"Medienclub"

"Entscheidend war, dass Trump – mit einer Ausnahme – nie auf Anwürfe reagierte"

Beim "Medienclub" diskutierten mit: (von links): Michèle Binswanger, Michael Hermann, Franz Fischlin (Moderator), Matthias Ackeret, Matthias Zehnder.
Screenshot srf.
Beim "Medienclub" diskutierten mit: (von links): Michèle Binswanger, Michael Hermann, Franz Fischlin (Moderator), Matthias Ackeret, Matthias Zehnder.
Der "Medienclub" vom 29. November 2016 unter der Leitung von Franz Fischlin brachte zwar kaum neue Antworten auf die Frage, welchen Anteil die Medien am Wahlerfolg Trumps hatten. Aber doch eine Palette der möglichen Gründe.

Michael Hermann, Politikwissenschaftler gab schon zu Beginn der Sendung unumwunden zu, dass er nicht an eine Wahl Donald Trumps geglaubt habe. "Ich habe die Situation wirklich falsch eingeschätzt." Michèle Binswanger, Journalistin beim "Tages-Anzeiger", beklagte mehrfach das "disruptive Ereignis". Doch obwohl sie der Meinung ist, dass Journalisten nicht Ereignisse voraussagen müssen, sagte sie: "Wir haben versagt." Zudem habe die Wahl Trumps "mich in meinem Selbstverständnis als Journalistin erschüttert." Weshalb, blieb aber offen.

(© Screenshot srf.)
Weniger überrascht war offenbar Matthias Ackeret, Chefredaktor der Medienzeitschrift "Persönlich" und Moderator von "Blocher-TV": Auf einer Reise durch die USA wenige Tage vor der Wahl stellte er fest, dass die Wirklichkeit dort eine andere war als in den Medien hier transportiert worden war. Zudem habe Trump den Leuten versprochen, verlorene Jobs zurückzubringen, das sei ihnen wichtiger gewesen als jede Sexismusdebatte. Kandidatin Clinton hingegen erschien ihnen nur als Fortsetzung der bisherigen Politik.
Matthias Zehnder, Publizist und Medienwissenschafter.
Matthias Zehnder, Publizist und Medienwissenschafter. (© Screenshot srf.)
Interessant waren Zahlen, die der Publizist und Medienwissenschaftler 
Matthias Zehnder vorlegte: Faktenchekcs hätten ergeben, dass 71 Prozent von Trumps Tweets ganz oder teilweise falsche Aussagen enthalten hätten. Bei Clinton oder Obama habe die Fehlerquote um die 26 Prozent betragen. Nicht zuletzt deshalb habe Trump schon bei der Ausmarchung unter den republikanischen Kandidaten mehr Raum im TV erhalten als alle seine 16 Mitbewerber. Zwischen Clinton und Trump sei das Verhältnis bei 1:3 gestanden. "Die Medien haben voll auf Trump gehalten, zum Teil auch, weil sie sich über ihn aufregten. Aber sie haben ihm dadurch doch Sendezeit und Wirkung verschafft", sagte Zehnder.
Matthias Ackeret, Verleger der Medienzeitschrift "Persönlich" und Moderator "Tele-Blocher"
Matthias Ackeret, Verleger der Medienzeitschrift "Persönlich" und Moderator "Tele-Blocher" (© Screenshot srf.)
Ackeret bestätigte das indirekt: "Der Marke Trump haben alle diese Skandale nicht geschadet" – zu sehr sei sein Ruf schon ramponiert gewesen. Hermann fügte noch einen weiteren Aspekt hinzu: "Entscheidend war, dass Trump nie auf Anwürfe reagierte", sagte er. Mit einer Ausnahme: Als das Video mit seinen Grapscher-Aussagen auftauchte. Clinton habe im Gegensatz zu Trump jedoch den Anspruch, ehrlich zu sein, "darum war es viel leichter, sie mit Lügen zu jagen. Trump aber wollte gar nicht mitspielen in der Liga der Wahrheit, das war seine grosse Freiheit."
Michael Hermann, Politikwissenschaftler.
Michael Hermann, Politikwissenschaftler. (© Screenshot srf.)
Auch die verbreiteten Falsch-Informationen waren im "Medienclub" ein Thema – und die Frage, was dagegen unternommen werden kann. Hier machte Binswanger ein Versagen der Verleger aus, die ausser Stellen zu streichen, bisher kein Modell gefunden hätten, um den klassischen Journalimus ins digitale Zeitalter zu retten. Zehnder hingegen setzte auf "die Kraft der Aufklärung": Wichtig sei, dass die Medien so handeln wie die "New York Times", die mehrmals Falschinformationen akribisch nachrecherchiert und aufgedeckt hatte. "Vielleicht ist die Wirkung im Moment nicht so stark wie die aufschäumenden Emotionen", sagte er, längerfristig aber sei es wichtig, dran zu bleiben und in die Aufklärung zu investitieren. Und punkto alternative Finanzierungsmodelle sagte er: "Wir haben ja in der Schweiz ein Beispiel – eine Genossenschaft, die Fernsehen macht."

Auch Hermann plädierte dafür, dass Medien unbedingt Haltung zeigen müssten und nicht bloss das bringen, was die Mehrheit will. Die Durchsetzungintitiative habe ja gezeigt: Dank einer klaren Stellungnahme hätten 60 Prozent der Bevölkerung dagegen gestimmt. "Man kann also etwas erreichen, wenn man eine Aufklärungsleistung erbringt", folgerte er. Wohl gewinne man nicht immer, "aber wenn man schon aus Angst vor Reaktionen mit der eigene Position zurückhält, dann kann man die Medien wirklich abschaffen."

Hier wehrte sich Ackeret: Wenn Medien davon ausgehen würden, dass jeder Trump-Wähler ein Idiot sei, dann seien sie dies voreingenommen. Die Journalisten müssten sich doch auch fragen, weshalb einer Trump wähle. Dem pflichtete Binswanger bei: Eine eigene Haltung sei wichtig, aber man müsse auch bereit bleiben, die Dinge von verschiedenen Seiten anzuschauen. "Sonst befindet man sich plötzlich auf einer Kanzel, und das halte ich für mich persönlich nicht für erstrebenswert." Auch Zehnder sah das so: "Journalisten sollen nicht der Mehrheit hinterher schreiben, sondern der Mehrheit aufs Maul schauen – und dann ehrlich und verständlich schreiben." knö



stats