Glosse

Liebe Verleger...

Links das Inserat im heutigen "Tages-Anzeiger", rechts jenes in der heutigen "Basler Zeitung"
Markus Knöpfi, knö.
Links das Inserat im heutigen "Tages-Anzeiger", rechts jenes in der heutigen "Basler Zeitung"
Euer Verband Schweizer Medien (VSM) hat soeben wieder eine Inseratekampagne – sozusagen "in eigener Sache" – lanciert: Sie soll Werbeauftraggeber und Agenturen auf die hohe Glaubwürdigkeit der Presse und die gute Wirkung von Printinseraten hinweisen. Das ist löblich. Leider hat Euer Verband dabei aber mindestens zwei Böckchen geschossen.
Als ich gestern früh zwei Eurer Tageszeitungen aufschlug, stiess ich in jedem Blatt auf je ein VSM-Inserat: Aus dem "Tages-Anzeiger", dem Flaggschiff Eures Präsidenten Pietro Supino, lachte mir ein gut gelaunter Professor Otfried Jarren entgegen, seines Zeichens Präsident der Eidgenössischen Medienkommission. In einer Sprechblase sagte er dort etwas über Fake News. Unter dem Porträt des Herrn Professor behauptet dann Euer Verband, dass es in der Schweizer Presse keine Fake News gebe. "Glaubwürdigkeit steht bei uns an erster Stelle – ohne Alternativen: Damit Sie Lügen von Fakten unterscheiden können." Sooo schön.

Dumm nur, dass der Herr Professor bei dem, was er im Inserat sagt, ziemlich ins Stottern gerät. Hat er zu tief ins Weinglas geschaut? Oder hat er bloss den Schluckauf?
(© knö.)

Sooo sch ön, was e r da übe r die Me dien sagt. – Aber liebe Verleger, um Eure Glaubwürdigkeit zu untermauern, solltet Ihr künftig schon besser darauf achten, dass Euer Verband beim nächsten Mal einen nüchternen Herrn Professor präsentiert.

Das zweite Inserat, das mir auffiel, erschien in der "Basler Zeitung". Da gabs keine Lücken, hier war orthographisch alles perfekt. Der Setzer war offenbar voll nüchtern. Bei Eurer Media-Agentur hingegen habe ich diesbezüglich meine Zweifel: Dort war man wohl ziemlich besoffen. Jedenfalls hat sie beim Platzieren des Inserats nicht auf Brand Safety geachtet. Denn unter der Inserate-Headline steht noch etwas Kleingedrucktes. Dort heisst es: "Mit Inseraten erreicht man innert kürzester Zeit fast die gesamte Schweizer Bevölkerung. Auch regional und lokal erzielt man rasch hohe Reichweiten." Und das ausgerechnet in der BaZ, einer der Zeitungen, deren Reichweite in der Vergangenheit am meisten und schnellsten bröckelte. Das macht deshalb Eure Botschaft nicht sehr glaubhaft.

Liebe Verleger, wenn Euer Verband ein solches Inserat schaltet, dann sollte er unbedingt darauf achten, dass Brand (in diesem Fall die Marke VSM) und Umfeld gut zusammenpassen. Das ist ungemein wichtig. "Basler Zeitung", "Blick", "20 Minuten" oder "Blick am Abend" sind als Umfeld für die erwähnte Aussage daher ziemlich ungeeignet, besser wären "Schweizer Landliebe" oder die "WochenZeitung" WoZ – das waren in letzter Zeit die Reichweitengewinner.

Einen Trost aber gibt es: Immerhin hat Eurer Verband nur zwei Böckchen geschossen – und keinen ausgewachsenen Bock: Das wäre dann passiert, wenn er die Inserate statt in der BaZ in der "Schweiz am Sonntag" oder in "L'Hebdo" platzierte hätte – damit hätte er seine Glaubwürdigkeit noch mehr verspielt. knö

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