Tag der künftigen Arbeit

Leadership by Ledersessel - das ist vorbei

Freitag, 01. Mai 2020
Der 1. Mai verdeutlicht, wie sich die Zeiten ändern. Als er sich 1886 als "Tag der Arbeit" etablierte, wurde dafür gekämpft, den Arbeitstag auf acht Stunden herunter zu kürzen – 2020 kämpft man dafür, ihn wieder auf acht Stunden hochzufahren. Und mit Corona beginnt  eine neue Zeitrechnung. Historisch ist der 1. Mai zudem der "Moving Day", der Tag des Wechsels, beim Wohnen wie im Beruf.



Wohin also geht die Reise? Wegen des Virus befürchtet die UNO eine Verdoppelung der Zahl der Hungernden und selbst mitten in Europa brechen Existenzen zusammen. Angesichts dessen möchte ich nicht von der "Krise als Chance" sprechen. Auch nicht als in der Medienbranche abgehärteter Headhunter.

Wer vermisst den schwarzen Sitzungstisch?

Sicher ist, es hat sich für uns alle in kurzer Zeit viel verändert. Und bei allen Drinks, die wir wieder genau gleich an der Bar trinken möchten, bei aller menschlichen Nähe, die wir wieder ganz real leben möchten: Wir hatten im Home-Office doch auch manch' ein "Oh, es geht ja auch ganz anders"-Erlebnis. Ich habe jedenfalls von niemandem gehört, dass er den schönen schwarzen Standard-Sitzungstisch vermisst. Oder den Büroalltag zwischen zwei Stunden Stau. Viele gewannen Freude an Videokonferenzen, bei denen es direkt nach dem Wachwerden zur Sache geht – und Dinge schneller erledigt sind als ein Flug gebucht.

Was Digital-Pioniere – zum Beispiel auch ein geschätzter Headhunting-Kollege aus Deutschland – schon lange beobachten, zeigt sich nun doppelt: Selbstorganisation und Selbstmotivation gewinnen an Bedeutung. Und Schnelligkeit ist ebenso belebend wie gefordert: "Digitalität und Agilität" gehören zusammen. Leute, die souverän mit Veränderungen umgehen können, werden in der dringenden digitalen Transformation also besonders gefragt sein – da Veränderung nicht immer bequem ist, durchaus auch Leute, die "unbequem" sind.


Beschleunigt hat sich in der virtuellen Zusammenarbeit auch die Erkenntnis, dass "Leadership by Ledersessel" definitiv vorbei ist. Das Ziel vor Augen ersetzt die Faust im Nacken. Was die Ansprüche an Führungskräfte nochmals vergrössert: Geographisch weit verteilte Leute begeistert zusammenzuhalten, braucht stärkere Visionen, als in einem physischen Raum eine verschworene Gemeinschaft zu bilden.

"Physically distant, emotionally close ist die Devise", sagte mir diese Woche auch eine renommierte Unternehmensgründerin, die längst erfolgreich mit international verteilten Teams arbeitet. Ihr Tipp, was Studierende anstreben sollten, um anschlussfähig zu sein? "E-Anything!" Was eben nicht nur das Technische meint. Um es mit einem klassischen Vergleich zu sagen: Nicht jeder, der Klavier spielen kann, ist auch schon ein Komponist. Gestaltungskraft ist nochmals eine ganze andere Dimension. Das gilt genauso bei all den neuen Online-Instrumentarien: Sie sind nicht der Endzweck, sondern der Ausgangspunkt.

Doch selbst wenn Persönlichkeit auf viele Arten gelebt werden kann: Die direkte persönliche Begegnung wird auch in Zukunft nicht zu übertreffen sein. Als Headhunter zum Beispiel will ich die Leute spüren – "chönne schmöcke", wie wir in der Schweiz sagen. Es heisst nicht zufällig "die Chemie stimmt". Um antizipieren zu können, wie Kandidaten und Kunden zusammenpassen, wenn die Zeit der schönen Selbstdarstellungen vorbei ist und der Wind auch mal etwas rauer weht, will ich alle Seiten aus eigener Anschauung und eigener Intuition kennen.

Wer erinnert sich noch an die Zoom-Konferenz?

Viele "Helden von heute" (Falco), die etwa an der Verkaufsfront arbeiten oder einem Unternehmen anderweitig ein Gesicht und eine aktuelle Präsenz geben, werden auch in Zukunft wertvoll bis unabdingbar sein. Zudem kann es auch mal ganz produktiv sein, wenn nicht alles so durchgetaktet und "ein/aus" ist wie eine Videokonferenz. Ein "übrigens, was ich noch fragen wollte…" in der Cafeteria kann bedeutsamer sein als das ganze offizielle Programm. Und auch beim gemeinsamen frische Luft holen ist schon manche frische Idee entstanden. Last but not least können starke gemeinsame Erinnerungen sehr hilfreich sein, wenn eine Situation oder eine Aufgabe mal besonders herausfordernd wird: "Erinnere Dich an das, was wir an diesem herrlichen Sommerabend auf der Piazza angedacht haben" dürfte auch in Zukunft mehr auslösen als "Erinnere Dich an das, was wir im Zoom vom 30. Juni um 20 GMT besprochen haben".

Ideal ist, wenn das volle digitale Spektrum mit dem voll entwickelten persönlichen Potenzial zusammenfindet: "E-Anything + P-Anything!" Und auch wenn es im Moment vielerorts ums nackte Überleben geht: Langfristig geht’s um die Wertschöpfung im besten Sinne. Dabei gilt, was schon Oscar Wilde sagte, den ich in der Quarantäne-Zeit einmal mehr wiederentdeckt habe: "The average gives the world its existence, the extraordinary its value."

Über den Autor: Hans Hofmann ist Personalberater, Gründer von hans hofmann&Partner in Zürich. In der Schweizer Medienszene ist er seit vielen Jahren als Headhunter eine erste Adresse.
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