Wann,wenn nicht jetzt - Eine Serie in sechs Teilen

Wie die Krise Dir den Weltruhm bringt

Donnerstag, 04. Juni 2020
Das Corona-Virus verändert vieles im Marketing. Achill Prakash, Ex-CMO der Swisscom und seit Mai mit dem Projekt weltkonzern.com aktiv, ist überzeugt, dass die Branche der Coronakrise sogar dankbar sein müsste. In einer sechsteiligen Serie, die in HORIZONT exklusiv erscheint, erklärt er diese These. Die erste Folge beschäftigt sich mit dem Thema "Corona und das Ende der Sorglosigkeit".

Teil 1: Realität – Corona und das Ende der Sorglosigkeit.

Wir hetzten der Zeit hinterher. Die Welt mit ihren hohen Drehzahlen war der Überhitzung nahe. Keinen Moment der Reflexion und der soliden Überlegungen haben wir uns gegönnt. Wichtiges und Belangloses wurde noch kurz on-the-go erledigt. Wir sind die Blackberry Generation. Wir waren Helden. Jetzt wurde uns vorgeführt, wie eine weltweite Vollbremse geht. Die gefeierte Globalisierung und die mehr-schneller-besser Mentalität hat uns als Ganzes verletzlich gemacht.


Wir haben uns das selber eingebrockt. Fleissig haben wir Buzzwords strapaziert, haben Transformation, Disruption und Agilität von den Konferenzbühnen gerufen. In der Notwendigkeit der Veränderung waren wir uns zwar einig. Doch Hand aufs Herz: Wer kann von sich wirklich behaupten sich diesen neuen Aufgaben mit Herzblut gewidmet zu haben? Und wer hat es auf „nächstes Jahr dann“ verschoben und hat den „dringenden“ Projekten den Vorrang gegeben?  

Poker

Jetzt ist sie wirklich passiert. Die Disruption. Über Nacht. Jemand auf Twitter fragt zynisch: “Wer treibt die Transformation bei ihnen im Unternehmen? CEO? CMO? COV-19?”

Noch vor Kurzem selbstbewusste und erfolgreiche Unternehmen werden plötzlich und heftig mit ihren Schwächen konfrontiert.


Sie sind, wie man im Poker sagen würde, in einen Bad Beat geraten. Trotz offensichtlich starken Karten verlieren sie das Spiel überraschend.
Den berühmtesten und wohl teuersten Bad Beat musste Monsieur LeChiffre im Spiel gegen James Bond in Casino Royale hinnehmen. Mit einem hohen Full House, bereits zwei ausgeschalteten Gegnern und dem kühlen Grinsen eines Winners ist er dem Straight Flush von Bond ins Messer gelaufen und verlor das Spiel.
Ganz typisch für einen Bad Beat reagieren Verlierer schon mal heftig und emotional. Diese heftige Reaktion spiegelt sich auf den globalen Finanzmärkten und den Rufen nach staatlicher Unterstützung wider.
Für Unternehmen muss diese Krise eine Zeit der Läuterung sein. Corona ist eine einmalige Chance der Stärkung.
„Wir dürfen uns nie wieder hinter Buzzwords verstecken.“
Achill Prakash
Meine Ausführungen sollen nicht ignorant oder profan opportunistisch wirken. In erster Linie gilt es jetzt eine beispiellose humanitäre und wirtschaftliche Krise zu bewältigen. Doch in aller Wut und Traurigkeit, die dieses Virus uns bringt, tragen Unternehmen nebst lokalen und nationalen Regierungen eine zentrale Verantwortung dafür zu sorgen, dass wir so schnell nicht mehr in die Knie gezwungen werden können.


Dass einflussreiche Marken sich wohltätig zeigen oder ihre Logos auf Social Distancing getrimmt haben ist lobenswert. Dass sie den Moment nutzen um mit schlauer PR kurzfristig ein wenig Image-Politur zu machen, ist sogar nachvollziehbar.


Doch die Chance, die sich uns bietet ist tiefgreifender.


Die aktuelle Krise ist der langersehnte Zwischenstopp auf dem Weg nach vorne. In dieser Krise gibt es viel zu lernen, zu hinterfragen, anzupassen oder jetzt erst recht an Bisherigem festzuhalten. Wir sind in der Zeit zwischen dem was war und dem was sein wird. Dies ist die Zeit vor der Zukunft.

Experten

Die Umwälzungen zeigen sich schnell. Was gestern noch undenkbar gewesen wäre scheint plötzlich völlig normal. Luxusunternehmen stellen Produkte für das Gemeinwohl her. In Shanghai wird der blaue Himmel sichtbar. Klopapier wird in Wohlstandsgesellschaften zum meist begehrten Gut. Kirchen und Bordelle werden aus dem gleichen Grund geschlossen.


Nichts wird so sein wies es mal war, sagen die einen. Wenig wird sich ändern, meinen die anderen.
An Experten mangelt es nicht. Es schiessen Prophezeiungen aus dem Boden wie Marken und Unternehmen sich jetzt verhalten sollen und nach welchen Prinzipien und Werten es weiter gehen wird.


Vieles wird gepredigt: In Zukunft halten flexible Arbeitsmodelle wertvolle Mitarbeiter bei Laune. Und hohe Liquidität rette über Krisenzeiten. Nachhaltig entscheiden und investieren sei jetzt angesagt. Eine klare Vision sichere ab sofort den klaren Blick auf die Zukunft. Die Besinnung auf wahre Werte werde jeder Kunde mit mehr Umsatz belohnen. Nur wer agil funktioniert, sei überlebensfähig. Und langfristig erfolgreich sei nur, wer nicht nach kurzfristigen Profiten jagt.


Das ist sicher alles richtig, ja. Doch sind das nicht die gleichen Ratschläge wie damals? Agilität, Nachhaltigkeit, Vision, Werte?
Heiss begeehrt in der Coronakrise: Toilettenpapier
© David Willen (studiowillen.net)
Heiss begeehrt in der Coronakrise: Toilettenpapier

Und warum sollen die gleichen Manager, die für das Versäumnis obiger Themen verantwortlich sind, genau jetzt diese Themen angehen und lösen können?


Ignorieren sie die Ratschläge (vorerst). Trotz der aktuellen Aufregung empfehle ich die gesunde Reflexion statt den hysterischen Wandel. Auch ist es ist zu früh um Schlüsse zu ziehen. Unser Wissen zum Ausmass und der Struktur der Krise ändert sich ohnehin noch fast täglich.


Es ist ja auch so, sagt Bill Gates, dass wir die Veränderungen der nächsten zwei Jahre überschätzen, die Veränderungen der nächsten zehn Jahre aber unterschätzen.

Mensch

Wie also gehen wir die ersten Schritte in die neue Zeit?


Kürzlich hat mir ein Freund seine Erfahrung geschildert, dass die Teams eines grossen Finanzdienstleistern in virtuellen Meetings aus dem Home Office absolut nicht im Stande sind, Entscheidungen zu treffen. Bereits früher in physischen Meetings wurden Themen so lange geknetet, bis die Konsenskultur einen breit abgestützten aber weichgeklopften Entscheid ermöglichte. In solchen Kulturen galoppieren Unternehmen an Ort und agieren höchst ineffiizent.


In meiner letzten Funktion habe ich mit meinen Mitarbeitern die Themen wie Agilität, Risikobereitschaft, Fehlerkultur und Leadership früh angepackt und neu ausgerichtet. Nicht, weil die früheren Methoden gar nicht mehr taugten, sondern weil wir die nötigen Veränderungen antreiben müssen solange die alten noch funktionieren. Die neue agile Organisation ist beweglicher, effizienter und innovativer als früher.

Entscheidungen werden schnell und zuverlässig getroffen. Somit ist diese Organisation mit mindestens 2 Jahren Vorsprung auf die jetzt dringenden Herausforderungen sehr gut vorbereitet.


Wir Menschen sind nicht auf dauernde Veränderung eingestellt. Gerade in Zeiten hoher Komplexität schätzen wir die verlässliche Routine. Doch wer sich verändert, verliert den Halt des Bekannten. Das macht vielen Angst. Das ist menschlich. Leadership in Veränderung bedeutet also in erster Linie Arbeit mit Menschen. So haben wir für die Transformation meiner Organisation vor allem in eine neue Kultur investiert, und nicht, wie man intuitiv annehmen könnte, nur in neue Prozesse. Wer Organisationen verändert, muss Menschen verändern.


Um gestärkt aus der Krise zu kommen, brauchen wir erfrischte Führungsprinzipien sowie einen echten Hunger nach Innovation. Wir brauchen eine dynamischere Risiko- und Entscheidkultur, die auch in neuen offenen Zusammenarbeitsformen ihre Kraft entwickelt. Ich werde auf diese Themen in meinen folgenden Texten tiefer drauf eingehen.

Überraschung

Die grosse Chance von Schocks wie dem Corona-Schock, nennen Psychologen „teachable moments“, lehrreiche Momente. Diese lehrreichen Momente kommen immer unerwartet und passieren dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Durch ihr plötzliches und einschneidendes Auftreten durchbrechen sie die Macht der Gewohnheit und leiten ein schnelles Neudenken ein.


Meinen lehrreichen Moment hatte ich, als der Vater meiner ersten Freundin mich nach dem Abendessen mit der ganzen Familie auf ein Glas Cognac, quasi zwischen Schwiegersohn und Schwiegervater, eingeladen hat. Klar wollte ich ihm beweisen, dass ich kultiviert und für seine Tochter eine gute Partie bin. Doch statt nobel am Cognac Glas zu nippen und lässig im Chesterfield Sessel zu smalltalken, habe ich das Glas schwungvoll zu mir gekippt und den teuren Tropfen geext. So wie Schnaps in der Disco. Ich war jung.


Die Lernkurve in diesen Momenten der heftigen Überraschung ist steil und effizient. Wer nach Veränderung strebt, hat in diesen lehrreichen Momenten die beste Chance.


Die Corona-Krise ist dieser wertvolle lehrreiche Moment. Jetzt ist der Moment zu tun, wovon wir immer gesprochen haben und zu zeigen, dass wir es damals trotzdem ein bisschen ernst gemeint haben. Es gilt: Walk the talk.


Dass in dieser Krise viel positive Energie steckt, zeigt sich schon an vielen Orten. Sie weckt inspirierende Kreativität, Kollaborationen und echtes Unternehmertum. Im Kleinen und im Grossen.


Playboy hat kurzerhand entschieden, dass die Frühlingsausgabe der Printausgabe in den USA die letzte für dieses Jahr sein wird. Sie haben diesen Entscheid schon lange vor sich her geschoben. Und das, obwohl Playboy mit seinem digitalen Ökosystem so erfolgreich ist wie noch nie. Sie gewinnen so die Zeit zu überlegen, wie ihr Print-Konzept ab nächstem Jahr aussehen wird.


Menschen veranstalteten in der Isolation Balkonkonzerte um sich gemeinsam zu fühlen. Die Erzfeinde Apple und Google schlossen sich als Partner zusammen. Musikstars erfanden Pajama-Entertainment und Eltern unterstützen sich von Wohnzimmer zu Wohnzimmer im Home-Schooling.


Airbnb hat sein Geschäftsmodell erweitert (das mit dem Teilen, dem Reisen und dem Zusammensein ist ja jetzt so ne Sache) und sie für virtuelle Reise-Erlebnisse, z.B. eine geführte Meditation mit schläfrigen Schafen in Schottland oder Astrologie-Workshops in Portugal, geöffnet. Während der Reisemarkt und die Sharing Economy zusammenbricht (sie hat auch bei Airbnb ein Viertel aller Stellen gekostet), sichert sich Airbnb so mitten im globalen Lockdown eine Milliarde Dollar zusätzlich an Liquidität. Wer agil denkt und arbeitet wird belohnt. Ja, man könnte sagen es war zu spät, denn auch Airbnb konnte nicht verhindern, dass ein Viertel ihrer Mitarbeiter ihren Job verloren haben. 

Helden

Wird alles anders bleiben? Wir wissen es nicht. Doch so weiter machen wie bisher ist keine Option. Diese Krise hat bereits bewiesen, dass sie die Energie für hochrelevante Innovation und bewegende Kreativität für die Welt mit sich bringt.

Ich wünsche mir, dass wir uns diese Chance nicht vermasseln und uns ab heute den unternehmerischen Fragen mit einer neuen Bescheidenheit stellen. Wir dürfen uns nie wieder hinter Buzzwords verstecken.


Unsere grosse Aufgabe wird sein, der Verführung des Bekannten zu widerstehen. Denn unter Druck fallen wir eigentlich in gelernte Muster zurück. Und der Druck wird groß sein. Diese lehrreichen Momente müssen wir als solche zulassen.
Der Autor und die Serie
Nach zweieinhalb Jahren als Head of Marketing and Communications und CMO der Swisscom sowie einer kleinen Pause ist Achill Prakash seit Mai 2020 wieder aktiv. Neben dem neuen Projekt Weltkonzern.com führt er auch seit 2016 das Unternehmen Alvener. Der 43-Jährige ist Familienvater und lebt in Zürich. In der Serie "Wann, wenn nicht jetzt", die insgesamt sechs Teile umfasst,  wird Prakash in fünf weiteren Folgen „Innovation“, „Unternehmertum“, „Leadership“, „Entscheidkultur“ und „Risiko“ die grossen Chancen des Marketings thematisieren.

„Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance.", philosophierte Victor Hugo.


Wobei ich mit Mut, wenn ich Victor Hugo zitiere, nicht den draufgängerischen kopflosen Mut meine. Mut muss nicht zwingendermassen die Adrenalin-Schleusen öffnen. Nicht so wie bei mir, als ich in Jamaika im Rick’s Café 12 Meter ins türkisblaue Meer gesprungen bin. Mit Bierflasche in der Hand. Mut ist nicht die Absenz von Angst oder Zweifeln. Doch Mut ist Bedingung um etwas Neues zu wagen oder in einem Thema auch in anstrengenden Momenten Ausdauer zu beweisen und nicht aufzugeben.


Niemand, der heute und morgen am Steuer sein wird, hat so sowas wie jetzt je erlebt. Diese Chance müssen wir mutig und beherzt angehen. Dies ist der Warm-Up für die neue Zeit.


Erfolgreiches Management bedeutet ab sofort also nebst überlebenswichtiger Schadensbegrenzung gleichzeitig die Weichen für die Zukunft grundlegend neu zu stellen. Wie das geht und welche Aufgaben wir tatsächlich zu lösen haben werden, darauf gibt es vorläufig keine Antwort.


In meiner Laufbahn durfte ich Manager kennenlernen, die durch eigene Fehler und fordernde Krisen anpassungsfähige Schnelldenker wurden. Und ich habe Manager kennengelernt, die glaubten, die Erfolge der Vergangenheit ließen sich auch in Zukunft wiederholen, man müsse nur heftig genug probieren und die Augen vor der Wahrheit fest genug verschliessen.


So werden die einen mit dieser Aufgabe überfordert sein und andere in ihr aufblühen. Die neuen Helden sind die, die sich den neuen Fragen mit Neugier, Bescheidenheit und ehrlichem Gestaltungswillen widmen.




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