Die "Republik"

Verleger und Revolutionäre

Die Crew von "Republik"
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Die Crew von "Republik"
Anfang 2018 geht die "Republik" an den Start. Constantin Seibt und seine Mitstreiter wollen den Qualitätsjournalismus im Netz neu erfinden. Ein Besuch im Hotel Rothaus, dem Sitz der Schweizer Medienrebellen.
"Ohne Produkt sind wir hervorragend gefahren." Constantin Seibt mag solche Sätze. "Wir wollen ja Journalismus ohne Werbung machen", sagt er, "bisher haben wir erst einmal Werbung ohne Journalismus gemacht." Selbstironie ist dem Präsidenten der "Republik" nicht fremd. Marketing macht ihm sichtlich Freude, solange es sich um erfolgreiches Guerilla-Marketing handelt ("Wir bestimmen den Ort und die Zeit des Angriffs"). Einen Businessplan aufzustellen, schreckt ihn auch nicht, obwohl: "Wenn wir scheitern, werden sie uns in der Limmat versenken." Sie, das sind die Kollegen und Konkurrenten, denen Seibt und seine Mitstreiter demnächst mal zeigen wollen, wie Schweizer Qualitätsjournalismus im Netz funktioniert – publizistisch, ökonomisch und überhaupt.

"Wir verkaufen eine Haltung"

Seibt, sein Kompagnon Christof Moser und ihr kleines Team haben bis Ende Mai einen überraschenden, ja sensationellen Erfolg erzielt. Für ihr Online-Magazin "Republik" haben sie im Wege des Crowdfunding auf Anhieb 13.845 Abonnenten gewonnen – 3000 waren das Minimalziel. Jeder von ihnen zahlt 240 Franken für das Jahres-Abo eines Titels, den es noch gar nicht gibt. Erst Anfang 2018 soll die erste Ausgabe erscheinen. "Wir verkaufen keine Artikel, sondern eine Haltung", sagt Seibt zur Erklärung, "und ein Ablasshandel ist auch dabei."

Die Haltung: unabhängig, unvoreingenommen, konzentriert auf das Wichtige, kritisch gegenüber den etablierten Medien. Der Ablasshandel: Der Leser kauft nicht einfach ein Medium, er wird zugleich Mitglied der gemeinnützigen Genossenschaft Projekt R, Mitverleger der "Republik", engagiert sich in der Zivilgesellschaft. So weit, so perfekt.

Die "Republik"-Macher sitzen im Hotel Rothaus
Die "Republik"-Macher sitzen im Hotel Rothaus (© dfv)
Die "Republik" sitzt nun auf einem Startkapital von fast 7 Millionen Franken, neben dem Crowdfunding tragen dazu Investoren und Spender bei. Noch sechs Monate bleiben für die Startvorbereitung: Aus dem Projekt muss eine Firma werden, mit Büros, Buchhaltung, IT und was sonst noch dazugehört. Die Redaktion braucht Redakteure. Und das Ganze braucht eine Struktur. Und eine Hierarchie. Bisher haben sie alles Wichtige im Konsens entschieden, zu sechst, stundenlang oder auch tage- und nächtelang debattiert. Tempi passati. Constantin Seibt weiß das. Und er weiß, dass die Transformation seiner Idee in die Praxis eine heikle Phase des Projekts einläutet.

"Der Journalismus verflacht"

Die Ansprüche sind, vorsichtig gesagt, hoch gesteckt. "Die Republik ist eine kleine Rebellion", schreiben die Macher zwar ziemlich bescheiden im ersten Satz ihres Selbstporträts auf der Website. Alle Sätze, die danach kommen, klingen allerdings eindeutig nach großer Revolution. Die traditionellen Verlage, so die Analyse der Republikaner, verabschieden sich vom Journalismus. Weil die Inserate ins Netz verschwunden sind, weil ihr Geschäftsmodell zusammengebrochen ist, verlagern sie ihre Aktivitäten ins Internet, investieren Geld und Ideen in Suchmaschinen für Jobs, Autos, Immobilien und die Liebe. Ihre Zeitungen und Magazine, die sterbenden Cashcows, werden noch so lange gemolken wie möglich. In den Redaktionen wird gespart, dazu wird fusioniert, was geht, kleinere Zeitungen werden gekauft und verdaut. Der Journalismus verflacht, wird pervertiert ...

Moment. Ja, Tamedia und Ringier beherrschen das Geschäft mit den Rubrikenanzeigen im Internet. Ja, die Printprodukte sind unter Druck. Ja, Redaktionen werden fusioniert und in zentralen Newsrooms organisiert. Aber in Zürich, einer Stadt mit 400.000 Einwohnern, erscheinen die "Neue Zürcher" und der "Tagesanzeiger", der "Blick" und "20 Minuten", Sonntagsblätter und Web-News, regional, national, international. Verglichen mit wesentlich größeren deutschen Städten – Hamburg etwa oder Köln – ist das ein Paradies in puncto publizistischer Vielfalt. Und in puncto Qualität.

Seibt und Co sehen das anders. Die "NZZ": in den Fängen einer Clique von neokonservativen Ideologen. Der "Tagi": ein Monster Frankenstein’scher Dimension, durchsetzt mit den News von „20 Minuten“, bestückt mit immer mehr Artikeln der "Süddeutschen Zeitung". Und im Hintergrund lauert Christoph Blocher darauf, nach "Basler Zeitung" und "Weltwoche" nun gleich die gesamte Schweizer Medienlandschaft zu seinem Sprachrohr zu machen.Das nennt mal wohl eine Verschwörungstheorie: eine Melange aus zutreffenden Fakten, schon lange kursierenden Gerüchten, einer Portion Phantasie bei der Interpretation der Wirklichkeit, dazu düstere Szenarien als würzige Beigabe. Die "Republik" will ein Menü des aufklärerischen Journalismus zubereiten. Aus diesen Zutaten?

Nein, natürlich nicht. Mut, Aufrichtigkeit, Größe – das sind die Begriffe, die Seibt gebraucht, um seine Vision vom künftigen „Republik“-Journalismus verständlich zu machen. Mit einer kleinen Crew, einem Dutzend Redakteure gegen (immer noch) große Redaktionen, das erfordere Konzentration – auf das Wichtige. Das Wichtige groß machen, in der Recherche, im Blick, in der Aufmachung, das soll ein Markenzeichen der "Republik" werden. Etwa drei Themen wird es täglich geben, Erklärendes soll den größten Anteil haben (60 Prozent), dazu Investigatives (20 bis 30 Prozent) und gesellschaftliche Themen, die Seibt unter dem Stichwort "Lagerfeuer" zusammenfasst (10 bis 20 Prozent).

"Nichts Halbgutes, Halbgares"

"Die tägliche Agenda der traditionellen Medien: interessiert die Macher der "Republik" nicht wirklich. Reichweite und Klicks: egal. Nichts Halbes, Halbgutes, Halbgedachtes, Halblanges. Stattdessen ein Versprechen: No Bullshit. Latente Aktualität soll die Auswahl bestimmen, nicht zwangsläufig die Breaking News. Wie international dieser Journalismus sein soll, wie national, wie regional: wird sich zeigen, alles noch im Fluss. Und die Leserverleger sollen mitbestimmen. Kürzlich, als die Finanzierung immer neue Rekorde erzielte, wurden sie schon einmal gefragt: ob man zusätzliches Geld für Satire ausgeben solle, oder für Datenjournalismus, oder für einen Deutschland-Korrespondenten. Die Mehrheit war für den Datenjournalismus, der Deutschland-Korrespondent landete auf dem letzten Platz.

"Unser einziger Kunde sind Sie. Wir verzichten auf jedes Nebengeschäft mit Werbung." So steht es im Manifest der "Republik". Warum eigentlich? Hat Seibt eine Werbe-Allergie? Ach nein, antwortet er mit seinem entwaffnenden Lächeln. Erstens ist es ja ein Aufwand, die Werbung in die Website einzubinden. Und zweitens, bei allem Erfolg des Crowdfunding, sind auch knapp 14.000 Leser in der Schweiz noch keine Größenordnung, die Werbeauftraggeber beeindruckt. Also: Viel Geld ist damit sowieso nicht zu verdienen. Dann macht man eben aus der Not ein Prinzip, das auch noch besonders tugendhaft klingt.

„Wir wollen ja Journalismus ohne Werbung machen, bisher haben wir erst einmal Werbung ohne Journalismus gemacht." “
Constantin Seibt
Das heißt aber auch: Die Leser müssen die "Republik" finanzieren, zu 100 Prozent. 240 Franken im Jahr, das sei der Preis, "den man pro Jahr wöchentlich für einen Kaffee im Restaurant ausgibt", heißt es nonchalant auf der Website. Aber klar, räumt Seibt ein, "das ist nicht nichts". Es dürfte auch nicht so schwer werden, die Inhalte der "Republik" im Netz zu lesen, ohne zu bezahlen – schon weil die Abonnenten die Artikel in den sozialen Netzwerken teilen dürfen. Paid Content, Bezahlschranke: Das sind keine Begriffe aus Seibts Vokabular. Er setzt darauf, dass die Menschen für den Qualitätsjournalismus bezahlen, weil sie wissen, dass es ihn auf Dauer nicht kostenlos gibt. Wie sonst hätte das Crowdfunding erfolgreich sein können?

Natürlich gibt es das Risiko, dass viele Abonnenten nach dem ersten Jahr abspringen. Bei den "Krautreportern" in Deutschland waren es zwei Drittel, damit war das Projekt praktisch erledigt. Die Fehler der Deutschen haben sie natürlich genau analysiert, und wenn es für die "Republik" ein Vorbild in der Medienwelt gibt, dann ist es auch nicht in Deutschland zu suchen. Sondern in Amsterdam, bei "De Correspondent", 2013 gegründet, mit ähnlichem redaktionellen Konzept und mit inzwischen 50.000 registrierten Nutzern. Seibt und seine "Republik" wollen nicht in der Defensive spielen, im Gegenteil: 22.000 Abonnenten sind das Ziel, in fünf Jahren. Wie man das erreicht? "Mit Können, Leidenschaft und Mut. Unser einziges Produkt ist vernünftiger Journalismus." So klingt das, wenn Journalisten (noch) im Marketing-Modus sind. Ab Anfang 2018, im Redaktions-Modus, wird die "Republik" an diesen Sätzen gemessen.

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