Neues Joint Venture

NZZ-Mediengruppe fokussiert auf die NZZ – Langfristiger Abschied von den Regionalmedien

Sprachen von einem "schlagkräftigen" neuen Unternehmen: (von links) Axel Wüstmann, Peter Wanner, Etienne Jornod, Pascal Hollenstein.
Markus Knöpfli, © knö.
Sprachen von einem "schlagkräftigen" neuen Unternehmen: (von links) Axel Wüstmann, Peter Wanner, Etienne Jornod, Pascal Hollenstein.
Das noch namenlose Joint Venture, das NZZ-Mediengruppe und AZ Medien zusammen aufgleisen, ist ein besonderes Konstrukt. Und es macht vor allem deutlich: Die NZZ trennt sich langfristig von ihren Regionalmedien, jedenfalls ist sie bereit dazu. Ihr Fokus liegt auf der NZZ als Flaggschiff.

Es sei „ein historischer Schritt in der Schweizer Mediengeschichte“, sagte Etienne Jornod, Verwaltungsratspräsident der NZZ-Mediengruppe, zu Beginn der heutigen Pressekonferenz von NZZ und AZ Medien. Und an die Adresse von Peter Wanner und seiner AZ Medien sagte er: „Es gibt keinen anderen Partner, der so gut zu uns passt.“



"Gemeinsam sind wir stärker", fügte Peter Wanner, VR-Präsident der AZ Medien, hinzu. "Wir bündeln die Kräfte." Das sei die Basis für eine starke und profilierte Publizistik.

Tatsache ist: Wanner gibt sich quasi auf Gedeih und Verderb in das Joint Venture ein. Dafür erhält er den Lead: Er ist VR-Präsident, sein CEO Axel Wüstmann wird CEO des neuen Unternehmens. Erschwerend für Wanner ist allerdings, dass sowohl die Beteiligungsverhältnisse als auch die Mitspracherechte exakt paritätisch aufgeteilt sind, als VR-Präsident hat er nicht einmal den Stichentscheid.

Speziell ist jedoch, dass Jornod selbst nicht Einsitz im Verwaltungsrat des neuen Unternehmens nimmt. Das ist die eine starke Aussage, die noch verstärkt wird durch eine zweite Besonderheit: Nach zehn Jahren kann die NZZ-Mediengruppe ihren 50 Prozent-Anteil am Joint Venture ganz oder teilweise veräussern, wobei die AZ Medien ein Vorkaufsrecht besitzt. Damit macht die NZZ klar: Langfristig ist sie bereit, sich von ihren Regionalmedien zu trennen. VR-Präsident Jornod sagte denn auch klar: „Wir fokussieren uns auf unser Flaggschiff NZZ, gleichzeitig kreieren wir gemeinsam mit den AZ Medien ein schlagkräftiges Unternehmen für Regionalmedien.“

Reichweitenstark in Print, TV und Radio

Schlagkräftig ist es allein schon punkto Reichweiten: Die Tageszeitungen kommen zusammen auf 1 Million Leser und wären damit gemäss Wanner „auf Augenhöhe mit andern“. Die insgesamt 20 Bezahlzeitungen (inklusive Kopfblätter) sind in 15 Deutschschweizer Kantonen präsent, was etwa der halben Schweiz entspricht. Auch im Bereich Privatradios wäre das Unternehmen stark, ebenso im TV-Bereich.
Sie haben den Lead beim neuen Unternehmen: Axel Wüstmann (CEO) und Peter Wanner (VR-Präsident)
Markus Knöpfli, © knö.
Sie haben den Lead beim neuen Unternehmen: Axel Wüstmann (CEO) und Peter Wanner (VR-Präsident)
Schlagkräftig ist es zudem, weil im Zeitungsbereich eine gemeinsame Mantelredaktion für die Kopfblätter der „Nordwestschweiz“, der „Luzerner Zeitung“ (LZ) und des „St. Galler Tagblatts“ (SGT) angedacht ist. Dass damit Stellen gestrichen werden müssten, stellte Pascal Hollenstein, der designierte publizistische Leiter des Joint Ventures, nicht in Abrede. Man werde dies aber – wie schon beim bereits erfolgten redaktionellen Zusammenwachsen von LZ und SGT, ohne Entlassungen, sondern über natürliche Abgänge bewerkstelligen. Die Medienvielfalt sieht Hollenstein deswegen nicht bedroht, sondern er sieht die Titel des neuen JV als publizistischer Konkurrent der NZZ, der Tamedia-Titel (mit ebenfalls gemeinsamer Deutschschweiz-Redaktion), der Ringier-Titel und der SRG.

Möglich ist ferner eine Ausweitung des Konzepts „Schweiz am Wochenende“ – also die Aufwertung der Samstagsausgabe an Stelle einer eigentlichen Sonntagsausgabe. Hier wären die Synergien noch grösser als unter der Woche, weil heute schon „Nordwestschweiz“ und „Südostschweiz“ (SOCH) dieses Konzept gemeinsam umsetzen. Die Zahl der beteiligten Titel wäre an Wochenenden also noch grösser. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass die NZZ-Mediengruppe im Fall der „Ostschweiz am Sonntag“ den Printtitel soeben eingestellt hat. Es dürfte deshalb nicht überraschen, wenn schon bald entschieden würde, auch die „Zentralschweiz am Sonntag“ (ZaS) einzustellen und stattdessen sowohl in der Ost- als auch in der Zentralschweiz samstags eine „Schweiz am Wochenende“ zu lancieren – mit identischem redaktionellen Samstags-Mantel für die Kopfblätter der „Nordwestschweiz“, der SOCH, der LZ und des SGT.
Etienne Jornod nimmt keinen Einsitz im VR des neuen Unternehmens, Pascal Hollenstein übernimmt dort aber die publizistische Leitung.
Markus Knöpfli, © knö.
Etienne Jornod nimmt keinen Einsitz im VR des neuen Unternehmens, Pascal Hollenstein übernimmt dort aber die publizistische Leitung.
Synergien würde das Joint Venture auch im Radio- und TV-Bereich ermöglichen: Die AZ Medien bringt ihre nicht-konzessionierten sprachregionalen Sender TV24, TV25 und das angekündigte Virgin Radio ein, dazu das Grossstadt-TV Tele Züri. Beide Unternehmen verfügen zudem noch über die konzessionierten Lokalsender FM1, Radio Pilatus, TVO und Tele 1 (diese gehören der NZZ) und Radio Argovia, Tele Bärn und Tele M1 (AZ Medien). Das ergibt insgesamt eine starke Abdeckung (Wanner: „auf Augenhöhe mit der 3 Plus-Gruppe“), bei der auch inhaltliche Kooperationen möglich sind. Zwar ist es derzeit einem Unternehmen gesetzlich verboten („2 und 2-Klausel“), mehr als je zwei konzessionierte TV- und Radio-Sender zu besitzen. Deshalb bleiben die Lokalsender noch aussen vor. Eine Zusammenarbeit mit den Sendern im JV wären dennoch möglich. Sollte die „2 und 2-Klausel“ aber einmal fallen (in Diskussion ist sie), kämen diese Sender ebenfalls hinzu. 




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