20 Jahre Persoenlich.com

Das Geburtstags-Interview mit Matthias Ackeret

   Artikel anhören
Talente des Matthias Ackeret im Bild: Journalist, Chefredaktor, Verleger, Buchautor und Jasskönig.
© persoenlich.com, SRF
Talente des Matthias Ackeret im Bild: Journalist, Chefredaktor, Verleger, Buchautor und Jasskönig.
Heute am 2. Mai feiert das Online-Portal persoenlich.com bereits seinen 20. Geburtstag! Grossen Anteil am langen Bestehen hat Verleger und Chefredaktor Matthias Ackeret. Im HORIZONT Swiss Interview antwortet der studierte Jurist auf die Frage nach dem Ackeret-Prinzip: «Ich habe stets ein positives Grundgefühl, dass es gut kommt. Oder frei nach Udo Lindenberg: Hinter dem Horizont geht es weiter.» Ein ermutigendes Zitat in einer schwierigen Zeit. Lesen Sie das ganze Interview jetzt hier auf Horizont.net/swiss
Matthias Ackeret, Sie sind seit 2002 Chefredaktor von persoenlich.com. Was hält Sie bei Laune? Die Freude an der Arbeit. Das tönt abgedroschen, aber es ist so. Ich halte mich an André Heller, der einmal in den Achtzigern in einer «Doppelpunkt»-Sendung von Roger Schawinski gesagt hat: "Ich möchte mich keinen Tag langweilen". Damals war ich an der Uni und ich litt in den Prüfungen. Aber diese Aussage hat mir neuen Elan gegeben.


Sie sagen, kein  Medium erlebt zu haben, das soviel unmittelbare Resonanz und auch Reaktionen bei den Betroffenen auslösen würde, wie persoenlich.com. Wie schaffen Sie das? Wir kennen unsere Exponenten und unsere Branche und versuchen diese ernst zu nehmen und auch fair abzubilden. Ich weiss, das tönt nach einem Allgemeinplatz, aber es ist bei uns fast schon zum Leitmotiv unserer Arbeit geworden. Zudem investieren wir viel in den Journalismus. In unserer Redaktion arbeiten mit Redaktionsleiterin Edith Hollenstein, Michèle Widmer, Christian Beck und Loric Lehmann vier Personen, wobei sich letzter neu auf digitale Entwicklungen konzentriert. Wir investieren dauernd in unser Portal und dies zahlt sich über die Jahre aus.  Thomas Schuhwerk ist für die Technik, Flavio Niederhauser und sein Team sowie unser bewährter Anzeigen- und Verlagsleiter Roman Frank sind für den Verkauf verantwortlich.

Sie schreiben Bücher. Zum Beispiel das Blocher-Prinzip. Wie geht das Ackeret-Prinzip? Gibt es das? Höchstwahrscheinlich ist meine Hauptfähigkeit, etwas zu Ende zu bringen, selbst wenn es nicht unbedingt meinem Talent entspricht. Das war beim Studium so, später beim Marathon oder bei meinen Büchern. Auch "persönlich" ist ein Dauerlauf, das wurde mir erst als Verleger und Eigentümer bewusst. Jeder Tag ist anders, jedes Jahr ist anders. Das zeigt sich jetzt in der Corona-Zeit. Aber ich habe stets ein positives Grundgefühl, dass es gut kommt. Oder auf Ihr Medium bezogen, frei nach Udo Lindenberg: "Hinter dem Horizont geht es weiter".
„Ich selber war am 2. Mai 2000 weit von "persönlich" entfernt und hatte keine Ahnung, was das ist. Als VJ bei TeleZüri machte ich höchstwahrscheinlich eine Nachbearbeitung der Krawalle vom 1. Mai.“
Matthias Ackeret, Verleger und Chefredaktor von persoenlich.com
Was war die Cover-Story der ersten Ausgabe von persoenlich.comChristian Beck hat im Archiv nachgeschaut. Das war unter anderem eine Mitteilung, dass persoenlich.com startet. Oliver Prange, der zusammen mit Bruno Hug das Portal gegründet hat, erzählte Edith, dass man ganz sanft gestartet sei, also ohne einen Big Bang. Die erste Meldung war, dass Peter Gmür in die Radiovermarktung einsteigen will. Trotzdem seien  Resonanz und  Klickzahlen nach wenigen Tagen überraschend hoch gewesen. Man hatte vor zwanzig Jahren wirklich ein Bedürfnis entdeckt. Ich selber war am 2. Mai 2000 weit von "persönlich" entfernt und hatte keine Ahnung, was das ist. Als VJ bei TeleZüri machte ich höchstwahrscheinlich eine Nachbearbeitung der Krawalle vom 1. Mai.


So sah persoenlich.com im Geburtsjahr 2000 aus. Es handelt sich hier um den ersten Snapshot vom 20. September. Man beachte die News: Wirz gibt es noch. McCann Erickson schloss die Zürcher Agentur 2012, wie persoenlich.com am 1.2.2012 berichtete.
© persoenlich.com
So sah persoenlich.com im Geburtsjahr 2000 aus. Es handelt sich hier um den ersten Snapshot vom 20. September. Man beachte die News: Wirz gibt es noch. McCann Erickson schloss die Zürcher Agentur 2012, wie persoenlich.com am 1.2.2012 berichtete.
113‘500 Artikel in 20 Jahren! Welchen aus Ihrer Zeit ist Ihnen in bester Erinnerung? Viele selbstverständlich. Einer besonders, der mir heute noch nahe geht: Kurt Felix, mit dessen Frau Paolo ich gut befreundet war und bin, wünschte sich, dass sein Ableben auf persoenlich.com vermeldet wird. Das haben wir vor acht Jahren unter höchster Geheimhaltung auch getan. Kaum war die Meldung aber am Samstag den 19. Mai 2012, kurz nach 13 Uhr, draussen, wurde sie sogleich von allen grossen Portalen im deutschsprachigen Raum übernommen und auch zitiert. Kurt hätte sich über diese Resonanz und diesen letzten Scoop sicherlich gefreut.

„Die Zeiten (wenn es diese überhaupt so gab), in denen die Werber bis 16 Uhr in der Kronenhalle verhockten und anschliessend noch schnell eine teuer bezahlte Idee auf die Papierserviette skizzierten, sind definitiv vorbei.“
Matthias Ackeret, Buchautor und VJ-Pionier
Ein Beitrag zum vergessen, eine Ente vielleicht? Da gab es sicher einige. Die habe ich aber wirklich vergessen. Nur ein kleines Beispiel: Vor bald zehn Jahren rief mich jemand an und beharrte darauf, dass Roger de Weck neuer SRG-Generaldirektor werde. Er wisse es auch geheimster Quelle. Für mich tönte dies völlig unwahrscheinlich. Da ich Angst hatte vor eben dieser berühmten Ente, entschied ich abzuwarten. Zurückhaltung ist nicht immer das beste Rezept, nachträglich ein verpasster Primeur.

Wer hat Sie am meisten gefördert? Norbert Neininger, der ehemalige Verleger der Schaffhauser Nachrichten, und Roger Schawinski.

Ihr Vorbild? Journalistisch habe ich von Roger Schawinski viel gelernt, stilistisch von Martin Walser. Unternehmerisch habe ich von Manfred Klemann und Oliver Prange sehr profitiert.

Sie haben viele Interviews geführt. Ihr liebster Interview-Partner und wieso? Doris Leuthard habe ich immer gerne interviewt. Auch Adolf Ogi auf der chinesischen Mauer. Und mit einem dritten Altbundesrat (Anmerkung der Redaktion: Christoph Blocher) führe ich bekanntlich seit 13 Jahren das längste Interview überhaupt. Besonders gut in Erinnerung habe ich das ehrliche Gespräch mit Reini Werber über seine ups and downs. Das war Shakespeare und Hollywood.

Die Ihrer Meinung nach beste Kampagne, über die sie je berichten durften? Den Marlboro-Mann finde ich – obwohl es politisch unkorrekt ist -  immer noch genial. Wie plötzlich eine Werbefigur zur Ikone der Zeitgeschichte wird. In der Schweiz haben die Wendesätze der Swiss Life, die "Ich-bin-auch-ein-Schiff"-Kampagne der ZVV und das Mörgeli-Jositsch-Sujet der VBZ internationale Massstäbe gesetzt.

Dieser Werbeklassiker der Nullerjahre hat es Matthias Ackeret besonders angetan: Werbung des Zürcher Verkehrsverbunds ZVV.
© Eigenes Archiv
Dieser Werbeklassiker der Nullerjahre hat es Matthias Ackeret besonders angetan: Werbung des Zürcher Verkehrsverbunds ZVV.
Worin haben sich Agenturen in den zwanzig Jahren am meisten verändert? Die Agenturen sind funktionaler und auch ergebnisorientier geworden. Ich sage dies ohne ein Bedauern, es ist einfach Realität. Die Zeiten (wenn es diese überhaupt so gab), in denen die Werber bis 16 Uhr in der Kronenhalle verhockten und anschliessend noch schnell eine teuer bezahlte Idee auf die Papierserviette skizzierten, sind definitiv vorbei. Ich war vor wenigen Tagen – mit zeitbedingtem Social-Distancing-Abstand - in der neuen Agentur von Metzger Rottmann Bürge im Zürcher Kreis vier. Dort sieht es so aus, wie man sich eine Werbeagentur vorstellt. Das ist tröstlich und zeigt, unsere Branche lebt - trotz aller Schwierigkeiten.


Worin hätten sie sich mehr verändern müssen? Ich halte nichts von vergangenheitsbezogenen Ratschlägen. Viele Agenturen, die vor 20 Jahren erfolgreich waren, sind es heute noch. Das ist doch positiv.

Eine Entwicklung, die Ihnen aktuell am meisten Kopfzerbrechen bereitet? Dass fast die Hälfte des Schweizer Werbevolumens zu Google und Facebook abwandert, ohne dass etwas in den Schweizer Markt zurückfliesst. Gerade diese Krise wäre für die beiden US-Konzerne eine Supermöglichkeit und Chance, sich in irgendeiner Form der Branche gegenüber erkenntlich zu zeigen. Aber vielleicht kommt das noch, es wäre schön.

Worauf bezieht sich das „persönlich“ in der heutigen Zeit? Immer auf dasselbe, wie bei der Gründung unseres Verlages vor 56 Jahren und diejenige von persoenlich.com vor zwanzig Jahren: den persönlichen und direkten Kontakt. Die Website verzeichnete diesen März mit über 187'000 Unique Clients Rekordwerte.

Viele Medien verzeichnen Rekordzugriffe. Aber es gelingt offensichtlich nicht, diesen Erfolg zu monetarisieren. Wir erleben momentan eine Ausnahmesituation: hohe mediale Aufmerksamkeit und wenig oder praktisch keine Werbung. Das widerspricht allen ökonomischen Gesetzmässigkeiten und wird auch nicht ewig andauern.

Was haben wir also verpasst? Obwohl ich aus einer Lehrerfamilie stamme, möchte ich nicht schulmeisterlich klingen: Aber unsere Gesellschaft ist mittlerweile getrimmt, dass alles möglichst billig oder gar gratis sein soll. Dies zeigt sich gerade jetzt deutlich, wenn die Werbung wegbricht.

Hätte man dies ändern können? Ich glaube nicht, das ist ein globaler Trend und ich bin davon nicht ausgeschlossen. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Werbung wieder zurückkommt. Die Frage ist nur, wo und wie. Jedes Produkt giert nach Aufmerksamkeit, muss also beworben werden, damit es diese auch findet. Es könnte aber nach der ganzen Corona-Geschichte ein paar Wochen, ja Monate dauern, bis dies wieder im normalen Umfang der Fall sein wird. Jetzt heisst es, durchhalten.

„Was unsere beiden Medien verbindet, wir schätzen unsere Branche und glauben an deren Zukunft.“
Matthias Ackeret, Matthias Ackeret, Verleger und Chefredaktor von persoenlich.com

Manfred Klemann, ihr Investor, wie sehr tauschen Sie sich über neue Modelle aus? Manfred ist einer meiner ältesten Freunde überhaupt. Wir haben 1990 den ersten Zürich-Szene-Führer verfasst, später wollten wir in Singen und Dresden einen eigenen Radiosender eröffnen und haben 1998 zusammen unser Erfolgsbuch "Die ganze Welt ist Ballermann – Karten an Martin Walser" geschrieben. Ich habe ihm viel zu verdanken. Klemann ist wirklich ein Internetpionier und hat mit wetter.com die grösste Wetterseite Europas gegründet. Auch am Umstand, dass die persoenlich.com-Seite heute so aussieht wie sie aussieht, ist er stark beteiligt. Dank seiner finanziellen Unterstützung – er ist zu 40 Prozent am Verlag beteiligt -  konnte ich vor sechs Jahren überhaupt den "persönlich"-Verlag erwerben. Das war nicht eine ganze billige Geschichte, musste ich doch damals mein ganzes Vermögen investieren.


Was schätzen Sie an HORIZONT? Den Namen finde ich wirklich toll. Und die Internationalität und Professionalität, die die Marke ausstrahlt. Was unsere beiden Medien verbindet, wir schätzen unsere Branche und glauben an deren Zukunft.

Worum sollten wir persoenlich.com beneiden? Um unser Team. Ich bin jeden Morgen positiv überrascht, wenn ich persoenlich.com lese. Ich weiss, dass die redaktionelle Arbeit in der Jetztzeit nicht ganz einfach und auch nicht selbstverständlich ist. Zudem freut es mich, dass wir auch während Corona dank unserer Grafikchefin Corinne Lüthi, Roman Frank und Rahel Martinez zwei Hefter produzieren konnten. Fazit: Homeoffice ist gut, aber – um nochmals Werbung in eigener Sache zu machen – der persönliche Kontakt ist besser.

Über persönlich
Persönlich, wozu eine Print- und eine Online-Ausgabe gehören, positioniert sich als "Das Schweizer Kommunikationsmagazin für Entscheider und Meinungsführer". Herausgeberin ist die persönlich Verlags AG mit Sitz in Zürich. Verleger und Chefredaktor ist Matthias Ackeret. Der Verlag beschäftigt zur Zeit 9 Mitarbeitende. Die Printausgabe ist 56 Jahre alt. Die Online-Ausgabe erschien erstmals am 2. Mai 2000.
Über Matthias Ackeret
Matthias Ackeret studierte Rechtswissenschaften, schrieb eine Dissertation über "Das duale Rundfunksystem der Schweiz", war für Tele Züri und Tele24 pionierhaft als VJ unterwegs, hat bislang sechs Bücher veröffentlicht, ist Chefredaktor und Verleger von persönlich und persoenlich.com und er hat in der Sendung "Samschtig-Jass" mit zwei Differenzpunkten das beste Resultat eines Promijassers erzielt.
 
Bitte loggen Sie sich hier ein, damit Sie Artikel kommentieren können. Oder registrieren Sie sich kostenlos für H+.
stats