Kampagne Suizidprävention

"Tabuthemen gibt es auch in der Zeit von Social Media"

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Annett Niklaus, Verantwortliche Kommunikation und Kampagnen bei der Prävention und Gesundheitsförderung des Kantons Zürich, sagt, wie die mehrstufige nationale Suizidpräventions-Kampagne abläuft und weche Überlegungen dahinter stehen.

Jede Woche werfen sich mehr als zwei Personen vor einen Zug. Dies wollen jetzt der Kanton Zürich und die SBB mit einer Kampagne ändern. Welche Zielgruppe wollen Sie genau ansprechen? Seitens Kanton Zürich geht es nicht nur um Schienensuizide, sondern grundsätzlich darum, Suizide und Suizidversuche zu verhindern. Wir richten uns in erster Linie an Menschen in Lebenskrisen, die Suizidgedanken haben, aber auch an das Umfeld dieser Menschen – an Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen.

Aufruf zum Gespräch, Appel an die Verantwortung, Information, wo man Hilfe holen kann: Die Kampagne Suchtprävention von SBB und Kanton Zürich hat mehrere Beben und Botschaften.
Aufruf zum Gespräch, Appel an die Verantwortung, Information, wo man Hilfe holen kann: Die Kampagne Suchtprävention von SBB und Kanton Zürich hat mehrere Beben und Botschaften.
Auf Ihrem Flyer sind zwei Bilder einer Familie, auf dem zweiten Bild ist der Mann ausgeschnitten. Er fehlt. Ist Suizid hauptsächlich ein Männer-Problem? Zwei Drittel aller vollzogenen Suizide werden von Männern begangen. Die Suizidrate unter den Männern ist also deutlich höher als unter Frauen. Aber bei den Suizidversuchen ist die Rate bei den Frauen vermutlich höher.

Auffallend ist, dass Sie ein bestimmtes Wording verwenden: Sie sprechen von Suizid oder Suizidversuch und vermeiden gängige Begriffe wie "Selbstmord". Warum? Selbstmord wird zwar in der Alltagssprache häufig verwendet, wir vermeiden den Begriff aber. Ein Mensch, der sich das Leben nimmt, ist in aller Regel ein Mensch, der in einer tiefen Verzweiflung ist und für sein Leiden keinen Ausweg mehr sieht. Hier einen Begriff zu verwenden, der mit dem Wort "Mord" auch einen Straftatsbegriff enthält, finden wir nicht angemessen.
„Das Timing hat gestimmt: Die SBB und wir haben zur selben Zeit an denselben Fragen herumstudiert, von einander gehört und uns dann zusammen getan.“
Annett Niklaus, Verantwortliche Kommunikation bei Prävention und Gesundheitsförderung ZH
Die Kampagne ruft dazu auf, in der Familie über Suizidgedanken zu sprechen. Diese Woche hat auch das Bundesamt für Gesundheit zum Sprechen über das Organspenden aufgerufen. Ist das Zufall? Oder anders gefragt: Gibt es ein Defizit in der Kommunikation von Mensch zu Mensch – trotz Smartphone, Whatsapp, Facebook etc.? Tabuthemen gibt es auch in der Zeit von Social Media, und darüber muss man reden, sonst kann man keine Hilfe finden. In Social Media-Kanälen spricht man zudem vor allem über das, was gut läuft und wo man Erfolg hat, die schwierigen Seiten des Lebens werden dort weniger gezeigt. Umso mehr braucht es einen solchen Kampagnen-Aufruf.

Über dem Bild des ausgeschnittenen Mannes steht: "Ein Suizid betrifft mehrere Leben." Das ist eine Art Appell an die Verantwortung der Menschen, die in einer Lebenskrise stecken. Trifft man damit bei ihnen tatsächlich den entscheidenden Punkt? Wir haben das lange diskutiert. Mit dieser Aussage wollen wir vor allem zeigen, dass Suizid nicht nur jene etwas angeht, die Suizidgedanken haben, sondern auch ihr Umfeld, das häufig einen Verdacht hat. Oft herrscht der Irrglaube vor, man bringe jemanden auf die Idee, sich das Leben zu nehmen, wenn man ihn auf mögliche Suizidgedanken anspricht. Das ist aber nicht der Fall.

Ein dritter Punkt: Sie bieten auch Information für Hilfeleistungen an. Haben Menschen in einer Krise tatsächlich ein Informationsdefizit? Ich habe es mir von Fachleuten so beschreiben lassen: Wenn man in einer akuten suizidalen Krise ist, kommt man in einen Strudel hinein. Das Gesichtsfeld verengt sich, man weiss nicht mehr, wo links oder rechts ist, und man sieht nur noch einen Ausweg, nämlich den Suizid. Wir kommunizieren ja vor allem die Telefon-Nummer 143, weil sie rund um die Uhr verfügbar ist. Wir hoffen, dass jemand in einer schwierigen Situation eher diese Nummer anruft, wenn wir diese Nummer jetzt bei den Leuten ins Bewusstsein rücken. Bei Telefon 143 finden Menschen in Lebenskrisen immer jemanden, der ihnen zuhört.

Die Kampagne ist mehrstufig und auf drei Jahre angelegt. Wie sind die Stufen angedacht? Jetzt starten wir mit einer Banner-Kampagne, mit der wir vor allem die Website www.reden-kann-retten.ch bekannt machen. Nächstes Jahr ist ein TV-Spot geplant, der noch nicht existiert. Damit vergrössern wir dann die Reichweite, insbesondere bei den Erwachsenen. Und im Jahr darauf wollen wir uns an die älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen wenden, wissen aber noch nicht im Detail, wie.
„Wir kommunizieren ja vor allem die Telefon-Nummer 143. Wir hoffen, dass jemand in einer schwierigen Situation eher diese Nummer anruft, wenn wir diese Nummer jetzt bei den Leuten ins Bewusstsein rücken.“
Annett Niklaus, Verantwortliche Kommunikation bei Prävention und Gesundheitsförderung ZH
Jetzt gibt es ja auch den Flyer: Wie kommt dieser unters Volk? Indem man ihn unter www.suizidprävention-zh.ch bestellt. Auch werden wir ihn im Rahmen unseres Schwerpunktprogramms im Kanton Zürich aktiv verteilen. In anderen Gebieten der Schweiz arbeiten wir mit verschiedenen Partnern zusammen und suchen noch weitere Kanäle.

Neben der SBB ist der Kanton Zürich aktiv. Hätten Sie sich noch Unterstützung aus anderen Kantonen erhofft? Das ist halt immer eine Frage des politisch Machbaren. Im Kanton Zürich sind wir relativ weit in der Suizidprävention, wir haben einen Regierungsratsentschieid, der das Präventions-Programm lanciert hat, und einen klaren Auftrag. Vor allem aber hat das Timing gestimmt: Die SBB und wir haben zur selben Zeit an denselben Fragen herumstudiert, von einander gehört und uns dann zusammen getan.

Wie gross ist das Budget für die ganze Kampagne? Wir starten mit einer halben Million Franken, werden aber in den folgenden Jahren grössere Budgets zur Verfügung haben. Diese sind bei Kanton und SBB noch nicht definitiv verabschiedet. knö



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