Swiss Media Forum

Snapchat: Für den Journalismus nur bedingt nutzbar

Snapchat-Diskussion am Swiss Media Forum: Moderatorin Manuela Paganini, Michael Martin vom "Tages-Anzeiger", Richard Gutjahr und Eva Schulz, frei Journalisten bei deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern.
Markus Knöpfli, © knö.
Snapchat-Diskussion am Swiss Media Forum: Moderatorin Manuela Paganini, Michael Martin vom "Tages-Anzeiger", Richard Gutjahr und Eva Schulz, frei Journalisten bei deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern.
Manche Snapper glauben, bei Snapchat eine spezielle Form des Storytellings gefunden zu haben. Sie  sollte in den Redaktionen Einzug halten, um Junge besser anzusprechen. Doch ein Workshop zeigte auch heikle Aspekte des Dienstes auf.
Der zweite Tag des Swiss Media Forums in Luzern stand zwar ebenfalls unter dem Thema Digitalisierung und Disruption, aber fokussierte doch etwas stärker als der Vortag auf den Journalismus. Besonders spannend war hier ein Workshop zum Thema "Snapchat und das neue Storytelling. Was heisst das für den Journalismus?". Auf dem Podium sassen zwei Mitt- bis End-Zwanziger – Eva Schulz, freie Journalistin und Moderatorin bei öffentlch-rechtlichen Sendern in Deutschland, und Richard Gutjahr, freier Journalist bei ARD, BR und FAZ sowie – sowie als älteres Gegenpart Michael Marti, beim "Tages-Anzeiger" Co-Chefredaktor und Leiter Digital.

Ein Teil der Diskussion unter der Leitung von Manuela Paganini vom Verein Junge Journalisten Schweiz drehte sich um den Stellenwert und die Bedeutung von Snapchat. Marti bezeichnete den kostenlosen Instant-Messaging-Dienst, mit dem man Fotos oder Filme an Freunde verschicken kann, die nur eine bestimmte Anzahl Sekunden sichtbar sind und sich dann selbst "zerstören", als eine Art CMS oder ein Story-Telling-Instrument. "Facebook machte uns zu Publishern, Instagram zu Fotografen und Snapchat gab uns ein CMS – und damit können wir nun sehen, wie die Leute ihre Geschichten erzählen." Marti zeigte sich aber sehr zurückhaltend darin, Snapchat für den Tages-Anzeiger oder Tamedia einzusetzen. Der Dienst – angeblich benützen 60 Prozent der 14- bis 19-jährigen jungen Schweizer die App – sei zwar "toll und kreativ", aber nicht geeigent, eine maximale Menge Leute zu erreichen, sagte er.

Mit Snapchat die eigene Marke retten?

Gutjahr plädierte hingegen dafür, in den Redaktionen unbedingt selbst Erfahrungen mit Snapchat zu sammeln. Der Vorteil: Man erreiche ein ganz anderes Publikum. Und jetzt habe man noch Zeit, Fehler zu machen. "Sie können ruhig einen Shitstorm riskieren, das ist ein bereinigendes Erlebnis", meinte er. "Auch Schulz schlug in diese Kerbe: Wenn man 14- bis 19-Jährige erreichen und an sein Medium binden wolle, sei der Dienst ideal, widersprach Schulz. "Wenn der 'Tages-Anzeiger' seine Marke retten will, dann sollte er dort aktiv werden." ARD und ZDF täten dies bereits. Beide empfahlen den Redaktion, Praktikanten mit Snapchat-Stories zu beauftragen, um den Aufwand, sich mit dem neuen Medium zu befassen, zu minimieren. Schulz nannte das Beispiel einer Berliner Zeitung, die einen 17jährigen Schüler engagiert habe, der jeweils seine filmischen Gerschichten aus der Schule erzählt und publiziert.

Marti liess sich nicht aus der Reserve locken. Wenn man den jungen Leuten aufs Maul schauen wolle, ja, dann sei Snapchat als Laboratorium und zur Insparation gut, meinte er. Zum Teil finde man tatsächlcih interessante Storytelling-Ansätze. "Das ist eindeutig ein Trend, da muss man mitgehen." Aber das sei nicht Plattform gebunden. Dieselbe Erzählweise funktioniere auf allen Plattformen.

Rechtlich und ethisch fragwürdig

Das bestritten Gutjahr und Schulz nicht, sie betonten aber, das Snapchat wesentlich intimer sei, weil der Kreis der Menschen, mit dem man die Bilder teilt, enger gewählt werden kann als bei andern vergleichbaren Diensten.

Fast nebenbei kam die Runde auf einen besonderen Aspekt von Snapchat zu sprechen: Der Dienst nimmt sich das Recht jederzeit und ungefragt auf die Bilder und Filme der User zuzugreifen, obwohl diese in der Regel der Meinung sind, dass sie ihre Bilder und Filme bloss mit den von ihnen gewählten Freunden teilen. Wie dies konkret geschieht, berichtete Gutjahr: Als US-Präsident Obama in Deutschland war, engagierte Snapchat in San Francisco zwei Journalisten, die aus den Snapchat-Bilderposts von Deutschen ungefragt und letztlich ungeprüft eine Art Reportage über den Staatsbesuch zusammenstellten. Weil die Bürger teils näher an Obama dran waren als die Journalisten der diversen Medien, sei der Zusammenschnitt am Ende informativer gewesen als der Beitrag der Tagesschau, lobte Gutjahr.

Hier hakte allerdings Michael Marti ein: Mit einem solchen Vorgehen sei
es ihm unwohl, sagte er. Zum einen seien die Rechte an den Bildern nicht abgeklärt. Andererseits sah er auch ethischen Grundwerte verletzt. Wenn es so sei, dass Snapchat besonders persönlich und intim genutzt werde, dann sei es nicht in Ordnung, diese Bilder ungefragt an die Öffentlichkeit zu zerren.
"Brich die journalistischen Regeln"
Break all the rules of journalism's Am Swiss Media Forum trat auch Alain Rusbridger, Ex-Chefredaktor der britischen Zeitung "The Guardian" auf. Erstaunlicher weise berichtete er aber kaum von seinem geheimen Interview mit Edward Snowden in Moskau oder von Wikileaks, sondern gab Tipps, wie Redaktionen ihre Leser stäket einbinden und letztlich als Mitglieder gewinnen können. Er habe seine seine Journalisten ermutigt, quasi die journalistischen Regeln zu brechen, indem sie auf die Leser zugehen – und statt ihnen die immer die Welt zu erklären – bei ihnen Rat, Fachwissen und Informationen zu holen. Rusbridgers wichtigsten Regeln:

1. Denke horizontal, nicht vertikal.

2. Leser sind mehr als Daten.

3. Beziehe Deine Leser ein.






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