ADC Creative Week

Jessica Walsh will spielen - ein Porträt

Jessica Walsh, Partnerin des New Yorker Studios Sagmeister & Walsh
© Sagmeister & Walsh
Jessica Walsh, Partnerin des New Yorker Studios Sagmeister & Walsh
Jessica Walsh. Wunderkind. Art-Direktorin. Partnerin bei beim angesagten Design Studio Sagmeister & Walsh. Multitalent.Diesen Freitag ist sie Referentin. Bei der Creative Week des ADC will sie mit den Teilnehmern unter dem Motto "Play by your own rules" Grenzen ausloten.

Lauter Lobeshymnen: die Produktivste, Vielseitigste, Erfolgreichste. Art-Direktorin Jessica Walsh, 30, Tochter eines erfolgreichen US-Unternehmerpaars, galt einst als Wunderkind. Bereits elfjährig hat sie ihre ersten Websites entwickelt, später studierte sie an der Rhode Island School of Design, „my Kindergarten“ hat sie das renommierte Institut einmal genannt, ihre „Spiel-Schule“. Nach dem Bachelor of Fine Arts arbeitete sie als Illustratorin, Fotografin und Webdesignerin. Fürs Programmieren und fürs Entwerfen kann sich Walsh seither gleichermaßen begeistern. Ein Multitalent. Sie selbst freilich bezeichnet sich schlicht als „Player“, als „a person who loves to play“.

Kongeniales Duo: Stefan Sagmeister und Jessica Walsh
© Sagmeister & Walsh
Kongeniales Duo: Stefan Sagmeister und Jessica Walsh
Spiel und Glück – für Walsh hängt das zwingend zusammen, Spiel und Depression dagegen sind absolute Gegensätze. 80 Prozent der Menschen, zitiert die Designerin gern einschlägige Untersuchungen, seien nicht glücklich mit ihrem Job. Für die meisten bedeute Arbeit das Gegenteil von Spiel: Fron. Walsh beruft sich auf ihren Großvater und ist froh, dass es ihr gelingt, nach seinem Motto zu leben: „Do what you love and you will never work a day in your life.“ Tue was Du liebst. Sei offen und experimentiere. Und alle Arbeit weicht dem reinen Vergnügen.

„Du sollst spielen!“, lautet das Gebot, das Jessica Walsh auf Podien und Konferenzen in der ganzen Welt verkündet. Dass alle Kultur im Spiel und aus dem Spiel heraus entsteht, davon ist die Designerin überzeugt. Beim Schweizer Art Directors Club (ADC) an diesem Freitag ist sie als prominente Gastrednerin angekündigt. Ihr Vortrag „Play by your own rules“ gilt dem „Wert des Spiels“ und will kreative Grenzen ausloten. Walsh weiß: Spiele stärken menschliche Beziehungen. Aber: Spiele brauchen Regeln. Erst ein ausgetüfteltes Regelwerk bremse einen brutalen Selbstbehauptungsdrang und Egotrip. Ein Fuß- und Baseballspiel lieferten dafür anschauliche Beispiele.

Das Studio von Sagmeister & Walsh in New York
© Sagmeister & Walsh
Das Studio von Sagmeister & Walsh in New York
Auch jede Kreation und jede Erfindung sei Resultat spielerisch zweckfreier Handlungen. „Durch Spielen“, so Walsh, „sind wir produktiver, trauen uns mehr zu, gehen Risiken ein, sind schneller, können mit Zeitdruck umgehen.“ Viele Erfindungen basieren schlicht auf Spielereien, die Erfinder selbst ahnten zum Teil gar nicht, was ihre Passion bewirke. Für Apple-Erfinder Steve Wozniak etwa habe allein der Spaß an seiner Arbeit im Vordergrund gestanden, die Vermarktung überließ er getrost seinem Freund Steve Jobs.

Spielen ist die erfolgreichste Art des Forschens. Mehr noch: Player verändern die Welt, davon ist Walsh überzeugt. So seien spielende Erwachsene nachweisbar produktiver als jene, die nicht spielten. Und weniger traurig! Nicht umsonst richten Global Player wie Lego, Red Bull und Google Spielplätze für ihre Beschäftigten ein. Auch Computerpionier Apple weiß Kreative mit ungewöhnlichen Angeboten zu locken.

Aizone: Arbeit von Art-Direktorin Jessica Walsh
© Sagmeister & Walsh
Aizone: Arbeit von Art-Direktorin Jessica Walsh
Die überzeugte New-Yorkerin Walsh hätte es beinahe ins kalifornische Cupertino im Silicon Valley verschlagen. Just als sie den Hochschulabschluss in der Tasche hatte, bot ihr Apple einen Job als Grafikerin in der firmeneigenen Designabteilung an, vergütet mit einem Gehalt von sagenhaften 100.000 Dollar pro Jahr. „Es wäre die Wette auf eine große Karriere gewesen“, erinnert sich Walsh. „Doch ich hätte in einem Spezialbereich des Branding gearbeitet.“ Sicherheit und Geld interessierten Jessica Walsh damals kaum, Abwechslung und Herausforderung umso mehr. Und so absolvierte die Jung-Designerin zunächst ein dreimonatiges Praktikum bei der New Yorker Filiale der weltgrößten unabhängigen Designfirma Pentagram unter der Obhut von Paula Scher, der Prinzipalin des Unternehmens. Scher war beeindruckt von Walshs „multiplen Fähigkeiten und ihrer Energie, Entschlossenheit und großem Geschick“.

Jessica Walsh setzt sich gerne in Szene
© Sagmeister & Walsh
Jessica Walsh setzt sich gerne in Szene
Ihr visueller Stil machte Walsh rasch bekannt. Die Ausnahmedesignerin fotografierte Körperteile, ihre Zunge zum Beispiel, und fertigte aus den ungewöhnlichen Aufnahmen Collagen für Magazine und Zeitungen an, so für die „New York Times“ und das „New York Times Magazine“. Wenig später wurde sie Associate Art Director der Zeitschrift „Print“. Im Jahr 2010 bewarb sich Walsh bei Stefan Sagmeister, dem österreichischen Star-Designer mit Studio in Manhattan, der mit seinen ausgetüftelt-verspielten Cover-Entwürfen für namhafte Rock’n’Roll-Bands wie Aerosmith und die Rolling Stones berühmt wurde. Nachdem Walsh zwei Jahre in Sagmeisters Firma gearbeitet hatte, wurde sie Partnerin. Da war sie gerade mal 25! „Sagmeister & Walsh“ heißt das Unternehmen seither. Zur Umfirmierung des Studios verschicken die beiden Designerpartner eine Karte, auf der sie sich im Adamskostüm zeigen. „Wenn du eine Nachricht hast, die sich so schnell wie es geht verbreiten soll, dann mach’ Nacktfotos“, so ihre Devise.

Arbeit für die New York Times von Jessica Walsh
© Sagmeister & Walsh
Arbeit für die New York Times von Jessica Walsh
Eine obsessive Spielerin ist sie geblieben. Im Frühjahr 2013, als Jessica Walsh wieder einmal Single war, kam sie auf die Idee, sich mit ihrem ebenfalls alleinstehenden Kollegen Timothy Goodman zu daten und daraus ein Projekt zu machen: Sie gaben sich vierzig Tage Zeit. Vierzig Tage, in denen alle Ängste überwinden wollten. Ein Spiel mit dem Feuer und der bangen Frage: Kriegen wir uns? Jeden Tag standen „Pärchendinge“ auf dem Programm, einmal pro Woche gingen sie zur Paartherapeutin. Jeden Schritt haben sie dokumentiert. Tag für Tag. Alles aufgearbeitet mit viel Liebe zur Gestaltung. Ein bisschen „Big Brother“, ein bisschen „The Real World“. Es knistert. Am 18. Tag kommt es zum ersten Kuss, am 25. Tag zum ersten Sex. Das Echo ist gigantisch. Der „Guardian“ und die „Washington Post“ berichteten. Doch ein Paar sind Jessica und Timothy dann doch nicht geworden. Aber das Resultat ihres Versuchs haben sie später veröffentlicht: „Forty Days of Dating“, avanciert zum Design-Bestseller und bestätigt Walshs Devise: Spielen zahlt sich aus. Fabian Wurm




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