Digital Index Switzerland

Digitalisierung: Fortschritt mit Luft nach oben

Fordert mehr Mut: Thomas Ruck, Managing Director bei Accenture Digital Schweiz
Accenture
Fordert mehr Mut: Thomas Ruck, Managing Director bei Accenture Digital Schweiz
Accenture attestiert vielen Schweizer Unternehmen Fortschritte bei der Digitalisierung – findet aber auch grosse Lücken. Das ist das Ergebnis des Digital Index Switzerland, den die Beratungsfirma jährlich erstellt.

Verstecken muss sich die Schweiz beim Thema Digitalisierung keineswegs, das zeigen die gängigen Ranglisten, die den Digitalisierungsgrad verschiedener Länder und Regionen vergleichen. Sie zeigen aber auch, was Thomas Ruck, Accenture Digital Lead Switzerland, urteilt: „Die Unternehmen in der Schweiz sind unterschiedlich stark digitalisiert. International tätige Grossunternehmen und Konzerne sind meist am weitesten, es gibt aber Potenzial.“ Mutiger und innovativer müssten viele Schweizer Firmen werden: „Es reicht nicht aus, einen kleinen Nukleus innerhalb des Unternehmens zu schaffen, der für Digitalisierung steht. Der Wandel muss in der ganzen Organisation greifen“, fordert Ruck.


Warum die Schweiz zwar ganz ordentlich, aber nicht weiter vorne in diesen Ranglisten liegt, untersucht beispielsweise das „Digital Competitiveness Ranking“ des International Institute for Management Development (IMD): Obwohl die Schweiz 2017 in der übergreifenden Wettbewerbsstudie im zweiten Jahr in Folge auf Platz 2 landet, muss sie sich in der Rangliste der digitalen Wettbewerbsfähigkeit mit Platz 8 begnügen. Die Schweiz sei zwar für die digitale Zukunft gerüstet, attestieren die Forscher der Hochschule Lausanne, beim Thema Wissen und vor allem den öffentlichen Ausgaben für dessen Vermittlung weisen sie allerdings auf deutliche Defizite hin. Eine negative Bewertung bringt zudem die Tatsache, dass Frauen in Sektoren, in denen die Digitalisierung stark Ein-zug gehalten hat, stark unterrepräsentiert sind.

(© Accenture/HORIZONT)
Wie es um die Digitalisierung in einzelnen Branchen steht, hat sich Accenture detailliert angeschaut. Dazu hat die Unternehmensberatungsfirma 100 Schweizer Firmen in drei digitale Profile mit unterschiedlichen Charakteristiken eingestuft: Digital Followers, Digital Maintainers und Digital Trendsetter. Die digitalen Verfolger (Followers) sind Firmen, die ihren digitalen Weg zwar bereits begonnen haben, aber noch nicht vollständig bereit für eine Transformation sind. Sie haben angefangen, Standardprodukte und -dienstleistungen über digitale Plattformen zu verkaufen. Damit bleiben sie einen Schritt hinter den sogenannten „Maintainers“ zurück, die sich zwar auf digitale Monetarisierung fokussieren, aber noch keine kontinuierliche Innovations-Pipeline haben.

Beiden Gruppen enteilen die Digital Trendsetter. „Das sind Unternehmen, die sich sehr stark digitalen Innovationen verschrieben haben, aber weniger stark auf Monetarisierung der bestehenden Produkte und des Service-Portfolios durch digitale Methoden und Techniken fokussiert sind“, sagt Ruck.

(© Accenture/HORIZONT)
Immerhin, seit 2016 haben viele Schweizer Unternehmen einen Schritt nach vorne gemacht: Mehr als die Hälfte (54 Prozent), die 2016 von Accenture als Digital Followers eingestuft wurden, haben sich mittlerweile zum nächsthöheren Profil, den Digital Maintainers, hochgearbeitet. Allerdings haben sich 43 Prozent der Digital Followers nicht angepasst und verharren somit noch bei den Verfolgern. Und während viele sich entwickeln und deshalb in diesem Jahr als Trendsetter bewertet wurden, hat Accenture zugleich fast die Hälfte der Unternehmen (48 Prozent), die 2016 als Digitale Trendsetter eingestuft wurden, zu Digital Maintainers zurückgestuft.

(© Accenture/HORIZONT)
Die Betrachtung der einzelnen Branchen zeigt grosse Unterschiede beim digitalen Reifegrad: So reicht die Spanne beispielsweise bei „Consumer Goods & Services“ vom Indexwert 3,0 (Adecco) bis 1,2 (Hügli Holding), bei „Retail“ von 3,0 (Migros) bis 1,7 (HG Commerciale) und bei „Communication, Media & Technology“ von 3,6 (Swisscom) bis 1,7 (Advanced Digital Broadcast Holding).

Bei den Vertretern der Branchen „Communications, Media & Technology“ und „Retail“, zu denen Firmen wie Swisscom, Ringier, APG/SGA und SRG/SSR beziehungsweise Migros, Coop und Charles Vögele zählen, hapert es laut Digital Index Switzerland vor allem an der Dimension „Manage“. Darin fasst Accenture die sogenannten Business Activities zusammen, die zeigen, wie ein Unternehmen versucht, interne Prozesse zu digitalisieren und operationelle Exzellenz herzustellen, also wie es interne Strukturen anpasst, um dem Umbruch, der mit der Digitalisierung stattfindet, gerecht zu werden. Teil dieser Dimension ist auch die Bewertung des Führungspersonals.

Digital Index Switzerland
Für die Untersuchung „Digital Index Switzerland“ schauen sich Experten von Accenture unter der Leitung von Stéphane Piqué, Project Lead Digital Index Switzerland, Thomas Ruck, Digital Lead Switzerland, und Thomas D. Meyer, Digital Lead Austria, Switzerland & Germany und Country Managing Director Switzerland, 42 sogenannte Business Activities aus den Dimensionen „Plan“, „Make“, „Sell“ und „Manage“ an, die relevant sind, um den Digitalisierungsgrad zu messen. Berechnet wird er mit Hilfe von Algorithmen. Daraus erstellt Accenture für 100 Unternehmen aus zehn Branchen Score Cards, die zeigen, wo sie bezüglich digitaler Innovation und digitaler Monetarisierung ihrer Vermögenswerte stehen.
In der Dimension „Plan“, in der diejenigen der 42 untersuchten Business Activities eingeflossen sind, die zeigen, wie ein Unternehmen strategisch an das Thema Digitalisierung herangeht, ist der Handel bereits deutlich weiter als die meisten anderen Branchen.

Verbessern können Unternehmen ihren Status, indem sie die Mechanismen der digitalen Innovation und digitalen Asset-Monetarisierung besser verstehen lernen. Digitale Innovation basiere auf der Fähigkeit der Unternehmen, kontinuierlich innovative Lösungen für ihre Kunden zu entwickeln, sagt Ruck. Wie wichtig hier Kontinuität ist, zeigen die geschilderten starken Schwankungen bei Digital Followers und Maintainers. Anhängig ist diese vom Einsatz neuer Technologien und einer kundenorientierten Service-Design-Philosophie (wie etwa Design Thinking). ems



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