Service public-Konferenz (Teil 1)

Freundlicher "Schlagabtausch" zwischen Supino, Alder und De Weck

Freundlich, aber bestimmt – so traten Pietro Supino, Jens Alder und Roger De Weck an der gestrigen Service public-Konferenz auf.
Markus Knöpfli (Alder, Supino) + zvg. (De Weck), knö. + zvg.
Freundlich, aber bestimmt – so traten Pietro Supino, Jens Alder und Roger De Weck an der gestrigen Service public-Konferenz auf.
Mehr Auslegeordnung als Schlagabtausch – so lässt sich das Ergebnis der Service public-Konferenz zusammenfassen, zu der der Verband Schweizer Medien gestern geladen hatte. 
Die Diskussion um den Service public ist in den vergangenen Wochen spürbar nervöser und aggressiver geworden. Deshalb erwarteten wohl viele der über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter Verleger, Medialeute, Werbeauftraggeber, Vertreter des Bundesamtes für Kommunikatiion und Journalisten, einen Schlagabtausch zwischen den geladenen Hauptkontrahenten. Diese waren: Pietro Supino, Verleger von Tamedia und designierter Verlegerpräsident, Jens Alder, Verwaltungsratspräsident der Goldbach Group und ehemaliger Swisscom-CEO, und SRG-Generaldirektor Roger De Weck, der sich sozusagen in die Höhle des Löwen gewagt hatte.

Drei Vorschlägen zum Service public

Dass der erwartete Schlagabtausch dann ausblieb beziehungsweise keineswegs gehässig war, sondern sachlich ausfiel, ist wesentlich den drei Rednern zu verdanken, die alle mehr oder weniger konkrete Lösungsvorschläge in die Diskussion einbrachten. Letztere waren allerdings nicht neu und lagen relativ weit auseinander: Supino plädierte für eine SRG als audiovisuelle SDA, Alder für eine SRG mit zwei Units – eine für die Grundversorgung, ein für ein kommerzielles Angebot. Und De Weck sprach sich für "Coopetiton" zwischen Privaten und SRG aus.

Tamedia-Chef Pietro Supino trat für ein "komplementäres Verhältnis" zwischen Privaten und SRG ein. Die SRG dürfe die Gebühren nicht für den Wettbewerb gegen die Privaten einsetzen, lautete sein Grundsatz. Auch entspreche "eine Kommerzialisierung der SRG nicht dem Sinn und Geist des Service public", sagte er, womit er der Werbeallianz Admeira und deren Ziel, zielgruppenspezifische Werbung anzubieten, erneut eine Absage erteilte. Dass die SRG aus seiner Sicht dominant geworden ist, sei allerdings "nicht auf bösen Willen zurückzuführen", sondern eine Folge des heutigen Systems und der technologischen Entwicklung: Zum einen seien die Gebühren gewachsen und damit auch das SRG-Budget, zum andern habe die Digitalisierung zur  Verwischung von Print, TV und Radio geführt.

SRG als "Open Source"-Plattform

Als "persönlichen" Lösungsansatz schlug er eine Idee vor, die 2014 von Avenir Suisse lanciert worden war: Demnach soll die SRG zu einer "Open Source"-Plattform werden, deren audiovisuelle Inhalten – analog zur SDA – von allen genutzt werden könnten. Der Vorteil: Ihre Inhalte fänden so im Sinne des Service public noch grössere Verbreitung, zudem verringerten sich für neue Medienanbieter die Hürden, in den Markt einzutreten. Umgekehrt erhielte die SRG dadurch eine hohe Autonomie, es käme nicht zu selektiven Kooperationen mit einzelnen Privaten (wie bei Admeira) und der Schweizer Medienplatz würde insgesamt gestärkt, meinte Supino. Den Einwand, das blosse Weiterverbreiten von Inhalten sei noch keine Vielfalt, liess der Tamedia-Verleger nicht gelten. Wie bei den SDA-Meldungen könnten die SRG-Inhalte den Privaten als Basis für ihre zusätzlichen Recherchen dienen. "Es kommt eben darauf an, was die einzelne Redaktion daraus macht", sagte er.



Goldbach-Chef Jens Alder stellte seinem Referat – auch aus seiner Erfahrung als Swisscom-CEO schöpfend – die Begriffe "Service public" und "Grundversorgung" einander gegenüber. Letzteren definierte er als öffentlichen Auftrag, mit dem ein Unternehmen betraut wird. Die Finanzierung erfolge durch den Staat, weil der Markt diese Leistung nicht erbringen kann. Biete nun das beauftragte Unternehmen mehr als die eigentliche Grundversorgung, nannte er dieses Plus "Service public", eine freiwilliger Zusatzleistung, über die sich das Unternehmen im Markt profilieren könne. Im Falle der SRG, so Alder, sei die Grundversorgung finanziert durch Gebühren, der Service public durch Werbung. Die heutigen Gebühren bezeichnete er allerdings als "zu üppig". Und was die SRG aktuell biete, gehe weit über die Gurndversorgung hinaus. Allerdings: Wo die Grenzen zwischen Grundversorgung und Service public der SRG sind, sagte er nicht – und das wäre eigentlich interessant gewesen. Doch damit habe er sich noch nicht auseinandergesetzt, sagte Alder.

Die zweigeteilte SRG

Einen Vorschlag brachte er dennoch an: Was die Öffentlichkeit an Grundversorgung über Gebühren finanziert, soll auch erkennbar sein – etwa über einen werbefreien Kanal pro Sprachregion. Umgekehrt solle die SRG beim Service Public (nach Definition Alder) völlige Freiheit erhalten und auch in Konkurrenz zu Privaten treten dürfen, allerdings auf eigenes unternehmerisches Risiko hin. Voraussetzung sei, dass Grundversorgung und Service public finanziell getrennt würden, was eine unabhänigige Kontrollinstanz überprüfen müsse.
Zwei Fragen an Alder und De Weck
Vor den jeweiligen Referaten wandte sich Moderator Peter Hartmeier sowohl an Jens Alder als auch an Roger De Weck. Immer wieder werde gesagt, so Hartmeier an die Adresse von Alder, Goldbach sei kein glaubwürdiger Teilnehmer der Service-Public-Debatte, da das Unternehmen durch die Vermarktung ausländischer Werbefenster Geld ins Ausland abziehe, ohne journalistische Leistungen für die Schweiz zu finanzieren. Alders Antwort: Da die ausländischen Programme auch in der Schweiz konsumiert würden, müsse entsprechend Geld ins Ausland fliessen. Nur so könnten die Bedürfnisse der Schweizer Zuschauer gestillt werden. Von De Weck wollte Hartmeier wissen, ob es stimme, dass er die SRG als letztes publizistisches "Bollwerk" gegen die "Blocherisierung" der Medien bezeichnet habe, wie dies diverse Zeitungen kolportierten. De Weck sagte, dass beide Begriffe nicht zu seinem Wortschatz gehörten. Man dürfe nicht alles glauben, was berichtet werde. Er halte die privaten Medien für sehr wichtig.
Besonders gespannt war das Publikum auf das Referat von Roger De Weck. Dieser erteilte dem Vorschlag Supinos eine Absage – aus urheberrechtlichen Gründen (insbesondere wenn Musik Teil einer Sendung ist) und wegen der Sportrechte. Auch für Alders Vorschlag hatte er wenig übrig: In der Bundesverfassung seien die Medien bewusst nicht im Zusammenhang mit der Grundversorgung genannt, anders etwa als Post oder Swisscom. Zudem gehe die Rechnung bei einer zweigeteilten SRG nicht auf: Heute stammten 70 Prozent der Gesamteinnahmen der SRG (Werbung und Gebühren zusammen) aus der Deutschschweiz, davon erhalte die Deutschschweizer Unternehmenseinheit SRF nur 43 Prozent, 33 Prozent gehen an RTS und 22 Prozent an RSI.


Und dem von einigen Politikern und Wissenschaftlern geforderten Subsidiaritätsprinzip – die SRG soll nur das tun, was der Markt nicht selbst erbringen kann – hielt De Weck ebenfalls wenig. Im Detail sei diese Idee unausgegoren. Dürfte denn die SRG keine Nachrichten mehr zur vollen Stunden bringen, weil dies die Privaten schon machten? Und wie ist es mit Wetterberichten? Auch Regionaljournale müssten wohl eingestellt werden, obwohl sie in manchen Regionen als einzige andere Stimme zum jeweils vorherrschenden Medienhaus gefragt seien.

"Unsere Hand ist ausgestreckt"

De Weck plädierte stattdessen dafür, dass Unterhaltung, wie in der Bundesverfassung festgehalten, weiterhin Teil des Service public bleibt. "Wer keine Unterhaltung mehr hat, verliert einen Grossteil seines Publikums und wird zum Spartensender", sagte er. Das widerspreche der Service public-Idee, die ja ein Medienangebot für die ganze Bevölkerung verlange. Wie die SRG Unterhaltung mit dem Informationsauftrag verbindet, zeigte er anhand eines Beispiels aus dem Tessin: Um die Zuschauerzahlen bei "Telegiornale" etwas zu pushen, platzierte RSI unmittelbar davor eine Quizsendung. Die Folge: Sieben Prozent mehr Zuschauer auch bei den Nachrichten.

Eine Definition des Service public servierte auch De Weck nicht, insgesamt stand er für einen Status quo ein mit, wobei er sich offen für Kritik zeigte. Und anhand einer Liste zeigte er auf, was die SRG aktuell für den oft geforderten "Zusammenhalt des Landes" macht – in den Bereichen Information, Kultur, Unterhaltung, Sport, Ausbildung und Organisation.

Dann kam De Weck auf seinen eigentlichen Vorschlag zu sprechen. Dessen Grundzüge hatte er kürzlich in der NZZ publiziert: Zusammenarbeit mit den Privaten in Bereichen wie Ausbildung, Technologie, aber auch bei Übertragungen von regionalen Ereignissen, im publizistischen Bereich aber Konkurrenz. "Es bringt nichts, einander zu schwächen", sagte er. Als "reale Utopie" nannte er die Westschweiz, wo die SRG bereits mit den lokalen Medien, auch mit Verlegern, kooperiert. Konkret verwies er auf Tamedias "20minutes.ch". Dieses erhalte von der beliebten RTS-Satiresendung "26 minutes" jeweils vor der Ausstrahlung einen Auszug zur Publikation. Damit generiere "20 minutes" zusätzliche Clicks, gleichzeitig wirke dies wie ein Trailer für die Sendung – was auch für RTS ein Vorteil sei. "Es sind noch weitere solche Win-Win-Situationen möglich", sagte De Weck und bot Gespräche an. "Unsere Hand ist ausgestreckt, wir haben mehr gemeinsame Interessen als Gegensätze", sagte er. Die SRG sei auch veränderungsbereit. Selbst bei Admeira sei man offen für weitere Aktionäre.

Besonders stark war dann De Wecks Schlussvotum: Die Service public-Debatte müsse weiter geführt werden, forderte er. Die nächste Tagung werde aber die SRG organisieren – zur Fragestellung: "Wie packen wir die gemeinsamen Herausforderungen an." "Falls wir so weit kommen, ist die SRG auch bereit, Mitglied des Verbandes Schweizer Medien zu werden", sagte der Generaldirektor schmunzelnd – und unter starkem Applaus. knö





stats