In der Corona-Krise

Hans Hofmann und der Bellinzona Blues (6)

Mittwoch, 20. Mai 2020
Die Coiffeur-Salons öffnen wieder! Hans Hofmann, Gründer von hans hofmann&partner, begegnet einem jungen autistischen Künstler, außerdem einem leibhaftigen Tatort-Kommissar. Und eine Geschichte von damals, als schöne Models mit beinahe nichts bekleidet ... Aber lesen Sie selbst.

Bellinzona Blues No. 36, 25. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino


Normalerweise bevölkern Tausende von Besuchern die engen Gassen von Bellinzona, wenn am Samstagmorgen der farbenfrohe, laute und lebhafte Markt stattfindet. Auf Google erfährt man, dass auch in den nahen Dörfern des Piemont und der Lombardei, solche Märkte stattfinden. Der Markt von Bellinzona ist sicher der authentischste im Tessin und hat eine jahrhundertealte Tradition. Im historischen Zentrum trifft man sich, plaudert mit Freunden und Bekannten und kauft an über 100 Marktständen regionale, taufrische Produkte.

Tour mercato di Bellinzona



Patrizia und ich nehmen heute die Leser des Bellin­zona Blues auf unseren wöchentlichen Marktbesuch in Bellinzona mit. Für uns eine lieb gewordene Tradition. Starten wir bei "Peverelli" auf der Piazza Collegiata, wo es einen anständigen Kaffe und phantastische Sandwich gibt. Danach geht’s direkt zur "Eierfrau", wo wir uns mit den allerfrischesten Eiern eindecken. Patrizia tauscht sich mit der "Hüterin über Tausende von Eiern" aus, ich habe dazu nichts Gehaltvolles beizutragen und fülle deshalb zwischen­zeitlich die Eierkartons. Weisse Eier für Patrizia, Braune für mich. 
Auf dem Markt in Bellizona
© Hans Hofmann
Auf dem Markt in Bellizona
Am Markt­stand direkt nebenan kaufen wir Gemüse und Früchte. Der grosse Verkaufsstand mit vier fleissigen Mitarbeiterinnen bietet alles an, was die Felder in der Magadino-Ebene und den nahen Tälern hergeben. Die Einkäufe werden von den Verkäuferinnen sorgfältig ausgesucht, gewogen, in eine Tüte gepackt, die Preise auf einem Fresszettel notiert und am Schluss (Kopfrechnen) addiert.


Es ist immer wieder ein Augenschmaus,
das bunte, strikt saisonale Warenangebot zu bestaunen! Nie fehlen darf für uns der "Barbe di Frate" und der knackigfrische "Radicchi Salat", dazu Rüebli, Äpfel, Kartoffeln – alles von bester Qualität. Dann gehts zum Käsestand. Hier gibt’s wunderbaren Käse aus den Tessiner Tälern. Überzeugend verkauft und präsentiert von unserem Freund Ugo Pedrini. Es gibt Alpkäse, Piora (teuer), Pontino, Pesciüm (Leventina), der Valmaggia und der Fümegna (Verzascatal). Wir entscheiden uns meist für einen Zincarlin, der mit Pfeffer angereichert ist. Genial! Verzichten tun wir – aus nahe liegendem Grund – auf den formaggio ubriaco (betrunkene Kuh), dieser Käse aus Kuhmilch wird in Weintresten verfeinert und soll speziell gut schmecken.
Marktansichten
© Hans Hofmann
Marktansichten
Eine grosse Anzahl verschiedenster Wurstwaren gibt’s gleich vis­-à­-vis. Nicht nur Salami sind im Ange­bot, sondern Luganiga, Luganighetta, Salametti, Mortadella, Zampone, Salami di cervo, Salmami di cinghiale, Salami di asino, Coppa, Lardo. Man hat die Qual der Wahl! Wir entdecken immer wieder etwas Neues – die Preise sind übrigens recht moderat. Der Duft der Würste und die fortgeschrittene Uhrzeit (11 Uhr – "c’est l’heure!") haben bei uns die Lust auf einen "Bianchin" geweckt und wir treffen uns mit Karen und Ueli bei "Gambetta", mit Blick auf den Obelisk an der Piazza Indipendenza, auf ein Gläschen Merlot bianco und kleine Häppchen.

Danach geht’s retour, vorbei an all den Marktständen, immer wieder unterbrochen von Begegnungen mit Bekannten. Der Markt von Bellinzona ist wie eine Klassenzusammenkunft. Im Minutentakt trifft Patrizia Freundin­nen und Freunde – plaudert im Tessiner Dialekt mit Ihnen und der ungeduldige Hans steht daneben und versteht nur Bahnhof. Aber das gehört dazu, nehme ich gerne in Kauf – ich revanchiere mich dann auf Schwyzerdütsch – in Ascona.

Das war der kleine Rundgang am aussergewöhnlichen Markt in Bellinzona. Hoffentlich demnächst wieder live und mit richtigen Früchten, Käsen, Eiern, und Würsten! Auch die Plauderstündchen nehme ich gerne wieder in Kauf, wenn nur alles endlich wieder real ist. Schlusspunkt für heute ist der obligate Grappa – Uva Americana. Salute a tutti!

PIEROS IMMAGINI NO. 21

Vielleicht ist Singapur der Ursprung der «green architecture», sicher ist, dass auch bei uns immer mehr der nachhaltigen Bauweise huldigen. In Ascona gibt’s das schon lange! Aufnahme: 11. Juni 2015
© Pieros
Vielleicht ist Singapur der Ursprung der «green architecture», sicher ist, dass auch bei uns immer mehr der nachhaltigen Bauweise huldigen. In Ascona gibt’s das schon lange! Aufnahme: 11. Juni 2015
Wer hat’s erfunden? Serodinus hat restauriert und ergänzt und Baptista sein Sohn hat’s errichtet. Im Jahr 1620. Irgendwas stimmt da nicht, oder ist mein Latein dermassen eingerostet? Aufnahme: 12.Juni 2015
© Pieros
Wer hat’s erfunden? Serodinus hat restauriert und ergänzt und Baptista sein Sohn hat’s errichtet. Im Jahr 1620. Irgendwas stimmt da nicht, oder ist mein Latein dermassen eingerostet? Aufnahme: 12.Juni 2015
Attraktives Fotosujet mit grüner Architektur in Losone: Eines der be­liebtesten Speiselokale der Region, wo Gastfreundschaft und kulinarische Höhenflüge sich umarmen. A presto! Aufnahme: 3. September 2016
© Pieros
Attraktives Fotosujet mit grüner Architektur in Losone: Eines der be­liebtesten Speiselokale der Region, wo Gastfreundschaft und kulinarische Höhenflüge sich umarmen. A presto! Aufnahme: 3. September 2016


Spruch für Sonntag, 26.April:

Charles Dickens, englischer Schriftsteller: "Nichts in der Welt wirkt so ansteckend wie Lachen und gute Laune."

Fröhliche Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Nicholas Nickleby". Charles Dickens, englischer Schriftsteller. "Nicholas Nickleby wird dem Leser genauso viel Freude bereiten, wie es vor über hundert Jahren die englische Öffentlichkeit begeistert hat." Klappentext. www.orellfuessli.ch

Bellinzona Blues No. 37, 26. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Wenn man zur Zeit im Tessin durch die Strassen schlendert, begegnet man kaum jungen Leuten. Lediglich die Alten getrauen sich ab und zu aus ihren Höhlen und zeigen auf, dass es in den Städten und Dörfern noch menschliches Leben gibt. Begegnet man ganz ausnahmsweise jungen Menschen, machen sie jeweils einen riesigen Bogen um den älteren, weisshaarigen Mann – ein Zeichen immerhin, dass sie Zeitung lesen, TV gucken und ganz allgemein informiert sind. Also wo sind denn nun die jungen Leute? Irgendwo müssen sie sich ja aufhalten! Treffen sich bestimmt auch zwischendurch auf einen Schwatz, ein Essen oder gar eine Party. Ich habe versucht diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen und habe mich mit Mai Watanabe (23) unterhalten, die im Tessin aufgewachsen ist, in der Freizeit in der Libreria della Rondine in Ascona aushilft und in Zürich Design studiert.

Wenn ich im Tessin unterwegs bin, sehe ich beinahe nur alte Leute. Wo halten sich in Zeiten von Corona die Jungen auf? Wo treffen sie sich, wie verbringen sie ihre viele Freizeit und was tun sie?

Meine Freunde und Freundinnen halten sich an die aktuellen, gängigen Regeln. Wir sind nie mehr als fünf Leute und achten auf das Social Distancing. Man chattet natürlich, kommuniziert auch vermehrt über Instagram, Whatsapp usw. Bei dem wunderschönen Wetter trifft man sich auch am Fluss, hört Musik, grilliert und die ganz Mutigen getrauen sich sogar ins Wasser. Abends – ich wohne in Solduno – höre ich ab und zu Gruppen von Jugendlichen, die Lärm machen, rumschreien – das Übliche.
Mai (Miriam) Watanabe
© Lucia Fatima
Mai (Miriam) Watanabe
Du studierst in Zürich Interaction Design. Wie funktioniert das im Lockdown?

Wir haben jetzt home schooling. Täglich treffen wir uns auf Zoom – das ist eine Cloud-basierte Videolösung für Konferenzen – mit der Klasse, den Lehrern oder mit der Gruppe, mit der ich an Projekten arbeite. Ich besuche eine Kunstschule und wir können nun nicht mehr manuell arbeiten, sondern nur digital. Normalerweise arbeite ich auch in der Werkstatt, fertige auch von Hand Objekte an, auch das Fotoatelier ist nicht geöffnet. Aber es funktioniert digital recht gut. Schwierig ist es nur, so viele Stunden am Tag vor dem Bildschirm zu verbringen. Abends hat man dann immer  Kopfschmerzen.

Es gibt zahlreiche gut ausgebildete, junge Tessiner. Viele werden nun kurz vor dem Sprung in die Freiheit, durch Corona ausgebremst. Gibt’s für die junge Generation eine Zukunft im Tessin? Oder muss man "auswandern"? Wie Ende des 19. bis Anfang 20. Jahrhunderts, als zig tausend TessinerInnen das Tessin verliessen, um im Ausland ihr Glück zu suchen.

In Lugano ist die Chance, einen Job zu finden, am erfolgversprechensten. Im Allgemeinen ist es im Tessin sehr schwierig eine der Ausbildung entsprechende Anstellung zu finden. Die meisten versuchen ihr Glück in der Deutschschweiz oder in der Französischen Schweiz. Nach Italien gehen viele, um zu studieren, aber dort gibt es erst recht keine Chance auf einen Job. Es gibt generell zu wenig Jobangebote, das hat damit zu tun, dass es im Tessin für viele qualifizierte Berufe gar keine entsprechenden Firmen und damit Jobangebote gibt.

Ich habe gehört, dass junge arbeitslose Tessiner um Geld zu sparen, um finanziell überleben zu können, nach Italien ziehen. Stimmt das? Wieviel kann am sparen – was bringt das?

Ich kenne einen jungen Tessiner, der aus Kostengründen nach Norditalien gezogen ist. Er spart viel Geld, weil die Mieten tiefer sind und die Lebenshaltungskosten generell um einiges tiefer liegen. Nicht zu vergessen die Krankenkasse, die wird in Italien vom Staat gedeckt, nicht wie in der Schweiz, wo man für die Krankenkasse Tausende pro Jahr ausgibt.

Mai, Du hast einen Wunsch frei.

Weniger Schulaufgaben – und einen grossen Garten!

PIEROS IMMAGINI NO. 22

Noch ist nichts entschieden. Gemäss Organisatoren ist das Line-Up aber komplett: Über 250 Konzerte sind geplant. Ob uns das Virus auch diesen Höhepunkt versaut, erfahren wir bald. Aufnahme: 30. Juni 2015
© Pieros
Noch ist nichts entschieden. Gemäss Organisatoren ist das Line-Up aber komplett: Über 250 Konzerte sind geplant. Ob uns das Virus auch diesen Höhepunkt versaut, erfahren wir bald. Aufnahme: 30. Juni 2015
Nicht für jedermann von Interesse, für die Golfer dafür umso mehr: Bald soll es wieder losgehen: Distanz halten ist auf den Fairways keine Kunst, und sogar beim Putten geht’s problemlos. Aufnahme: 11. Oktober 2015
© Pieros
Nicht für jedermann von Interesse, für die Golfer dafür umso mehr: Bald soll es wieder losgehen: Distanz halten ist auf den Fairways keine Kunst, und sogar beim Putten geht’s problemlos. Aufnahme: 11. Oktober 2015
Ein Buchladen der etwas besonderen Art. Irgendwo an der Strasse nach Ronco wird Literatur zum Tausch angeboten. Ob ein Autor sich freut, wenn er sein eigenes Buch hier vorfindet? Aufnahme: 28. Dezember 2015
© Pieros
Ein Buchladen der etwas besonderen Art. Irgendwo an der Strasse nach Ronco wird Literatur zum Tausch angeboten. Ob ein Autor sich freut, wenn er sein eigenes Buch hier vorfindet? Aufnahme: 28. Dezember 2015


Spruch für Montag, 27. April:

Charles Bukowski, US-amerikanischer Dichter und Schriftsteller: "Often the best parts of life were when you weren’t doing anything at all. Just mulling it over, chewing on it. I mean, say thay you figure that everything is senseless, then it can’t be quite senseless becase you are aware that it is senseless and your awarness of senselessness almost gives it sense."

Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Der Mann mit der Ledertasche." Charles Bukowski, US-amerikanischer Dichter und Schriftsteller. "Bukowski schildert in seinem ersten Roman das Scheitern des Einzelnen in einer unmenschlichen Gesellschaft – ohne Pathos und Romantik. Einsame Menschen die sich verzweifelt an andere, an Haustiere oder an die Flasche klammern." www.kiwi-verlag.de

Bellinzona Blues No. 38, 27. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Was haben die Kunst und das Tessin gemeinsam? Sie haben viele Facetten. Heute zeigen wir eine kleine, feine Auswahl von Bildern von Urs. Mit einer etwas anderen Geschichte als jenen, welche die mondäne und extrovertierte Welt rund um Ascona üblicherweise schreibt. Vorweg: Urs ist an und für sich ein glücklicher Mensch. Urs ist auch nicht krank. Urs ist Autist – und Autismus ist "keine Krankheit, sondern ein Zustand", wie Gloriana, die Mutter von Urs, betont.

Eine der grossen Stärke von Autisten ist, dass sie authentisch sind. Das ist menschlich interessant. Aber auch künstlerisch. Vor Jahren habe ich, aus einem privaten Umfeld heraus, einige Bilder von Hans Krüsi gekauft, der heute als herausragender Schweizer Protagonist der Art Brut gilt. Art Brut, die unge- künstelte Kunst, hat mich stets besonders berührt. So wie jetzt die Bilder von Urs, an denen mich besonders das Farbgefühl in seinen Bann zieht.
Urs ist ein begabter Künstler
© Hans Hofmann
Urs ist ein begabter Künstler
Obwohl wie gesagt glücklich – "das war nicht immer so, und Urs damals waren seine Bilder viel dunkler", sagt Gloriana –, erlebt Urs gerade eine besonders herausfordernde Zeit. Er lebt zwar gut aufgehoben in der Fondazione "La Motta" in Brissago ... Aber Corona macht ihm einen Strich durch vertraute Rituale, die für autistische Menschen besonders wichtig sind. Der regelmässige Mittwochnachmittag mit Gloriana in der Taverna in Ascona entfällt. Ebenso das spielerische Licht ein- und ausschalten beim Nachbarn, die abwechselnden Wochenende bei Mutter oder Vater, die einen vertrauten Rhythmus durchs ganze Jahr setzen.
Ein Werk von Urs
© Hans Hofmann
Ein Werk von Urs
Apropos Rhythmus: "Urs hat wesentlich leichter Italienisch gelernt als Deutsch", erinnert sich Gloriana, "wegen der Melodie, die in dieser Sprache liegt.". Hoffen wir, dass die vertraute Melodie – im persönlichen Austausch wie im Tagesablauf – bald wieder spielt!

PIEROS IMMAGINI NO. 23

Seesicht 1: Düster und trotzdem pitto- resk und malerisch. Scherenschnitten gleich heben sich die Menschen vor dem dunklen Wasser ab, auf dem sich wie ausgegossen das Licht reflektiert. Aufnahme: 31. Dezember 2019
© Pieros
Seesicht 1: Düster und trotzdem pitto- resk und malerisch. Scherenschnitten gleich heben sich die Menschen vor dem dunklen Wasser ab, auf dem sich wie ausgegossen das Licht reflektiert. Aufnahme: 31. Dezember 2019
Seesicht 2: Wer Freude hat an Minimal- art, fühlt sich von diesem Bild sicher angesprochen, widerspiegelt es doch Objektivität, schematische Klarheit, Logik und Entpersönlichung. Aufnahme: 25. Januar 2016
© Hans Hofmann
Seesicht 2: Wer Freude hat an Minimal- art, fühlt sich von diesem Bild sicher angesprochen, widerspiegelt es doch Objektivität, schematische Klarheit, Logik und Entpersönlichung. Aufnahme: 25. Januar 2016
Seesicht 3: Fast ein wenig wie kompo- niert, nichts Überflüssiges, optisch recht reizvoll und gemäss Lehrbuch: Im Vordergrund muss immer etwas sein, das dem Bild Atmosphäre verschafft. Aufnahme: 25. Januar 2016
© Pieros
Seesicht 3: Fast ein wenig wie kompo- niert, nichts Überflüssiges, optisch recht reizvoll und gemäss Lehrbuch: Im Vordergrund muss immer etwas sein, das dem Bild Atmosphäre verschafft. Aufnahme: 25. Januar 2016


Zitat für Dienstag, den 28. April:

Axel Munthe, schwedischer Arzt und Autor: "Ein Mensch kann viel ertragen, solange er sich selbst ertragen kann."

Herzliche Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Das Buch von San Michele." Axel Munthe, schwedischer Arzt und Autor. Dieses Buch habe ich mit 15 Jahren verschlungen - und es vergingen dann viele Jahre, bis ich zusammen mit Patrizia in Anacapri auf Axel Munthes Spuren wandern konnte. Noch heute lockt das "weisse Haus" in Capri jedes Jahr Tausende von Besuchern auf die romantische Insel. Ein Klassiker! www.ullstein-buchverlage.de

Bellinzona Blues No. 39, 28. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Bellinzona am 28. April 2020. Heute ist ein ganz wichtiger Tag für die Tessiner. Erstmals seit Beginn des Lockdown haben die Coiffeur-Salons wieder geöffnet. Gemäss Google gibt es 58 Parrucchiere in Bellinzona. Rechnet man 2 Mitarbeiter pro Geschäft, können ab heute weitere 116 Personen wieder ihren Beruf ausüben. Wunderbar! Es wird wieder geschnipselt, geschnitten, gewaschen, frisiert, geföhnt usw. Ich habe mich ganz scheu bei meinem Coiffeur "SIR MARCUS" erkundigt, wann er denn Zeit hätte, meine Federn zu schneiden. Der frühstmögliche Termin ist Freitag, 8. Mai um punkt 11 Uhr.
Öppe Ziit! E’ l’ora! C’est l’heure!
© Hans Hofmann
Öppe Ziit! E’ l’ora! C’est l’heure!
Ich habe nun zu rechnen begonnen: Wenn 116 Personen, sagen wir pro Tag je 10 Kunden bedienen, macht das nach Adam Riese 1160 Personen pro Tag. Also ich bin etwa der 10.000. Bellinzoneser, der dann am Freitag, 8. Mai, seinen "dopo il Corona-Haarschnitt" verpasst bekommt.

Trotz recht starkem Regen, ich habe 3 Salons besucht, herrscht Aufbruchstimmung, easy Musik tönte aus den Lautsprechern, das übliche seichte Ge- schwätz, einfach etwas gedämpft durch die Masken. Die Kunden müssen jetzt eine Maske anziehen, Handschuhe mitbringen – ansonsten business as usual. Die Eröffnung der Coiffeur-Salons ist ein positives Fanal für das Tessin. Es geht wieder los! Leider erst ziemlich zaghaft; die Boutiquen, aber auch die vielen Bars und Restaurants warten immer noch auf das finale Go.

Sie fühlen sich etwas ungerecht behandelt, – es ist bekanntermassen lange her, dass in Boutiquen ein richtiger Andrang herrschte, dieses Geschäft war schon vor Corona recht schwierig. Man hätte somit genügend Platz, um Kunden Corona-gerecht zu bedienen. Im Tessin lebt man im Frühling und Sommer eigentlich draussen – und es gäbe viele Grotti, die genügend Plätze im Freien anbieten können, um trotz Social Distancing Polenta, Brasato und einen guten Merlot zu servieren.

Heute, an diesem trüben Tag, wird aber trotzdem Geschichte geschrieben. Ich habe wieder wahrhaftige Menschen auf den Strassen und Plätzen angetroffen. Übrigens waren einige davon auffallend schön frisiert. Es kommt wieder langsam etwas Hoffnung und Zuversicht auf. Die Schlagzeilen in den Printmedien, aber auch im TV sind nicht mehr monothematisch nur auf das Corona Virus fixiert, sondern berichten auch an vorderster Front über andere Geschehnisse. So habe ich zum Beispiel erfahren, dass kürzlich erstmals ein Goldschakal im Tessin gesichtet wurde. Im Gebiet Onsernone-Centovalli. Mein Freund Doriano hat mir ein Video geschickt und man sieht, dass sich ein scheues Reh auf die Hauptstrasse Richtung Ascona Post verirrt hat. Das sind doch Nachrichten, die uns das Herz erwärmen.

Aufbruch allenthalben! Ich freue mich darauf, wenn ich demnächst mit Ueli, ohne "Polizeischutz" im nahen Bündnerland spazieren gehen und über alltägliche, nicht Corona infizierte Ereignisse diskutieren kann. Ich freue mich auch, wenn ich nicht mehr zwischen 09.00 Uhr bis 10.00 Uhr in aller Hast und umgeben von Gleichaltrigen (!) einkaufen muss, sondern in aller Ruhe, ohne Hast die Dinge, die das Leben erst lebenswert machen, aussuchen – und mich dabei über die "Jungen" ärgern kann, die sich rücksichtslos vordrängen und viel zu laut sind.

Am meisten freue ich mich demnächst mit meiner Patrizia an die Maggia zu fahren, ein gutes Buch zu lesen, einen kühlen Weissen zu schlürfen und im wunderbar frischen Wasser der Maggia zu schwimmen, auf den Grund zu tauchen und herauszufinden, dass Corona ganz grundlos über uns hergefallen ist. Ein schlechter Traum! Arriverderci a tutti – in Ticino!

PIEROS IMMAGINI NO. 24

Neben der Madonna del Sasso ist die Chiesa San Bernardo in Orselina weit weniger berühmt, doch die 1751 fertiggestellte Kirche strahlt gleichwohl trutziges Selbstbewusstsein aus. Aufnahme: 27. September 2015
© Pieros
Neben der Madonna del Sasso ist die Chiesa San Bernardo in Orselina weit weniger berühmt, doch die 1751 fertiggestellte Kirche strahlt gleichwohl trutziges Selbstbewusstsein aus. Aufnahme: 27. September 2015
Sie hat eine schillernde, ja frivole Vergangenheit hinter sich und gehört heute zu den am meisten besuchten Attraktionen des Tessins: Die Villa Emden auf der Isola Grande bei Brissago. Aufnahme: 12. September 2016
© Pieros
Sie hat eine schillernde, ja frivole Vergangenheit hinter sich und gehört heute zu den am meisten besuchten Attraktionen des Tessins: Die Villa Emden auf der Isola Grande bei Brissago. Aufnahme: 12. September 2016
Himmlische Vertreter haben es mitunter schwer: Von Menschen kaum mehr beachtet oder gar von der üppigen Natur in Bedrängnis gebracht, kämpfen sie gegen das traurige Vergessen. Aufnahme: 8. September 2016
© Pieros
Himmlische Vertreter haben es mitunter schwer: Von Menschen kaum mehr beachtet oder gar von der üppigen Natur in Bedrängnis gebracht, kämpfen sie gegen das traurige Vergessen. Aufnahme: 8. September 2016


Zitat für Mittwoch, 29. April:

Lew Kopelew, Russischer Literaturwissenschaftler und Menschenrechtler: "Je mehr Verbote und Einschränkungen, desto ärmer ist ein Volk. Je mehr Gesetze und Vorschriften, desto mehr Diebe und Räuber gibt es."

Herzliche Grüsse. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Der Wind weht, wo er will". Lew Kopolew, Russischer Literaturwissen­schaftler und Menschenrechtler. Dieser Band ist ein Aufruf an die Leser, andere Kulturen besser kennenzulernen, fremd erscheinende Dichter besser zu verstehen und menschlich miteinander umzugehen. www.hoffmann­campe.de

Bellinzona Blues No. 40, 29. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino 

Stefan Gubser liebt das Tessin und das Tessin liebt ihn. Als ich vor drei, vier Jahren mit Stefan und seiner Frau Brigitte über die Piazza in Ascona geschlendert bin, haben wildfremde Leute gegrüsst, die Kamera (Handy) gezückt, getuschelt und gestaunt. Die meisten kennen ihn nur als Kommissar Flückiger im Tatort, aber seine Biographie hat viel mehr Facetten (www.stefangubser.com) und er ist einer der wenigen Schweizer Schauspieler, die eine internationale Ausstrahlung haben. Das Tessin ist sein Rückzugsort. Grazie mille Brigitte und Stefan, dass ihr Euch für die Leser des Bellinzona Blues Zeit genommen habt.

Tatort Tessin

In Costa oberhalb von Intragna hast Du ein kleines Refugium. Weit weg von der grossen Bühne in Locarno. Was bedeutet das für Dich?

Stefan Gubser: Leben und "umefuhrwerken" in einem ehemaligem Ziegenstall, den meine Tante in den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts gekauft hat. Sie war damals als Anästhesie-Ärztin mitverantwortlich für den erfolgreichen Aufbau der Herzchirurgie und brauchte einen Rückzugsort fernab der Zivilisation, um sich jeweils für ein paar Tage richtig ausruhen zu können. Für niemanden erreichbar. Damals gab es weder Strom noch fliessend Wasser, alles wurde mittels eines grossen Bastkorbes vom Autoparkplatz resp. von der Bergstation des Funivia in rund 20 Minuten Fussmarsch durch einen schmalen Pfad nach oben zum Stall getragen. Oder auch vom Esel. Das ist auch heute noch so, aber seit 10 Jahren haben wir nun doch Strom und auch das Wasser aus der Quelle fliesst direkt aus dem Hahn. Ein absoluter Herzensort mit vielen, vielen Erlebnissen und Erinnerungen über ein halbes Jahrhundert hinweg.
Stefan und Brigitte Gubser
© Stefan Gubser
Stefan und Brigitte Gubser
Wie sieht der Tagesablauf eines gefeierten TV-Stars in diesem Refugium aus?

Das hängt ganz von meiner Frau Brigitte ab, wann sie mich zum Bett rauswirft und mit den ersten Aufgaben betraut ... Ich bin fürs Grobe zuständig, Wiesen mähen, Wildschweine und Siebenschläfer verscheuchen, Holz hacken, feuern und heizen, Ausbessern von allerlei, das über den Winter irgendwie in die Brüche ging. Dafür werde ich aber immer mindestens mit einem feinen Essen sowie einem guten Tropfen entschädigt. Und ist unser Nachbar Dieter da, dann teilen wir gerne alles spontan mit ihm, das Essen wie die Arbeit, hier oben ist jeder für jeden da. Oder wir gehen den ganzen Tag auf Wanderschaft, direkt von unserem Rustico aus, hinüber ins Onsernonetal, auf den Salmone oder andersrum auf den Monte Comino, nach Rasa und alles wieder zurück. zu Fuss. Das dauert dann manchmal schon so 8–10 Stunden und am nächsten Tag liegen wir dann beide flach. (lacht)

Keine Leute, die einem zu kennen glauben, kein Schulterklopfen für den Kommissar – vermisst du das?

Früher ging ein Wanderweg an unserem Haus vorbei, da konnte es schon passieren, dass ein spontanes "Ciao, das ist ja der Commissario" herüberschallte, aber der Wanderweg ist praktisch zugewachsen und wird nicht mehr unterhalten, heute kommen nur noch ein paar wenige Unerschrockene vorbei und das ist auch gut so.
Stefan Gubser und Udo Lindenberg
© z.V.g
Stefan Gubser und Udo Lindenberg
Das Tessin, hat das für Dein Schaffen, Deine Karriere eine gewisse Bedeutung?

Ja sicher, zum einen ist das Filmfestival von Locarno mit der wichtigste Event in unserer Branche und die Atmosphäre auf der Piazza ist einmalig. Auch die Konzerte und Begegnungen am Moon & Stars habe ich in allerbester Erinnerung. Zum andern kann ich mich hier in der Abgeschiedenheit auf der Alp aber auch optimal auf Film- oder Theaterrollen vorbereiten – keine Ablenkung, kein TV, keine Menschenseele.

Was können wir, Deine Fangemeinde im Tessin ist sehr gross, künftig von Dir sehen? Wann, wo?

Wegen Corona wurde leider alles verschoben, bereits definitiv steht aber das Theaterstück "Die Deutschlehrerin" an den Hamburger Kammerspielen, welches meine Kollegin, die bekannte Schauspielerin Regula Grauwiller und ich koprodu-zieren mit unserer neu gegründeten Firma Wortspektakel (www.wortspektakel.ch). Im November 2020 feiern wir die Premiere, sofern uns Corona nicht da auch noch einen Streich spielt.

Gibt es neue Projekte? Gar einen Commissario Stefano – im Ticino?

Wir haben mit Wortspektakel einiges vor und haben die Zeit des Lockdown genutzt, um alle unsere Projekte voranzutreiben. Wir bereiten aktuell szenische Lesungen unter anderem zu Wolfgang und Helene Beltracchi oder zu 50 Jahre Frauenstimmrecht vor. Mit dem weltbekannten Casal Quartett studieren wir ein musikalisches Portrait von Fanny und Felix Mendelssohn ein. Und der Schweizer Bestsellerautor Michael Theurillat schreibt uns ein Theaterstück zum Thema "Erotik in langjährigen Beziehungen" auf den Leib – langweilig wird es mir also nicht, trotz Corona. Für Firmen haben wir zudem ein hochaktuelles Kulturevent ins Leben gerufen, "Fake or True, spielt das noch eine Rolle" – mit einer Lesung, Talk und persönlichem Blick hinter die Kulissen von Film und Bühne. Man kann uns für alles buchen, auch machen wir speziell und massgeschneiderte Kulturevents sowohl für Firmen als auch für Privatleute.

Ob’s mal einen Commissario im Tessin gibt? Im Moment liegt mein Fokus eher wieder auf dem Theater und weniger im Filmbereich. Sollte aber ein interessantes Drehbuch meiner Wege kommen, deren Story erst noch im schönen Ticino spielt, dann sage ich sicher nicht nein! So eine Rolle als alter Geissenhirte könnte ich mir da schon noch vorstellen! (lacht)

PIEROS IMMAGINI NO. 25

Nicht alle mögen sie. In Patrick Süsskinds Erzählung sind die Tauben Sinnbild für Chaos und Anarchie. Etwas pragmatischer betrachtet, sind es einfach Vögel, die sich gerne sonnen. Aufnahme: 28. November 2015
© Pieros
Nicht alle mögen sie. In Patrick Süsskinds Erzählung sind die Tauben Sinnbild für Chaos und Anarchie. Etwas pragmatischer betrachtet, sind es einfach Vögel, die sich gerne sonnen. Aufnahme: 28. November 2015
Der Weg entlang der Maggia ist eine prächtige Oase der Ruhe und Besonnen- heit und inspiriert nicht nur Maler und Dichter zu gestalterischer und poetischer Entfaltung. Sondern auch Wanderer. Aufnahme: 26. Dezember 2015
© Pieros
Der Weg entlang der Maggia ist eine prächtige Oase der Ruhe und Besonnen- heit und inspiriert nicht nur Maler und Dichter zu gestalterischer und poetischer Entfaltung. Sondern auch Wanderer. Aufnahme: 26. Dezember 2015
Wie Flöten einer Orgel ragen die Hanfpalmen in den tiefblauen Himmel. Mit etwas Phantasie kann man sie als Fingerzeig zur Ewigkeit sehen oder als Hinweis, dass alles wieder gut kommt. Aufnahme: 28. Dezember 2015
© Pieros
Wie Flöten einer Orgel ragen die Hanfpalmen in den tiefblauen Himmel. Mit etwas Phantasie kann man sie als Fingerzeig zur Ewigkeit sehen oder als Hinweis, dass alles wieder gut kommt. Aufnahme: 28. Dezember 2015


Zitat für Donnerstag, 30. April:

Peter Handke, österreichischer Schriftsteller und Übersetzer: "Ich werde mich entschlossen verirren."

Fröhliche Grüsse aus dem Tessin. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Mein Jahr in der Niemandsbucht". Ein Märchen aus den neuen Zeiten. Peter Handke, österreichischer Schriftsteller. "Ein gewaltiges Buch ist Peter Handke da gelungen, eine trotzige Selbstbehauptung des einsamen, aber eben gerade deshalb so wachen Träumers – eine einzige grosse Erzählung über das Erzählen, das nicht aufhört. Sie wird bleiben. Handkes Meisterwerk." Der Spiegel. www.suhrkamp.de

Bellinzona Blues No. 41, 30. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Der Bellinzona Blues erscheint heute zum 41. Mal. Kein Jubiläum, aber eine Premiere. Der Bellinzona Blues swingt heute ausnahmsweise in Zürich. Weil ich in Zürich bin, hier arbeite, Leute treffe und mich darüber freue. Deshalb ist der heutige Bellinzona Blues Zürich gewidmet und ich grüsse alle Tessiner ganz herzlich aus unserer heimlichen Hauptstadt.

Die Zeit ist stillgestanden. Stau auf der Quai­brücke, quietschende Trams, farbenblinde Fussgänger – nur das Parkhaus ist weniger gut besetzt als auch schon. Es ist, als hätte es den Lockdown gar nie gegeben – alles läuft (beinahe) in gewohnten Bahnen. Es sind recht viele Leute unterwegs, es regnet, es ist trüb und gruselig. Trotzdem schlendere ich frohgemut durch die Innenstadt, freue mich schon zum voraus, wenn ich ab dem 11. Mai mit Johannes in der "Höhli" Kronenhalle Bar anstossen kann, mit Axel im "Weissen Kreuz" Züri­Gschnätzlets mit Rösti futtern kann, mit Mark, Pete und Ueli im "Weissen Wind" Ghackets Hörnli spachteln und last but not least mit Merete in der "Weissen Rose" mit einem Gläschen auf alte Zeiten anstossen kann. Zürich ist eine schöne Stadt und so wohl ich mich in Bellinzona fühle – ab und zu wieder richtige Stadtluft zu schnuppern, tut Herz und Seele gut. Übrigens, der legendäre "Würschtlistand" – der Sternen Grill ist geöffnet. Mit Geduld, man muss Schlange stehen, kann man sich wieder Bratwürste, Servelats und Bürli einverleiben. Allerdings ist um ca. 15 Uhr Schluss, wie ich zu meinem Leidwesen feststellen musste.

Das Büro von hans hofmann & partner befindet sich an der Rämistrasse 33. Eine geschichtsträchtige Adresse. Hier war vor zig Jahren der Sitz des renom­mierten Diogenes Verlags. Auf unserem Balkon mit direkter Sicht auf das Parkhaus Hohe Promenade und die Rämistrasse haben früher illustre Gäste gefeiert und über das Leben philosophiert. Mein Bürokollege HANS, ein charmanter Berner mit einer grossen Vergangenheit als Werber und einer grossen Zukunft im Personal Branding, hat ein Dokument ausgegraben. Es zeigt Hans Magnus Enzensberger, Ingeborg Bachmann und Günter Grass auf unserem Balkon.
Hans Magnus Enzensberger, Ingeborg Bachmann und Günter Grass auf dem Balkon an der Rämistrasse 33
© Hans Hofmann
Hans Magnus Enzensberger, Ingeborg Bachmann und Günter Grass auf dem Balkon an der Rämistrasse 33
Mein Bürotag an der Rämistrasse verlief nicht ganz so prominent und philosophisch, aber Barbara, Karo und ich haben fleissig gearbeitet und mit Erleichterung festgestellt, dass unser angestammtes Business nicht vom Virus befallen ist. Bis auf einige Termine und Verabredungen, die ins Wasser fielen – aber da liefert Corona halt – nicht mehr lange! – perfekte Ausreden.

Mit der heutigen Zürcher Ausgabe möchte ich einigen ganz wichtigen Personen aus Zürich und Bellinzona danken, ohne die der Bellinzona Blues nicht erscheinen würde.
Dieter Schaetti
© Hans Hofmann
Dieter Schaetti
Dieter Schaetti. Mit unendlicher Geduld, grossem Können und gutem Auge gestaltet er seit 41 Tagen den Bellinzona Blues. Es ist meistens Nachtarbeit.Telefonate hin und her, Korrekturen in letzter Minute, alles bis spät in die Nacht. Dieter bleibt immer die Ruhe selbst, ist geduldig mit dem Schreibenden, verliert nie die Nerven: Ein Profi durch und durch. Grazie mille, lieber Dieter.
Piero Schäfer
© Piero Schäfer
Piero Schäfer
Piero Schäfer. Gestern hat er uns zum 25. Mal mit seinen "Immagini" grosse Freude bereitet. In (ganz) jungen Jahren hat er es vorgezogen, als Fotomodell vor der Kamera zu brillieren, danach hat er als Schriftsteller und Journalist Furore gemacht. Wer weiss, vielleicht sind seine "Immagini" der Startschuss zu einer Karriere als Fotograf und Chronist. Lieber Piero, grazie, grazie!

Karen Heidl, die Besitzerin der "Libreria della Rondine", sie hat dem Bellinzona Blues den Namen verliehen. Ihrem Lebenspartner Ueli Eckstein – er ist mein schärfster Kritiker, aber er ist eben ehrlich, kompetent und – "fadegrad". Vielen Dank liebe Karen, lieber Ueli.

Last but not least. Danke an meine Patrizia. Sie leidet seit 41 Tagen am Bellinzona Blues. Jeden Abend sitze ich vor den Tasten, kaue Fingernägel statt die liebevoll zubereitete Pasta und habe nur Augen für den Bildschirm, statt für meine wunderschöne Gattin. Nicht mehr lange! Versprochen! Grazie Patrizia, für Deine Geduld, Dein Verständnis und Deine Liebe.

Bevor es allzu rührselig wird, möchte ich allen Lesern einen schönen 1. Mai wünschen. Dieses Jahr wird es sicherlich ruhig und gesittet bleiben. Bei all den Gesichts­masken, die ich heute in Zürich gesehen habe, würden die Vermummten gar nicht auffallen – und das ist bestimmt nicht in ihrem Sinn ...

PIEROS IMMAGINI NO. 26

Bäume wachsen nicht in den Himmel heisst es, doch manchmal irrt der Volks­ mund, die wunderbaren Papeln auf dem Golfplatz Patriziale von Ascona schei­ nen ihn zumindest zu widerlegen. Aufnahme: 22. August 2016
© Piero Schäfer
Bäume wachsen nicht in den Himmel heisst es, doch manchmal irrt der Volks­ mund, die wunderbaren Papeln auf dem Golfplatz Patriziale von Ascona schei­ nen ihn zumindest zu widerlegen. Aufnahme: 22. August 2016
Die Golfanlagen von Ascona und Losone balgen sich nicht nur wirtschaftlich, son­dern auch optisch. Auf beiden Bildern handelt es sich freilich um die gleiche strahlende Tessinersonne. Aufnahme: 26. September 2016
© Piero Schäfer
Die Golfanlagen von Ascona und Losone balgen sich nicht nur wirtschaftlich, son­dern auch optisch. Auf beiden Bildern handelt es sich freilich um die gleiche strahlende Tessinersonne. Aufnahme: 26. September 2016
Und gleich nochmals die strahlende Tessinersonne: Diesmal scheint sie durch die hoffnungspendenden Blüten eines Kirschbaumes, der offenbar noch andere zum Fotografieren animiert. Aufnahme: 2. April 2016
© Piero Schäfer
Und gleich nochmals die strahlende Tessinersonne: Diesmal scheint sie durch die hoffnungspendenden Blüten eines Kirschbaumes, der offenbar noch andere zum Fotografieren animiert. Aufnahme: 2. April 2016


Zitat für Freitag, 1. Mai:

Max von der Grün, deutscher Schriftsteller und (ge)wichtiger Vertreter der deutschen Arbeiterliteratur: "Wir bedienen hier Maschinen und Werkzeuge, aber vielleicht sind wir selbst schon Werkzeuge und Maschinen geworden ..."

Herzlich. Hans aus Zürich

PS. Mein Buchtipp: "Männer in zweifacher Nacht". Max von der Grün, deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Arbeiterliteratur. www.pendragon.de

Bellinzona Blues No. 42, 1. Mai 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Peter G. Kurath, Unternehmer und Multiverwaltungsrat, ist Mitinhaber von zwei Firmengruppen und beschäf­tigt rund 770 Menschen. Seit seinem 50. Geburtstag ist er nicht mehr operativ tätig. Das schafft Freiräume und wenn er wie jetzt nicht gerade auf längeren Reisen ist, nutzt er die Zeit für spannende Projekte wie aktuell photoCORONA auf www.photo­schweiz.ch, die Entwicklung eines neues TV­-Formats für die Post­-Corona-Ära oder sein Präsidium des Dachverbandes Kreativwirtschaft Schweiz. Viel Zeit verbringt er mit seinem 10-monatigen Junior Jimmy, dem er im Sommer das erste Mal das Tessin zeigen möchte. Mit Hans verbindet ihn das grosse Interesse an Medien, die Liebe zu Menschen und dass Genuss mehr als eine Berufung ist.

Wie aus einer Locarno-Party eine Vision wurde

Text: Peter G. Kurath

2002 kam ich gerade nach drei Jahren Abenteuer aus Beirut zurück und war zusammen mit Michel Pernet, Manuel Nappo, Christian "Cocktailkaiser" Bosshard auf dem Weg ans Filmfestival Locarno. Ein paar Wochen zuvor bekamen wir vom Generaldirektor des Grand Hotel Locarno, Signore Zimmermann, das Go für unsere Partyserie "Straight Friday", jeweils am Freitag und Samstag, in seinem Hotel.Mit dem "Straight Friday" wollten wir dem Filmfestival Locarno ein neues Night Cap bieten. Es gab nur Cocktails, kein Bier, kein Wein. Red Bull war unser erster und einziger Sponsor (wie immer kein Geld, dafür 'ne nette Lounge und Palmen). Die üppigen Säle des Grand Hotel und wir passten wunderbar zusammen.

Und es kamen alle. Die Schönen und die Reichen, die weniger Schönen und die Filmer. Wir hatten mit wenigen hundert Gästen gerechnet, gegen 02.00 Uhr waren es 2500 und es ging ab wie die Post. Wir waren bereits nach der ersten Nacht legendär und froh, dass dieser alte Kasten noch stand. Ich war stolz, dass wir dort, wo das Filmfestival Locarno 1946 einst startete, unsere Marke setzen durften.
Michel Pernet und Peter G. Kurath
© z.V.g
Michel Pernet und Peter G. Kurath
Geblieben ist mir die bereits Tage vor dem Event eingereichte Bestellung von Viktor Giacobbo, der darauf bestand, den wirklich besten Gin Tonic zu erhalten, den unser Cocktailkaiser mixen kann. Oder Michael Steiners Kurzfilm "Suite 705", der es nicht ins offizielle Programm des Festivals geschafft hatte, dann bei uns im Séparée lief und vom Publikum überrannt wurde. Und dann all die Liebschaften, die ein ganzes Buch füllen würden, von den Alkoholexzessen ganz zu schweigen. Die Stimmung war explosiv, erotisch und bis heute unerreicht. Fotos gibt es im Übrigen keine, es herrschte Fotoverbot.

Höhepunkt unserer Partyserie war sicherlich die Premiere von Samirs Film "Snow White". Wir organisierten die schönsten Models dieser Welt, bekleideten sie mit praktisch nichts, statteten sie mit kleinen weissen Papierchen aus und sie sollten unsere Gäste fragen, ob sie Coci wollen. Der Skandal war perfekt, gute Presse sicher. Die Papierchen waren eigentlich Gutscheine für einen Gratisdrink. Heute undenkbar. Egal, 3000 Leute feierten ausgelassen "Snow White". Carlos Leal, der Hauptdarsteller, schmachtete Karin Lanz an, danach waren beide in einem James-Bond-Film zu sehen.

Über all die Jahre wurden wir von den Offiziellen des Filmfestival Locarno mit Argusaugen beobachtet. Einmal hatte ich Marco Solari auf unsere Party angesprochen und ihm gesagt, wir könnten doch zum offiziellen Teil des Filmfestivals werden. Seine Antwort kam per E-Mail und war legendär: "Prudenza!" Wir feierten, wie wenn es kein Morgen gäbe und konnten sensationelle Kontakte knüpfen und Freundschaften schliessen. Dieses Netzwerk ist auch heute noch Basis unseres Erfolges. 2005 war dann fertig mit Party im Grand Hotel Locarno. Die Gebäudeversicherung wollte das Haus nicht mehr versichern und es wurde geschlossen – bis heute, ein Jammer.

Manuel Nappo sass am Abend vor unserer letzten grossen Party nicht mehr an unseren Tisch, aber im gleichen Grotto. Er sagte uns, er gehe ein paar Tische weiter, da sässen Nadja Schildknecht, Karl Spörri und Antoine Monot jr. Die würden bald ein eigenes Festival machen und da wolle er irgendwie dabei sein. Heraus kam das Zürich Film Festival.
Piazza Grande Locarno: Die Ruhe vor der Party
© z.V.g
Piazza Grande Locarno: Die Ruhe vor der Party
Was blieb mir von Locarno neben ausschweifenden Erinnerungen? Einerseits, dass wir mit Ruth Waldburger alljährlich am Filmfestival Locarno das berühmte Dîner politique mit über fünfzig Parlamentariern machen und andererseits die wunderbare Freundschaft mit Michel Pernet, mit welchem ich seit über 15 Jahren geschäftlich eng verbunden bin. Wir hatten unter Locarnos Palmen unsere gemeinsame Vision ausgeheckt und leben sie bis heute täglich. Hunderte von Events haben wir seither kreiert und realisiert. Zwei Agenturen aufgebaut, internationale Werkschauen etabliert und dabei immer viel Spass gehabt, sowie der Gesellschaft etwas zurückgegeben.

Die Essenz der Blofeld Media Group als Vision, als Unternehmen und als Wertekanon wurde in Locarno geboren. Weshalb gerade dort? Weil es nur im Tessin mit seinem einzig- artigen Klima möglich war. Und darum noch heute für uns von grosser Bedeutung ist.

PIEROS IMMAGINI NO. 27

Da das Jahr vier Jahreszeiten hat, muss das heutige Layout sich den kalendarischen Gegebenheiten anpassen. Mich faszinieren von jeher Zeitabläufe. Wenn ich es könnte, hätte ich längst eine Zeitmaschine erfunden, mit welcher man ...
© Pieros
Da das Jahr vier Jahreszeiten hat, muss das heutige Layout sich den kalendarischen Gegebenheiten anpassen. Mich faszinieren von jeher Zeitabläufe. Wenn ich es könnte, hätte ich längst eine Zeitmaschine erfunden, mit welcher man ...
... wie Dr. Emmett Brown in "Back to the future" – durch die Jahrhunderte reisen kann. Nach dem Fliegen ist die Zeitreise wohl einer der grössten und erstrebenswertesten Träume der Menschheit ...
© Piero Schäfer
... wie Dr. Emmett Brown in "Back to the future" – durch die Jahrhunderte reisen kann. Nach dem Fliegen ist die Zeitreise wohl einer der grössten und erstrebenswertesten Träume der Menschheit ...
 ... Gerade heute, wäre es doch ziemlich spannend, ein wenig in die Zukunft zu schauen. Wie kommt das alles raus? Schaffen wir es heil aus dieser Katastrophe? ...
© Piero Schäfer
... Gerade heute, wäre es doch ziemlich spannend, ein wenig in die Zukunft zu schauen. Wie kommt das alles raus? Schaffen wir es heil aus dieser Katastrophe? ...
Weil es beim Traum geblieben ist, beschränke ich mich auf den bildhaften Sprung von einer Saison zur anderen. Die Aufnahmen stammen vom 3. Januar 2020, 14. April 2019, 30. Mai 2019 und 1. November 2019.
© Piero Schäfer
Weil es beim Traum geblieben ist, beschränke ich mich auf den bildhaften Sprung von einer Saison zur anderen. Die Aufnahmen stammen vom 3. Januar 2020, 14. April 2019, 30. Mai 2019 und 1. November 2019.


Spruch für Samstag, 2. Mai:

Keith Richards, britischer Musiker und Songwriter: "Give me a guitar, give me a piano, give me a broom and string; I wouldn’t get bored anywhere."

Herzlich aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "LIFE". Keith Richards, britischer Musiker und Songwriter. Keith Richards Memoiren. "This ist the Life. Believe it or not – I haven’t forgotten any of it." Keith Richards. www.heyne.de

(Fortsetzung folgt)

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