Service public-Konferenz

Lauter Ohrfeigen für Marchand

Verlegerpräsident Pietro Supino hoffte zu Beginn noch auf eine "konstruktive Diskussion" und "tragfähige Lösungsansätze". Doch das waren bloss Worte: Die Konferenz war auf Konfrontation hin angelegt.
Markus Knöpfli, © knö.
Verlegerpräsident Pietro Supino hoffte zu Beginn noch auf eine "konstruktive Diskussion" und "tragfähige Lösungsansätze". Doch das waren bloss Worte: Die Konferenz war auf Konfrontation hin angelegt.
Falls der neue SRG-Generaldirektor wirklich neue Ideen für die Kooperation mit den Privaten hat, dann hat er jetzt eine Chance verpasst. Er präsentierte nichts. Und falls die Verleger wirklich an einem konstruktiven Dialog mit der SRG interessiert sind, dann war dies an der gestrigen Service public-Konferenz in keiner Weise spürbar. Im Gegenteil: Die Verleger schossen den neuen SRG-Generaldirektor regelrecht ab.

Das war wohl Taktik: Der Verband Schweizer Medien (VSM) liess den neuen SRG-Generaldirektor Gilles Marchand gleich zu Beginn der Konferenz auftreten. Das sah zuvorkommend aus, war es aber nicht: Denn Marchand erhielt keine Gelegenheit mehr, um auf all das, was nach seinem Auftritt pausenlos auf ihn einprasselte, zu antworten. VSM-Vizepräsident Peter Wanner oder sein Präsidiumskollege Gilbert Bühler hingegen konnten die SRG replikfrei angreifen und widerspruchslos irgendwelche Vorschläge lancieren.

Hatte wenig zu bieten: SRG-Generaldirektor Gilles Marchand.
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Hatte wenig zu bieten: SRG-Generaldirektor Gilles Marchand.
Desgleichen am Schluss: Beim Politiker-Panel schossen die Parlamentarier Thierry Burkart (FDP), Beat Vonlanthen (CVP) und Natalie Rickli (SVP) eine Salve nach der andern in Richtung Marchand ab. Einzig Edith Graf-Litscher (SP) verteidigte die Position der SRG. Diskutiert wurde aber vor allem über "No Billag", weniger über Service public an sich.

Verleger sind lernfähig

Das zeigt: Die Verleger haben von der letztjährigen Service-public-Konferenz gelernt. Damals liessen sie SRG-Generaldirtektor Roger De Weck etwa an vierter Stelle sprechen – und dieser zerpflückte eloquent alles, was zuvor vom Verlegerpräsidenten, vom Goldbach-VR-Präsidenten und von einem Wissenschaftler vorgebracht worden war. Diese Situation wollte der VSM dieses Jahr ganz offensichtlich verhindern. Doch als nach dem knapp dreistündigen verbalen Artilleriefeuer VSM-Geschäftsführer Andreas Häuptli die Konferenz abschloss mit den Worten, er sei guten Mutes, dass mit der neuen SRG-Führungcrew der Dialog in Gang kommen werde – da klang dies geradezu höhnisch.

Supino will 100 Millionen für “Medienkompetenz”

Inhaltlich brachte die Konferenz wenig Neues und schon gar nichts Konstruktives. Und das Griffigste wurde später gar nicht erst diskutiert: Verlegerpräsident Pietro Supino forderte in seinem kurzen Begrüssungsauftritt 100 Millionen Franken für die “Förderung der Medienkompetenz” – konkret nannte er die Ausbildung der Journalisten, die Medienausbildung der Lehrer, den Medienunterricht in Schulen sowie das Erforschen von digitalen Hilfsmitteln im Dienst des Journalismus. Der genannte Betrag entspreche einer “realistischen Grössenordnung”, meinte Supino. Wie er aber auf den Betrag kam und wie dieser finanziert werden soll, darüber verlor der Verlegerpräsident kein Wort.

Eher dürftig: Marchands erster Auftritt

Auch seitens SRG gab es wenig Substantielles. Marchands erstes öffentliches Referat enthielt neben einer Marktanalyse zwar eine Einladung zum "professionellen Dialog". So erinnerte er die Verleger daran, dass ihre Bezahlzeitungen nicht allein durch den Webauftritt der SRG konkurrenziert werde, sondern mindestens ebenso durch die verlegereigenen Gratiszeitungen und deren Webauftritte. Im Wesentlichen aber wiederholte Marchand die Angebote, die er schon Anfang Oktober bei seinem Amtsantritt gemacht hatte. Mittlerweile machten 23 Schweizer Medien von den Nachrichtenvideos Gebrauch, die ihnen die SRG zur Verfügung stelle, sagte er. Das einzige neue Idee der SRG war die Aufforderung, künftig zusammen Schweizer Spielfilme und Fictions zu produzieren, teure Produktionen, an denen auch Kabelnetzbetrieber interessiert sien könnten, die vermehrt Inhalte benötigen. Zudem erinnerte der SRG-Generaldirektor daran, dass alle Medien unter Druck seien und dass sich nach der Digitalisierung bereits der nächste “Tsunami” ankünde: Die Künstliche Intelligenz. Auch diese Herausforderung sollte man gemeinsam angehen. Doch dabei blieb es. Und damit verpasste Marchand wohl eine Chance.

Wanner schwadroniert und spekuliert

Für ihn wäre eine Annahme der "No Billag"-Initiative "keine Katastrophe", sondern "der richtige Ansatz": Verleger Peter Wanner.
Markus Knöpfli, © knö.
Für ihn wäre eine Annahme der "No Billag"-Initiative "keine Katastrophe", sondern "der richtige Ansatz": Verleger Peter Wanner.
Auf der Seite der Verleger war dies nicht besser. Am erstaunlichsten war, was Peter Wanner zur ”No Billag”-Initiative sagte: Der VSM habe bisher noch keine Parole gefasst, doch sei die Inititiative zwar radikal, aber “im Ansatz richtig”. Und weiter: “Eine Annahme der Initiative wäre nicht unbedingt eine Katastrophe.” Dies aus dem Munde eines Verlegers zu hören, der zwei PrivatTV-Stationen mit Gebührenanteil besitzt, war – gelinde gesagt – absurd, umso mehr als er fast im selben Atemzug höhere Gebühren für die PrivatTVs und -radios forderte (siehe unten). Wanner ging davon aus, dass das Parlament nach einer Annahme von “No Billag” das RTVG schon so anpassen werde, dass doch noch “ein Stück Programm” finanziert würde. Er zeigte sich zudem überzeugt, dass ohnehin jede zweite oder dritte Person in der Schweiz der SRG weiterhin Gebühren zukommen lassen würde. “Die SRG würde nicht liquidiert, sondern in den Markt entlassen”, mutmasste er.

Admeira als Stein des Antosses

Das Politiker-Panel (von links): Natalie Rickli (SVP), Edith Graf-Litscher (SP), Moderator Matthias Ackeret, Thierry Burkart (FDP) und Beat Vonlanthen (FDP).
Markus Knöpfli, © knö.
Das Politiker-Panel (von links): Natalie Rickli (SVP), Edith Graf-Litscher (SP), Moderator Matthias Ackeret, Thierry Burkart (FDP) und Beat Vonlanthen (FDP).
Ansonsten kochte auch Wanner nur alte Verleger-Postulate auf: Er forderte von der SRG einen Werbeverzicht ab 20 Uhr, die Plafonierung der Gebühren auf 1 Milliarde Franken, höhere Gebühren für Privat-TVs und Privat-Radios (siehe oben), mehr Transparenz der SRG bezüglich Kosten für Internetaktivitäten, keine zielgerichtete Werbung, keine Onlinewerbung, keine web-only-Produktionen und “eine Branchenlösung für Admeira”. Einen Austritt aus Admeira, wie dies der Westschweizer Verlegerverband Media Suisse kürzlich verlangte, forderte Wanner aber nicht. Diesbezüglich sei der VSM noch unschlüssig, gestand er. Man erwarte aber, dass die Swisscom-Daten auf einer gemeinsamen Datenmanagement-Plattform bereitgestellt und vom Werbeverkauf separiert werde. “Dann hätten wir einen riesigen Streitpunkt beseitigt”, sagte er. knö




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