IGEM-Anlass

Horrorfilme im Kino schonen jetzt die Umwelt

Die Arena Cinemas werben aktiv für ihren ersten LED-Screen.
Markus Knöpfli, knö
Die Arena Cinemas werben aktiv für ihren ersten LED-Screen.
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Er ist als “kinotechnische Revolution” angekündigt, tatsächlich bringt der erste LED-Kino-Screen Europas den Kinobesuchern auch Einiges: Mehr Nähe zur Wirklichkeit, ein besseres Lichtspiel-Spektakel und vor allem mehr freie Sicht auf die “Leinwand”, die nun keine mehr ist.
Derzeit gibt es ihn erst einmal in der Schweiz und auch europaweit – und zwar im Arena-Multiplex Sihlcity (18 Säle) in Zürich: Der Saal 5 ist neuerdings mit einem 10,3 m x 5,4 m grossen LED-Screen ausgerüstet, der gestern im Rahmen einer IGEM-Veranstaltung rund 40 kinointeressierten Agentur-Vertreterinnen und -Vertretern vorgeführt wurde.

Sebastiano Zumstein, Chefoperateur der Arena Cinemas, demonstrierte die Funktionsweise und hob die Neuerungen hervor. Zum einen sind das mehr Kontraste, mehr Helligkeit und ein breiteres Farbenspektrum. Zum andern kommt der Zuschauer in den Genuss eines unverzerrten Vollbildes und mehr Sichtfreiheit.

Kleine sehen mehr

Der Grund: Die Leinwand ist im neueingerichteten und umgebauten Saal ersetzt durch den selbstleuchtenden LED-Screen, der wie ein überdimensioniertes TV-Gerät funktioniert. Die gut 50 Quadratmeter grosse Fläche umfasst 4096 x 2160 Pixel (LED-Lämpchen). Folglich entfallen Projektor und Lichtstrahl von hinten. Es kommt somit nicht mehr vor, dass der Kopf einer stehenden Person einen Schatten auf die Leinwand wirft. Und weil der Projektorraum obsolet wurde, konnten die Sitzreihen steiler angeordnet werden. Somit haben selbst kleine Zuschauer eine freiere Sicht nach vorn.
Das sind gemäss Hersteller Samsung die Vorteile des LED-Screens
Das sind gemäss Hersteller Samsung die Vorteile des LED-Screens (© knö)
Das sind erst einmal die ganz praktischen Vorteile des LED-Screens, die natürlich insbesondere bei Kinoneubauten zur Anwendung kommen können. Dazu kommen aber auch optischen Neuerungen, die allein durch die LED-Technik ermöglicht werden. Dazu gehört die Tatsache, dass LED-Lampen, die ausgeschaltet sind, tatsächlich vollkommen schwarz sind, während Schwarz im herkömmlichen Kino, bedingt durch die Projektion, bestenfalls als dunkler Grauton erscheint.
Arena Cinemas LED-Screen
Arena Cinemas LED-Screen (© knö)
Das Darstellen effektiver Dunkelheit ermöglicht somit einen höheren Kontrast auf der “Leinwand”. Umgekehrt vermögen die LED-Lampen auch heller zu leuchten als eine Leinwand, die bloss reflektiert. Dies wiederum macht insgesamt das Darstellen eines breiteren und differenzierteren Farbensprektums möglich.
Arena Cinemas LED-Screen
Arena Cinemas LED-Screen (© knö)
Und zu guter Letzt: Da die leicht schiefe Projektion (von hinten oben nach vorne unten) entfällt, ist das Bild auch völlig unverzerrt. In herkömmlichen Kinosälen ist es dagegen wegen der Verzerrung nötig, Teile der seitlichen Bildränder “abzuschneiden”. Mit dem LED-Screen kann den Zuschauern hingegen das uniforme Vollbild gezeigt werden.
Ein breites Farbenspektrum.
Ein breites Farbenspektrum. (© knö)
“Wir können nun die Filme echter und mit mehr Nuancen zeigen als bisher. So, wie sie eben gemeint sind”, fasste Sebastiano Zumstein zusammen.

Je düsterer, desto sparsamer

Auf dem LED-Screen kann HDR-Standard gezeigt werden, möglich sind bald auch 3D-Filme, doch ist dafür die Ausrüstung im Arena-Saal noch nicht komplett, wie der Chefoperateur ausführte. Nichts sagen konnte oder wollte Zumstein zu den Kosten beziehungsweise den Kosteneinsparungen dank der neuen Technik, ebenso wenig zu den Ausbauplänen bei den übrigen Arena-Sälen. Dafür umso mehr zum Gewicht der neuen “Leinwand” (1,440 Tonnen), deren Lebensdauer (100.000 Stunden mit nahezu gleichbleibender Helligkeit) und zum Stromverbrauch: Dieser sei bei düsteren Horrorfilmen geringer als bei hellen, bunten Kinderfilmen. Bisher gab es diesen Unterschied nicht, der Stromverbrauch war konstant.

Der Ton wird reflektiert

Noch ein Wort zum Ton: Die Soundboxen sind in herkömmlichen Kinosälen etwa auf halber Höhe hinter der Leinwand installiert. Das ist bei einem LED-Screen nicht möglich, sie müssen über dem Screen installiert werden. Damit aber der Ton aus Sicht des Kinobesuchers weiterhin aus der Screen-Mitte kommt, behilft man sich mit Tricks: An den Seitenwänden des Saales werden kleine Sound-Reflektoren angebracht, die den Ton von den Boxen zurück auf den Screen werfen, wo der Ton nochmals Richtung Publikum reflektiert wird.

Spannende News von Werbeweischer
Am IGEM-Anlass nutzte Christof Kaufmann, CEO von Werbeweischer Schweiz, die Gelegenheit, seinerseits auf zwei Neuerungen des Kinowerbevermarkters hinzuweisen. So kündete er unter dem Slogan “Cinema goes TV” an, dass Werbeweischer ab 2019 erstmals tagesaktuelle und filmbezogene Reichweitendaten anbieten werde – dies anstelle der bisher einmal jährlich von der Wemf publizierten Kinoreichweitendaten. Entsprechende Machbarkeitsstudien seien erfolgreich abgeschlossen, sagte Kaufmann. Die bevorstehende Umstellung der Nutzungsforschung sei die Basis dafür, dass die Kinoreichweiten dereinst auch in TV-Planungs- und Buchungstools integriert werden könnten.

Weiter tönte er an, dass er mit einer “bekannten Schweizer Uni” kurz vor Vertragsabschluss sei, um einen Lehrstuhl zum Thema “Bewegtbild” einzurichten, der (vorerst?) auf drei Jahre angelegt sein wird. Doch weder zur Forschung noch zum Lehrstuhl wollte Kaufmann gestern mehr preisgeben.
"Horrorfilme schonen jetzt die Umwelt", witzelte Dennis Lück, der nach Zumsteins Präsentation auftrat. Der Werber des Jahres 2017 und Kreativchef bei Jung von Matt/Limmat hob die Bedeutung von Bewegtbild in der aktuellen Werbewelt hervor und formulierte sechs Trends zum Thema “Wie man Bewegtbild bewegend macht”. Einer davon hat direkt mit den zusätzlichen Möglichkeiten zu tun, die die neue Screen-Generation bietet: Interaktive Werbung. Anhand eines selbstgedrehten Handy-Filmchens demonstrierte Lück, was er damit meinte: Lück live im Saal parlierte mit Lück im Film, was zeigte: Geschickt eingebaut kann damit ein Überraschungseffekt und viel Aufmerksamkeit erzeugt werden.

Schluss mit Werbung

Ein weiterer Lück’scher Trend: “Brandentertainment”. Der Werber folgerte: “Macht keine Werbung. Werbung ist Scheisse.” Gefragt sei Unterhaltung. Mittels zweier Bier-Spots veranschaulichte er dies: Der eine Spot zeigte Vater und Sohn beim Bau eines Hauses – und wie sie dazwischen immer wieder ein bestimmtes Bier genossen. Der zweite Spot erzählte die Geschichte von vier Männern, die sich zufällig in den Ferien im selben Hotel trafen, vor lauter Freude ihre Freundinnen stehen liessen und sich – zu einem Bier – zusammensetzten.

Bewegtbild werde dank digitaler Screens zunehmend auch die Aussenwerbung erobern, zeigte sich Lück überzeugt. Das sei eine grosse Chance, da Bewegtbild-“Plakate” je nach Machart 10 bis 30 Prozent mehr Aufmerksdamkeit generierten. “Mit Bewegtbild können wir Menschen und Märkte bewegen, meinte der Werber des Jahres 2017.Als fünften Bewegtbildtrend nannte er das “Comeback der Länge”. So würden Langformate (etwa 90-Sekünder) wieder möglich. Der Grund: “Die emotionale Wucht kriegt man nur mit Länge hin”, sagte Lück. Entsprechend werde wieder stärker auf filmische Qualität (= 5. Trend) wert gelegt. Und schliesslich zeigte er sich überzeugt, dass Kino als beosnders emotionales Bewegtbildmedium wieder vermehrt Anklang finden wird (Trend 6). Insofern biete es sich im Zeitalter des Experience Marketing geradezu an, warb der Werber. knö

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