Roger de Weck

"Die SRG kann zur Lösung beitragen"

SRG-Chef Roger de Weck
Danielle Linger
SRG-Chef Roger de Weck
Roger de Weck kämpft gleich an mehreren Fronten. Mal geht es um die Werbeallianz Admeira, mal um den Service public, dann wieder um die Verlängerung der Konzession – und dann ist da noch die Volksinitiative, die die Gebührenfinanzierung der SRG abschaffen will. Horizont traf den 62-Jährigen, der beim täglichen Motorradfahren das Beschleunigen, das Überwinden der Schwerkraft, die Schräglage in den Kurven liebt, in Zürich.

Vielerorts erleben wir gespaltene Gesellschaften und Menschen, die für Argumente teilweise nicht mehr zugänglich sind. Wie ist das in der Schweiz?
In und um Europa herum ist jede Menge Aggression. Von Paris bis Budapest vergiften Menschenverächter die Politik. Mit Wladimir Putin und Recep Tayyin Erdogan haben wir zwei ressentimentgeladene Diktatoren vor unserer Tür. In der Ukraine und in Nahost gilt das Gesetz der Gewalt. Und in Amerika trumpft der hemmungslose Donald Trump auf.


All das mit Folgen für die Presse. Wie steht es um die Debattenkultur in Ihrem Land?
Inzwischen gibt es kein europäisches Land mehr, in dem Hass nicht Teil der Politik ist, in dem der Widersacher nicht zum Feind abgestempelt wird. Zu verachten oder sogar zu hassen, ist salonfähig geworden.

Wie äußert sich das in Ihrem Fall?
Lesen Sie jene Medien, die Feindseligkeit schüren. Es gibt heute wieder politische Kräfte, die bewusst die Grundwerte der Aufklärung infrage stellen: Menschenwürde, die Achtung von Minderheiten, den Zusammenhalt der Gesellschaft. Genau darauf gründet aber der Leistungsauftrag der SRG. Für jene Kräfte, die diese Grundwerte ablehnen, ist die SRG eine Provokation.

Inwiefern?
Die Schweiz ist ein Laboratorium mitten in Europa. Wir haben vier Sprachen. Die Mentalitäten und Geschmäcker sind von Landesteil zu Landesteil sehr verschieden. Unsere Aufgabe als öffentliches Medienhaus ist es, einen öffentlichen Raum Schweiz zu schaffen, den es nach 170 Jahren Bundesstaat noch nicht oder nur teilweise gibt. Der Mensch hat drei elementare Bedürfnisse: zu essen, zu trinken, ein Dach über dem Kopf zu haben. Und er hat drei existenzielle Bedürfnisse: geliebt zu werden, geachtet zu werden – und Geschichten zu erzählen oder zu hören.

Womit wir bei den Medien sind.
Wir erzählen einerseits wahre Geschichten, also Information, andererseits wahrhaftige – Fiktion. Das tut die SRG in vier Sprachen und mit unterschiedlichsten Formaten, die den jeweiligen Vorlieben der Landesteile entsprechen. Damit bauen wir Brücken zwischen Kulturen, die einander nicht verstehen.

Sagen Sie deshalb, Sie verstünden Ihr Amt auch als ein staatspolitisches?
Ja. Wer wie ich zwei Sprachen in sich trägt, Französisch und Deutsch, will zwischen den schweizerischen Landesteilen ebenso Brücken bauen wie zwischen den europäischen Nationen – ich kann gar nicht anders denken als europäisch.

Ein Programm in vier Sprachen kostet viel Geld. 1,2 Milliarden Franken bekommt die SRG pro Jahr, 400 Franken pro Haushalt. Seit der Umstellung auf die haushaltsbezogene Gebühr steht die SRG unter massivem Legitimationsdruck. Es heißt, sie sei zu groß, wuchere im Netz und verdränge mit ihrer Marktmacht, erst recht mit der Werbeallianz Admeira, die private Konkurrenz.
Die SRG mag im Schweizer Maßstab groß sein. Im internationalen Vergleich ist sie klein. Schauen Sie aufs ZDF, das für Fernsehen in einer Sprache 40 Prozent mehr Geld hat als die SRG für Fernsehen und Radio in vier Sprachen. Deshalb ist die Mitfinanzierung durch Werbung in der Schweiz unerlässlich. Unser Unternehmenszweck ist es nicht, monetäre Gewinne zu erzielen, sondern einen Gewinn für das Gemeinwesen zu stiften. 

Zu diesem Zweck machen Sie bei Admeira aber gemeinsame Sache mit an Gewinn orientierten Unternehmen: Ringier und Swisscom. Ist es nicht verständlich, dass das vielen ein Dorn im Auge ist?
Wir sind 8 Millionen Menschen in der Schweiz. 3,4 Millionen haben ein Facebook-Profil, 5 Millionen sind täglich bei Google. Die Webseiten aller Schweizer Medienhäuser haben hierzulande weniger Nutzer als Facebook oder Google. Das ist der Ausgangspunkt. Bei dieser Konkurrenz haben wir Petits Suisses nur dann eine Chance, wenn wir einander stärken. Verteilkämpfe um die Brosamen der Global Playerbringen nichts; damit lässt sich die Zukunft unseres Medienplatzes bestimmt nicht sichern.

Diejenigen, die dem Aktionärskreis von Admeira nicht angehören, fühlen sich von dieser Allianz bedroht.
Wir sind offen für weitere Aktionäre und hatten von Anfang an eine Reihe potenzieller Aktionäre angesprochen. Es gibt aber Investitionsbedarf. Admeira ist ein Entwicklungsgeschäft. Wer sich daran beteiligt, muss bereit sein, bei Bedarf zu investieren. 

Admeira hat auf dem Medienplatz Schweiz ein Beben ausgelöst. Ringier trat aus dem Verlegerverband aus, der Verband aus dem Presserat ...
In dieser Auseinandersetzung ist viel Machtpolitik im Spiel. Wann immer der Wille zur Macht eine Debatte prägt, sinkt die Bereitschaft zum erkenntnisorientierten Dialog. Ich setze auf die sanfte Macht des besseren Arguments, das Zeit braucht, um sich durchzusetzen.

Ihr Argument lautet: Nur wir, die SRG, garantieren das Überleben von gutem Journalismus. Diese Haltung würde nicht nur in der Schweiz als arrogant gesehen.
Ich argumentiere ganz anders. Guten Journalismus zu finanzieren, ist nun einmal viel schwieriger geworden. Das liegt am Abwandern der Werbung ins Internet und an der Verlagerung von Kleinanzeigen zu Online-Marktplätzen; es liegt an der schwierigen Monetarisierung im Digitalen, an Adblockern – all das ist bekannt. Hinzu kommt das Schweizer Spezifikum, dass die Hälfte der TV-Werbung – pro Jahr rund 300 Millionen Franken – an die Schweizer Werbefenster deutscher und französischer Kanäle wie RTL, Sat 1, Pro Sieben, TF 1, M6 & Co fließt, das heißt ins Ausland. Im Internet sind es bereits zwei Drittel bis drei Viertel der Werbeeinnahmen, die an Global Player gehen. Dieses Geld fehlt den Schweizer Medienhäusern. Die Folge: Das Substrat zur Refinanzierung von Qualitätsjournalismus in der Eidgenossenschaft wird dünn und dünner.

Kann die Lösung sein, die SRG auf Kosten der privaten Anbieter zu stärken?
Die SRG ist nicht das Problem, und sie ist auch nicht die Lösung. Sie kann aber zu einer Lösung beitragen. Diese lautet: Kooperation, um die Kosten zu senken und die Einnahmen zu erhöhen.

Eine Kooperation, die abhängig macht und die die privatwirtschaftlichen Medienhäuser nicht wollen.
Im Netz-Zeitalter wird keiner allein in seiner Ecke glücklich. Wir haben aus dem Fehler zu lernen, dass im Gutenberg-Zeitalter jeder Verlag für viele Millionen seine eigene Druckerei haben wollte, die dann nachts nur wenige Stunden ausgelastet war. Heute ist die Hardware billiger und dafür die Software teuer, die Investitionszyklen verkürzen sich. Wir müssen uns vernetzen, ob privat oder öffentlich, die digitalen Infrastrukturen teilen und damit die Grundkosten für jeden Einzelnen senken.

Sie spielen auf die elf Vorschläge an, die Sie zu Jahresbeginn der privaten Medienwirtschaft unterbreitet haben.
Um nur zwei Beispiele zu nennen: Wir haben mit hohem Aufwand drei Jahre lang einen Internet-Player entwickelt, für den Betrieb in vier Sprachen. Den stellen wir den regionalen Fernsehkanälen zur Verfügung. Wo wir komplementär aufgestellt sind, können wir punktuell auch Inhalte austauschen, etwa aktuelle Videos für Verlagshäuser.

Bisher nimmt keiner Ihre Angebote an.
Die Gespräche laufen, ich bin zuversichtlich. Die Schweiz ist ein sehr pragmatisches Land. In der Romandie haben wir eine Charta für die Zusammenarbeit zwischen der SRG und privaten Anbietern. Als die kleinen privaten Radios bei der Fußball-EM von der UEFA keine Akkreditierung erhielten, haben wir für sie Sendungen produziert. Man hilft einander, trotz aller Interessenunterschiede. Ich bin daher optimistisch, dass wir auch in der Deutschschweiz Lösungen finden. Wir reden mit all jenen, die offen sind für Gespräche. Und sind bereit, da und dort über unseren Schatten zu springen.

Wären Sie bereit, auf die Expansion im Internet zu verzichten?
Unseren Leistungsauftrag müssen wir überall dort erfüllen, wo unser Publikum ist. Unser Angebot in der digitalen Welt muss daher so attraktiv und relevant werden wie das der TV- und Radiokanäle. Während jedoch TV und Radio Kontinuität bedeuten – denken Sie an eine Informationssendung wie „Echo der Zeit“, die es seit 1945 gibt –, bedeutet Internet Agilität. Versuchen, verwerfen, wieder versuchen: Das ist die Herangehensweise. Als öffentliches Medienhaus müssen wir Kontinuität mit dem Sinn für Agilität verbinden. 

Dank Ihrer Gebühren und Werbeeinnahmen können Sie sich in dieser Hinsicht viel leisten. Wundert Sie da wirklich der Unmut der Privaten?
95 Prozent unserer Produktionen wären für private Anbieter ein Verlustgeschäft. Das gilt für die Information wie für die Fiktion. Aus Geldmangel hat das SRF vier, fünf Jahre lang keine eigene Serie produziert. Trotzdem sprang nicht ein einziger Privater in diese Lücke. Denn jeder weiß: Mit Serien können Sie in der Schweiz nur Geld verlieren. Dasselbe gilt für die Unterhaltung. Die Ausnahme ist der Privatsender 3+, der kostengünstig eingekaufte Serien ausstrahlt und fürs Profil verlustträchtige Eigenproduktionen im Programm hat wie „Bauer, ledig, sucht“ oder der „Bachelor“. In der Deutschschweiz hat die SRG gerade einmal genug Geld für originäre Produktionen zur besten Sendezeit. In der französischen Schweiz müssen wir uns aus Geldmangel selbst zur besten Sendezeit immer wieder mit Eingekauftem behelfen. Erst recht in der italienischen Schweiz.

Wären Sie zum Werbeverzicht bereit? Damit sänke der Legitimationsdruck.
Von einem Werbeverzicht profitierten lediglich die Werbefenster der deutschen und französischen Kanäle. Das wäre nicht im Sinne des Schweizer Medienplatzes. Wir finanzieren 22 Prozent unseres Programms mit Werbung und Sponsoring; im Radio und online darf die SRG gar nicht werben. Ohne Werbeeinnahmen hätten wir in einem Land mit wenig originärer audiovisueller Produktion noch weniger Mittel oder benötigten höhere Gebühren, die in Europa aber schon die höchsten sind. Würde in der Schweiz nur deutsch gesprochen, könnte die Gebühr halbiert werden.

Wo wären Sie bereit, über Ihren Schatten zu springen?
Ich denke zum Beispiel an das Modell, das mein Westschweizer Kollege und Freund Gilles Marchand, Direktor des französischsprachigen SRG-Senders RTS, in die Eidgenössische Medienkommission eingebracht hat. Er schlug vor, dass die SRG ihre Werbeeinnahmen bis zu einer bestimmten Schwelle behalten darf. Was darüber hinausgeht, könnte zur Hälfte oder zu zwei Dritteln in die Medienförderung fließen: in regionales TV zum Beispiel.

Täuscht der Eindruck, dass die Angriffe auf die SRG und Sie persönlich vor allem aus der Deutschschweiz stammen?
Natur ist das Überleben des Stärkeren, Kultur das Streben nach Ausgleich. 70 Prozent der SRG-Einnahmen stammen aus der Deutschschweiz. Aber nur 45 Prozent fließen in Programme für die Deutschschweiz. Die Differenz dient der Mitfinanzierung des französischen, italienischen und rätoromanischen Programms. Das ist Solidarität, das ist Kultur. Der Zusammenhalt der Schweiz gründet darauf, dass Minderheiten nicht benachteiligt werden und die Deutschschweizer Mehrheit nicht privilegiert wird.

Bald steht die Verlängerung Ihrer Konzession an, und es gibt die Volksinitiative „No Billag". Wie existenziell ist das?
Eine breite Debatte über die Verfasstheit und den Leistungsauftrag öffentlicher Anbieter ist in Zeiten des digitalen Umbruchs unerlässlich. Als öffentlicher Anbieter stehen wir unter erhöhtem Legitimationsdruck, das ist gut so. Allerdings wünschte ich mir eine sachliche und pragmatische Debatte. Leider scheinen manche die Gunst der Stunde zu nutzen, um Eigeninteressen durchzusetzen.

Meinen Sie die SVP, Christoph Blocher?
Es wirken vier Kräfte: Die eine misstraut allem Öffentlichen, dem Service public. Die andere will möglichst alles privatisieren; ihr ist ein schlechtes kommerzielles Programm noch immer lieber als ein gutes öffentliches. Die dritte Kraft bilden jene, die ihren politischen Einfluss auf die Medien und die Öffentlichkeit ausdehnen möchten – ob durch Kauf oder Schwächung bestehender oder durch den Launch eigener Medien. Die Vertreter der vierten Kraft wollen nur für das zahlen, was sie selbst nutzen. Das widerspricht dem eidgenössischen Gedanken, der vom ständigen Interessenausgleich lebt.

Fürchten Sie zu unterliegen?
Die Widersacher der öffentlichen Medienhäuser konnten bisher kaum je punkten, weil sie nicht in der Lage waren, eine glaubwürdige Alternative zu entwickeln. 

Was, wenn „No Billag“ gewinnt? 
2018/2019 wird das Schweizer Volk über die Existenz der SRG abstimmen. Die Vertreter dieser Initiative wollen in der Verfassung festschreiben, dass es in der Schweiz nur noch kommerzielle Anbieter geben darf. Am Anfang einer Debatte stehen oft radikale Forderungen. Am Ende, wenn die Einsicht greift, dass die Alternativen ihre Tücken haben, wird das Vorhandene weiterentwickelt. Was mich ebenfalls zuversichtlich stimmt: Wir sind erfolgreich beim Publikum. Mit unseren Programmen erreichen wir wöchentlich 94 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer. Die Unabhängigkeit und Qualität unseres Journalismus wird geschätzt.

„No Billag“ stimmt Sie nicht unruhig?
Die Diskrepanz zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung, zwischen Stellungnahmen in den Medien und dem tatsächlichen Ergebnis einer Volksabstimmung war schon oft sehr groß. In einer direkten Demokratie ist das fast normal. Bis zur Volksabstimmung fließt noch viel Wasser die Limmat hinunter. 

Sehnen Sie sich manchmal an Ihre Zeit als Publizist in Berlin zurück?
Nicht eine Sekunde. Ich schreibe gern, und ich führe gern. Als Journalist habe ich gelernt, Dinge zu analysieren, auf den Punkt zu bringen, zu kommunizieren. Genau das mache ich bei der SRG. Ulrike Simon

Das Interview mit Roger de Weck ist im Report Marktplatz Schweiz erschienen, der Teil der aktuellen Ausgabe von HORIZONT ist. In dem Special gibt es zudem ein Porträt von Dennis Lück, dem neuen Kreativchef von JvM/Limmat, einen Bericht über die neue Struktur der Vermarktungsorganisation bei Tamedia sowie über den neuen Ansatz zur Plakat- Reichweitenforschung SPR+ MobNat, Goldbach Media-Chef Michi Frank erklärt im Interview, wie er die Zukunft des Fernsehens einschätzt und wie sich Goldbach entwickeln soll, eine Analyse der Radionutzung in der Schweiz und einen Bericht über die Entwicklung des Werbedrucks im August.
Der Report liegt hier zum Download bereit.



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