Kommentar

Die SRG spielt die Minderheitenkarte aus

Die neue SRG-Führungscrew steht für den "No Billig"-Abstimmungskampf bereit: SRG-Generaldirektor Gilles Marchand, seine Stellvertreterin Ladina Heimgartner und SRG-Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina.
Markus Knöpfli, knö.
Die neue SRG-Führungscrew steht für den "No Billig"-Abstimmungskampf bereit: SRG-Generaldirektor Gilles Marchand, seine Stellvertreterin Ladina Heimgartner und SRG-Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina.
Mit Vertretern der verschiedenen Sprachgruppen an der Spitze, mit mehr Jugendlichkeit, etwas mehr Transparenz und mit fünf konkretisierten Vorschlägen an die Privaten zieht die SRG in den Abstimmungskampf gegen die "No Billag"-Initiative. Abstriche an der Angebotspallette oder bei Admeira macht sie nicht.
Die neue SRG-Führungsspitze setzt sich neu aus Jean-Michel Cina als Verwaltungsratspräsident, Gilles Marchand (55) als SRG-Generaldirektor und Ladina Heimgartner als stellevertretende Generaldirektorin zusammen. Ein zweifelos geschickter Schachzug. Denn Cina stammt aus dem zweisprachigen Wallis, Marchand ist Romand, und Heimgartner ist Rätoromanin. Damit wird offensichtlich, wie sich die SRG für den Abstimmungskampf gegen die "No Billag"-Initiative wappnet: Indem sie Vertreter der sprachlichen Minderheit an die Front stellt. Da diese glaubwürdiger als jeder Deutschschweizer erklären können, wie angewiesen die Minderheiten auf das viersprachige Angebot der SRG sind. Auf Anfrage von HORIZONT Swiss bestätigte Cina denn auch: "Unsere   Strategie ist es aufzuzeigen, dass die SRG für alle Sprachregionen in der Schweiz steht und sich mit ihren Programmen auch in diesen Sprachregionen präsentiert. Wir wollen damit weiter aufzeigen, welche Leistungen die SRG für die gesamte Schweiz erbringt. Und dass sie nicht nur in ihrer Trägerschaft, dem Verein, sondern auch in der Geschäftsleitung die gesamte Schweiz repräsentiert." Wie diese Minderheitenkarte ausgespielt wird, zeigte sich auch schon konkret an der heutigen Pressekonferenz, als Ladina Heimgartner fast beiläufig erwähnte, dass "die Rätoromanen niemals ein elektronisches Medienhaus aus eigener Kraft finanzieren könnten." Ähnlich Marchand, der die Gebühren als solidarischen Mittel-Ausgleich bezeichnete, der allen Sprachregionen gleichwertige audiovisuelle Leistungen ermögliche.

Die neue SRG-Führungscrew ist sich ferner bewusst, dass sie auch junge Gesichter in den Abstimmungskampf schicken muss, wenn sie die Digital Natives, die an Gratiskultur gewöhnt sind, überzeugen will. Wohl nicht zuletzt deshalb wurde die 37-jährige Heimgartner als stellvertretenden Generaldirektorin auf diesen Posten gehievt.

Konkretisierte Kontinuität

Im weiteren wollen Cina, Marchand & Co. auch mit etwas mehr Transpranz und Demokratie punkten: Künftig soll der Bericht für die Vergütungen und Entschädigungen von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung breiter abgestützt werden, indem neu die 41 SRG-Delegierten aus den regionalen Gesellschaften darüber befinden können. Ob damit dann auch etwas an der ebenfalls schon kritisierten Höhe der Honorare geändert wird, ist allerdings eine andere Frage. Aber theoretisch möglich.

Der vierte Punkt in der Strategie gegen "No Billag": Man will den unsäglichen Krieg zwischen SRG und Privaten stoppen. Indem man Letztere mit fünf Angeboten ins Boot holt. Wer die fünf Punkte genau studiert, stellt fest, dass die meisten auch schon in den elf Punkten enthalten sind, die der ehemalige SRG-Generaldirektor Roger De Weck anfangs 2016 in der NZZ präsentiert hatte. Das ist auch kein Wunder, schliesslich war Gilles Marchand als damaliger Stellverteter von De Weck in diesen Elf-Punkte-Plan ebenfalls involviert. Warum aber hat er die Liste nun auf bloss fünf Punkte reduziert? Dazu Marchand auf Anfrage: "Unseren damaligen Globalangeboten war bis jetzt kein wirklich grosser Erfolg beschieden. Wohl weil sie zu komplex, zu zahlreich und zu wenig pragmatisch waren. Jetzt sind sie sehr konkret und sehr einfach." So gehe es beispielsweise bei den News-Videos nicht mehr um einen komplizierten Prozess, sondern um die einfache Botschaft: "Das Angebot ist gratis." Unter bloss zwei Bedingungen: Das SRG-Branding müsse gewahrt und die Beiträge müssten unverändert bleiben.

Keine Abstriche beim Angebot und bei Admeira

Zweifellos auch nicht unwichtig für die Privaten ist das bedingungslose Commitment der SRG, sich im Bereich der neuen Onlinemessung, die Wemf und Mediapulse angepackt haben, zu engagieren und damit für eine medienübergreifende Währung Hand zu bieten. Marchand betonte allerdings auf Anfrage, dass die restlichen sechs Punkte auf der ursprünglichen Liste keineswegs gestrichen seien. Man habe aktuell bloss einmal Prioritäten gesetzt.
Marchand und das Medienmagazin "ComInmag"
Gilles Marchands Frau Victoria Marchand ist Inhaberin und Chefredaktorin des Westschweizer Medien- und Kommunikationsmagazins "ComInmag". Auch der Schreibende verfasst regelmässig Beiträge für dieses achtmal jährlich erscheinende Branchenheft. Aus Transparenzgründen stellte HORIZONT Swiss deshalb Marchand die folgende Frage: "Ihre Frau gibt 'Cominmag' heraus. Und Sie sind nun SRG-Generaldirektor. Ist diese familiäre Kombination nicht ziemlich heikel?"

Marchands Antwort im Wortlaut: "Ich glaube nicht, denn so ist es schon seit 30 Jahren: Ich war Direktor bei Ringier Romandie, und Victoria war damals Medienjournalistin. Dann wurde ich TSR-Direktor, und sie wurde Chefredaktorin von 'Cominmag'. Dann wurde ich RTS-Direktor und heute bin ich SRG-Generaldirektor. Wir wissen also sehr gut, wie wir damit umgehen müssen. Es ist für mich gewissermassen sogar eher ein Nachteil, denn ich komme in 'Cominmag' kaum vor. Aktuell wird es zwar für einmal ein Porträt geben, klar, aber normalerweise sind wir diesbezüglich sehr zurückhaltend. Ich glaube, Victoria macht eine sehr gute und professionelle Arbeit. In den letzten 20 Jahren wäre dies anders auch gar nicht möglich gewesen."
Was allerdings erstaunt: Dass an der Pressekonferenz kein Wort zu Themen wie Admeira oder der Forderung nach Angebots-Beschränkungen gesagt wurde. Und dass man auf das konkrete Nachfragen von HORIZONT Swiss hin bei diesen Themen auch nicht zu Abstrichen bereit ist. Bei Admeira betonte Marchand jedoch erneut die Bereitschaft von Ringier, Swisscom und SRG, weitere Verleger ins Aktionariat aufzunehmen.

Das zeigt, dass die SRG diese Themen eher als Branchenkonflikte denn als abstimmungsrelevant betrachtet. Das aber ist heikel, zeigte doch die neuliche "No Billag"-Umfrage des Verbands Schweizer Medien, dass dieser sich nicht scheut, in leichtsinninger Art und Weise genau diese Themen und die Abstimmung miteinander zu vermischen. knö

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