Wann, wenn nicht jetzt? - Eine Serie in sechs Teilen

Wie die Krise Dir den Weltruhm bringt - Teil 2

Dienstag, 09. Juni 2020
"Innovation - Die Versöhnung mit dem Unmöglichen" lautet der Titel von Teil 2 der sechsteiligen Serie von Achill Prakash, die in HORIZONT exklusiv erscheint. Darin schildert der Ex-Swisscom-CMO, warum Innovation im Innovation Lab nicht funktioniert und für ihr Scheitern nicht der Mangel an Ideen sondern die Kultur verantwortlich ist. Achill Prakash ist seit Mai mit dem Projekt weltkonzern.com aktiv.

Teil 2: Innovation - Die Versöhnung mit dem Unmöglichen

Haruki Murakami schreibt: „Am Anfang sind Schriftsteller allein. Schriftsteller sind allein, wenn sie anfangen zu schreiben. Niemand hilft ihnen. Was auch immer man anfängt, man muss es selbst in Gang und selbst zu Ende bringen.“


Sie kennen das Gefühl, ratlos vor einem weissen Blatt Papier, einer leeren Seite Power Point zu sitzen und nichts passiert, hab ich recht? Der Bleistift ist gespitzt. Oder zehn Finger liegen in einer Linie angeordnet auf der Tastatur. Doch nichts passiert. Nur die innere Verzweiflung wächst. Und je mehr sie sich anstrengen, desto weniger passiert.
Der Autor und die Serie
Nach zweieinhalb Jahren als Head of Marketing and Communications und CMO der Swisscom sowie einer kleinen Pause ist Achill Prakash seit Mai 2020 wieder aktiv. Neben dem neuen Projekt Weltkonzern.com führt er auch seit 2016 das Unternehmen Alvener. Der 43-Jährige ist Familienvater und lebt in Zürich. In der Serie "Wann, wenn nicht jetzt", die die sechs Teile  "Realität", „Innovation“, „Unternehmertum“, „Leadership“, „Entscheidkultur“ und „Risiko“ umfasst, die grossen Chancen des Marketings thematisieren.
In der Ratlosigkeit der Krise erscheint uns die Zukunft wie dieses weisse Blatt Papier. Wie wird die Zeit nach Corona sein? Alles anders oder alles gleich? Oder irgendwas dazwischen?

Wir sind gefangen zwischen der dunklen Verzweiflung im Lockdown und der noch skeptischen Hoffnung auf eine blühende Zeit danach.


Eigentlich stimme ich Max Frisch zu, wenn er sagt:

„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

Doch während die Welt aus der ermüdeten Übersättigung der letzten Jahre zu einem erneuerten Konsumhunger findet, lecken Unternehmen noch ihre Wunden. Sie beeindrucken kaum durch Kreativität und erfrischenden Lösungen für eine neue Welt.

Neues zu schaffen ist keine leichte Aufgabe, wie Haruki Murakami schreibt.
„Es ist eine grossartige Zeit um die Dinge auf den Kopf zu stellen.“
Achill Prakash
Dabei ist die Gabe Neues zu schaffen, das, was uns von den Tieren unterscheidet. Auch wird seit dem 16. Jahrhundert stark vermutet, dass nicht Gott der Schöpfer aller Dinge ist, sondern wir selber als die Architekten des Fortschritts gelten und unsere Leben und unsere Zukunft selber gestalten können.

Ich glaube es ist eine grossartige Zeit um die Dinge auf den Kopf zu stellen. Denn die Auferstehung verdient neue Ansichten und Ideen.

Wir sind dafür gemacht zu erfinden, was unser Leben besser oder einfacher macht: den Hammer, das Feuer, Papier und Bleistift. Und Sekundenleim. Wir Menschen erfinden was unser Leben besser macht, auch wenn es bedeutet, alles bisherige Wissen auf den Kopf stellen zu müssen. Wer Papier erfindet, muss sich von der Schrifttafel trennen.

Licht

Das Licht zwischen den dunklen Wolken scheint nun auf die Unternehmen, die sich schnell auf die neue Situation ausrichten konnten. Nicht nur Unternehmen wie Daimler oder Melitta, die in ihren Werkstätten statt Sitzbezüge und Kaffeefilter auf die Produktion von Hygienemasken umgestellt haben, zeigen was möglich ist. Auch die Bauernfamilie vom Wochenmarkt hat im Lockdown innert einer Woche eindrücklich auf Hofverkauf und Hauslieferservice (in unserem Slang also ihre Customer Experience, ihre Supply Chain und ihr Customer Base Management) umgestellt.

Einverstanden, Innovationen sind das keine. Doch Daimler und die Bauernfamilie zeigen: Wer flink ist auf den Beinen, der kann schnell die Nase vorn haben. Und es zeigt: für flinken Machergeist braucht es keine grossen Disruption Teams, sondern eben nur flinken Machergeist.
© David Willen (studiowillen.net)
Man liest, dass in unsicheren Zeiten und sich dauernd ändernden Rahmenbedingungen, vor allem Geschwindigkeit und Agilität die überlebenswichtigen Eigenschaften sind.

Wer also noch schläft oder noch Wunden leckt, verpasst jetzt was. „Die meisten wissen gar nicht, was für ein Tempo sie haben könnten, wenn sie sich nur einmal den Schlaf aus den Augen rieben.“, sagt Christian Morgenstern.

Wer jetzt aber mit oberflächlichem Elan in vollem Tempo in Innovationsworkshops eilt, der wird der grossen Chance dieser Zeit nicht gerecht. Ein paar Workshops werden unsere Zukunft nicht retten. So einfach ist das nicht.

Wie geht Innovation?

LSD

Innovation ist immer das Resultat einer Suche. Wer sucht, der findet. Und wer nicht suchet, der nicht findet.

Wie im echten Leben aber, findet man manchmal auch, wonach man gar nicht gesucht hat. Wenn’s um Innovation geht, hat der Zufall meistens seine Finger drin.

Albert Hofmann wollte vor 80 Jahren ein Kreislaufstimulans entwickeln und hat ganz ohne zu wissen den Wirkstoff Lysergsäurediethylamid hergestellt. LSD. Neugierig hat er diesen Wirkstoff dann auf einer Fahrradfahrt mit seiner Frau an sich selbst ausprobiert. Obwohl die beiden gemäss seiner Frau ziemlich schnell gefahren sind, berichtet Albert Hofmann er hatte das Gefühl, gar nicht vorwärts zu kommen. Albert Hofmann hat LSD zufällig erfunden. Diese Zufallsentdeckung war eine grosse Erfindung, sie war Medikament und Inspiration einer ganzen Generation. Die Beatles singen in „Lucy In The Sky With Diamonds“ von einem Mädchen mit Kaleidoskopaugen, die Rolling Stones nennen die Droge liebevoll ihre Schwester Morphium.

Das Paradies ist eben kein Ort, sondern ein Bewusstseinszustand.

Nur zu finden, wonach wir nicht gesucht haben, ist als Perspektive aber nicht zufriedenstellend. Und weil wir den Zufall nicht erzwingen können, müssen wir ihm auf die Sprünge helfen. Also wie wissen wir, was wir erfinden sollen? Wir fragen ganz einfach unsere Kunden was sie sich wünschen.

Falsch.

Was wissen normale Menschen schon? Normale Menschen können die Möglichkeiten von allem Möglichen nicht einschätzen. Nicht alle sind Software Engineers, Machine Learning Experten, UX Designers oder Daniel Düsentrieb. (Daniel Düsentrieb hat mal heißes Eis für heißen Eistee erfunden . So für den Sommer keine schlechte Idee, oder?)

Michael O’Leary, Chef von Ryan Air, hat zum Wissen seiner Kunden eine klare Meinung:

„Man sagt, der Kunde hat immer recht. Aber wissen sie was? Das stimmt nicht. Manchmal irren sie sich. Und das muss man ihnen sagen.“

(Trotz einer Kundenzufriedenheit von nur 45 Prozent gehört Ryanair zu den weltweit profitabelsten und am schnellsten wachsenden Airlines. Aber das ist ein Thema für nächstes Mal.)

Auch Henry Ford wusste, dass Menschen ihre Bedürfnisse für die Zukunft nur aus dem Wissen der Vergangenheit formulieren:

„If I would have asked the people what they want, they would have said a faster horse.“

stellte er fest.

Mit dem Blick in den Rückspiegel lässt sich eben nicht nach vorne schauen.

Nicht mal Charles Duell, damals Chef der Amerikanischen Patentamts hatte das nötige Vorstellungsvermögen. Vor über 100 Jahren war er überzeugt:

„Es gibt nichts Neues mehr. Alles, was man erfinden kann, ist schon erfunden worden.“

Sogar bei bereits existierenden Innovationen, enttäuschen die klügsten Experten.

Steve Ballmer, der legendäre Ex-CEO von Micrsoft und immerhin Nachfolger von Bill Gates lachte 2007 lauthals über das iPhone:

„Das iPhone wird nie im Leben einen bedeutenden Marktanteil erlangen. Keine Chance.“

Irren ist menschlich, sagten die alten Römer. Doch grad so? Wenn wir weder unsere Kunden noch unsere Chefs fragen können was wir für unsere Kunden erfinden sollen, wie sollen wir denn herausfinden, was wir für unsere Kunden erfinden sollen? Ein Innovationsworkshop? So mit vielen Post-Its an der Wand?

Ich habs! Wir gründen ein Innovation Lab! Die Anderen machen das doch auch.
„"Kreativer Innovationshunger lässt sich nicht in Labore outsourcen"“
Achill Prakash
Bevor sie losrennen und eine coole Location in einem coolen Quartier einer coolen Grossstadt für ein cooles Innovation Lab zu suchen, überlegen sie sich: Warum hat Google kein Innovation Lab?

Weil sich kreativer Innovationshunger nicht in Labore outsourcen lässt. Innovation Labs sorgen zwar bei den rauschenden Eröffungspartys für Begeisterung (ob wir wohl je wieder rauschende Partys feiern?), entfalten aber selten ihre Wirkung.

Es reicht auch nicht, wenn der CEO und seine Führungscrew statt in Anzug und Krawatte plötzlich mit Rockstar-Attitüde in Sneakern und T-Shirt auftreten (no offense).

Attitüde

Innovation scheitert nicht aus Mangel an guten Ideen. Innovation scheitert an der Kultur.

Viele Unternehmen leiden unter langsamen Verfahren, komplexen Bürokratien und starren Hierarchien, die einen lebendigen Innovationsgeist nicht gerade anfeuern.

Wie sollen Unternehmenskulturen und Mitarbeiter, die die letzten Jahre vor allem auf Prozessoptimierung und Effizienzsteigerungen getrimmt wurden, plötzlich offene Kreativität zulassen, die für den neugierigen Weg zu neuen Ideen so nötig ist? Innovation ist nicht effizient. Innovation zahlt sich nicht kurzfristig aus. Innovation ist nichts für ungeduldige Manager.

Und welcher Mitarbeiter investiert schon wertvolle Zeit für langfristig wirksame Innovation, wenn sein Bonus sich nach kurzfristigen Umsatzzielen berechnet?

Wer bei der ersten Ideenskizze oder dem ersten Prototyp, sei es aus Workshops oder dem Innovation Lab, schon nach dem Business Plan fragt und den Erfindern mit dem Satz „Das Projekt ist auf zwölf Monate angesetzt.“ das Damoklesschwert über den Kopf hängt, lähmt jeden Schritt nach vorne.

Die meisten Unternehmenslenker mit Innovation Lab können nicht mal formulieren, warum sie eigentlich eins gegründet haben.

Es ist genau diese Kollision der Kulturen, die jede Hoffnung auf interessante Neuigkeiten aus dem Unternehmen im Keim erstickt.

Weil immer wenn im Vordergrund das Neue sichtbar wird, regiert im Hintergrund das Alte. Dabei ist die Welt so hungrig nach neuen Ideen wie schon lange nicht mehr.

Verstehen sie mich nicht falsch.

Die Attitüde eines Innovation Labs oder eines Innovationsworkshop’s stimmt. Wir hoffen auf das nächste grosse Ding, das uns endlich die Weltherrschaft bringen wird. Das ist ok. Und immerhin stellen wir uns in eine Reihe mit denen, die Apple 1997 die „Crazy Ones“ genannt hat:

„Here’s to the crazy ones.

The misfits.

The rebels.

The troublemakers.“

Die Ambition ist toll. Doch sind wir Misfits genug? Rebels? Crazy Ones? Sind wir Charlie Chaplin, Yoko Ono, Steve Jobs?

Nein. (Ein bisschen Al Capone vielleicht mal hin und wieder.)

Warum wir nicht Steve Jobs oder Charlie Chaplin sein müssen, um die Welt zu bewegen, erfahren sie im zweiten Teil, der am Freitag online verfügbar sein wird.
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