FCB Zürich

Quartett statt Solo-Star

Kreativquartett: Sören Schröder, Marcin Baba, Flavio Meroni und Andy Lusti (unten v.l.)
© FCB Zürich
Kreativquartett: Sören Schröder, Marcin Baba, Flavio Meroni und Andy Lusti (unten v.l.)

Wie geht eine Agentur damit um, wenn sie ihr kreatives Aushängeschild verliert? Cornelia Harder, CEO von FCB Zürich, musste sich diese Frage im Frühjahr stellen. Die Network-Niederlassung hatte gerade richtig Fahrt aufgenommen, als Chief Creative Officer Dennis Lück seinen Wechsel zu Ortskonkurrent Jung von Matt/Limmat ankündigte.

In der Schweizer Agenturszene gab es wochenlang kein anderes Thema, immerhin wird der aus dem Saarland zugereiste Lück derzeit als einer der kreativsten Werber der Alpenrepublik gefeiert. Harder blieb kaum Zeit zum Trauern, denn nach Lücks Kündigung begann die bislang erfolgreichste Zeit für FCB – zumindest aus kreativer Sicht: Bei den Cannes Lions konnte das Team mit Arbeiten für den Hockey Club Davos und den Verein Flüchtlinge Willkommen sieben von elf Schweizer Löwen mit nach Hause nehmen. Auch bei den Clios und den London International Awards ist sie die erfolgreichste Agentur der Alpenrepublik.

FCB-Chefin Cornelia Harder hat viel vor mit ihren vier CDs
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FCB-Chefin Cornelia Harder hat viel vor mit ihren vier CDs
Für Harder steht fest, dass sie diesen Kurs beibehalten will. Dabei wird sie sich in Zukunft allerdings nicht mehr auf einen Anchor Man verlassen, sondern vertraut stattdessen auf ein schlagkräftiges Quartett, bestehend aus den Kreativ-Direktoren Andy Lusti, Marcin Baba, Sören Schröder und Flavio Meroni. „Unsere kreative Spitze ist breiter und flexibler aufgestellt als früher – diese Diversity macht uns noch vielseitiger, und schlagkräftiger“, ist Harder überzeugt.

Baba und Schröder sind seit neuestem auch Mitglied im Schweizer ADC. Die Agenturchefin führt das als Beleg dafür an, dass der kreative Erfolg ihres Unternehmens auch schon vor Lücks Ausscheiden auf mehreren Schultern verteilt war: „Dass gleich zwei Creative Directors aus unserer Agentur im selben Jahr im ADC aufgenommen wurden, zeugt von außergewöhnlicher Talentdichte und ist Belohnung für die guten Arbeiten während der letzten Jahre.“

Preisgekrönte Kampagne für "Flüchtlinge Willkommen"
© FCB Zürich
Preisgekrönte Kampagne für "Flüchtlinge Willkommen"
FCB Zürich beschäftigt aktuell 35 Mitarbeitern. Im Umsatzranking des Schweizer Agenturenverbands Swiss Leading Agencies (LSA) lag sie zuletzt mit einem geschätzten Bruttobetriebsertrag von 5 bis 6 Millionen Schweizer Franken auf Platz 23. Der kreative Erfolg soll nun auch das Wachstum beflügeln. „Die Auszeichnungen haben unsere Reputation geprägt und wir freuen uns daher regelmäßig über Anfragen für neue Mandate und Projekte“, berichtet Harder. Nicht zu unterschätzen sei außerdem die Magnetwirkung auf junge Talente.

Diese treffen bei FCB Zürich auf einen Mix aus internationalen und Schweizer Marken. Nivea zählt ebenso zum Portfolio wie die beiden Versicherungsunternehmen Zürich und Helsana, der Energieversorger Axpo, die Graubündner Kantonalbank, der Süßwarenhersteller Kägi und der Hockey Club Davos. Neu auf der Kundenliste stehen seit diesem Jahr die Dienstleistungsorganisation für Altersfragen Pro Senectute und der Vermögensverwalter Black Rock. Weitere Projekte und Pitches seien in der Pipeline und hoffentlich bis Ende des Jahres spruchreif, so Harder.

Aktuelle Arbeit für Helsana
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Aktuelle Arbeit für Helsana
Bei den zuletzt prämierten Arbeiten der Agentur fällt auf, dass digitale Innovationen eine wichtige Rolle spielen und die Tonalität durchaus international ist. Harder betont, dass sie sich stark an ihrem internationalen Network orientiert. „Wir haben bei FCB alle die gleichen Grundwerte, nach denen wir leben und arbeiten, und das gleiche Ziel: kreative Topleistungen für unsere Kunden zu erbringen und mit diesen Arbeiten auch international Awards zu gewinnen.“

Tatsächlich konnte FCB Zürich in den letzten fünf Jahren kontinuierlich bei den Cannes Lions punkten. Beim Schweizer ADC-Wettbewerb lief es hingegen nicht so gut: Dieses Jahr reichte es lediglich für drei Shortlistplätze. Das hängt aber auch damit zusammen, dass die Kampagnen für den HC Davos und Flüchtlinge Willkommen zum ADC-Einsendeschluss noch nicht fertiggestellt waren.

Auftritt für den Hockey Club Davos
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Auftritt für den Hockey Club Davos
Im dem von „Werbewoche“ publizierten Kreativranking, das voraussichtlich Ende Dezember veröffentlicht wird, wird sich FCB dank ihrer hervorragenden internationalen Performance sicherlich dennoch weiter verbessern. 2014 lag die Agentur noch auf Platz 10, voriges Jahr reichte es immerhin schon für Platz 6. Dieses Jahr sieht es ganz danach aus, als würde Harder ihr erklärtes Ziel erreichen und endlich in die Top 3 der kreativsten Schweizer Agenturen vorstoßen. Dort soll FCB idealerweise auch bleiben – allerdings nicht um jeden Preis. Von typischer Show-Kreation, die eigens für Wettbewerbe gebastelt wird, distanziert sich die CEO: „ Wir können und wollen uns keine separate Abteilung ,Award-Show’ leisten. Wir bringen für reale Produkte und Dienstleistungen kreative Ideen zum Leben und schaffen damit einen Mehrwert für unsere Kunden.“

Werbefilm für die Theodora Stiftung
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Werbefilm für die Theodora Stiftung
Drei dieser Ideen sind in den vergangenen Wochen on Air gegangen: Für die von Helsana unterstützte Theodora Stiftung wirbt FCB mit einem berührenden Werbefilm. Der Clip zeigt kranke Kinder, denen die Krankenhausclowns der Stiftung ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Eine gänzlich andere Tonalität schlägt der jüngste Auftritt für den HC Davos an. In der Saisonkampagne 2016/17 werden die Spieler in Anlehnung an ihren „geradezu übermenschlichen Einsatz“ als Cyborgs inszeniert. Last but not least ist kürzlich eine interaktive Out-of-Home-Kampagne für Helsana gestartet. Mit 100 verschiedenen Sujets fordert der Versicherungskonzern die Passanten dazu auf, sportlich aktiv zu werden. Hier muss allerdings kritisch angemerkt werden, dass Ogilvy Berlin diese Idee bereits 2015 mit ihrer Powerade-Kampagne „Workout Billboards“ realisiert hat.

Nichtsdestotrotz belegen die Beispiele den hohen Output der kleinen Agentur. Dieser liegt nicht zuletzt darin begründet, dass vieles inhouse realisiert wird. „Wir sind schlank aufgestellt und handeln unkompliziert“, erklärt Harder. „Ein wesentlicher Vorteil ist, dass wir Content kreieren und auch gleich intern produzieren.“ Dazu seien Talente der Bereiche Konzept, Video, 3D Animation, Foto und UX an Bord. Es gibt bewusst keine Off- und Online-Abteilung, sondern interdisziplinäre Teams, die jedes Briefing „mit gleicher Leidenschaft und Unvoreingenommenheit angehen“, so Harder. „Bei uns gibt es keine kleinen oder großen Kunden, sondern nur große Ideen und überraschende Lösungen, die digital und analog an jedem Touchpoint funktionieren müssen.“ bu




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