"Medienclub"

Wie der "Trumpisierung der Medien" beizukommen ist

Die Medienclub-Runde (von links): Politgeograph Michael Hermann; Arthur Rutishauser, Chefredaktor "Tages-Anzeiger" / "SonntagsZeitung"; Moderator Franz Fischlin; alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf; "Arena"-Moderator Jonas Projer.
© Schreenshot srf.
Die Medienclub-Runde (von links): Politgeograph Michael Hermann; Arthur Rutishauser, Chefredaktor "Tages-Anzeiger" / "SonntagsZeitung"; Moderator Franz Fischlin; alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf; "Arena"-Moderator Jonas Projer.
Was tun, wenn ein Politiker wie Donald Trump die Medien derart für seine Zwecke benutzt? Der "Medienclub" von gestern Abend nannte nur zwei Gegenmittel: Zusätzliche Aufklärung über die Mechanismen der Medien. Und das systematische Hinterfragen von Politiker-Aussagen.
 "Trumpisierung der Medien" – was ist darunter zu verstehen? Moderator Franz Fischlin erklärte den Mechanismus, der zu dieser Phänomen führt, so: "Politiker und Medienmacher sind in einem Wechselspiel. Beide brauchen Aufmerksamkeit. Donald Trump beherrscht dieses Spiel. Beherrscht er dadurch auch die Medien?"
"Arena"-Moderator Jonas Projer:
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"Arena"-Moderator Jonas Projer:
"Arena"-Moderator Jonas Projer, schien die Frage zu bejahen: "Er (Trump) schafft es, Themen und Provokationen so zu bringen, dass die Medien das erhalten, was sie benötgen, um Clicks zu generieren und Geld zu verdienen." Arthur Rutishauser, Chefredaktor "Tages-Anzeiger" / "SonntagsZeitung" bestätigte, dass dies auch  beim "Tagi"-Publikum funktioniert: "Trump hat einen hohen Unterhaltungswert. Die meistgeklickten Geschichten auf dem Newsnetz handeln fast immer von Trump."

Den eigentlichen Hintergrund zu diesem Phänomen lieferte aber Stephan Russ-Moll, Professor an der Uni Lugano, der quasi hinzugeschaltet wurde. Die starke Medienpräsenz von Trump liege zum einen an seinen harten Attacken gegen seine Gegner, das wecke Aufmerksamkeit, sagte Russ-Moll, zum andern aber auch an personell unterdotierten Medienredaktionen in den USA: Diese seien - von wenigen Ausnahmen abgesehen – "stark geschrumpft und es fehlt der Widerpart. Trump hat das schamlos ausgenützt." Politgeograph Michael Hermann pflichtete ihm bei: Fehle den Medien das Geld, setzten diese zunehmend auf inhaltliche Belanglosigkeiten. "Es geht um Emotionen", sagte Hermann. Das wüssten Leute wie Trump geschickt auszunützen – indem sie bewusst Emotionen lieferten. Das komme bei den Medienkonsumenten an und funktioniere auch in der Schweiz. Entsprechend würden hierzulande online vor allem 3B-Geschichten angeklickt – also "Büsi, Busen und Blocher".
Politgeograph Michael Hermann
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Politgeograph Michael Hermann
Doch wie ist dem Phänomen beizukommen? Diese Frage wurde erst am Schluss der Sendung und viel zu kurz behandelt. Ein konkretes Gegenmittel nannte Rutishauser: 
Wenn jemand wie Trump auftrete und mit Unwahrheiten argumentiere, dann müssten die Medien "dies eben auf die gleiche Art auffangen". Als Beispiel nannte er den "Faktencheck" auf tagesanzeiger.ch. Dabei handelt es sich um kurze, öffentliche Aussagen von Politikern, denen eine Überprüfung durch die Redaktion gegenüber gestellt wird. Etwa 50 Prozent der Aussagen seien falsch, sagte Rutishauser. "Doch das wird angeklickt. Die Leute lieben das", sagt er.

Auch Professor Russ-Moll nannte ein Gegenmittel. "Die 
Medien sollten mehr über Journalismus und Medien aufklären." Denn mit einer solchen Medienaufklärung setze man auch Schranken für Politiker, die sich die Schwächen der Medien zunutze machten.

Genau das wollte der "Medienclub" eigentlich tun, doch 
bisweilen geriet die Sendung  zu einer Geschlechter-Diskussion: Beurteilen männliche Journalisten Politikerinnen anders als weibliche Journalisten? Oder schauen Beide bei Politikerinnen primär auf Kleider und Frisur?

Uneinig war man sich in der Runde, wie es um die "Trumpisierung der Medien" in der Schweiz steht. Als Beispiel wurde SVP-Nationalrat Roger Köppel gezeigt, der in einer Asyldebatte so sehr auf die Person von Bundesrätin Simonetta Sommaruga zielte, dass diese den Saal verliess. Damit prägte Köppel die mediale Politdebatte während einer ganzen Woche.


Hermann betonte denn auch, dass in der Schweiz die "Trumpisierung der Medien" früher eingesetzt habe als in den USA. Die Medien fragten nicht danach, ob jemand wirklich Einfluss habe, sondern nur, "wer Lärm macht und provoziert." Solche Leute seien bei Medien gefragt. Durch das politische System in der Schweiz werde dies auch noch gefördert. "In der Schweiz hat man (als Politiker) ständig den Anreiz Lärm zu machen, weil man ja ständig im Wahlkampf ist." Hinzu komme, dass sich Medienschaffende "lieber mit Personen und Skandälchen abgeben, statt sich in die Materie hinein zu knien".
alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf
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alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf
Das sah auch alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf so. Sie wies zudem darauf hin, dass es für die "Trumpisierung der Medien" zwei Seiten braucht – die Medien, die das Angebot liefern, und die Medienkonsumenten, die dann genau dieses Angebot nachfragen. Rutishauser dagegen nahm eher eine – allerdings vorsichtige – Gegenposition ein. Er teile die Meinung nicht, dass die Medien heute wegen dem finanziellen Druck weniger kritisch seien als früher, sagte er etwa. Und er wollte auch nicht glauben, dass Themen komplexer würden oder die politische Stimmung im Land aggressiver. Und er nannte die Kriterien, nach denen er seine Interviewpartnern auswähle: "Ist die Person relevant und wird sie ernst genommen? Und argumentiert sie verständlich?" An "Luftibussen" habe er kein Interesse, diese würden eh bald wieder von der Bildfläche verschwinden. Projer hingegen gestand, dass er für die "Arena" neben Leuten mit Dossierkenntnissen und der Fähigkeit, sich zu verkaufen, immer wieder auch auf Personen setze, "die etwas Polemik einbringen".
Arthur Rutishauser, Chefredaktor "Tages-Anzeiger" / "SonntagsZeitung"
© Screenshot srf.
Arthur Rutishauser, Chefredaktor "Tages-Anzeiger" / "SonntagsZeitung"
Widmer-Schlumpf warf ihm und andern Medien genau das vor: In einer Sendung zum Asylgesetz habe Projer es einmal mit der Auswahl der Personen klar auf einen Showdown angelegt, was dann glücklicherweise nicht eingtreten sei. "Die Medien hätten aber gerne einen Knatsch gehabt", sagte sie. Damit ziele man aber häufig an den Medienkonsumenten vorbei. "Deren Niveau wird oft unterschätzt. Sie sind durchaus für sachliche Argumente zu haben", sagte die alt Bundesrätin.
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