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Wie der Kabelnetzverband seinen Misserfolg mit "MySports" schönredet

HORIZONT Swiss / SuisseDigital
Höhepunkt des vergangenen Geschäftsjahrs war die Lancierung des neuen Senders "MySports", schreibt SuisseDigital. Zudem habe er 62.000 Abonnenten mehr als 2016. Aber nicht beim DigitalTV: Dort ging der Verlust weiter und hat sich nach dem Start von "MySports" sogar wieder verstärkt.
Der stärkste Treiber für das insgesamt positive Jahresergebnis von SuisseDigital war der Bereich Telefonie, in dem die Branche 103.000 (+12.3%) Abonnemente gewinnen konnte. Der Löwenanteil entfiel dabei auf die Festnetztelefonie (+55.000), die Ende Jahr von über 790.000 Kunden genutzt wurde. Ein ebenfalls bemerkenswertes Wachstum gab es beim Breitbandinternet zu verzeichnen, wo die Branche trotz gesättigtem Markt um 21.000 auf 1.245.000 Abonnemente gewachsen ist (+1.7%). In einer Mitteilung wurde dazu Simon Osterwalder, Geschäftsführer von das Kabelnetzverbandes SuisseDigital, zitiert: "Dieses Ergebnis zeigt, dass die Kabelnetze mit ihren Hochgeschwindigkeits-Angeboten, die auch in ländlichen Regionen verfügbar sind, richtig liegen."

Osterwalder äussert sich auch zum "Höhepunkt des vergangenen Geschäftsjahrs", also zur Lancierung des von UPC initiierten neuen Senders "MySports": "Ich freue mich sehr, dass wir das Branchenprojekt 'MySports' mit vereinten Kräften zu einem erfolgreichen Start gebracht haben Und ich bin sicher, dass sich diese grosse Investition mittel- und langfristig lohnen wird." Kurzfristig – MySports ist seit 8. September 2017 auf Sendung – habe der neue Sender für sehr viel Aufmerksamkeit gesorgt und dazu beigetragen, dass der Rückgang bei den TV-Abonnementen gebremst werden konnte (-2.6% gegenüber -3.2% per Ende 2016).


Doch genau das stimmt nicht. Betrachtet man die Zahlen, die SuisseDigital in den letzten Jahren selbst publiziert hat, zeigt sich ein völlig anderes Bild: Zwar wurde der Verlust an DigitalTV-Abonnenten tatsächlich gebremst, aber keineswegs durch die Lancierung des ach so attraktiven "MySports", sondern schon in den letzten Jahren davor. So verloren die rund 200 SuisseDigital-Mitglieder im Jahr 2015 gegenüber Vorjahr noch 130.500 TV-Abonnenten (-4.9%), 2016 erodierten die TV-Abos um weitere 80.300 (-3.2%) und aktuell sprangen "nur noch" 62.000 Abonnenten ab (-2.5%). Die Gründe für die Bremswirkung müssen also andernorts gesucht werden, sicher aber nicht bei "MySports". Zumal sich Osterwalder vor einem Jahr, am 8. Februar 2017, noch  ganz anders geäussert hatte: "
Mit der Lancierung des Senders 'MySports', mit welchem wir rund drei Millionen Haushalte erreichen, rechne ich damit, dass wir (...) in einem Jahr auch einen Zuwachs bei Digital-TV kommunizieren können." Diese Hoffnung hat sich - wie die aktuellen Zahlen zeigen – bei weitem nicht erfüllt: Die Erosion geht weiter.

Und was Osterwalder besonders ärgern dürfte: Sie verstärkte sich sogar noch nach dem Start von "MySports" im letzten September. Das geht aus den Quartalszahlen 2017 hervor, die Suisse-Digital regelmässig publiziert. Demnach verzeichnete der Kabelnetzverband in einem Quartal tatsächlich keinen Digital-Abo-Verlust – nämlich im 1. Quartal 2017. Die Zahl der Abonnenten blieb damals exakt auf dem Stand von Ende 2016. Danach aber nahmen die Abo-Kündigungen wieder zu. 22.000 sagten ihrem Kabelnetzanbieter im 2. Quartal 2017 ade (-0.9), im 3. Quartal verabschiedeten sich weitere 11.800 (gegenüber dem 2. Quartal ein Minus von 0.5%) und im 4. Quartal 2017, also nach dem Start von "MySports", stieg die Kündigungsrate sogar auf 28.200 Abos oder -1,2 Prozent. Von Bremswirkung keine Spur.

"Ziemliche abteuerliche Argumentation"

Und was sagt man bei SuisseDigital zu diesen Zahlen-Interpretationen? Matthias Lüscher, Leiter Public Relations des Kabelnetzverbandes, stellt die Fakten nicht infrage. Und er relativiert auch die offensichtlich zu optimistischen Erwartungen: "Der Effekt von 'MySports' auf die Entwicklung der TV-Kundenzahl ist sicherlich nicht präzise zu beziffern", gesteht er. Doch eine Interpretation, wonach die Lancierung von 'MySports' auf die Entwicklung der TV-Kunden einen negativen Effekt haben könnte, findet er "ziemlich abenteuerlich". Auch die Aussage, wonach "MySports" keine bremsende Wirkung auf die Abo-Erosion habe, teilt Lüscher nicht: "Für die in der heutigen Medienmitteilung genannte Argumentation - dass 'MySports' den Kundenverlust bremst - gibt es durchaus Argumente." Fakten nennt er zwar nicht, er berichtet aber von einigen Bekannten, die ihre Abos von Swisscom zu UPC gezügelt hätten, weil sie grosse Eishockey-Fans sind. Daneben gebe es weitere Sportarten wie zum Beispiel Handball, die plötzlich im Fernsehen kommen. "Auch hier gibt es ein Interesse von Handballfans, 'MySports' zu abonnieren."

Weiter streicht Lüscher hervor, dass es bei "MySports" auch darum gehe, der bis vor kurzem extrem starken Stellung der Swisscom bei den Übertragungen von Live-Sport (im Tandem mit Teleclub) etwas entgegenzusetzen. "Dies ist zweifellos gelungen."

Zudem wünscht der Mediensprecher von SuisseDigital von HORIZONT Swiss eine andere Berichterstattung. "Dass mit 'MySports' etwas gewagt wurde und dass beträchtliche finanzielle Mittel investiert werden, könnte - unabhängig davon, ob das Ganze ein Erfolg ist - positiv gewertet werden", findet er. 
knö




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