Publicom-Studie

Zukunft des Boulevardjournalismus gefährdet / Mehr Geld vom Staat für Medien

Die von Publicom befragten 40 Experten geben dem Boulevardjournalismus wenig Zukunftschancen. Sie glauben eher an die hintergründige, analysierende Berichterstattung.
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Die von Publicom befragten 40 Experten geben dem Boulevardjournalismus wenig Zukunftschancen. Sie glauben eher an die hintergründige, analysierende Berichterstattung.
Unabhängiger Journalismus ist für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar. Doch weder Werbeauftraggeber noch Konsumenten wollen dafür genügend bezahlen. Neue Finanzierungsmodelle sind somit gefragt. Dem Staat könnte dabei eine wichtige Rolle zukommen. Dies ist das Ergebnis einer neuen Expertenbefragung der Publicom.

Ist Journalismus noch ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell? Angesichts der weiterhin erodierenden Umsätze mit journalistischen Produkten stellt sich diese Frage mit immer grösserer Dringlichkeit. Denn ohne unabhängige Medien und kritischen Journalismus ist eine Demokratie nicht funktionsfähig. Kaum einer der am DELPHInarium-Panel der Publicom beteiligten Medienexperten möchte die Hand dafür ins Feuer legen, dass alle derzeit bekannten Formen von Journalismus auch in zehn Jahren noch mit Werbung und/oder Verkauf finanziert werden können. Vor allem für den Boulevardjournalismus sind sie pessimistisch. Weniger als ein Viertel der Befragten hält es für "sehr wahrscheinlich", dass diese Art von Journalismus in zehn Jahren noch mit konventionellen Mitteln finanziert werden kann. Am ehesten trauen sie dies dem interpretativen Journalismus zu, der Hintergrund und Analyse zu aktuellen Themen bietet.

Öffentliche Gelder sollen es richten

Wenn die alten Modelle nicht mehr taugen, welche neuen Finanzierungsmodelle sind zukunftstauglich? Die Antworten des DELPHInariums lassen vermuten, dass es eine Mischfinanzierung aus verschiedenen Quellen sein wird. Am wahrscheinlichsten wird die Finanzierung durch öffentliche Gelder beurteilt: "Alle qualitativ hoch stehenden Medienprodukte werden in Zukunft zum grössten Teil von Gebühren und Subventionen leben", ist ein Experte überzeugt. Fast die Hälfte der Befragten hält diese Form für zukunftstauglich. Mit Einschränkungen werden auch der Finanzierung über digitale Abonnemente oder Micropayment Chancen eingeräumt. Nur eine kleine Minderheit glaubt, dass der Vertrieb von Inhalten über aggregierte News-Plattformen eine zukunftstaugliche Lösung darstellt. Überraschend optimistisch sind die Experten bezüglich der Quersubventionierung von journalistischen Produkten mit Erträgen aus publizistikfernen neuen Geschäftsfeldern. Die meisten Experten vertrauen auf das demokratische Gewissen der Medienmanager. "Fragt sich bloss, wie lange sie dazu noch breit sind", vermerkt ein Befragter dazu kritisch.
Publicom-Logo 2016
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Unter dem Begriff DELPHInarium publiziert die auf Medienforschung und –beratung spezialisierte Publicom zweimal jährlich Ergebnisse einer Experten­befragung. Am Panel sind vierzig Fach­leute der führenden Medien­unternehmen sowie Vertreter aus Werbung, Medienjourna­lismus, Kommu­nikationswissenschaft und Corporate Communications beteiligt.




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