Publicitas-CFO Carsten Brinkmeier

„Der Service ‚One order – one bill’ ist tot“

© zvg
Ein neues „Kommissionsempfänger-Modell“ schlug Publicitas den rund 50 Verlegern vor, die am 3. Mai zum Verlegeranlass kamen. Doch wie sieht dieses neue Modell aus? HORIZONT Swiss hat mit Publicitas-CFO Carsten Brinkmeier gesprochen.
Seitdem ein Grossverlag nach dem andern in den letzten eineinhalb Wochen ihre Zusammenarbeit mit der Publicitas aufgekündigt haben, ist die Vermittlerin zahlungsunfähig und in provisorischer Nachlassstundung. Die Nachricht für die Verleger – für Grosse und Kleine – lautet damit gemäss CFO Carsten Brinkmeier kurz und klar: „Für Altforderungen bis zum 1. Mai 2018 können wir wegen der Geschäftsunterbrechung im 2018 nichts mehr tun.“ Alles weitere hänge nun davon ab, ob die Verleger – allen voran die Grossverlage – das neue Geschäftsmodell sowie das Sanierungskonzept bis zum 10. Mai akzeptierten.

Print verliert weitere 30 Millionen Umsatz

Wäre dies der Fall und Publicitas könnte mit dem neuen Geschäftsmodell starten, so Brinkmeier, dann wäre Publicitas auch gemäss Sachwalter ab 2019 wieder in der Lage, „Altforderungen zu einem kleinen Prozentsatz zu bedienen“. Wie hoch dieser Satz sein wird, darauf kann er sich noch nicht festlegen. „Sicher ist aber, dass ein grösserer Teil der Altforderungen beglichen werden kann, als wenn Publicitas jetzt Konkurs anmelden müsste.“

Was wäre aber, wenn Publicitas wegfallen und an ihrer Stelle die geplante Alternativgesellschaft der Verlage auf den Plan träte – eine Firma, die erklärtermassen nur die Abwicklung übernehmen will? Brinkmeiers Sicht ist klar: Damit würde den Verlegern kurzfristig um die 30 Millionen Franken Printumsätze wegfallen.

Auf jeden Fall mehr Arbeit für Kunden...

Dafür sieht er zwei Gründe: Ohne Publicitas werden die Auftraggeber der Alternativgesellschaft einen Abwicklungsauftrag erteilen müssen, gleichzeitig aber auch bei all den Titeln buchen, die sie berücksichtigen wollen. Danach erhalten sie von den diversen Verlagen je eine Rechnung. Die P-Devise „One order – one bill“ würde durch „many orders – a lot of bills“ ersetzt. Anders gesagt: Das Buchen bei den rund 2800 Titeln in der Schweiz würde für Agenturen und Auftraggeber aufwändig. Es ist deshalb für Brinkmeier absehbar, dass schon bald diverse Titel aus den Print-Mediaplänen gestrichen würden, was bei einigen Verlagen die Printwerbeumsätze um 10 Prozent reduzieren könnte, in den nächsten zwei bis drei Jahren gar um bis zu 20 Prozent.

Ein weiterer Grund: Ohne P müssten die kleinen Verlage den überregionalen (nationalen) Verkauf selbst bewerkstelligen, was ihnen zusätzliche Kosten verursacht – ausser sie verzichten auf diese Umsätze. Rechnet man das gegeneinander auf, so Brinkmeier, komme man auf rund 30 Millionen Franken weniger Printwerbeumsatz, längerfristig sogar mehr. „Bei einem Printmarkt von 1 Milliarde Franken mag das zwar keine Katastrophe sein“, fügt er hinzu, „aber es wird in erster Linie die kleinen Titel treffen. Und dort schenkts ein.“ Weiter gibt Brinkmeier zu bedenken, dass dieser Betrag mindestens dreimal höher sei als der „Systembeitrag“, den Publicitas von den Verlegern fordere (siehe unten)

....und für Verlage

Welche Kröten müssten denn die Verlage schlucken, wenn sie auf den P-Vorschlag eingehen wollten?

Auch das neue Geschäftsmodell der P nimmt Abschied von der bisherigen Devise „One order – one bill“, gesteht Brinkmeier. „Dieser Service ist tot.“ Bisher war es ja so, dass die P nicht nur das Buchen und die  Auftragsabwicklung übernahm, sondern auch die Rechnungsstellung an die Auftraggeber, das Delcredere sowie die Überweisung des Rechnungsbetrages an die Verlage (abzüglich der Kommission). Anders gesagt: Auftrag und Geldfluss liefen immer über die P.

Neu würde nur noch Auftrag und Abwicklung über die P laufen – „One order“ bliebe also bestehen. Doch die Verlage würden neu selbst und direkt bei den Auftraggebern fakturieren. Der Vorteil für die Verlage: Sie erhalten das Geld direkt von den Kunden, womit das Risiko der schlingernden P wegfällt, sie müssten der Publicitas aber die Kommission auszahlen. Der Nachteil des neuen Modells: Die Kunden müssten sich mit einer Vielzahl von Verlagsrechnungen herumschlagen, mit den ähnlichen Folgen wie oben, nur etwas verlangsamt. Es liefe für sie auf „One order – multiples bills“ heraus. Und die Verlage hätten ebenfalls einen grösseren buchhalterischen Aufwand.

Beteiligung an P als Trostpflaster

Doch das ist – aus Sicht der Verlage – bei weitem nicht alles: Das neue Model verlangt, dass sie der P eine höhere Kommission als „Systembeitrag“ für Tools, Media-Datenbank und Supply Chain-Dienstleistungen zugestehen. Gleichzeitig müssten sie auf einen ansehnlichen Teil ihrer Alt-Forderungen verzichten. Beim ursprünglichen Sanierungskonzept, das die P den Grossverlagen vorgelegt hatte, war noch von einem Forderungsverzicht von 15 Prozent die Rede gewesen. Neu, wegen der Zahlungsunfähigkeit aufgrund der Kündigungen, sei dieser nun „ungleich höher“, sagt Brinkmeier. „Kleines Trostpflaster“, so der CFO, „Die Verleger insgesamt erhalten eine 50-Prozent-Beteiligung an der Publicitas und Transparenz durch die Bildung eines Gläubigerausschusses sowie durch regelmässig veröffentlichte Geschäftsberichte. knö


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