Zusammenschluss im Ticketing-Bereich

"Ticketcorner verkauft weiter mehr Tickets als Starticket"

Der Niedergang von Ticketcorner zwang Ringier und Eventim zum Handeln.
Knöpfli
Der Niedergang von Ticketcorner zwang Ringier und Eventim zum Handeln.
Ringier begründet den Zusammenschluss der beiden Ticketing-Anbieter Starticket und Ticketcorner mit der Digitalisierung, die das Ticketing-Geschäft auf den Kopf stelle. Zunächst einmal aber hat Ticketcorner in den letzten Monaten massiv Traffic verloren hat – an Konkurrent Starticket! Und das sagt nun Starticket-Besitzerin Tamedia dazu.
"Der Zusammenschluss von Ticketcorner und Starticket reflektiert, dass auch Ticketing - wie viele andere Industrien - vor riesigen Herausforderungen steht. Die Digitalisierung, neue Technologien und Vertriebssysteme verändern auch diesen Markt radikal." Mit diesen Worten wurde Ringier-CEO Marc Walder im Communiqué von gestern Nachmittag zitiert.

Die Begründung mag mittelfristig stichhaltig sein, hat doch einer der ganz Grossen internationalen Anbieter schon anfangs Jahr angekündigt, in den Schweizer Markt eintreten zu wollen. Doch wenn man die Statistiken der Internetforschung NET Metrix-Audit konsultiert (siehe Grafik oben), zeigt sich zunächst eine ganz andere Wirklichkeit: Der Traffic – und damit die Nachfrage – auf den beiden Ticketingportalen hat sich in den letzten Monaten angeglichen, ohne insgesamt abzunehmen. Es ging also nichts an einen Dritten verloren. Im Gegenteil: Kamen die beiden Anbieter vor zwei Jahren zusammen noch auf 780.000 bis eine Million Unique Clients pro Monat, nahm die Nachfrage – immer mit monatlichen Schwankungen – zu und erreichte im Dezember 2015 total 1.3 Millionen UC. Auf diesem Niveau verharrte die Nachfrage auch dieses Jahr in etwa.

Was sich aber geändert hat: Ticketcorner verlor massiv Traffic an seinen Schweizer Kontrahenten Starticket. Und das weist darauf hin, dass Starticket Veranstalter gewonnen und Ticketcorner welche verloren haben könnte. Ist also Walders Aussage bloss ein Vorwand? Kommt hinzu: Aufgrund des Trafficverlaufs ist es auch eher überraschend, dass die neue Partnerschaft zwischen Ticektcorner und Starticket ein 75:25 Joint Venture werden soll. Fifty-fifty wäre angesichts der Entwicklung der letzten Monate eher angebracht. Liess sich Tamedia über den Tisch ziehen?

Starticket hat einen guten Job gemacht

HORIZONT Swiss fragte bei Ringier und Tamedia nach – und erhielt von Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer folgenden Kommentar zur Traffic-Entwicklung: "Das Starticket-Team kann auf die Entwicklung der letzten Monate stolz sein, Reichweite ist aber im Ticketing nur eine Messgrösse. Ticketcorner verkauft weiter mehr Tickets als Starticket." Die Gründe für den starken Traffic-Anstieg bei Starticket sei auf die Lancierung einer neuen Website und den Ausbau des Content-Angebots zurück zu führen. Und zum 75:25-Verhältnis meinte Zimmer: "Die Partner haben sich gemeinsam auf diesen Anteil verständigt und dabei verschiedene Faktoren berücksichtigt, sich alleine auf die Reichweite abzustützen, würde zu kurz greifen."

Im übrigen sagte er, dass es noch offen sei, o
b in Zukunft beide Namen – Starticket und Ticketcorner – weitergeführt werden oder ob einer verschwinden wird. "Wir wollen vor der detaillierten Planung und Entscheidung die Einschätzung der Wettbewerbskommission abwarten. Synergien gibt es aber auch bei der Technologie, beim Knowhow oder durch die Kombination der Reichweite, wovon auch die Kunden profitieren werden."

Keine Überraschung in der Branche

Was sagt man sonst in der Branche zum Vorhaben von Eventim, Ringier und Tamedia? Reto Baumgartner, Mitglied der Geschäftsleitung bei MySign, der Betreiberin von ticketfrog.ch: "Der Schritt war absehbar und überrascht darum nicht besonders. Die zwei Hauptgründe für den Zusammenschluss sind der internationale Druck durch den weltweit grössten Konzertveranstalter Live Nation mit dessen eigenem Ticketverkauf Ticketmaster sowie die sich abzeichnende digitale Transformation der Ticketing-Branche, bei der Vorverkaufsstellen, physische Tickets und insbesondere die hohen Ticket-Gebühren massiv unter Druck geraten werden. Deshalb ist dieser Zusammenschluss sicher nicht ganz freiwillig und aus einer Position der Stärke heraus erfolgt, sondern viel mehr aus einem äusserem Zwang."

Es stellt sich deshalb noch eine weitere Frage: 
Treibt ein derart marktmächtiger Player, den Starticket und Ticketcorner nun werden wollen, die Veranstalter nicht geradezu in die Arme anderer Anbieter – oder in den Direktverkauf? Dazu Christoph Zimmer: "Die Veranstalter profitieren von einem starken Partner mit innovativen Lösungen und einer hohen Reichweite. Der Wettbewerb bleibt nicht zuletzt durch die internationalen Anbieter weiter intensiv und wer lediglich eine Abwicklungsplattform sucht, hat schon heute andere Möglichkeiten." knö

stats