RSI-Direktor Maurizio Canetta

"Für 'Web La 2' benötigen wir eine Konzessionsänderung"

RSI-Direktor Maurizio Canetta will seine Programminhalte künftig über HbbTV anbieten.
zvg.
RSI-Direktor Maurizio Canetta will seine Programminhalte künftig über HbbTV anbieten.
Was RSI unter dem Arbeitstitel "Web la 2" plant, ist nicht nur der Versuch, dereinst die teure terrestrische Verbreitung von RSI la 2 einzusparen. Das Projekt birgt auch Zündstoff: Weil es eine Konzessionsänderung nötig macht und erneut Fragen punkto Onlinewerbeverbot aufwirft. HORIZONT Swiss sprach darüber mit RSI-Direktor Maurizio Canetta.
Herr Canetta, was ist "Web La 2" – ein über Internet verbreiteter linearer TV-Kanal? Nein, es ist kein TV-Kanal, sondern einfach eine neue Form unseres Programmangebots. Weil TV-Sendungen heute anders konsumiert werden als noch vor Kurzem, müssen wir dem Publikum folgen und unsere Inhalte zu ihm bringen. Zweitens haben wir in der italienischen Schweiz schon heute – und erst recht in Zukunft – nicht genügend Ressourcen, um ein Vollprogramm auf zwei Kanälen samt ausgebautem Onlineservice zu betreiben. Aktuell enthält unsere zweite Kette ausser Sport nur Wiederholungen, es ist ein Kanal, der für uns nur schwer zu füllen ist. Deshalb haben wir uns für eine Neuorientierung entschieden: Künftig bietet RSI mit La 1 einen starken Service public-Kanal, das restliche Angebot wird online über HbbTV oder SmartTV bereitgestellt, die Inhalte für Junge zudem via Apps sowie über Snapchat und andere Social Media-Kanäle. "Web La 2" ist also nicht bloss ein Internet-TV, sondern ein Inhalte-Strauss auf diversen Kanälen, die den neuen Arten des TV-Konsums folgen.
„Aktuell enthält RSI la 2 ausser Sport nur Wiederholungen, es ist ein Kanal, der für uns nur schwer zu füllen ist.“
RSI-Direktor Maurizio Canetta
"Web La 2" würde somit RSI La 2 ersetzen? Alle Inhalte von RSI La 2 bleiben erhalten und werden entweder auf RSI La 1 gezeigt – etwa unser politische Debatte am Montagabend – oder in Onlineform auf HbbTV bereitgestellt – zum Beispiel unsere Sportinhalte. Aber es ist richtig: Der TV-Kanal RSI La 2 soll abgestellt werden.

Somit bliebe also nur RSI La 1 als linearer TV-Kanal bestehen, auf HbbTV jedoch sind künftig alle Inhalte sowohl von RSI La 1 als auch von RSI La 2 und RSI online abrufbar – live oder zeitversetzt. Ja. Was live ist, ist live abrufbar, on demand-Angebote lassen sich zeitversetzt abrufen. Für eine Live-Übertragung der Nationalmannschaft muss ich am TV-Gerät bloss den roten Knopf drücken, HbbTV RSI anwählen – und schon habe ich mein Spiel, falls die SRG die entsprechenden Rechte besitzt. Es gibt aber kein Programmraster mehr, sondern bloss verschiedene Inhalte, die auf HbbTV bereitgestellt werden. So wie heute auf Swisscom TV. Die Leute sind diese Art Nutzung bereits gewohnt.
Das ist HbbTV
Smart TV, HbbTV, Connected TV, Hybrides Fernsehen, Net-TV – grundsätzlich geht es bei all diesen Begriffen um verschiedene Standards für die Verschmelzung vom herkömmlichen Fernsehen mit dem Internet. Die SRG verwendet in ihrem Smart TV-Angebot den HbbTV-Standard. HbbTV steht für Hybrid broadcast broadband TV und ist der Nachfolger vom Teletext – mit dem Unterscheid, dass über diese neue Form des Teletext auch Bilder und Bewegtbilder übertragen lassen – und dass er auch Interaktivität zulässt. So lassen sich über HbbTV beispielsweise Zusatzinformationen aus einem laufenden Programm abrufen oder man kann sich über Televoting aktiv am Geschehen beteiligen. Beim Einschalten oder nach einem Programmwechsel macht ein kurzer Einblender darauf aufmerksam, dass solche Zusatzinfos per Knopfdruck verfügbar sind (Red-Button-Funktion). Weitere Informationen unter www.broadcast.ch.
Wie müssen die TV-Zuschauer ausgerüstet sein, damit sie dereinst die Inhalte von "Web La 2" nutzen können? Sie müssen über einen Internetanschluss verfügen, sei es stationär oder mobil. Wollen sie in Zukunft auf RSI die EM oder die Champions League sehen, können sie dies auf dem PC, Laptop und Smartphone oder auf ihrem SmartTV tun – dank HbbTV.

Was ist der Vorteil für RSI oder die SRG? Offenbar wollen Sie damit Geld sparen. Wichtig: Es ist kein Sparprogramm. Das Programmangebot, das wir heute auf RS La 1, RSI La 2 und RSI online haben, bleibt vom Umfang her genau gleich. Was wir mit "Web La 2" sparen, wird in neue Inhalte, vor allem im Internet, investiert. Es ist also ein Nullsummenspiel.
„Ein Grossteil des Projektes "Web la 2" besteht aus Aus- und Weiterbildungen. Es kostet ungefähr 3 Millionen Franken auf vier bis fünf Jahre verteilt.“
RSI-Direktor Maurizio Canetta
Können Sie aber mit "Web La 2" Distributionskosten sparen? Ja, auf dieser Ebene besteht ein gewisses Sparpotenzial, das aber der SRG zugute kommt, denn die Distribution ist nicht Teil der RSI-Rechnung.

Was hat denn RSI vom Projekt? "Web La 2" gibt uns die Möglichkeit, ein neues Publikum und vor allem die Jungen zu erreichen. Die Digitalsierung ist in vollem Gange, wir sollten deshalb nicht in kleinen Schritte planen, sondern das Angebot ganz neu ausrichten. Und für die TV-Zuschauer bringt es eine grössere Auswahl. Ein Beispiel:  Finden gleichzeitig drei attraktive Sportanlässe statt – etwa Tennis mit Wawrinka, ein Eishockey-Derby und die Formel 1 – kann RSI heute nur eines übertragen. Mit "Web La 2" können wir alles über HbbTV anbieten – und der TV-Zuschauer kann wählen, was er sehen will.

Welche Folgen hat "Web La 2" auf den Personalbedarf? Wegen "Web La 2" wird keine Stelle gestrichen, aber die Mitarbeitenden müssen teilweise umgeschult werden. Ein Grossteil des Projektes besteht deshalb aus Aus- und Weiterbildungen. Dafür erhalten wir Geld von der SRG.

Was kostet das Projekt? Ungefähr 3 Millionen auf vier bis fünf Jahre verteilt.

Im Pressetext sprachen Sie von technischen und rechtlichen Voraussetzungen: Was meinten Sie damit? Technisch muss das Onlineangebot für alle Bewohner der italienischen Schweiz empfangbar  sein. Das ist eine Grundbedingung. Denn falls ein Tal oder eine Region keinen Online-Empfang  hat, könnten wir unseren Grundversorgungsauftrag nicht erfüllen. Und in rechtlicher Hinsicht benötigen wir für einen so starken Angebotsumbau eine Konzessionsänderung.
„Für einen so starken Angebotsumbau benötigen wir eine Konzessionsänderung.“
RSI-Direktor Maurizio Canetta
Eine solche steht nächstes Jahr ohnehin an (falls sie nicht verschoben wird). Im Prinzip stellt also RSI mit dem Projekt "Web La 2" den Bundesbehörden einen Änderungsantrag. Ja, richtig.

Und wie steht es um das Onlinewerbeverbot – würde "Web La 2" nicht dagegen verstossen? Das ist ein weiterer Punkt: Falls die SRG auch künftig keine Onlinewerbung machen darf, könnte es sein, dass sie mit "Web La 2" Einnahmen verliert – im Jahr 2015 generierte RSI la 2 immerhin 2,46 Millionen Franken aus Werbung. Doch das wäre das Risiko der SRG, nicht von RSI. Aber es könnte auch ein anderer Fall eintreten: Dass die Werbeplätze auf "RSI La 2" künftig besser ausgelastet sind.

Letztlich aber baut "Web La 2" darauf, dass das Onlinewerbeverbot fällt. Nein, das ist keine Voraussetzung. Natürlich gibt es Fragen zu diskutieren. Etwa, ob HbbTV eher eine Fernseh- oder eine Online-Form ist. Das ist noch nicht geklärt. Unklar ist auch, ob wir künftig im Umfeld von Sportsendungen Werbung bringen dürfen. Das müssen wir noch mit den Behörden besprechen.

Die Service public-Diskussion vorab in der Deutschschweiz könnte dazu führen, dass die finanziellen Mittel der SRG plafoniert oder reduziert werden. Das würde RSI vermutlich am stärksten treffen. Bereitet sich RSI mit "Web La 2" auf eine solche Situation vor? Da gehen Sie etwas zu weit, glaube ich. Das Projekt entstand primär aus der Notwendigkeit heraus, dass wir neue Wege zum Publikum finden müssen.
„Ob HbbTV eher eine Fernseh- oder eine Online-Form ist, ist noch nicht geklärt-“
RSI-Direktor Maurizio Canetta
Sie schreiben, "Web La 2" sei kein Pilotprojekt für andere Landesteile. Warum eigentlich nicht? Das hat der SRG-Verwaltungsrat so entschieden. Weil es ihm eben nicht um eine Angebotserweiterung geht. Die andern zwei Regionen können zudem die heutige Konstellation mit zwei oder sogar drei Senderketten beibehalten. Sie sind nicht in derselben Situation wie wir. knö

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