Kommentar

Bitte mehr Geduld, Herr Tonini!

Dienstag, 07. August 2018
Tamedia reagiert ungehalten auf die vertieften Prüfungen der Wettbewerbskommission in Sachen Goldbach und BaZ. Doch diese Ungeduld eines Medienmarktleaders ist völlig fehl am Platz, findet Markus Knöpfli, Redaktor von HORIZONT Swiss.
Während Tamedias heutige Mitteilung zur Weko recht moderat daher kommt, zeigte sich Tamedia-CEO Christoph Tonini vor Kurzem in einem Interview mit persoenlich.com sehr ungehalten über die Weko. Mit Verweis auf Google und Facebook sagte er wörtlich: "Die Summe Geld, die diese beiden im Schweizer Markt umsetzen ist derart hoch, dass das ganze Prozedere der Wettbewerbskommission – ob nun bei unserer Übernahme der 'Basler Zeitung', oder AZ/NZZ oder Goldbach/Tamedia – weltfremd erscheint. Während dem Schweizer Werbemarkt täglich mehr und mehr Geld wegfliesst, untersucht die Weko monatelang, ob eine wettbewerbsbeherrschende Stellung entstehen könnte. Da frage ich mich schon, ob die Kommission wahrnimmt, dass wir alle in der Schweiz bereits heute Zwerge sind gegen diese Internet-Giganten."

Diese Aussage aus dem Munde eines der Marktleader stösst dreifach sauer auf: Zum einen, weil er offenbar glaubt, allein mit Verweis auf die Internetgiganten im Markt Schweiz quasi einen Freipass zur Umsetzung seiner Vorstellungen und Ideen zu haben. Und zwar subito. Zum zweiten unterschlägt Tamedia in der eigenen Mitteilung, dass der Konzern in Basel längst mit "20 Minuten Basel" aktiv und die BaZ im Werbemarkt Teil des Newsnet und des Metropool ist. Zum dritten ist daran zu erinnern, dass SRG, Ringier und Swisscom bereits vor drei Jahren mit derselben Argumentation wie Tonini jetzt die Gründung von Admeira begründet hatten – und damals von Verlegern, auch von Tamedia, belächelt bzw. angegriffen wurden. Jetzt wegen ein paar Monaten Verzögerung nervös zu tun, mutet deshalb geradezu quengelnd an. Zudem: Als die Weko seinerzeit den Admeira-Zusammenschluss prüfte, war dies Tamedia ja noch so recht (auch wenn nicht herauskam, was man sich erhofft hatte).



Tamedia ist nun einmal eines der grössten Schweizer Medienunternehmen, das zudem in allen Landesteilen präsent ist. Es ist deshalb nur richtig, dass die Wettbewerbskommission (Weko) genauer hinschaut, wenn der Konzern im Inland Zukäufe tätigen oder einen Zeitungstausch vornehmen will.


Tamedias Verweis auf Google, Facebook, Amazon etc. ist zwar berechtigt. Doch mit dem kollektivistischen (oder nationalistischen?) Ton, den Tonini dabei anschlägt ("wir alle in der Schweiz"), versucht er von einigen Tatsachen abzulenken. So ist sein Konzern zwar verglichen mit den Internet-Giganten tatsächlich ein Zwerg, aber einer der mit Abstand grössten im Land, der seinerseits nicht minder rücksichtslos gegenüber den noch kleineren Zwergen im Markt agiert. Es braucht deshalb jemanden wie die Weko, der sich auch um die Rechte und Belange der Kleineren und Kleinsten kümmert. Und das braucht halt seine Zeit. Darum bitte mehr Geduld, Herr Tonini!

Markus Knöpfli
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