"Bilanz"-Chefredaktor Dirk Schütz

"Wir nehmen bewusst eine Art Angebotsverknappung vor, indem wir weniger oft erscheinen"

"Bilanz"-Chefredaktor Dirk Schütz: "35 Prozent Frauenanteil in der Leserschaft ist ein fantastischer Wert, da liegt die 'Bilanz' bei Wirtschaftstiteln ganz vorn."
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"Bilanz"-Chefredaktor Dirk Schütz: "35 Prozent Frauenanteil in der Leserschaft ist ein fantastischer Wert, da liegt die 'Bilanz' bei Wirtschaftstiteln ganz vorn."
Chefredaktor Dirk Schütz leitet seit 2008 die Geschicke der "Bilanz", die nächstes Jahr 40 Jahre alt wird, ein neues Layout erhält und wieder auf ein monatliches Erscheinen wechselt. HORIZONT Swiss sprach mit Schütz über seine Ziele mit dem grössten Schweizer Wirtschaftsmagazin, weshalb das Heft künftig (noch) besser werden sollte und weshalb er mit einem Frauenanteil von 35 Prozent unter den Lesern zufrieden ist.

Herr Schütz, was war der Anlass für das Umstellen auf eine monatliche Erscheinungsweise? Die "Bilanz" wurde 1977 als Monatstitel gegründet. In der Hochkonjunktur entschied man sich 2005 für den 14täglichen Rhythmus. Nun gehen wir zu den Wurzeln zurück: Wir wollen wieder einmal im Monat ein umfangreiches, tief recherchiertes Magazin produzieren.

Wie geht’s denn der "Bilanz"? Die "Bilanz" war immer ein profitabler Titel, es geht ihr gut. Wir haben den Vorteil, dass wir eine kleine Mannschaft mit elf erfahrenen Journalisten sind und über ein Netz von Freelancern verfügen.

„Da wir zwei Wochen mehr Zeit haben, soll auch das Produkt deutlich besser werden.“
Dirk Schütz, Chefredaktor des Wirtschaftsmagazins "Bilanz"
Sparen ist also kein Umstellungsgrund? Nein, es geht vor allem um die Bedürfnisse unserer Leser. In einer Umfrage haben wir festgestellt, dass viele Leser überfüttert sind. Wir wollen ihnen jetzt einmal im Monat ein Premium-Produkt bieten, das Einordnung und Orientierung liefert. Wir wollen verstärkt eine Publikation sein, die sich konträr zum Nachrichtenrauschen positioniert. Vertieft recherchierte Magazingeschichten mit exklusivem Anspruch gibt es heute fast nirgends mehr. Da wir zwei Wochen mehr Zeit haben, soll auch das Produkt deutlich besser werden.
Das "Bilanz"-Cover der heutigen Ausgabe. Das nächste Cover Ende Januar 2017 wird dann anders aussehen. Das Logo aber bleibt gleich, wird jedoch etwas kleiner.
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Das "Bilanz"-Cover der heutigen Ausgabe. Das nächste Cover Ende Januar 2017 wird dann anders aussehen. Das Logo aber bleibt gleich, wird jedoch etwas kleiner.
2004/05 erfolgte die Umstellung auf den vierzehntäglichen Rhythmus unter anderem, weil Anzeigen immer kurzfristiger gebucht wurden. In einer solchen Situation, so sagte man, würden Monatstitel wegen der langen Vorlaufzeiten bei den Kunden häufig unter den Tisch fallen. Gilt das nicht mehr? Das kurzfristige Buchen hat sich sogar noch verstärkt, ob aber Monatstitel deswegen unter den Tisch fallen, bezweifle ich. Das Anzeigenaufkommen hat allgemein abgenommen. Wir glauben deshalb, dass es sinnvoller ist, sich auf eine Ausgabe im Monat zu konzentrieren und diese auch im Anzeigenmarkt intensiver zu bearbeiten. Hinzu kommt: Rein vom Gefühl her liegt der 14tägliche Rhythmus auch für die Abonnenten etwas quer zum üblichen Tages-, Wochen- oder Monatsrhythmus. Der Zwei-Wochen-Rhythmus ist nicht intuitiv.
„Ehrlich gesagt, im heutigen Medienumfeld halte ich es für wenig glaubwürdig, konkrete Ziele zu nennen. Alles ist extrem volatil geworden.“
Dirk Schütz, Chefredaktor des Wirtschaftsmagazins "Bilanz"
Ein weiteres Argument für die Umstellung auf 14täglich lautete damals: Ein Monatstitel ermöglicht den Anzeigenkunden innerhalb einer Kampagne zu wenig Werbedruck. Haben Sie diesbezüglich keine Bedenken? Nein, wir sind optimistisch, was die Buchungen angeht. Abgesehen davon sparen wir ja auch Druck- und Vertriebskosten. Wir nehmen bewusst eine Art Angebotsverknappung vor, indem wir weniger oft erscheinen. Wir wollen ein absolutes Premium-Produkt sein.

Erfolgt mit dem Relaunch ein Richtungswechsel? Wir entwickeln uns immer weiter und erzählen Wirtschaft heute natürlich anders als vor fünf oder zehn Jahren. Unsere DNA jedoch, nämlich personalisierter und recherchierter Wirtschaftsjournalismus, wird bestehen bleiben. Wir sind das People-Blatt der Schweizer Wirtschaft mit einem wenn nötig kritischen Blick auf die Akteure. Das macht uns unverwechselbar und war in den letzten 40 Jahren das Erfolgsrezept der "Bilanz". Genauso bleiben wir aber ein Invest-Magazin, das Service für gut Verdienende bietet, begleiten aktuelle Trends in der Wirtschaft aufmerksam und stellen in unserem umfangreichen Enjoy-Teil auch das lustvolle Geldausgeben in den Vordergrund.
„Der Austausch mit der deutschen 'Bilanz' ist heute intensiver als mit 'Bilan' in der Westschweiz.“
Dirk Schütz, Chefredaktor des Wirtschaftsmagazins "Bilanz"
2005 wollte man mehr Frauen und mehr Junge erreichen. Die "Bilanz"-Leserschaft bestand damals aus 34 Prozent Frauen und 24 Prozent Jungen (14 bis 34 Jahre). Heute liegen die Anteile bei 35 Prozent und 23 Prozent. (lacht) Ehrlich gesagt, im heutigen Medienumfeld halte ich es für wenig glaubwürdig, konkrete Ziele zu nennen. Alles ist extrem volatil geworden. Aber 35 Prozent Frauenanteil ist ein fantastischer Wert, da liegen wir bei Wirtschaftstiteln ganz vorn, zumal der Anteil der Frauen in den Führungsetagen leider trotz aller Beteuerungen nicht steigt.

Haben Sie sich punkto Leserzahlen Ziele gesetzt? Wie weit die aktuelle Methode der Leserschaftserhebung für eine Publikation wie die "Bilanz", die von Topkadern gelesen wird, wirklich sinnvoll ist, stelle ich einmal in den Raum. Dass sich ein Top-Manager etwa 30 Minuten Zeit für die Wemf-Online-Befragung nimmt, wenn ihm eine kleine Prämie geboten wird, halte ich für wenig wahrscheinlich. Das Echo auf unsere Artikel in der für uns zentralen Wirtschafts-Community ist noch immer sehr hoch. Wir gehen aber davon aus, dass unsere Leserzahlen pro Ausgabe steigen werden, nur schon, weil die "Bilanz" künftig länger beim Leser aufliegt. Aber wir haben uns diesbezüglich keine Ziele gesetzt. Unser wichtigstes Ziel ist es, ein spannendes, emotionales Wirtschaftsmagazin zu machen. Unsere Leser sollen die "Bilanz" mit Lust am Wochenende konsumieren und nicht aus Pficht innerhalb der Woche.
„Wie weit die aktuelle Methode der Leserschaftserhebung für eine Publikation wie die 'Bilanz', die von Topkadern gelesen wird, wirklich sinnvoll ist, stelle ich einmal in den Raum.“
Dirk Schütz, Chefredaktor des Wirtschaftsmagazins "Bilanz"
Die "Bilanz" engagiert sich bei PresseTV: Werden Sie das weiterführen? Ja, da sind wir weiterhin dabei, mit elf Sendungen 2017, davon vier vor Publikum. Mittlerweile hat sich das etabliert: Der letzte Bilanz Business Talk etwa im Kunsthaus in Zürich fand mit Bundespräsident Johann Scheider-Ammann und Nestlé-Präsident Peter Brabeck statt. Und es ist die einzige Presse-TV-Sendung, die mit Volvo auch einen Sponsor hat.

Was bringt dieses TV-Engagement der Marke "Bilanz"? Messen lässt sich das kaum. Ich gehe davon aus, dass die Marke dadurch gestärkt wird. Jede Sendung wird fünfmal im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt.#
„Ehrlich gesagt, im heutigen Medienumfeld halte ich es für wenig glaubwürdig, konkrete Ziele zu nennen. Alles ist extrem volatil geworden.“
Neben der "Bilanz" Schweiz existiert seit 2014 auch eine "Bilanz" in Deutschland: Sie liegt monatlich der Zeitung "Die Welt" bei und erscheint in einer Auflage von rund 200.000 Exemplaren. Ist sie vom Taktwechsel in der Schweiz tangiert? Bisher haben wir gegenseitig Artikel ausgetauscht, was mit dem neuen Rhythmus noch einfacher wird. Denn die "Bilanz" Deutschland, die jeweils anfangs Monat erschienen ist, stellt den Erscheinungstag mit uns auf den letzten Freitag des Vormonats um. Somit können wir nun Interviews oder Artikel noch besser synchronisieren.

Und wie steht es mit Tamedias "Bilan", das weiterhin 14täglich erscheint und mit dem Sie ebenfalls kooperieren? Auch hier haben wir ein kollegiales Verhältnis. Wir arbeiten bei den "300 Reichsten" zusammen: Sie liefern die Reichsten der Westschweiz, wir jene der Deutschschweiz. Das funktioniert gut. Darüber hinaus besteht aber kein inhaltlicher Austausch mehr. Sie haben sich stärker an die "Finanz und Wirtschaft" gebunden, durch unser neues Joint Venture Ringier Axel Springer Schweiz arbeiten wir stärker mit "Le Temps" und "L’Hebdo" zusammen. Auch der Austausch mit der deutschen "Bilanz" ist heute intensiver als mit "Bilan". knö






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