Deal ein. Sie muss bei den CEOs von Ringier, Swisscom und SRG wie eine Bombe eingeschlagen haben. Von „Schock“ ist die Rede, von „Konsternation“ und „Enttäuschung“. Man scheint noch gleichentags beschlossen zu haben, die Gespräche mit Tamedia abzubrechen. Die Folge war Walders Brief, von dem die NZZaS am 24. Dezember berichtete.

Ganz unvorbereitet waren die Drei allerdings nicht. Schliesslich war Goldbach im Sommer auch Ringier und Swisscom angeboten worden – diese verzichteten jedoch. Und sie wussten, dass auch Tamedia angesprochen worden war. Deshalb hatte Schaeppi von Supino schon zu Beginn der Verhandlungen Informationen eingefordert, falls die Gespräche mit Goldbach konkreter würden. Denn allen vier Verhandlungspartnern war klar, dass die Admeira-Verhandlungen hinfällig würden, sobald Goldbach ins Spiel käme – weil es wettbewerbsrechtlich nicht möglich wäre, bei Admeira nahezu 100 Prozent der TV- und Radio-Werbung zu kummulieren. Was man bei Admeira aber nicht ahnte: Dass die Gespräche zwischen Tamedia und Goldbach zu jenem Zeitpunkt schon weit fortgeschritten waren.

Drückten Curti und Sicav aufs Gas?

Als schliesslich Supinos Parallelverhandlungen ans Licht kamen, müssen diese bei den Admeira-Partnern den Eindruck einer absichtlichen Täuschungsaktion hinterlassen haben. Doch welche Absicht steckte dahinter? Wollte Supino so den Druck auf die SRG erhöhen und maximale Zugeständnisse im Hinblick auf „No Billag“ „erpressen“? Wenn dem so wäre, warum liess er die Sache „platzen“, noch bevor Nägel mit Köpfen – etwa der definitive SRG-Austritt – vereinbart oder sogar kommuniziert waren? Zu hören ist, dass die Goldbach-Grossaktionäre Beat Curti und Veraison Sicav terminlich Druck machten –  sie wollten den Goldbach-Verkauf noch vor Weihnachten kommunizieren. Möglich, dass dies Supinos Terminplanung über den Haufen warf.

Fest steht: Bei Admeira hat Supino mit dem (vielleicht verfrühten) Offenlegen seiner Parallelverhandlungen nun nichts ausser Argwohn und Frust geschaffen. Ein Austritt der SRG bei der Werbeallianz ist derzeit kein Thema mehr. Vor allem aber sieht man heute Supinos vehementen Kampf gegen die SRG, auch in seiner Rolle als Präsident des Verbands Schweizer Medien, in einem anderen Licht: Offenbar stand die ganze Zeit über mehr Eigennutz denn Verbands- oder Brancheninteressen im Vordergrund.

Drei Ereignisse müssen neu eingeordnet werden

Drei Ereignisse erscheinen unter den aktuellen Ereignissen noch einmal in neuem Licht. Da ist zum einen die Podiumsdiskussion anlässlich des Swiss Media Forums im September in Luzern, als sich Supino und Walder beinahe in die Haare gerieten. Dass sie nur wenige Wochen später miteinander über Supinos nahezu 180-Grad-Wende diskutierten und dazu das nötige Vertrauen hatten, ist erstaunlich.

Zumindest speziell mutet im Nachhinein Supinos Auftritt an der Service-Public-Konferenz vom 14. November an: Er verhielt sich ruhig und moderat und liess stattdessen VSM-Vizepräsident Peter Wanner vor, der umso rabiater gegen die SRG bellte und den anwesenden Gilles Marchand eiskalt abduschte.

Schliesslich fiel in die Zeit der Vierer-Verhandlungen auch der Deal zwischen Admeira und NZZ: Am 22. November beteiligte sich Admeira zu 15 Prozent am Digitalvermarkter Audienzz, umgekehrt erhielt die NZZ-Mediengruppe bei Admeira Einsitz in den Verwaltungsrat. knö



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