In der Corona-Krise

Hans Hofmann und der Bellinzona Blues (7)

Mittwoch, 27. Mai 2020
Hoteliers, Verleger, eine thailändische Köchin - Hans Hofmann trifft in seinem Tessiner Exil interessante Persönlichkeiten. Der Lockdown macht allen schwer zu schaffen - aber jetzt gibt es ja Hoffnung.

Bellinzona Blues No. 43, 2. Mai 2020




Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

In Daro, einer Fraktion der politischen Gemeinde Bellinzona, drei Minuten vom Bahnhof Bellinzona, wird seit rund sechs Monaten thailändisch gekocht. Nèng, die Frau vom Dottore Icecream Eolo, zaubert täglich die besten thailändischen Gerichte auf die Teller, einer immer grösser werdenden Gästeschar. Man bestellt via Website, telefonisch, oder ruft Eolo die Bestellung zu, wenn er mit seinem in die Jahre gekommenen Motorrad Bellinzona unsicher macht.

Thai con Gusto



Nèng wartet schon geduldig vor Eolos Gelati-Factory, als ich mich zu unserem Rendez-vous einfinde. Zur Begrüssung faltet sie die Hände wie zum Gebet vor der Brust. Dieser traditionelle Gruss wird als "wai" bezeichnet. Nèng musste sich deshalb in Corona Zeiten nicht umstellen – in Thailand wird auf das unappetitliche Händeschütteln verzichtet. Sie zaubert ein etwas scheues Lächeln auf ihr rundes Gesicht, sie hat tiefschwarze Haare und kugelrunde, dunkelbraune Augen. Auf unser Gespräch ist sie gut vorbereitet und sendet mir vorab Dutzende von Aufnahmen aus Ihrer Heimat, Bulon Island.
Nèng
© Hans Hofmann
Nèng
Vor 41 Jahren wurde Nèng im Süden Thailands geboren. Mit 16 Jahren zogen ihre Eltern nach Bulon Island. Sie schwärmt von einer winzig kleinen Insel, südlich von Phuket. Einem Paradies mit einem Traumstrand und schneeweissem Muschelkalksand. Einer Handvoll Hütten (Bungalows), einigen Restaurants und Hängematten. Mit der Elektrizität hapert‘s noch, statt Aircondition gibt‘s noch die guten alten Ventilatoren und duschen tut man sich meist kalt. Eine Idylle, zwar ohne Komfort, aber mit sehr viel Lebensqualität, Stille, kaum Action, keine Disco – und (Eolos Einwurf) auch kein Bancomat.

Man muss sich vor der Überfahrt mit dem nötigen Kleingeld eindecken. Es braucht nicht allzu viel, auf Bulon Island ist das Leben für unsere Verhältnisse spottbillig. Nèngs wehmütige Schilderungen erinnern etwas an Daniel Defoes Robinson Crusoe, nach Natur pur und Abenteuer. In der Hauptsaison zwischen November und Juni bevölkern ca. 250 bis 300 Personen die Insel, sonst ca. 100 Einheimische (hauptsächlich sogenannte Seezigeuner, die sich selbst Chao Leh nennen) und ein paar wenige Aussteiger.
Sehr lecker
© Hans Hofmann
Sehr lecker
Nèng hat auf Bulon Island ein Restaurant betrieben, in dem sie tagtäglich fangfrischen Fisch zubereitete. Krabben, Meerfische in den verschiedensten Variationen – Hornhechte (Longtom), Baramundi, Alligatorhechte, Makrelen – einfach all das, was ihr Bruder dem Meer abringen konnte. Hier lernte Nèng kochen – gestrenge , fordernde Lehrmeisterin war ihre Mutter. Nach und nach hat sie ihre Tochter in die Geheimnisse der thailändischen Küche eingeweiht. Heute ist Nèng eine Meisterin.

In dieses Paradies hat es vor 20 Jahren auch unseren Freund, den Dottore Icecream Eolo, verschlagen. Er hat sich auf den ersten Blick in Nèng und auf den zweiten Blick die Insel verliebt (habe ich jetzt die Reihenfolge verwechselt?). Mit typischem Tessiner Temperament und Tessiner Sturheit, hat Eolo mit zuerst täglichen, dann stündlichen Besuchen in Nèngs kleinem "The Garden Restaurant", um sie geworben. Mit sichtbarem Erfolg. Nun wohnen die zwei in Bellinzona, ziehen gemeinsam den 10-jährigen Angus (Eolo ist Fan von ACDC deshalb der Name) auf und verwöhnen das Bellinzonese mit perfektem Thaifood und dem besten Gelato weit und breit.

Nèng hat ihr eigenes Geschäft vor rund sechs Monaten gegründet und es läuft zwischenzeitlich wie geschmiert. Täglich steht sie in Ihrer 8-m2-Küche, kocht, frittiert und kreiert die feinsten Gerichte. Ihre Spezialität ist Massam Curry (con manzo, patate, cipolla bianca, pomodori). Auf der Website www.thaicongusto.ch findet man die ganze Palette von Nèngs Kochkunst.

Eolo ist der Mann für den Einkauf, die Auslieferung und natürlich das Marketing. Unermüdlich preist er bei seinen vielen Kollegen und eigentlich in ganz Bellinzona die Kochkünste seiner Frau an. Mit grossem Erfolg! Nèng muss nun nicht mehr – vergeblich und frustrierend – von Restaurant zu Restaurant pilgern, ihre Mitarbeit anbieten und Absage um Absage kassieren. Sie ist nun stolze und erfolgreiche Inhaberin, Geschäftsführerin und Mitarbeiterin einer eigenen, kleinen Firma. Das ist doch zum Wochenende eine kleine, wunderschöne, wahre Tellerwäscher Geschichte.

PIEROS IMMAGINI NO. 28

Zwar blüht jetzt noch der Flieder, aber bald schminkt sich die Natur wieder herbstlich. Ein Fest für die Augen, ein Trost für Nostalgiker. Bleiben wir trotz allem zuversichtlich.Aufnahme: 1. November 2019
© Piero Schäfer
Zwar blüht jetzt noch der Flieder, aber bald schminkt sich die Natur wieder herbstlich. Ein Fest für die Augen, ein Trost für Nostalgiker. Bleiben wir trotz allem zuversichtlich.Aufnahme: 1. November 2019
Nicht wirklich heimisch aber längst assimiliert, prägt die Olive die Tessiner Landschaft und Gärten. Und sogar deren Frucht bezeugt durch ihre Entfal- tung Wohlgefallen am milden Klima. Aufnahme: 24. Oktober 2018
© Piero Schäfer
Nicht wirklich heimisch aber längst assimiliert, prägt die Olive die Tessiner Landschaft und Gärten. Und sogar deren Frucht bezeugt durch ihre Entfal- tung Wohlgefallen am milden Klima. Aufnahme: 24. Oktober 2018
Sie gehören zu den Leckerbissen des ausklingenden Jahres. Glücklich, wer weiss, wo das beige Gold wächst. Unser Freund José präsentiert die Steinpilze mit klandestinem Lächeln. Aufnahme: 6. September 2015
© Piero Schäfer
Sie gehören zu den Leckerbissen des ausklingenden Jahres. Glücklich, wer weiss, wo das beige Gold wächst. Unser Freund José präsentiert die Steinpilze mit klandestinem Lächeln. Aufnahme: 6. September 2015


Zitat für Sonntag, 3. Mai:

Isabelle Allende, chilenisch-US-amerikanische Schriftstellerin: "Um glücklich zu sein, müssen wir uns etwas trauen."

Sonnige Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Fortunas Tochter". Isabelle Allende, chilenisch-US-amerikanische Schriftstellerin. "Elizas Reise steht dafür, was mit uns Frauen geschehen ist: Wir mussten unser Korsett abstreifen und uns vermännlichen, um dann wieder zu unseren Frauenkleidern zurückzukehren – dieses Mal ohne Korsett!" Isabel Allende. www.suhrkamp.de

Bellinzona Blues No. 44, 3. Mai 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Vor knapp drei Jahren hat ein italienischer Blogger – Marco Capedri – ein Badevideo auf Facebook hochgeladen. Titel: "Die Malediven von Mailand. Ein herrlicher Canyon voll von smaragdgrünem Wasser, eine Stunde von Mailand entfernt." Da muss ich auch hin, sagten sich viele tausend Menschen, die den obenerwähnten Facebook-Beitrag gelesen und gesehen hatten. Das Valle Verzasca, ganz speziell Lavertezzo wurde von Touristenhorden überrannt – Facebook machte das Verzascatal zu einem Wallfahrtsort. Statt der üblichen Deutschschweizer Touristen überfluteten nun massenweise Italiener das malerische Verzascatal. Etwas zu viel des Guten.
Ponte dei Salti
© Hans Hofmann
Ponte dei Salti
Wir waren deshalb auf einiges gefasst, als wir uns heute – an einem sonnigen Sonntag – auf eine Tour ins Valle Verzasca aufmachten. Von Gordola führt eine kurvenreiche Strasse Richtung Mergoscia. Der Stausee, den man nach ca. 15 Minuten erreicht, bietet besonders Wagemutigen den "verrücktesten Bungee Jump der Welt". Der Sprung am elastischen Seil von der Staumauer der Verzasca geht 220 Meter in die Tiefe, inmitten der engen Felswände am Talausgang. Ein Kick der Sonderklasse mit garantiertem Adrenalinschub. Wir liessen dieses Abenteuer links liegen, freiwillig – meines Wissens müssen sich Adrenalinjunkees noch etwas gedulden, bis sie wieder am Seil heruntergelassen werden.

Die Strasse führte uns weiter nach Lavertezzo. Viele Ausflügler schienen dasselbe Ziel anzusteuern, wir konnten nur mit grosser Mühe einen Parkplatz ergattern. Das nervöse Gehupe, dass diesen etwas komplizierten Vorgang begleitete, stammte übrigens von einem ungeduldigen Idioten mit Zürcher Nummer. Ach ja, die Autonummern: Wir haben ganz genau gezählt – von 100 Autos hatten 97 eine TI-Nummer und der Rest kam aus Zürich, Bern und Zug. Kein einziges Fahrzeug mit italienischer Nummer. Natürlich spazierten wir in Lavertezzo über die berühmte Römerbrücke Ponte dei Salti und waren ganz begeistert vom smaragdgrünen Wasser und den bizarren Felsformationen. Der wagemutige George riskierte sogar einen Sprung ins eiskalte Wasser. Complimenti, George – das war tollkühn, supercool von Dir!
Smaragdgrünes Wasser - eines der Höhepunkte im malerischen Verzascatal
© Hans Hofmann
Smaragdgrünes Wasser - eines der Höhepunkte im malerischen Verzascatal
Weiter geht's bis ans Ende des Tal nach Sonogno. Auch hier wieder – alle Parkplätze belegt, aber wie gehabt zur Hauptsache von Tessinern. Wir schlendern durch das Dorf. Für mich ist alles etwas zu gestylt, zu Mickey Mouse, Disney Land, zu perfekt, zu schön um wahr zu sein. George hat Hunger und wir entschliessen uns zurück nach Bellinzona zu fahren, bevor er einer der vielen Katzen, die an den Hausecken herumlungern, hinterher jagt.

Notabene – habe ich das erwähnt? Unser helden- hafter Taucher George ist ein Hund! Ein wunderschöner dunkelbrauner Labrador-Rüde, dessen Fell nun im Auto trocknet und uns dazu bringt, mit offenem Fenster zu fahren – er riecht etwas streng.

Fazit: Wunderschön, das Valle Verzasca. Ich freue mich, wenn dann endlich auch die vielversprechenden Grotti geöffnet sind. Und ich freue mich auch, dass dieses phantastische Tal wieder den Tessinern und auch ein wenig den Deutschschweizern gehört: Merlot statt Chianti, Polenta statt Spaghetti, Forellen statt Merluzzo und last but not least Grappa Nostrano statt überteuerten Nonino. In diesem Sinne – ich bin ja kein Influenzer – besucht das Valle Verzasca, es ist traumhaft schön – und man trifft auch noch waschechte Tessiner!

PIEROS IMMAGINI NO. 29

Vor lauter Kultur und Natur fast etwas untergegangen: Ascona ist auch ein Ort der ausgelassenen Parties: Mal alle zusammen auf der Piazza, wo Blondinen und Prosecco dominieren ... Aufnahme: 21. April 2019
© Piero Schäfer
Vor lauter Kultur und Natur fast etwas untergegangen: Ascona ist auch ein Ort der ausgelassenen Parties: Mal alle zusammen auf der Piazza, wo Blondinen und Prosecco dominieren ... Aufnahme: 21. April 2019
... oder bei regelmässigen Tanzabenden, wo der harte Kern der Partyszene sich zu Livemusik und heissen Rhythmen ver- lustiert, wie diese drei Grazien und ein festerprobter Basler ... Aufnahme: 26. Februar 2019
© Piero Schäfer
... oder bei regelmässigen Tanzabenden, wo der harte Kern der Partyszene sich zu Livemusik und heissen Rhythmen ver- lustiert, wie diese drei Grazien und ein festerprobter Basler ... Aufnahme: 26. Februar 2019
... oder dann bei einer von Paula und Patrizia initiierten Notte Biancha, an welcher halb Ascona blütenweiss daherkommt und das einzig Bunte, die farbigen Gespräche sind. Aufnahme: 24. September 2016
© Piero Schäfer
... oder dann bei einer von Paula und Patrizia initiierten Notte Biancha, an welcher halb Ascona blütenweiss daherkommt und das einzig Bunte, die farbigen Gespräche sind. Aufnahme: 24. September 2016


Zitat für Montag, 4. Mai:

Marcel Proust, französischer Feuilletonist und Romanautor: "Pessimisten sind die wahren Lebenskünstler, denn nur sie erleben angenehme Überraschungen."

Einen guten Wochenstart! Gruss aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Die Entflohene". Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Marcel Proust, französischer Feuilletonist und Romanautor. "Für Proust ist die Qualität der Sprache wichtiger als ein ethisches oder ästhetisches System." Samuel Beckett. www.suhrkamp.de

Bellinzona Blues No. 45, 4. Mai 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Daniel Heiserer habe ich 2016 kennengelernt, als wir gemeinsam "Mini Beiz – dini Beiz" gerockt haben. Der Sieg war nebst der Küchenbrigade und dem perfekten Service hauptsächlich sein Verdienst: Die Zuschauer, aber auch meine Mitstreiter haben sofort gespürt, dass da ein Hotelier aus Berufung und mit viel Herzblut seinen Betrieb präsentiert. Ein Überzeugungstäter mit viel Chic und Charme, immer zu einem Scherz aufgelegt und mit einem Augenzwinkern. Am 11. Mai ist Reopening für Hotels und Restaurants, auch im Tessin – deshalb das Gespräch.

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Daniel, erzähl bitte unseren LeserInnen, wer Du bist, was Du machst und warum Du im sonnigen Süden gestrandet bist.

Ich bin gebürtiger Badener, in der Nähe von Heidelberg aufgewachsen. Eigentlich wollte ich nach meiner Lehre als Koch einen klei- nen Abstecher in die Schweiz machen und bin immer noch hier ... Meine Schweizer Reise begann in Basel, wo ich auch meine Frau Sandra kennenlernte. Danach war ich in Gstaad, in St. Moritz und in Perugia beruflich engagiert. Aber eigentlich war mir sofort nach dem 1. Besuch in Ascona klar, dass ich da bleiben will. 2014 war es dann soweit, ich bin nach einigen anderen beruflichen Stationen ins Castello zurückgekehrt. Seither führen wir die Betriebe "Castello Seeschloss" und das "Garni Elena" in Losone im Dreiergespann: meine Frau Sandra, ihr Cousin Filippo Ris und meine Wenigkeit.
Filippo Ris, Sandra und Daniel Heiserer (v.l.)
© Hans Hofmann
Filippo Ris, Sandra und Daniel Heiserer (v.l.)
Was hat der Lockdown für Dich und euer Hotel wirtschaftlich bedeutet? Habt ihr ein Geheimrezept ausgetüftelt, oder gar eine Trumpfkarte aus dem Ärmel gezaubert?

Ich habe, als die Corona-Krise losging, unverzüglich alle Spitäler angeschrieben. Unser Aparthotel war durch die Clinica Santa Chiara bis Anfang Mai ausgebucht. Das Castello konnte ca. 15 Zimmer an das Ospedale la Carita vermieten und im Garni Elena haben wir seit gestern auch Spitalmitarbeiter untergebracht. Wir sind sehr froh darüber, nun kann das Pflegepersonal, nach harten, intensiven 12-Stunden-Schichten in einer guten Atmosphäre entspannen und ausruhen.

Natürlich mussten wir auch einige Mitarbeiter entlassen und wir haben zudem Kurzarbeit beantragt. Des Weiteren haben wir für einen befreundeten Winzer/Landwirtschaftsbetrieb "Settemaggio" Mitarbeiter vom Castello für die Arbeit in der Landwirtschaft freigestellt. Das war eine Win-win-Situation: Wir konnten unsere Mitarbeiter sinnvoll beschäftigen und der Winzer hatte wertvolle Hilfe, da es den ausländischen Feldarbeitern verboten war, in die Schweiz einzureisen.

Du bist Präsident von den Romatik Hotels in der Schweiz und Aufsichtsrat der internationalen Romantikgruppe. Wie haben sich Deine KollegInnen behauptet? Ist eine Pleitewelle zu befürchten?

Bei den "Romantikern" werden wir keine Pleitewelle haben, denn die meisten dieser grossartigen Vorzeige- Hotels werden von Hoteliers betrieben, die einen gesunden wirtschaftlichen Hintergrund erschaffen haben. Viele waren auch während der Corona Krise sehr aktiv und haben teilweise fantastische, phantasievolle Projekte lanciert. Zum Beispiel den Störkoch, oder home delivery service, Burgerbuden sind entstanden oder man hat längst fällige Um- und Ausbauten realisiert. Ich gehe davon aus, dass künftig viele Urlauber, solche kleinen, gut geführten Hotels berücksichtigen. Sie schätzen es, wenn der Gastgeber aktiv hinter dem Tresen steht, oder in der Küche. Ganz nach dem Motto: "Hier kocht der Chef persönlich." Auch das internationale Management der Romantikgruppe unterstützt uns gerade in dieser schwierigen Zeit vorbildlich.

Was bringt die Zukunft dem Schweizer Tourismus? Deine Prognose für das Tessin?

Das ist im Moment sehr schwierig zu beantworten. Es steht und fällt damit, wie sich der Corona-Virus weiter verbreitet, oder eben nicht. Der Bund ruft weiterhin dazu auf, Auslandreisen auszusetzen. Bundesrat Alain Berset wollte sich an einer Medienkonferenz am Montag nicht auf eine Aussage festlegen, ob wir 2020 noch ins Ausland reisen können. Die Europäische Union will die Grenzen koordiniert wieder öffnen; an Besprechungen dazu nimmt auch die Schweiz teil. Stand heute, bleiben die Grenzen mindestens bis am 15. Mai geschlossen. Danach werde die Lage neu bewertet, teilt ein Sprecher der Europäischen Kommission auf Anfrage mit. Der Präsident des Schweizer Reise-Verbands (SRV), Max E. Katz, vermutet, dass die innereuropäischen Grenzen Ende Juni wieder aufgehen werden.

Ich gehe davon aus, dass die Buchungen mehrheitlich von Stammgästen kommen, weniger von Leuten, die in anderen Jahren nach Italien oder Spanien fuhren. Unser Ziel muss sein, die Feriengäste auf die Qualitäten der Schweiz zu sensibilisieren: Entschleunigung, Natur pur ist die Devise und wir hoffen auf einen Sommer mit viel Schwung und Sonne. Bestimmt auch etwas ruhiger als sonst. Ohne Jubel und Trubel, ohne Events – nur ganz entspannt geniessen und raus an die frische Luft. Eine Abkühlung im geliebten Lago Maggiore und natürlich ein Gelato auf der Piazza von Ascona.

Du hast einen Wunsch frei.

Mit dem Motorrad die höchstgelegene Strasse der Welt erobern: Den Transhimalaya!

PIEROS IMMAGINI NO. 30

Ein schnittiges Boot, das ohne zu klagen einsam und verlassen am Gestade auf seinen Besitzer wartet und schwankend davon träumt, mit etwas mehr Respekt behandelt zu werden. Aufnahme: 4.Juni 2017
© Piero Schäfer
Ein schnittiges Boot, das ohne zu klagen einsam und verlassen am Gestade auf seinen Besitzer wartet und schwankend davon träumt, mit etwas mehr Respekt behandelt zu werden. Aufnahme: 4.Juni 2017
Als Fotografie noch ohne Farbe auskam, verewigte ein mir unbekannter Künstler diese nostalgische Szene. Weil es schon in meinem Kinderzimmer hing, erlaube ich mir, es zu präsentieren. Aufnahme: irgendwann um 1930
© Piero Schäfer
Als Fotografie noch ohne Farbe auskam, verewigte ein mir unbekannter Künstler diese nostalgische Szene. Weil es schon in meinem Kinderzimmer hing, erlaube ich mir, es zu präsentieren. Aufnahme: irgendwann um 1930
Unzählige europäische Abenteurer reisten von Gier getrieben nach Südamerika um El Dorado zu finden, die mythische Goldstadt. Warum so weit reisen? Das Gold prangt am Tamaromassiv. Aufnahme: 26. Oktober 2018
© Piero Schäfer
Unzählige europäische Abenteurer reisten von Gier getrieben nach Südamerika um El Dorado zu finden, die mythische Goldstadt. Warum so weit reisen? Das Gold prangt am Tamaromassiv. Aufnahme: 26. Oktober 2018


Zitat für Dienstag, 5. Mai:

Rudolf Augstein, Journalist, Verleger und Publizist und der Gründer des Nachrichtenmagazins Der Spiegel: "Die Zahl derer, die durch zu viele Informationen nicht mehr informiert sind, wächst."

Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Rudolf Augstein". Peter Merseburger, deutscher Journalist und Autor. "Die tatsächliche Meinungsfreiheit in unserem Land verdankt ihre heutige Vitalität, das ist meine feste Überzeugung, zu einem unverzichtbaren Anteil dem Mut und dem Vorbild Rudolf Augsteins." Helmut Schmidt. www.randomhouse.de

Bellinzona Blues No. 46, 5. Mai 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

In Giubiasca gibt es seit vier Jahren ein Boutiquehotel, das Seinesgleichen sucht. Wunderschöne Zimmer, gute Lage, schöne Räumlichkeiten für Seminare und Sitzungen – ein Bijoux. Mich haben beim Gespräch mit der charmanten Chefin u. a. zwei Worte fasziniert, die ich auf der Visitenkarte entdeckte: "Ul Padrun". Bettina Doninelli druckst etwas herum, als ich nachbohre: "Eigentlich kann man das nicht übersetzen. Es ist Tessiner Dialekt und steht für Direktorin, Chefin, General Manager. Ul Padrum ist aber kein profaner Titel sondern es umschreibt wie ich meine Rolle interpretiere." Freuen wir uns also auf das kurze Gespräch mit Bettina Dominelli, Chefin vom Hotel La Tureta in Giubiasco.

Ul Padrum in Giubiasco

Bettina, bitte stelle Dich unseren Lesern kurz vor. Es interessiert uns auch, warum Du nun ausgerechnet in Giubiasco lebst.

Das erste Mal habe ich während eines Praktikums in der Villa Castagnola Tessiner Luft geschnuppert. Nach Abschluss meiner Hotelfach-Ausbildung in Schloss Klessheim (Österreich) hat es mich wieder in den sonnigen Süden gezogen und ich habe meine Sporen als Hotelfachfrau in den traditionellen Grand Hotels in Lugano – Hotel Eden und Hotel Splendide abverdient. Ich habe mein Herz anno dazumal nicht nur an das Tessin verloren, sondern auch an meinen Ehemann Renato, der als Architekt in Giubiasco arbeitete. Zusammen mit ihm verwirklichte ich einen Traum: Den Um- und Ausbau eines alten, aus dem 16. Jahrhundert stammenden Gebäudes. Wir haben unserer beiden beruflichen Lebenserfahrungen zusammengelegt und haben ein heruntergekommenes Gebäude zu einem wunderschönen Boutiquehotel mit Restaurant umgebaut. Die Metamorphose von einem abbruchreifen Haus zu einem erstklassigen 4 Sterne Hotel hat vor sechs Jahren begonnen und wurde vor vier Jahren abgeschlossen.
Bettina Doninelli
© Hans Hofmann
Bettina Doninelli
Der Lockdown hat die Gastronomie und die Hotellerie im Tessin ins Mark getroffen. Ein Stopp von 100 auf Null quasi. Wie hast Du die letzten Monate erlebt?

Im ersten Moment war es ein Schock, wir wurden vom Blitz getroffen. Irgendwie gewöhnt man sich dann aber doch an diese "surreale Realität" des Schweigens und der Leere. Wir haben viele neue Projekte in Angriff genommen, Arbeiten erledigt, für welche wir bisher nie Zeit gefunden hatten. Für mich war es auch sehr wichtig, unseren Mitarbeitern Optimismus zu vermitteln, Lust zum Weitermachen und den Blick in die Zukunft zu richten. Selbstverständlich haben wir nicht nur die Hände in den Schoss gelegt und das plötzliche Gewitter mit eingezogenem Kopf abgewartet: Unsere Naturholzböden sind frisch geölt. Wunderbare neue Rezepte wurden kreiert. Wir haben gemeinsam den Raum Bellinzona neu entdeckt. Alle Mitarbeiter kennen nun die schönsten Wanderwege zu den "Tre Castelli"; zur tibetanischen Brücke und auch zu meinen Geheimtipps im Valle Morobia "la via dell’acqua", "la via del ferro".

Du und Dein Mann habt das Hotel La Tureta sehr aufwendig und geschmackvoll renoviert. Was habt ihr unternommen, um die plötzlich fehlenden Einnahmen etwas zu kompensieren?

Wir haben hauptsächlich versucht, keine unnötigen Kosten zu kreieren und auf die Zukunft zu fokussieren. Der Corona-Virus hat bei uns ganz plötzlich zugeschlagen. Wir bekamen von einem Tag auf den anderen laufend Stornierungen. Da wir viele Business-Leute beherbergen und auch grosse Firmen ihre Mitarbeiter bei uns unterbringen, ging das ganz schnell. Eine Nightmare. Wir haben keine Leute entlassen, haben aber Kurzarbeit beantragt. Es ist uns wichtig, unsere gut ausgebildeten, motivierten und engagierten Mitarbeiter zu halten, deshalb macht es mir nichts aus, dass ich als Chefin zur Zeit weniger verdiene als ein Zimmermädchen.
Das Team vom Hotel La Tureta freut sich auf seine Gäste
© Hotel La Tureta
Das Team vom Hotel La Tureta freut sich auf seine Gäste
Nun ist ja Giubiasco nicht so bekannt und beliebt wie Ascona, Locarno, Lugano usw. Was empfiehlst Du Ferienreisenden, die sich zwischen Giubiasco und z. B. Ascona entscheiden müssen?

Die Piazza Grande von Giubiasco, jetzt Ortsteil von Bellinzona, ist die grösste grüne Piazza weit und breit und vermittelt südliches Flair und authentische Tessiner Lebensweise. Bei uns spricht und versteht man noch Italienisch – nicht nur Deutsch. Die Jungen leben einen neuen Tourismus, sie bleiben zwei, drei Tage – besuchen Ascona, Locarno, Lugano – alles von Giubiasco in kürzester Zeit erreichbar und notabe mit dem Ticino Ticket kostenlos. Sie sind auch schnell im Foxtown, in Mailand in den Tälern usw. Meiner Ansicht nach will unsere Kundschaft nicht mehr nur Badeferien an ein und demselben Ort machen, sie wollen flexibel sein, viel Unterschiedliches sehen, Abenteuer erleben, Spass haben und last but not least die Pizza oder den Brasato mit italienischem Charme serviert bekommen. Sonst kann man ja gleich in Deutschland oder der Deutschschweiz bleiben.

Was erwartest Du von diesem Jahr? Jahr zum Vergessen? Gibt es Silberstreifen am Horizont?

Ich freue mich auf eine andere, bewusstere Zukunft. Als Unternehmerin muss man immer vorwärtsschauen. Es muss immer weitergehen. Man darf die Motivation nie verlieren. Wenn die weg ist, dann ist alles verloren. Unsere Stärke liegt darin, dass wir uns jeden Tag neu erfinden.

Du hast einen Wunsch frei.

Sobald mir das "La Tureta" Zeit lässt, wäre es mein Wunsch, mehrere Monate auf einem Segelboot auf dem Meer zu verbringen. Dieses Jahr werde ich diesen Traum auf ein kleineres Format reduzieren und begnüge mich mit unseren wunderschönen Tessiner Gewässer.

PIEROS IMMAGINI NO. 31

Ascona zu Coronazeiten 1: Wo es sonst wuselt, Asconesi und Zugereiste den vermutlich malerischsten Quai des Landes mit einem Lächeln des Wohlgefallens überschweben, nur Leere ... Aufnahme: 4. Mai 2020
© Piero Schäfer
Ascona zu Coronazeiten 1: Wo es sonst wuselt, Asconesi und Zugereiste den vermutlich malerischsten Quai des Landes mit einem Lächeln des Wohlgefallens überschweben, nur Leere ... Aufnahme: 4. Mai 2020
Ascona zu Coronazeiten 2: Auch Verliebte halten Abstand, erinnern sich an Zeiten der kribbelnden Nähe, des gemeinsamen Träumens unter den Platanen mit Blick auf See und Inseln. Aufnahme: 4. Mai 2020
© Piero Schäfer
Ascona zu Coronazeiten 2: Auch Verliebte halten Abstand, erinnern sich an Zeiten der kribbelnden Nähe, des gemeinsamen Träumens unter den Platanen mit Blick auf See und Inseln. Aufnahme: 4. Mai 2020
Ascona zu Coronazeiten 3: So wie die Zuversicht, spriesst auch die Natur, noch geben die Blätter den Blick frei auf den Turm, dessen Kirche heute wohl mehr Zuwendung erhält als sonst. Aufnahme: 4. Mai 2020
© Piero Schäfer
Ascona zu Coronazeiten 3: So wie die Zuversicht, spriesst auch die Natur, noch geben die Blätter den Blick frei auf den Turm, dessen Kirche heute wohl mehr Zuwendung erhält als sonst. Aufnahme: 4. Mai 2020


Zitat für Mittwoch, 6. Mai:

William T. Vollmann, amerikanischer Romancier und Journalist: "Maybe life is a process of trading hopes for memories."

Fröhliche Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Europe Central". William T. Vollman, amerikanischer Romancier und Journalist. "Vollman ist einer der bedeutendsten amerikanischen Autoren der Gegenwart und "Europe Central" sein bestes Buch – ein Epos in Übergrösse." Klappentext. www.suhrkamp.de

Bellinzona Blues No. 47, 6. Mai 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Heute versende ich den 47. Bellinzona Blues und bin ehrlich gesagt etwas durch den Wind. Bin am morgen früh nach Zürich gefahren – die Axenstrasse war wieder einmal wegen Steinschlag gesperrt und ich musste die Route via Luzern unter die Räder nehmen. Die Termine in Zürich waren nett und sympathisch, aber (noch) nicht so konkret wie gewünscht und zu guter Letzt wurde ich heute früh, obwohl wie üblich sehr defensiv fahrend, zweimal(!) geblitzt. Immerhin haben mich die Blitze davon bewahrt, einzunicken und ich bin wohlbehalten, aber viel zu spät und müde in Zürich angekommen. Das für heute geplante Gespräch (Interview) mit einem der Granden der Schweizerischen Medienbranche fiel deshalb ins Wasser – ich hoffe das klappt für morgen Abend – und nun müssen halt Trudi und Mäxli für den heutigen Bellinzona Blues herhalten.

"Das Gespräch lebt nicht von der Mitteilung, sondern von der Teilnahme." Zitat: Ernst Reinhard, Dr. phil., Schweizer Publizist und Aphoristiker

"Mäxli" zierte schon in Ascona meinen Garten und zog alle Blicke auf sich. Am 11.11.2011 bekam er Gesellschaft von der feschen Trudi. Sie war ein wertvolles Hochzeitsgeschenk von Asconeser Freunden, initiiert durch Mauro. Seither sind Mäxli und Trudi unzertrennlich, ein Paar und treue Begleiter von Patrizia und mir. Zur Zeit sitzen sie in unserem kleinen Garten in Bellinzona, haben etwas (grüne) Patina angesetzt, sind aber sonst alterslos, verschönern unseren Alltag und bringen mich beinahe jeden Morgen zum Schmunzeln, wenn ich meine Wohnungstüre in Bellinzona schliesse. Immer kritisch beäugt von den Zweien, sie sitzen direkt vor der Haustüre. Trudi und Mäxli – Patrizia und ich haben sie so getauft – wurden von der Bildhauerin (Menschenbildernin) Christina Wendt erschaffen. Ihr küntlerisches Anliegen ist geprägt durch ein intensives Interesse am Menschen. Ihre Figuren sind eigentlich "gesichtslos" und sind dennoch kultivierte charismatische Persönlichkeiten. Und – sie kommunizieren miteinander und mit Ihrem Umfeld.
Trudi und Mäxli
© Hans Hofmann
Trudi und Mäxli
Das ist nun die Verknüpfung zum Heute: Wir kommunizieren zur Zeit nur per Mail, Whatsapp, Zoom usw. Das Persönliche, das Livehaftige, das Spontane, das Menschliche bleibt dabei auf der Strecke. Es ist höchste Zeit, dass ab nächster Woche wieder echt und live kommuniziert werden kann. Höchste Eisenbahn für persönliche Begegnungen – auch für mich! Ich ertappe mich morgens dabei, dass ich mit Trudi und Mäxli zu diskutieren beginne – dabei haben sie mit ihrem ewig gleichen Gesichtsausdruck und Lächeln von Tuten und Blasen keine Ahnung. Sie sind mit allem einverstanden, kritisieren mich nicht, schimpfen weder über den Bundesrat und schon gar nicht über Trump – sie sind gesichtslos, ewig neutral und anonym. Ich freue mich, ab nächster Woche wieder mit realen Menschen persönlich zu diskutieren, zu verhandeln, zu streiten, zu lachen. Nix Zoom, nix Facetime, nix Whatsapp. Trudi und Mäxli werden auch das stoisch ertragen und nicht böse sein, wenn ich frühmorgens grusslos an ihnen vorbei haste.

PIEROS IMMAGINI NO. 32

Auch die Kultur fügt sich den Regeln: Bereits zum dritten Mal (BB 5 und BB 14) hat sich die holde Jungfrau am Quai als Model bewährt. Sogar die Maske liess sie sich wortlos aufsetzen. Aufnahme: 6. Mai 2020
© Piero Schäfer
Auch die Kultur fügt sich den Regeln: Bereits zum dritten Mal (BB 5 und BB 14) hat sich die holde Jungfrau am Quai als Model bewährt. Sogar die Maske liess sie sich wortlos aufsetzen. Aufnahme: 6. Mai 2020
Der Sindaco von Ascona, Luca Pissoglio, hat entschieden, dass die Restaurants den öffentliche Raum ausgedehnt nutzen können. Eine sinnvolle und erfreuliche Massnahme. Grazie Luca! Aufnahme: 6. Mai 2020
© Piero Schäfer
Der Sindaco von Ascona, Luca Pissoglio, hat entschieden, dass die Restaurants den öffentliche Raum ausgedehnt nutzen können. Eine sinnvolle und erfreuliche Massnahme. Grazie Luca! Aufnahme: 6. Mai 2020
Und alle bereiten sich enthusiastisch auf die Wiedereröffnung vor: Wir haben Candy, Dante und Sandy (r., Chefin Ristorante Angioli) beim Umsetzen der neuen Verhaltensregeln beobachtet. Aufnahme: 6. Mai 2020
© Piero Schäfer
Und alle bereiten sich enthusiastisch auf die Wiedereröffnung vor: Wir haben Candy, Dante und Sandy (r., Chefin Ristorante Angioli) beim Umsetzen der neuen Verhaltensregeln beobachtet. Aufnahme: 6. Mai 2020


Zitat für Donnerstag, 7. Mai:

John Steinbeck, US-amerikanischer Schriftsteller: "I wonder how many people I‘ve looked at all my life and never seen."

Herzliche Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Früchte des Zorns". John Steinbeck, US-amerikanischer Schriftsteller. "Vielleicht der grösste moderne amerikanische Roman, vielleicht das grösste einzigartig schöpferische Werk, welches dieses Land jemals hervorgebracht hat. The Times. www.orellfuessli.ch

Bellinzona Blues No. 48, 7. Mai 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Giacomo Salvioni habe ich oft an den üblichen Branchenanlässen getroffen. Kennengelernt habe ich ihn durch Ueli Eckstein. Ich wurde dank Ueli in sein wunderschönes Heim eingeladen, mitten in Bellinzona – in einem historischen Gebäude. Es gibt viel Kunst – auch von Giacomo selber. Viele Bücher, viel Kultur. Eine sehr sympa­thische Gattin und ein cooler, 16­jähriger Sohn. Giacomo ist der Prototyp der leider aussterbenden Spezies der Verleger. Ein Gentleman alter Schule durch und durch. Ein gewiefter Geschäftsmann – aber mit Stil und einer unnachahmlichen Grandezza. Er erinnert mich an Franz Ludwig von Senger, ein legendärer Verleger (Weltwoche, Annabelle usw.) aus Zürich, für den ich in den 70er Jahren arbeiten durfte. Giacomo – mille grazie für Deine Zeit, Deine Gastfreundschaft und – es war mir eine Ehre.

Im Bellinzonese kennen Dich alle, in der Deutschschweiz vielleicht nicht ganz alle. Kannst Du Dich bitte in vier,fünf Sätzen vorstellen? Ausbildung. Tätigkeit. Privates?

Ich bin Ingenieur ETH, anschliessend Studium an der ESIG, Lausanne. Heute bin ich der Verleger der Tageszeitung laRegione und Co-Verleger zusammen mit Pietro Supino (TX Media) von 20 minuti Ticino. Zum Privaten: Ich bin verheiratet und habe drei Kinder aus zwei Ehen: Nina, 43 und Rocco 41 (er ist CEO der Regiopress SA) und der 16-jährige Iaco. Zudem bin ich Grossvater von vier Enkeln und einer Enkelin. Nicht zu vergessen: In meiner raren Freizeit bin ich begeisterter Motorradfahrer.

Wie unterscheiden sich "Corriere" (Sottoceneri) und "laRegione" (Sopraceneri)? Gibt es da Rivalitäten, wie es sie zum Beispiel zwischen Zürich und Basel gibt?

Es herrscht ein gesunder Wettkampf zwischen uns. Leider ist es schwierig, Synergien zu finden. Aber wir bemühen uns immer um vernünftige Lösungen.
Giacomo Salvioni
© Hans Hofmann
Giacomo Salvioni
In der Deutschschweiz gibt es immer weniger eigenständige Tageszeitungen. Wird es demnächst auch im Tessin «nur» noch eine Tageszeitung geben? Oder hat es Platz und genügend Werbevolumen und Abo-Erträge für mehrere Titel?

Das Tessin besteht eigentlich aus zwei "Halbkantonen" – Sopra- und Sottoceneri. "laRegione" ist sehr dominant im Sopraceneri, der "Corriere" im Sottoceneri. Ich lebe seit 40 Jahren damit und es hat sich in dieser Zeit nichts geändert. Ich bin überzeugt, dass diese Situation, zwei Tageszeitungen – eine für Sopra- und eine für Sottoceneri – auch in der nahen Zukunft bestehen bleibt. "20 minuti Ticino" ist im ganzen Kanton Tessin präsent – da hat die Trennung zwischen den Halbkantonen nie eine Rolle gespielt.

Das Tessin wird in der Deutschschweiz öfters etwas negiert, links liegen gelassen. Ist das Tessin in Bundesbern schlecht vertreten, oder woran liegt das?

Wir sind als Kanton Tessin in der Schweiz recht gut vertreten, obwohl wir oft nur als Feriendestination wahrgenommen werden. (Sonne, Dolcevita, Zoccoli und Boccalini). Das ist vielleicht der Grund, weshalb das Tessin oftmals unterschätzt und nicht richtig wahrgenommen wird.

Bellinzona ist eine wunderschöne Stadt, trotzdem hat Lugano – wie Zürich vor Bern – meist die Nase vorn. Was würdest Du als Fremdenverkehrschef von Bellinzona unternehmen, um das zu ändern?

Mit dem Start der Alpentransversale (der neue Gotthardtunnel) hat sich die Reisezeit zwischen der Deutschschweiz und dem Tessin merklich verkürzt. Ich stelle fest, dass sich die Mehrheit der Deutschschweizer Besucher für das Sopraceneri entscheiden – Bellinzona, Locarno, Ascona und die pittoresken Valli sind wertvolle Trümpfe im Wettstreit um die Touristen. Das Sopraceneri wird – on the long term – die Nase vorne haben.

Das Staatsfernsehen SRF leistet sich für das Tessin eine sehr üppig dotierte Produktionsstätte. Und das für ca. 300 000 potentielle Zuschauer. Service Public vom Feinsten! Würde man nicht besser, zumal Jugendliche sich vom TV eher abwenden, einen Teil dieser (Gebühren)-Gelder in andere Medien im Tessin investieren?

Das grösste Problem für uns ist, dass RSI auch über regionale Themen intensiv berichtet. Man beschränkt sich nicht nur auf nationale Themen. Man stelle sich vor, das SRF würde in dieser Breite über regionale Themen in Zürich, Bern, Luzern usw. berichten. Für uns Medienunternehmer im Tessin ist das eine unloyale Konkurrenz und schadet der Tessiner Medienlandschaft.

Du lebst mit Deiner Familie in einem wunderschönen Gebäude mitten in Bellinzona, im Haus Salvioni, wo wäre es auch noch schön?

Überall in der Welt.

Zum Schluss: Du hast einen Wunsch frei.

Gute Gesundheit für alle meine Lieben, alle Freunde – und in dieser schweren Zeit auch für die ganze Bevölkerung.

PIEROS IMMAGINI NO. 33

Sie bleiben auch weiterhin verwaist, die abertausend Rundsteine der Piazza Grande: Weder Filmfestival noch Moon&Stars finden heuer statt. Vielleicht sind sie froh für diese Trampelpause. Aufnahme: 6. Mai 2020
© Piero Schäfer
Sie bleiben auch weiterhin verwaist, die abertausend Rundsteine der Piazza Grande: Weder Filmfestival noch Moon&Stars finden heuer statt. Vielleicht sind sie froh für diese Trampelpause. Aufnahme: 6. Mai 2020
Der neue Inplace "Lago Bar" darf wie andere an der Piazza seine Bedienungsfläche zum See ausdehnen, Agostina und Sohn Enrico treffen die letzten Vorberei- tungen und freuen sich auf Gäste. Aufnahme: 6. Mai 2020
© Piero Schäfer
Der neue Inplace "Lago Bar" darf wie andere an der Piazza seine Bedienungsfläche zum See ausdehnen, Agostina und Sohn Enrico treffen die letzten Vorberei- tungen und freuen sich auf Gäste. Aufnahme: 6. Mai 2020
Wegweisende Ironie: Ausgerechnet in derselben Richtung wie der Corona-Hotspot La Carità in Locarno, befindet sich ein Hotel, das den anachronistischen Namen CORONA trägt! Dumm gelaufen. Aufnahme: 6. Mai 2020
© Piero Schäfer
Wegweisende Ironie: Ausgerechnet in derselben Richtung wie der Corona-Hotspot La Carità in Locarno, befindet sich ein Hotel, das den anachronistischen Namen CORONA trägt! Dumm gelaufen. Aufnahme: 6. Mai 2020


Zitat für Freitag, den 8. Mai:

Henry Miller, US-amerikanischer Schriftsteller und Maler: "Die Wahrheit liegt meist am Rande, nicht in der Mitte."

Herzliche Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Stille Tage in Clichy". Henry Miller, US-­amerikanischer Schriftsteller und Maler. "Ich habe kein Geld, keine Zuflucht, keine Hoffnungen. Ich bin der glück­lichste Mensch der Welt." Henry Miller, Wendekreis des Krebses. www.rowohlt.de

Bellinzona Blues No. 49, 8. Mai 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Was für eine Freude! Die Libreria della Rondine in Ascona ist seit Januar wieder in festen, den besten Händen. Karen Heidl, eine langjährige Freundin, haucht dem altehrwürdigen Buchantiquariat mit viel neuen Ideen und mit Herzblut neues Leben ein. Ein Besuch lohnt sich! Ab dem 11. Mai kann man in der Rondine stöbern, schmökern, blättern und ... auch kaufen.

Libreria della Rondine, Ascona

Text: Karen Heidl


Wie kann man nur ... , fragte mich erst gestern mein lieber Freund Klaus Eck aus München, in diesen Zeiten eine Buchhandlung eröffnen?

Gute Frage. Klaus lernte ich Ende der neunziger Jahre kennen, und zwar in einem frisch formierten Verein, der die Interessen der Internet­wirtschaft vertreten wollte. Klaus war immer visionär, und ich habe viel von ihm gelernt. Das ist eines der besten Komplimente, die man einem Freund machen kann – meine ich. Und Klaus liebt Bücher. Wie ich. Warum studiert man sonst Germanistik, wenn man nicht die noch jugendlichen Vorlieben zu einem richtigen Beruf machen will?

Ich fand dann überraschenderweise diesen Beruf – und noch weitere Berufe, weil mich die digitalen Ent­ wicklungen durch viele Phasen der Medienentwicklung führten und ich mit Begeisterung die Veränderun­gen mitgestaltet habe. Die Zeit zum kontemplativen Lesen wurde knapper. Aber deshalb eröffnet man keine Buchhandlung. Und noch weniger befasst man sich mit einem Antiquariat. Das wäre ja Wahnsinn. Und – das kann ich versichern – meine Sinne habe ich noch gut beisammen. Aber wer kann dem Charme der "Libreria della Rondine" schon wiederstehen?
Karen Heidl
© Hans Hofmann
Karen Heidl
Als ich sie das erste Mal aufsuchte, präsentierte sie sich an einem heissen Sommertag und umschloss mich mit einer Atmosphäre der Ruhe und Gedankenverlorenheit. Draussen schlug bedächtig die Kirchturm­ glocke und drinnen war die Zeit stehen geblieben. Hans hatte die Räumlichkeiten zwar modernisiert, aber es ist ihm gelungen, eine wohltuende Kombination aus Modernität und altem Charme zu erhalten. Als dann ein paar Jahre später Hans eine Möglichkeit suchte, die Libreria in andere Hände zu geben, checkte ich mal meine wichtigsten Lebensfaktoren ab (Lebenssituation, Liquidität, Motivation) und gab der Zufallsgelegenheit nach.

Schatten einer Legende

In der "Libreria della Rondine" haben interessante Menschen gewirkt. Gegründet von Leo Kok mit seiner ausserordentlichen Lebensgeschichte und Persönlichkeit, in der Nachfolge betrieben vom Journalisten und Publizisten Hanspeter Manz, später von dem bekannten Antiquar Matthias Loidl, danach geführt von der beliebten Angelika Sowinski, die das Andenken innig bewahrte. Nun tauge ich mit meiner Lebensgeschichte kaum zum Museumswärter.

Selbstverständlich ist die Liberia della Rondine ein Ort, dessen Aura und Andenken an die Geschichte ich bewahren will. Aber er ist auch mein Arbeitsort. Ein Ort, an dem ich journalistisch tätig bin, an dem ich meine Projekte weiterentwickle und dem sich ein Geschäft verbindet. Eine Buchhandlung. Das ist eine Herausforderung.

Wenn man etwas Neues entstehen lassen will, muss man immer etwas aus Vorzeiten entsorgen – eine Banalität, die sich in der Realität oftmals als Problem erweist. Das Entsorgen von Büchern ist eine Sache der emotionalen Disziplin. Ca. 10 000 Bücher befanden sich in den Regalen, davon habe ich ca. 3⁄4 aussortiert. Interessante Geistes­ergüsse kamen zum Vorschein, welche Asconas zugezogene Bildungsbürger in ein etwas bizarres Licht rückten: Unmengen von Erbauungsliteratur aus den fünfziger Jahren (Bertelsmann Club!) für die brave Hausfrau sowie soldatische Erinnerungswerke aus den 30er Jahren (manche äusserst heikel). Es fanden sich politische und ideologische Publikationen jeglicher Couleur und Wissen­schaften, von denen ich noch nie gehört habe sowie eine ganze Reihe echter Perlen, die ich aus manch fragwürdiger Gesellschaft befreite, um ihnen wieder ihren Platz im Regal zu schenken.

Stichwort Platz: Nun war ein guter Teil der Regale leer. Was macht man damit? Neue Bücher hineinstellen. Die ersten Schritte auf dem Weg zur Buchhändlerin führten mich vor zwei Monaten zum Buchzentrum (BZ), dem wichtigsten Buchzwischenhandel in der Schweiz. Dort hatte man wohl länger keinen Neukunden mehr erlebt. Normalerweise freuen sich Händler über Kunden, so sagt jedenfalls meine nicht mehr so kurze Lebenserfahrung. Beim BZ erhält man zur Begrüssung recht kommentarlos ein PDF zwecks Erfassung diverser Unternehmensdetails und mit der Aufforderung, eine Bescheinigung vom Betreibungsamt vorzulegen. Ich gab meinem Unmut deutlich Ausdruck, worauf man schliesslich vom Generalverdacht der Zahlungsunfähigkeit abliess. Für die Erstbestellung wurde eine Vorabrechnung fällig. Dies fiel beim BZ allerdings erst auf, nachdem ich drei Wochen nach meiner Erstbestellung nichts anderes bekommen habe als tägliche Meldelisten (geben Auskunft über die prinzipielle Lieferbarkeit mancher Titel). Auch heute bekomme ich fast täglich Nachrichten vom Buchzentrum. Ich wusste mir nicht anders zu helfen: Ich habe einen physischen Ordner dafür anlegen müssen. Lieferscheine werden mitunter fremden Paketen beigelegt und nicht zugestellte Waren muss man als Kunde neu ordern und nochmals zahlen. Eine Gutschrift der überfälligen, nicht gelieferten Waren erfolgt Wochen später. Umgekehrt gilt gemäss AGBs ein Verzugszins für zahlungsträge Kunden von 6.5 %. Dies scheinen mir Relikte aus einer Zeit, die es nicht besser wusste.

Visuelle Gratwanderung

Die Rondine jedenfalls hat nun ein paar bunte Federn mehr. Alte und neue Bücher mischen sich in den Regalen in einer visuel­len Gratwanderung, denn Altes darf zwar alt wirken, aber nicht verbraucht. Neues darf zwar kraftvoll wirken, aber nicht schrill zwischen den altehrwürdigen antiquarischen Titeln. Dazu gesellen sich nach und nach Non­Book­Produkte, die eine ähnliche Geschichte zwischen Tradition und modernem Design erzählen und in einem bisher traditionellen Antiquariat für Überraschung sorgen. Nun öffnet sich nach monatelangem eremitischem Wirken an den systemtechnischen und konzeptionel­len Herausforderungen der Neugestaltung der "Libreria della Rondine" (ja, ich habe auch eine Wand neu gestrichen) die Ladentüre nächste Woche. Ob es sich dann gelohnt hat oder nicht, wird sich noch zeigen, aber sicher nicht in den ersten Wochen.

Veranstaltungen können noch nicht durchgeführt werden, und die Einweihung habe ich auf nächstes Jahr verschoben (dann lassen wir es zum 70sten Geburtstag der "Libreria della Rondine" richtig krachen). Wie sich die Schwerpunkte der Geschäftsaktivitäten darstellen werden, wird sich zeigen.

PIEROS IMMAGINI NO. 34

Schweizer sollen ihre Ferien im eigenen Land verbringen. Nicht gerade eine neue, aber im Moment recht sinnvolle Idee, die angesichts solcher Idyllen kaum grosse Überzeugungsarbeit braucht. Aufnahme: 8. Mai 2020
© Piero Schäfer
Schweizer sollen ihre Ferien im eigenen Land verbringen. Nicht gerade eine neue, aber im Moment recht sinnvolle Idee, die angesichts solcher Idyllen kaum grosse Überzeugungsarbeit braucht. Aufnahme: 8. Mai 2020
Auch Krisen haben ihr Gutes: Ohne Corona wäre wohl niemand bereit gewesen, den Restaurants dermassen viel Raum zur Bestuhlung und Bewirtung ihrer Gäste zur Verfügung zu stellen. Aufnahme: 6. Mai 2020
© Piero Schäfer
Auch Krisen haben ihr Gutes: Ohne Corona wäre wohl niemand bereit gewesen, den Restaurants dermassen viel Raum zur Bestuhlung und Bewirtung ihrer Gäste zur Verfügung zu stellen. Aufnahme: 6. Mai 2020
Der rasende Reporter auf seiner letzten Fotosafari. Morgen ist Schluss mit Bellinzona Blues und damit auch mit Pieros Immagini. Es hat Spass gemacht, ev. gibt es eine Fortsetzung ... Aufnahme: 8. Mai 2020
© Piero Schäfer
Der rasende Reporter auf seiner letzten Fotosafari. Morgen ist Schluss mit Bellinzona Blues und damit auch mit Pieros Immagini. Es hat Spass gemacht, ev. gibt es eine Fortsetzung ... Aufnahme: 8. Mai 2020


Zitat für Samstag, 9. Mai:

Roald Dahl, britischer Schriftsteller: "Diejenigen, die nicht an Magie glauben, werden sie niemals finden."

Herzliche Grüsse aus Ascona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Der Mann mit den tanzenden Augen". Sophie Dahl, ehemaliges britisches Fotomodell und Schriftstellerin. Sie ist eine Enkelin des Schriftstellers Roald Dahl. www.ullstein-buchverlage.de

(Wird fortgesetzt)








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