Expertenpanel

Free-TV vor ungewissen Zeiten

Fernsehsender forderten neulich eine Einführung eines Spulverbots für Werbeblöcke. Wie sinnvoll beurteilen Sie regulatorische und technische Massnahmen, um die Existenz der Free-TVs zu sichern?
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Fernsehsender forderten neulich eine Einführung eines Spulverbots für Werbeblöcke. Wie sinnvoll beurteilen Sie regulatorische und technische Massnahmen, um die Existenz der Free-TVs zu sichern?
Bezahlmodelle wie Netflix u.a. erfreuen sich immer grösseren Zuspruchs. Gleichzeitig gerät das Finanzierungsmodell von Free-TV unter Druck, weil Zuschauer vermehrt der Werbung ausweichen. Weil die Nutzungsgewohnheiten aber nur langsam ändern, bleibt für Free-TV noch eine Schonfrist. Dies ist das Ergebnis einer neuen Expertenbefragung der Publicom.

Die auf Medienforschung und -beratung spezialisierte Publicom führt jährlich zwei Expertenbefragungen unter dem Titel DELPHInarium durch. Am Panel sind vierzig Fach­leute der führenden Medien­unternehmen sowie Vertreter aus Werbung, Medienjourna­lismus, Kommu­nikationswissenschaft und Corporate Communications beteiligt.

Die am DELPHInarium beteiligten Experten sind sich einig, dass On-Demand-Plattformen wie Netflix, Amazon Video und andere keine vorübergehende Erscheinung sind, sondern in Zukunft einen festen Platz im Medienangebot haben werden. Wie stark diese aber den Konsum klassischer Free-TV-Programme beeinträchtigen, ist weniger klar. Die meisten Experten erwarten in den nächsten fünf Jahren keine grösseren Änderungen in der TV-Nutzung. On-Demand-Portale würden zwar an Publikumsgunst zulegen, aber gegenüber dem Free-TV nur unbedeutende Marktanteile gewinnen. Ein gutes Viertel der Befragten ist aber anderer Meinung: In fünf Jahren, so ist diese Gruppe überzeugt, werden diese Plattformen schon mehr als 30 Prozent des Zuschauermarktes halten.

Wie werden sich bezahlte On-Demand-Plattformen wie Netflix in den nächsten fünf Jahren entwickeln?
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Wie werden sich bezahlte On-Demand-Plattformen wie Netflix in den nächsten fünf Jahren entwickeln?
Gross ist die Unsicherheit der befragten Experten bezüglich der Aussichten von werbefinanziertem Free-TV. Eine knappe Mehrheit ist der Ansicht, dass Free-TV-Anbieter, die sich hauptsächlich über Werbung finanzieren, in Schwierigkeiten geraten könnten. Nicht primär aufgrund der Konkurrenz im Publikumsmarkt, sondern weil die Zuschauer zunehmend Mittel und Wege finden, um der Werbung auszuweichen. Dass das klassische Free-TV für die Zuschauer nicht mehr attraktiv genug sein wird, ist weniger zu erwarten, da sich dieses inhaltlich und technisch anpassen werde. Die Mehrheit der Befragten glaubt denn auch, dass sich das klassische lineare Nutzungsverhalten nicht so schnell ändere.
Ist das klassische nichtgebührenfinanzierte Free-TV, das sich hauptsächlich über Werbung finanziert, ein Auslaufmodell? (Aussage trifft zu/trifft nicht zu.)
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Ist das klassische nichtgebührenfinanzierte Free-TV, das sich hauptsächlich über Werbung finanziert, ein Auslaufmodell? (Aussage trifft zu/trifft nicht zu.)
Uneinheitlich sind die Antworten des DELPHInariums bezüglich der Strategien, welche die Free-TV-Anbieter verfolgen sollten, um der Konkurrenz durch On-Demand-Plattformen zu begegnen. Vier von fünf Experten sind davon überzeugt, dass Free-TV gegenüber der neuen digitalen Konkurrenz nennenswerte Vorteile besitzt. Die Hälfte empfiehlt den Free-TV-Sendern, vermehrt auf Newsaktualitäten zu setzen. Gut zwei Fünftel würden Live-Sport-Events, und ein gutes Drittel Unterhaltungsshows forcieren.
Auf welche Stärken müsste das klassische Free-TV setzen, um sich gegen die innovative Konkurrenz erfolgreich durchsetzen zu können? (Aussage trifft zu/trifft nicht zu.)
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Auf welche Stärken müsste das klassische Free-TV setzen, um sich gegen die innovative Konkurrenz erfolgreich durchsetzen zu können? (Aussage trifft zu/trifft nicht zu.)
In einem Punkt sind sich die Experten aber weitgehend einig: Regulatorische oder technische Lösungen zur Steuerung des Fernsehkonsums erachten sie als nicht zielführend, um die Existenz des Free-TV zu sichern. Ein Spulverbot für Werbeblöcke, wie kürzlich einige Fernsehsender forderten, dürfte kaum der richtige Weg sein. Ein Experte ist der Meinung, dass dies sogar kontraproduktiv wäre: "Ein solches Verbot würde das Publikum verärgern und erst recht auf die On-Demand-Plattformen führen."

 




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