"Schweizer LandLiebe"

Lieber Community als höhere Auflage

Aussenaufnahmen für "LandLiebe"-TV.
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Aussenaufnahmen für "LandLiebe"-TV.
Sie startete 2011 und ging sogleich ab wie eine Rakete: Die Zeitschrift „Schweizer LandLiebe“ von Ringier Axel Springer ist heute die drittgrösste Schweizer Bezahlzeitschrift.

Die Startauflage betrug 100.000 Exemplare, heute werden pro Ausgabe 209.000 Hefte verbreitet, 161.000 davon verkauft. Die Leserschaft stieg bis April 2017 auf 684.000 Personen, was in der Deutschschweiz einer Reichweite von fast 15 Prozent entspricht – und im digitalen Zeitalter eigentlich einen Anachronismus darstellt. Die „Schweizer LandLiebe“ erscheint sechsmal pro Jahr mit einem Umfang von rund 240 Seiten und widmet sich neben dem Schweizer Brauchtum und Handwerk, der Bergwelt, den Naturschauspielen, und sie bietet Tipps rund um Haus, Garten und Handarbeiten.

Vor allem urbane Frauen lieben die "Landliebe"

Heute ist die „LandLiebe“ hinter dem „K-Tipp“ und dem „Beobachter“ die drittgrösste Abozeitschrift der Schweiz. „Dieser Erfolg gelang uns ganz ohne kostspielige Marketingstrategie“, sagt Urs Heller, Leiter Zeitschriften bei Ringier Axel Springer Schweiz, nicht ohne Stolz. Das sei möglich gewesen, weil die Leserschaft geradezu eine „Liebesbeziehung“ zum Magazin entwickelt habe, so Heller. Eine derart intensive Liebesbeziehung, dass diese Leserschaft – zu 73 Prozent urbane Frauen! – das Magazin häufig weiterverschenke und sich so als Verkäufer betätige.
Das aktuelle "LandLiebe"-Cover
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Das aktuelle "LandLiebe"-Cover
Im Herbst 2017 hat die Auflage erstmals  stagniert, die Leserschaft ist gar leicht auf 647.000 Personen gesunken. Ist der Markt gesättigt? „Überhaupt nicht“, widerspricht Heller. Noch sei nicht jeder Schweizer mit dem Titel konfrontiert worden. „Müsste die ‚LandLiebe’ grösser werden, würden dafür wenige Investitionen genügen“, ist er überzeugt. „Doch wir investieren lieber in die Community als in eine höhere Auflage.“

"LandliebeTV ist nun selbsttragend

Hier ist die "LandLiebe"-Redaktion domiziliert, und hier finden auch Kurse statt.
© zvg.
Hier ist die "LandLiebe"-Redaktion domiziliert, und hier finden auch Kurse statt.
Tatsächlich bemüht sich die „LandLiebe“ von Beginn weg um ihre Lesergemeinde: Drei Jahre nach dem Launch startete  „LandLiebe“-Radio auf DAB+, heute gibt es den Stream auf landliebe.ch. Ein Jahr später folgten TV-Sendungen auf dem Schweizer Fenster von Sat.1 (Schweiz). 2015 kamen Genuss- und Wanderwochen, 2016 Kurse und ein Bücherangebot hinzu, parallel dazu bewilligte Verleger Michael Ringier den Umzug der Redaktion in ein Landhaus mit Seeblick an der Zürcher Goldküste. Dort ist nun die siebenköpfige, überwiegend weibliche Redaktion untergebracht.
Die "LandLiebe"-Redaktion: (v.l.n.r.) Denise Zurkirchen (Bildredaktorin), Corinne Schlatter (Redaktorin), Christine Zwygart (Co-Chefredaktorin), Susanne Märki (Bildchefin), Karin Oehmigen (Kulinarik-Autorin), André Frensch (Co-Chefredaktor), Bettina Bono (Redaktorin). Auf dem Bild fehlt Susanne Eggenberger, Assistenin Chefredaktion & Projekte.
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Die "LandLiebe"-Redaktion: (v.l.n.r.) Denise Zurkirchen (Bildredaktorin), Corinne Schlatter (Redaktorin), Christine Zwygart (Co-Chefredaktorin), Susanne Märki (Bildchefin), Karin Oehmigen (Kulinarik-Autorin), André Frensch (Co-Chefredaktor), Bettina Bono (Redaktorin). Auf dem Bild fehlt Susanne Eggenberger, Assistenin Chefredaktion & Projekte.
Zudem finden im Haus Back-, Schnitz-, Filz- oder Strickkurse statt. Man könnte all dies Marken- und Imagepflege nennen, doch Heller spricht lieber von der Pflege der „Liebesbeziehung“ zwischen Leserschaft und Magazin.


Zur Person:
Urs Heller 2018
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Urs Heller (64) ist seit zehn Jahren Leiter Zeitschriften, zunächst bei Ringier, seit 2016 bei Ringier Axel Springer Schweiz. Im Nebenamt ist er Chefredaktor des Gourmetführers GaultMillau Schweiz.

Heller startete seine journalistische Karriere 1973 als Sportredaktor einer Lokalzeitung. Später übernahm er leitende Funktionen bei „Blick“, „SonntagsBlick“ und „Schweizer Illustrierte“. Zudem entwickelte und lancierte er für Ringier regelmässig neue Zeitschriften, unter anderem das Magazin „SI Style“ (heute „Style“) und die „Schweizer LandLiebe“.
Die meisten Angebote kommen an. Der Tier-Schnitzkurs wurde schon ein Dutzend Mal durchgeführt. Die Wanderwochen, inklusive Kräutertour, sind gut besucht. Bloss das Radio dümpelt vor sich hin. „LandLiebe“-TV hingegen erfreut sich wachsender Zuschauerzahlen. Verzeichnete die erste Staffel bereits 105.000 Zuschauer (2.4% Marktanteil), kam die vierte Staffel à zehn viertelstündigen Sendungen an Sonntagabenden von Oktober bis Dezember 2017 auf durchschnittlich 159.000 Zuschauer (4% Marktanteil). Dank neuem Konzept unter der Führung von Projektleiterin Nicole Müller war die letzte Staffel zudem erstmals selbsttragend. Entsprechend plant man nun eine fünfte Staffel für Ende 2018.

Line-Extensions vor dem Start und in der Schublade

Apropos planen: Im Mai steht bei der „LandLiebe“ eine Line-Extension an. Dann erscheint die sportlich ausgerichtete „Schweizer BergLiebe“. Das Magazin erzählt in Reportagen und Porträts Geschichten über Menschen aus den Schweizer Bergen und gibt Tipps für Ausflüge und Wanderungen. Nachdem die „BergLiebe“ im letzten Jahr versuchsweise der „LandLiebe“ beigelegt worden und beim Publikum auf grossen Anklang gestossen war, gehört sie ab 2018 fix zum Portfolio. Verantwortet wird sie von der „LandLiebe“-Redaktion, erscheinen wird sie zweimal jährlich (im Frühling und Herbst) in derselben Auflage wie die "LandLiebe".


Noch ein Projekt steckt bei Urs Heller in der Schublade: Eine „Landliebe“-Ausgabe für die Westschweiz. Doch dafür, sagt er, sei die Zeit noch nicht ganz reif. Doch man merkt es ihm an: Allzu lange wird es nicht mehr dauern.

Warten auf die geeignete Digital-Idee

Doch warum kommt die „LandLiebe“ nur sechsmal jährlich heraus, wenn sie so beliebt ist? „Wir wollen unsere Leser nicht stressen, sondern ihnen die Zeit geben, die Zeitschrift von der ersten bis zur letzten Seite zu geniessen“, sagt Heller. Wer unter der Woche immer wieder beschleunigen müsse, wolle am Wochenende nicht überfordert werden. Diese gesellschaftliche Entwicklung mache einen Grossteil des Erfolgsgeheimnisses von Landmagazinen und damit der „LandLiebe“ aus, ist er überzeugt.

Deutsche Wurzeln
Es ist kein Geheimnis: Die „LandLiebe“ war nicht allein Urs Hellers Idee. Das gibt er auch unumwunden zu. Das Vorbild heisst „Landlust“ und stammt vom Landwirtschaftsverlag Münster in Nordrhein-Westfalen. „Sie ist die Mutter aller Land-Magazine“, sagt Heller. Anfangs habe er Lizenzverhandlungen geführt, doch seien die Bedingungen zu restriktiv gewesen, erzählt er. Ringier hätte einen Grossteil der Inhalte übernehmen müssen, was aber nur schon von den Landschaften her (Wattenmeer, weite Ebenen) nicht zur Schweiz gepasst hätte. Deshalb entwickelte Heller ein eigenes Konzept, das im Unterschied zur „Landlust“ viel Swissness, aufwändig produzierte Bildreportagen und – nicht unwesentlich – auch Raum für Werbung, allen voran Autowerbung, bietet.
Bleibt noch der digitale Auftritt: Landliebe.ch ist eher konventionell und hat Luft nach oben. Nutzerzahlen gibt es nicht. „Punkto Web-Auftritt sind wir auf Sparflamme“, bestätigt Heller. Wohl könnte man ihn verbessern, doch fehle dazu noch die „knackige Idee“, und auch die Möglichkeiten der sehr kleinen Redaktion seien begrenzt. Hellers vorläufiger Fokus liegt deshalb auf den Printausgaben: „Unsere Leser sind trotzdem mit grösster Selbstverständlichkeit digital unterwegs: Anmeldungen zu Kursen oder Reisen erreichen uns zu 80 Prozent auf unseren digitalen Kanälen.“ knö

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