In der Corona-Krise

Hans Hofmann und der Bellinzona Blues (5)

Mittwoch, 13. Mai 2020
Die besten Grotti in Bellinzona, Empfehlungen von der Tessiner Weinkarte, Interviews mit Journalisten, Künstlern und Kennern der Szene: Hans Hofmanns, Gründer von hans hofmann&partner, schreibt ein Tagebuch aus dem Lockdown.

Bellinzona Blues No. 29, 18. April 2020

Briefe aus dem Tessin - lettere dal Ticino

Oggi chiuso – heute geschlossen

Bellinzona hat drei mittelalterliche Burgen – Castelgrande, Montebello und Sasso Corbaro. Zudem ist Bellinzona die Kantons-Hauptstadt vom Tessin, hat ca. 44 000 Einwohner, ist Sitz des Bundesgerichts, hat einen wundervollen Samstagsmarkt und last but not least unzählige Beizen, Restaurants, Pizzerien, Grotti, Osterias, Bars und auch Spesenritterlokale. Ich habe einen Spaziergang durch die malerische Altstadt von Bellinzona gemacht und einige Restaurants – nur einen kleinen Bruchteil – fotografiert. Der grosse Gleichmacher Corona hat dafür gesorgt, dass jetzt die unterschiedlichsten Lokale einen gemeinsamen Nenner haben: "Oggi chiuso – heute geschlossen." Lasst uns heute Abend auf eine rasche Wiedereröffnung anstossen – das wird eine Riesen-Party! Prost! Salute! Cheers! Santé! Kippis!


im Ristorante Pedemonte, Via Pedemonte 12, Bellinzona, habe ich zusammen mit Familie und Freunden meinen 65. gefeiert. Eine der besten Küchen in Bellinzona, eine Wirtin mit phänomenalem Gedächtnis, sie rezitiert die verschiedenen Vor-, Haupt- und Nachspeisen auswendig auf Italienisch und Deutsch. Kleine Momente – grande Emozione!
© Hans Hofmann
im Ristorante Pedemonte, Via Pedemonte 12, Bellinzona, habe ich zusammen mit Familie und Freunden meinen 65. gefeiert. Eine der besten Küchen in Bellinzona, eine Wirtin mit phänomenalem Gedächtnis, sie rezitiert die verschiedenen Vor-, Haupt- und Nachspeisen auswendig auf Italienisch und Deutsch. Kleine Momente – grande Emozione!
Die Cantina del Gatt, Vicolo al Sasso 4, versteckt sich in der Altstadt von Bellinzona. Das Lokal ist urgemütlich und man hat via einen Glasboden, Sicht auf den gut bestückten Weinkeller – das macht Durst. Die Gerichte sind vom Tessin und der Toskana inspiriert – perfekt angerichtet, professionell serviert.
© Hans Hofmann
Die Cantina del Gatt, Vicolo al Sasso 4, versteckt sich in der Altstadt von Bellinzona. Das Lokal ist urgemütlich und man hat via einen Glasboden, Sicht auf den gut bestückten Weinkeller – das macht Durst. Die Gerichte sind vom Tessin und der Toskana inspiriert – perfekt angerichtet, professionell serviert.
In der Snack Bar Viale, Viale Staziona 18a, trifft sich die Jugend. Unzählige TV-Screens, gute Drinks und cooles Personal. Jeden Abend ab 18 Uhr ist Aperitivo. Da wird aufgetischt, was das Herz begehrt: Sandwich, heisse Würstchen, Gemüse-Dips usw. Manch einer, schlägt sich hier gratis den Bauch voll und spart das Nachtessen.
© Hans Hofmann
In der Snack Bar Viale, Viale Staziona 18a, trifft sich die Jugend. Unzählige TV-Screens, gute Drinks und cooles Personal. Jeden Abend ab 18 Uhr ist Aperitivo. Da wird aufgetischt, was das Herz begehrt: Sandwich, heisse Würstchen, Gemüse-Dips usw. Manch einer, schlägt sich hier gratis den Bauch voll und spart das Nachtessen.


Bar Codeborgo, Piazza Collegiata, Bellinzona


Der hässigste Wirt von ganz Bellinzano. Unentwegt staucht er sein Personal zusammen. Ein Grund mehr, hier ab und zu einen Kaffee oder einen Prosecco zu geniessen. Erstens sitzt man draussen, bewundert die Chiesa Collegiata, zweitens kann man dem geplagten Personal zu- zwinkern und zum Trost ein gutes Trinkgeld zustecken.

Ristorante Corona, Via Camminata 5, Bellinzona

Kein billiger Gag – das "Corona" existiert. Da haben Karen, Patrizia, Ueli und ich schon oftmals das hervorragende Tartar genossen. Gemeinsam mit Barbara und Rocco Salvioni haben wir hier einen runden Geburtstag gefeiert. Ich liebe die einmalig guten Paccheri – da läuft mir jetzt das Wasser im Mund zusammen.

Osteria Penalty, Via Daro 6, Bellinzona

Unser Stammlokal. Das Wirte-Ehepaar Patrizia und Remo, der Koch und der liebenswürdige Max (Massimo) Kellner sind ein perfektes Team. Meine Patrizia liebt den Risotto allo Champagne con Gamberoni. Mein Dessert: Sorbetto Uva Americana con Grappa. Der Grappa zum Espresso ist offeriert.

Ristorante Casa del Popolo, Viale Stazione 31, Bellinzona

Da kehrt die Linke ein. An Wahlen geht’s im "Volkshaus" rund und die Vertreter der Links-Parteien geben sich ein Stelldichein. Die Resultate werden heftig diskutiert, man politisiert und intrigiert. Ueli und ich haben hier schon öfters einen sehr guten Teller Spaghetti genossen. Link(s) kocht sich auch gut!

Grottino Ticinese, Via Luigi Lavizzari 1, Bellinzona

Lieblingslokal von Christa Rigozzi. Rustikal innen, romantisch mit den Steintischen und den alten Kastanienbäumen draussen. Sehr zu empfehlen das Tagliata und der Risotto. Beim Wein hat man die Qual der Wahl. Beinahe alle bekannten Tessiner Weine sind im Angebot. Mein Tipp: Ronco dei Ciliegi Riserva.

Il Fermento, Via Codeborgo 12, Bellionzona

Treffpunkt der Bierliebhaber. Hier gibt es selbstgebrauten Gerstensaft in den verschiedensten Variationen. Sehr schönes Lokal, einzig die uralten "Klosterstühle" sind sehr unbequem zum Sitzen. Angenehmes Ambiente, guter Sound und – unbedingt probieren: den Flammkuchen!
Jeden Morgen bevor ich nach Zürich fahre, trinke ich im City Bistro, Buffet della Stazione SFS, Bellinzona einen "Liscio" (Espresso ohne irgendwas). Die Bedienung kennt den alten Mann in der Zwischenzeit und stellt mir das Tässchen hin, ohne dass ich etwas sagen muss. Super Service! Best Liscio in Town – für CHF 2.30.–.
© Hans Hofmann
Jeden Morgen bevor ich nach Zürich fahre, trinke ich im City Bistro, Buffet della Stazione SFS, Bellinzona einen "Liscio" (Espresso ohne irgendwas). Die Bedienung kennt den alten Mann in der Zwischenzeit und stellt mir das Tässchen hin, ohne dass ich etwas sagen muss. Super Service! Best Liscio in Town – für CHF 2.30.–.


Locanda Orico, Via Orico 13, Bellinzona#ZZ#Das beste Lokal in Bellinzona. Es liegt am Rande der Altstadt. Kein Lokal für Touristen – die einheimischen (Stamm-)Gäste machen das Gros der – meist – betuchten Besucher auf. O-Ton Gault Millau: "Souveräne Kreationen, bei denen sich italienische Sinnlichkeit mit französischer Raffinesse paart." Basta!

Ristorante Peverelli, Piazza Collegiata 8, Bellinzona

Beinahe eine Tradition am Samstag morgen: Zeitung lesen, Kaffee trinken und das beste Sandwich in Bellinzona geniessen. Ein richtiges Tea Room – wie es sie leider kaum mehr gibt. Das Personal ist zum Teil recht hochnäsig und arrogant, – eine Petitesse, sobald man in eines der genialen Sandwich beisst.

Birreria Bavarese, Viale Stazione 34, Bellinzona

Hier gibt’s nicht nur Bier, sondern auch Kunst: Zwei sehr schöne Werke des leider früh verstorbenen Künstler Max Ramp zieren das Lokal. Die betagte Serviertochter Chicca gehört zum In- ventar. Man kann hier auch Lotto Zettel ausfüllen und dabei ein Wienerli mit Kartoffelsalat essen. Ein Lotto-Sechser!

PIEROS IMMAGINI NO. 14

Man muss nicht von besonders poetischer Begabung sein, um beim Blick auf den Lago Maggiore ins Schwärmen zu geraten. Vor allem wenn man im Grotto da Peo verzaubert wird. Aufnahme: 2. Juni 2019
© Pieros
Man muss nicht von besonders poetischer Begabung sein, um beim Blick auf den Lago Maggiore ins Schwärmen zu geraten. Vor allem wenn man im Grotto da Peo verzaubert wird. Aufnahme: 2. Juni 2019
Wie Rodins Denker scheint die Skulptur vertieft in Träumereien oder wundert sie sich über die Velos, die, wie zusammengeballt, abwarten, bis sie ihre Besitzer wieder abholen? Aufnahme: 14. Mai 2018
© Pieros
Wie Rodins Denker scheint die Skulptur vertieft in Träumereien oder wundert sie sich über die Velos, die, wie zusammengeballt, abwarten, bis sie ihre Besitzer wieder abholen? Aufnahme: 14. Mai 2018
Wie von Künstlerhand gemalt, präsentiert sich diese Abendstimmung. Pastellfarben bringen den Himmel zum Leuchten, und filigran reckt der Baum seine Äste in die Dunkelheit. Aufnahme: 5. Januar 2020
© Pieros
Wie von Künstlerhand gemalt, präsentiert sich diese Abendstimmung. Pastellfarben bringen den Himmel zum Leuchten, und filigran reckt der Baum seine Äste in die Dunkelheit. Aufnahme: 5. Januar 2020


Spruch zum Sonntag, 19. April:

Thornton Wilder, US-amerikanischer Schriftsteller: "Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen Ihnen ist die Liebe – das einzig Bleibende, der einzige Sinn."

Herzliche Grüsse. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Das Jahr der Liebe". Paul Nizon, Schweizer Kunsthistoriker und Schriftsteller. Er schreibt im Klappentext: "Ich habe an dieses Buch mehr als nur Fleiss verwandt, liebe Freunde, ich bin fast krepiert an dieser Lebensmutprobe." Suhrkamp Verlag. www.suhrkamp.de

Bellinzona Blues No. 30 19. April, 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Emanuel Leber. Signalement: ca. 1.80 Meter gross, 95 kg schwer, ziemlich langes, weisses Haar, schwarz gekleidet, nicht mehr so gut zu Fuss. Diese Vermisstmeldung müsste eigentlich subito gemacht werden.

Übertriebener Datenschutz?

Emanuel Leber ist 84 Jahre alt und lebt nun seit über 15 Jahren im Tessin, in Ascona. Eigentlich heisst er Paul Leber. Emanuel ist sein Künstlername, der bei einem langjährigen Aufenthalt in Paris an ihm haften blieb. Nach einer grandiosen Karriere als Zeitschriftengestalter, Verpackungs-Spezialist, Uhren-Designer (Swatch) und Grafiker hat er seinen Wohnsitz von Zürich ins Tessin verlegt. Seine angenehmen Umgangsformen, sein Charme im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, aber auch seine Trinkfestigkeit und sein gefestigter Ruf als Gourmet haben ihm bald einen grossen Bekanntenkreis beschert. Tagtäglich hielt er Hof bei Ivo (Bar Mistral), umsorgt und bedient mit dem obligaten Gläschen Rosé von seinen Freunden und Bekannten.

Tempi passati. Emanuel ist in ziemlicher kurzer Zeit vom allseits beliebten Bonvivant zum ziemlich einsamen Senior mutiert, der mutterseelenallein in seiner kleinen Klause in der Casa Borromeo lebt. Highlight der Woche war jeweils die Autofahrt und das anschliessende Essen-Trinken mit Gusti beim "Chinesen" oder in der "Bar Sport" in Cannobbio. Das funktionierte dann leider auch nicht mehr, weil Emanuel kaum mehr gehen konnte und man nicht riskieren wollte, dass er in Italien kollabiert. So wurde er immer einsamer, hauste in seiner Wohnung, die Freunde und Bekannten blieben aus. Der treue Bündner "Murmeli" Roberto Decumbis hat mich unterstützt, wenn der Wein frühzeitig zur Neige ging, oder der "Gluscht" nach einem frischen Brot übermächtig wurde. Sonst – vereinzelte Anrufe dann und wann – einzig Vreny Brunner (die Mutter Theresa von Ascona) konnte ihn noch ab und zu aus dem Haus locken und zum Mittagessen einladen.

Patrizia und ich haben jeden Samstag für ihn eigekauft, und kleine Besorgungen und Handreichungen für Manu verrichtet. Sehr froh und dankbar war ich, als ihm die Gemeinde Ascona einen Beistand zur Seite gestellt hat, der/die alles Administrative erledigte. Vor 14 Tagen haben wir Emanuel das letzte Mal gesehen. Patrizia und ich haben ihm die Einkäufe vorbeigebracht und die Wohnung etwas geputzt. Seither Funkstille! Das Mobile ist ständig im "Bitte rufen Sie später an"-Modus – frustrierend! Wir haben x-mal bei der "Spitex" angerufen, uns erkundigt was los sei.

Trotz – penetrantem – Nachbohren haben wir erst nach einigen langen Tagen erfahren, dass Emanuel hospitalisiert wurde. Emanuel hat keine Verwandten mehr – niemand, ich bin darum eingetragen als Person, die man "wenn etwas los ist" informieren soll. Trotzdem brauchte es einiges an Überredungskunst und die Diplomatie von Patrizia (ich war ehrlich gesagt ziemlich hässig – und mein Italienisch haben sie auch nicht verstanden!), um endlich herauszufinden, dass Emanuel in der Clinica Santa Chiara untergebracht wurde. Daraufhin konnte ich ihn telefonisch 2, 3 mal erreichen und recht gute Gespräche führen.
Emanuel Leber
© Hans Hofmann
Emanuel Leber
So weit, so schlecht. Letzten Freitag, als ich wie gewohnt mit Emanuel telefonieren wollte, wurde mir beschieden, dass er nicht mehr im Spital sei. Nach hartnäckigem Nachbohren – same procedure as last time – haben wir herausgefunden, dass 1. (gute Nachricht) Emanuel lebt, 2. (schlechte Nachricht) niemand zu wissen scheint, wohin er transportiert wurde. Wir haben trotz vielen, hartnäckigen Telefonaten keinen Schimmer was los ist! Emanuel ist verschwunden! Unsäglich! Einziger, kleiner Hoffnungsschimmer, wir können am Montag bei der Spitex anrufen – jetzt ist eben Wochenende da geht nichts – vielleicht erfahren wir dann anfangs Woche, wohin er verfrachtet wurde!

Klartext: Niemand gibt Auskunft! Niemand weiss etwas! Seine Freunde und Bekannte können ihn nicht kontaktieren! Alle sind im Ungewissen! Wir bleiben dran!!!

PIEROS IMMAGINI NO. 15

Wie alt die Pflastersteine auf der Piazza Grande sind, weiss kein Mensch (also ich nicht), dafür kenne ich jemanden, der Steine an Flüssen sammelt, um sie in Lücken zu platzieren! Aufnahme: 31. Oktober 2016
© Pieros
Wie alt die Pflastersteine auf der Piazza Grande sind, weiss kein Mensch (also ich nicht), dafür kenne ich jemanden, der Steine an Flüssen sammelt, um sie in Lücken zu platzieren! Aufnahme: 31. Oktober 2016
Obschon Agnostiker, fühle ich mich stets von Kirchen angezogen. So auch von jener in Maggia, mit der unendlich langen Treppe, die leider nicht in Fotos im Querformat passt. Aufnahme: 31. August 2014
© Pieros
Obschon Agnostiker, fühle ich mich stets von Kirchen angezogen. So auch von jener in Maggia, mit der unendlich langen Treppe, die leider nicht in Fotos im Querformat passt. Aufnahme: 31. August 2014
Bald soll es wieder losgehen: Freuen wir uns auf bunte und wohlriechende Früchte und farbenfrohe Auslagen an den Tessiner Märkten. Auf den Apéro am See und Brasato im Grotto. Aufnahme: 19. Mai 2015
© Pieros
Bald soll es wieder losgehen: Freuen wir uns auf bunte und wohlriechende Früchte und farbenfrohe Auslagen an den Tessiner Märkten. Auf den Apéro am See und Brasato im Grotto. Aufnahme: 19. Mai 2015


Spruch für Montag, 20. April:

Ronald Wilson Reagan, US-amerikanischer Präsident und Schauspieler: "Jimmy Carter hat zu mir gesagt: Ich habe Dich im Fernsehen wieder einmal auf einem Pferd gesehen. Wie kommt es bloss, dass du so jung aussiehst? Darauf ich: Das ist ganz einfach, Jimmy – ich nehme nur alte Pferde."

Herzliche Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Das Buch der verschollenen Geschichten". J.R.R. Tolkien, britischer Schriftsteller und Philologe, Autor von Herr der Ringe. Die frühesten Geschichten über Mittelerde, die Tolkien seit 1916 aufschrieb sind hier gesammelt. www.klett-cotta.de

Bellinzona Blues No. 31, 20. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Matthias Ackeret (56) ist promovierter Jurist und Chefredaktor und Verleger von Persönlich und persoenlich.com. In der Freizeit schreibt er Romane und Sachbücher ("Die ganze Welt ist Ballermann", "Karten an Martin Walser", "Das Blocher-Prinzip" oder "Eden Roc"), hat eine Radiosendung bei Radio 1 und interviewt seit 2007 jede Woche Christoph Blocher. Er wohnt seit 32 Jahren in Zürich. Exklusiv für die Leser des Bellinzona Blues hat uns Matthias einen Einblick in seinen aktuellen Alltag gewährt und auch einen Ausblick in die nahe Zukunft gewagt. Grazie mille, Matthias!

Du bist ein Leuchtturm in der Schweizer Medienbranche! Du interviewst wöchentlich Christoph Blocher in Teleblocher, hast eine eigene Sendung bei Radio 1, publizierst monatlich die Medienzeitschrift Persönlich, einen täglichen Newsletter und bist last but not least Autor einiger erfolgreichen Romane. Was kannst Du nicht?

Du schmeichelst mir, lieber Hans. Ich würde gerne singen können. Ich mache momentan jeden Tag meine 10.000 Schritte und laufe jeden Morgen durch die Zürcher Altstadt oder der Limmat entlang, damit ich in diesen Tagen nicht ganz die Orientierung verliere. Dabei habe ich mir das ganze musikalische Werk von Johnny Hallyday und Joe Dassin durchgehört und realisiert, dass mir diese Fähigkeit wirklich fehlt. Aber das, was man nicht kann, vermisst man immer am meisten.
Im Gespräch: Matthias Ackeret und Christoph Blocher – als wär’s ein Bild von Albert Anker
© Matthias Ackeret
Im Gespräch: Matthias Ackeret und Christoph Blocher – als wär’s ein Bild von Albert Anker
Wie gehst Du und Dein Interviewpartner Christoph Blocher mit dem aktuellen Lockdown um? So auf Distanz – ohne direkten Augenkontakt – geht das?

Ja, wir machen es per Skype, also von Wohnzimmer zu Wohnzimmer. Das ist nicht ganz einfach, weil es immer wieder technische Störungen oder unvorteilhafte Bildausschnitte gibt. Aber die Message ist ja das Wichtigste und – wie sagt man so schön – aussergewöhnliche Zeiten erfordern aussergewöhnliche Massnahmen. Die Produktion der letzten fünf Teleblocher-Sendungen sagt sehr viel über unser Verhältnis zum Virus aus. Ende Februar half mir Christoph Blocher noch beim Krawattenbinden, es gab also kein social distancing. Anschliessend diskutieren wir in der Sendung über eine mögliche Grenzschliessung und die Gefahren des Virus. Eine Woche später waren wir in seinem Keller und hatten einen symbolischen Abstand von einem Meter, eine weitere Woche später waren es bereits zwei Meter und Herr Blocher trug eine Schutzmaske. Seither machen wir die Interviews mit Skype, um einen möglichen physischen Kontakt zu vermeiden: Christoph Blocher gehört in seinem 80. Le- bensjahr zur Risikogruppe und nimmt dies sehr ernst.

Heute wäre in Zürich Sechseläuten. Böse Zungen reden von der Bonzen-Fasnacht. Fehlt etwas in Zürich, heute?

Unbedingt. Ich bin heute dem Limmatquai entlang gelaufen und alle Zunfthäuser sowie die ganze Strecke vom Bellevue bis zum Central war beflaggt. Das ist schon eindrücklich und tut auch ein bisschen weh. Aber nächstes Jahr soll es dafür umso gewaltiger werden. Was ich vermisse, ist auch das abendliche Fest bei der Publicis, der grössten Werbeagentur der Schweiz, deren Büros sich in Sichtweite zum Sechseläuteplatz befinden.

Wie verbringst du die Tage während der Corona-Zeit?

Ich versuche meinen Tagen eine Struktur zu geben. Das ist unheimlich wichtig. So mache ich am morgen 15 Minuten Kraft- und Bauchübungen, anschliessend gehe ich – wie gesagt – an die frische Luft. Da wir momentan in einer "historischen" oder zumindest einmaligen Zeit leben, versuche ich dies auch mitzubekommen. So bin ich an die schweizerisch-deutsche Grenze gefahren und habe über die Betonklötze und Grenzzäune, die an den zweiten Weltkrieg erinnern, gestaunt. Oder ich war im menschenleeren Flughafen in Kloten. Das ist wirklich beängstigend. Daneben bin ich beruflich immer noch stark eingebunden. Die wirtschaftliche Situation wird in den nächsten Monaten sehr schwierig, da wir nicht wie die SRG so en passant 50 Millionen Franken bekommen, wenn man schlecht gewirtschaftet hat. Im Homeoffice haben wir zudem noch zwei Persönlich-Ausgaben fertiggestellt, was nicht ganz einfach war. Darunter die Mai-Ausgabe mit einem Interview mit Moritz Leuenberger über die aktuelle Situation. Das ist ein höchst interessantes Gespräch, da Leuenberger im Katastrophenherbst 2001 Bundespräsident war.

Wann wir dieser Lockdown vorbei sein?

Keine Ahnung, Ich hoffe aber spätestens Ende Mai. Für die Wirtschaft und unsere Branche wäre dies existentiell, aber da bin ich mir nicht sicher. Bei der Spanischen Grippe vor hundert Jahren gab es kein eigentliches Ende, sondern es franste langsam aus.

Hast Du einen Buchtipp für meine Tessiner-Leser?

Mein absoluter Favorit ist "Ein fliehendes Pferd" von Martin Walser. Obwohl vierzig Jahre alt, ist es zeitlos und schildert alle Irrungen und Verwirrungen zweier Ehepaare in ihren Ferien am Bodensee. Aber es könnte auch am Lago Maggiore sein; in besseren Zeiten. Aktuell hat mir das neue Schawinski-Buch ("Die Schawinski-Methode, Erfolgsgeheimnisse eines Pioniers") gefallen. Aber ich bin ein bisschen befangen, da ich darin namentlich vorkomme. Ich habe kurz vor Beginn des Lockdowns meinen Roman "SMS an Augusto Venzini" beendet, den ich meinem Freund Alberto Venzago zu dessen 70. Geburtstag geschrieben habe. Ein spannendes Buch, aber es handelt von einer vollkommen anderen Zeit. Nämlich vom letzten Jahr, als man noch nach Paris und Venedig durfte. Nächstes Jahr – also nach Corona – soll er erscheinen.

Wann warst Du zum letzten Mal beim Coiffeur?

Unmittelbar vor dem Lockdown. Da hatte ich Glück. Ich gehe seit vierzig Jahren zu Herrn Fischli nach Schaffhausen. Jetzt habe ich erfahren, dass er aufhören will. Das würde und wird mein Leben fast so verändern wie die ganze Geschichte, die wir momentan erleben.

PIEROS IMMAGINI NO. 16

Als historische Zeugen könnten alte Kirchentüren über manches Ereignis und Schicksal, das im Inneren beklagt und beweint wurde, Zeugnis ablegen. Gottseidank sind sie stumm. Aufnahme: 1. Juli 201
© Pieros
Als historische Zeugen könnten alte Kirchentüren über manches Ereignis und Schicksal, das im Inneren beklagt und beweint wurde, Zeugnis ablegen. Gottseidank sind sie stumm. Aufnahme: 1. Juli 201
Da steht sie nun, einsam und verlassen am Bächlein (Brima) und wundert sich, wie sie wohl dahin gekommen ist. Niemand hat sie gepflanzt oder gepflegt. Schön, dass es sie gibt. Aufnahme: 27. September 2015
© Pieros
Da steht sie nun, einsam und verlassen am Bächlein (Brima) und wundert sich, wie sie wohl dahin gekommen ist. Niemand hat sie gepflanzt oder gepflegt. Schön, dass es sie gibt. Aufnahme: 27. September 2015
Schatten- und Lichtspiele mit romantischen Bögen beim Municipio: Wer immer das gesehen hat, verinnerlicht die Grazie von Ascona und weiss: Was auch geschieht, da will ich wieder hin. Aufnahme: 24. Oktober 2015
© Pieros
Schatten- und Lichtspiele mit romantischen Bögen beim Municipio: Wer immer das gesehen hat, verinnerlicht die Grazie von Ascona und weiss: Was auch geschieht, da will ich wieder hin. Aufnahme: 24. Oktober 2015


Spruch für Dienstag, den 21. April:

Saul Bellow war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Träger des Nobelpreises für Literatur: "Sex ohne Eros ist nichts anderes als Turnen ohne Geräte."

Herzliche Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Bellarose Connection". Saul Bellow. "In dieser brillanten Novelle schildert Saul Bellow Fonsteins lebenslange Suche nach dem Mann, dem er sein Leben verdankt. Klappentext. Kiepenheuer & Witsch Köln. www.kiwi-verlag.de

PSS.
17.10 Uhr. HAPPY END! Nach zig Telefonaten und wertvoll unterstützt von Patrizia, kann ich vermelden, dass Emanuel in besten Händen ist. Er befindet sich in einem Altersheim in Muralto, ich konnte kurz mit ihm telefonieren – es geht gut.

Bellinzona Blues No. 32, 21. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

André Béchir ist der Doyen unter den Konzertveranstaltern und ein spannender, unterhaltsamer Gesprächs­ partner. Er ist Mitglied unseres legendären "Buebeträff" und es brauchte deshalb keine grosse Überredungskunst, André für ein kurzes Gespräch zu gewinnen. Danke, lieber André, dass Du in hektischen Zeiten, die Musse gefunden hast, mir einige Fragen zu beantworten.

Du bist der Gründer von "Moon & Stars". Wie kam es dazu?

Begonnen hat es mit Luca Quadrini. Er hat vor langer Zeit die ersten Konzerte auf der Piazza Grande in Locarno organisiert. Mit Grössen wie Tom Petty, Bob Dylan, Tina Turner, Bryan Adams, Simple Minds usw. usw. Ich war zu der Zeit bei Good News und wir haben als Agenten die Künstler nach Locarno vermittelt. So kamen wir mit dem damaligen Stadtpräsidenten Marco Balerna ins Gespräch und haben ihm vorgeschlagen, statt Einzelveranstaltungen – verbunden mit einem einmaligen Riesenaufwand – eine ganze Konzertserie zu realisieren. Marco Balerna hätte eigentlich lieber Opern auf der Piazza Grande zelebriert, aber wir konnten ihn davon überzeugen, dass unser Konzept mit Rock Pop Konzerten erfolgsversprechender sei. So entstand Moon & Stars, vor rund 15 Jahren. Nach einer Durststrecke kam dann der kommerzielle Durchbruch und wir haben einige Jahre gutes Geld verdient. Vor rund 5 Jahren sind die Künstlergagen explodiert und es wurde zunehmend schwieriger, kostendeckend zu arbeiten. Ringier hat dann die Markenrechte an "Moon & Stars" von Good News übernommen und damit das finanzielle Risiko und die Organisation. Kleine Anmerkung: Dieses Jahr wird der Vertrag mit der Piazza Grande neu ausgeschrieben ... es liegen drei Offerten vor. Auch die von Gadget abc Entertainment Group AG. EWG ... einer wird gewinnen!
André Béchir
© André Béchir
André Béchir
Findet Moon & Stars dieses Jahr statt? Was ist Deine Einschätzung?

Definitiv nein – meine Meinung. Montreux hat bereits abgesagt, Nyon auch. Events, die beinahe gleichzeitig stattfinden. Künstler, die auch für Locarno gebucht waren – Lenny Kravitz, Lionel Richie - können deshalb dort nicht auftreten. Das macht es noch schwieriger. Zudem: Festival-Besucher sind jetzt verunsichert und kaum bereit, Grossveranstaltungen zu besuchen. Meine These: Nach dem Lockdown besucht man zuerst Eltern, Enkel, die Familie, Freunde – und nicht ein Konzert.

Was bedeutet der aktuelle Lockdown für das Portemonnaie der Künstler? Der Konzertveranstalter

Null Einnahmen. Nur Kosten. Viel Arbeit. Ein Totalverlust. Wir versuchen Konzerte nicht abzusagen, sondern zu verschieben. Wir vermitteln damit den Künstlern die Sicherheit auf kommende Einnahmen und halten sie so bei der Stange. Meine Prognose: Dieses Jahr werden frühestens im November/Dezember wieder Grossveranstaltungen stattfinden.

Kannst Du uns eine kleine, diskrete, amüsante Geschichte erzählen, die Du mit einem Deiner Künstler/Gruppen erlebt hast?

Eine lustige Episode habe ich mit Bryan Adams erlebt. Das war zu Zeiten von Luca Quadrini. Luca hatte zu wenig Cash, um Bryan Adams vor dem Konzert, wie es üblich ist, zu entlöhnen. Sein Manager war stinksauer und hat Luca am Kragen gepackt und ihn kräftig geschüttelt. Unser Büro war zu der Zeit im Café Verbana. Bryan Adams, er hat von der Bühne aus diese makabre Szene beobachtet, statt ins Publikum zu schauen – hat sich danach beinahe ausgeschüttet vor Lachen. Das Honorar für Bryan kam dann aus der Abendkasse. In Migros-Säcken – cash. In Schweizer Franken, Lira, D-Mark – in den verschiedensten Währungen. Gereicht hat es glaube ich nicht, aber es hat die Wogen etwas geglättet.

Welchen Künstler würdest Du gerne im Ticino präsentieren?

Zuerst muss Gadget abc die Rechte für die Piazza Konzerte erhalten. Das Tessin bedeutet viel Herzblut, wunderbare Erinnerungen und viel Emozione für mich. Als grösster persönlicher Wunsch stünde ein Exklusiv-Auftritt von Bruce Springsteen solo oder mit der E-Street Band auf dem Programm. Das wäre eine Sensation und würde die Piazza wie in alten Zeiten zum Rocken bringen.

Du hast drei Wünsche frei.

1. Gesundheit – das Allerwichtigste. 2. Normalität im Alltag, Familie, Freunde treffen und auch ab und zu ein Restaurantbesuch. 3. An Konzerte gehen können. Das einmalige Live Erlebnis geniessen.

PIEROS IMMAGINI NO. 17

Was wäre Ascona ohne Trachicarpus fortunei? Viele nennen sie Tessinerpalme, obschon sie erst 1830 aus China (!) kam. Und jetzt steht sie als invasiv auf einer schwarzen Liste. Gahts no? Aufnahme: 10. Oktober 2015
© Pieros
Was wäre Ascona ohne Trachicarpus fortunei? Viele nennen sie Tessinerpalme, obschon sie erst 1830 aus China (!) kam. Und jetzt steht sie als invasiv auf einer schwarzen Liste. Gahts no? Aufnahme: 10. Oktober 2015
Ziemlich schnittig, da neueren Datums, erinnert das Fischerboot gleichwohl an vergangene Zeiten. Als Ascona noch von der Fischerei lebte und Touristen auf dem Monte Verità lebten. Aufnahme: 28. November 2015
© Pieros
Ziemlich schnittig, da neueren Datums, erinnert das Fischerboot gleichwohl an vergangene Zeiten. Als Ascona noch von der Fischerei lebte und Touristen auf dem Monte Verità lebten. Aufnahme: 28. November 2015
Vorne fix und hinten nix: Die Kirche San Vincenzo in Losone erhielt eine prachtvolle Fassade, der weniger beachtete, hintere Teil musste aus Spargründen in Rohform bleiben. Aufnahme: 11. Oktober 2015
© Pieros
Vorne fix und hinten nix: Die Kirche San Vincenzo in Losone erhielt eine prachtvolle Fassade, der weniger beachtete, hintere Teil musste aus Spargründen in Rohform bleiben. Aufnahme: 11. Oktober 2015


Spruch für Mittwoch, 22. April:

Martin Walser, deutscher Schriftsteller: "Medien dürfen alles und müssen nichts."

Herzliche Grüsse. Hans

PS. Buchtipp von Matthias Ackeret: "Ein fliehendes Pferd". Martin Walser deutscher Schriftsteller. "Obwohl vierzig Jahre alt, ist es zeitlos und schildert alle Irrungen und Verwirrungen zweier Ehepaare in ihren Ferien am Bodensee. Aber es könnte auch am Lago Maggiore sein; in besseren Zeiten." Matthias Ackeret. www.suhrkamp.de

Bellinzona Blues No. 33, 22. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Wolfram Meister ist Herausgeber und Chefredaktor der Schweizerischen Weinzeitung. Das seit 10 Jahren. Im April ist die 100. Ausgabe unter seiner Regie gedruckt worden. Das kleine, feine Magazin erscheint seit 127 Jahren und ist wohl die älteste Weinpublikation des Landes. Weiter verantwortet Wolfram Meister als Verleger und Chefredaktor die Publikation Bianco. Ein alpines Lifestyle-Magazin, das im Sommer und Winter erscheint.
Wolfram Meister
© Wolfram Meister
Wolfram Meister
Wolfram Meister hat exklusiv für die Leser vom Bellinzona Blues 9 feine, aktuelle Tessiner Lieblingsweine ausgesucht: 1 Spumante, 1 Weisswein und 7 Rotweine. Grazie mille, Wolfi – cari saluti – a riverderci – a presto! Alla nostra!

2017 MILLEPETALI VIOGNIER. Tenuta Agricola Luigina, Stabio, Tessin, Fr. 40.– Feine, klare Nase, weisser Pfirsich, später auch Birne mit einer zart würzigen Note, eine Spur Getreide, Kräuter. Im Mund saftig mit bemerkenswerter Länge, hoch interessanter Wein. 18/20 trinken – 2024. www.tenutaluigina.ch

2017 CULDRÉE Enrico Trapletti, Coldrerio, Tessin, 100 % Merlot, Fr. 54.– Samtenes, dichtes, kräftiges, fein opulentes, cremiges, komplexes Bouquet, schwarze Brom­ beeren, schwarze Kirschen, fein Korinthen, heller Tabak, zart Mocca, Feuerstein, kalter Rauch. Dichter, cremiger, voller, vielschichtiger Gaumen, viel feines Tannin, zart cremige, fein muskulöse Struktur, vielfältige, dunkle Aromatik, sehr langer, dichter Abgang mit viel vielen Rückaromen. 19/20 2023–2040. traplettivini@ticino.com

REFOLO SPUMANTE BRUT Fattoria Moncucchetto, Lugano, Tessin, Fr. 45.– Helles Gelb. Lebhafte, feine Perlage, reife, gelbe Früchte, Zitrus, Brioche. Am Gaumen kräftige, cremige Struktur, saftige Säure, gute, aromatische Länge. Ein gelungener, eleganter Schaumwein aus Chardonnay (85 %) und Pinot noir (15 %). 18/20 trinken –2024. www.moncucchetto.ch

2017 GENESTRERIO Agriloro, Meinrad C. Perler, Tenimento dell’Ör, Genestrerio, Mendrisiotto, 100 Prozent Merlot, Tessin, 12,5 % Vol., Fr. 18.– Samtenes, mittelkräftiges Bouquet, Brombeeren, Kirschen, Feigenfrucht, Kräuter. Seidener, fein kerniger Gaumen, süsse Frucht, feinsandiges Tannin, würzige Aromatik, klassische Struktur, frischer, herber Abgang. 16/20 trinken – 2030. www.agriloro.ch

2015 RONCO DEI CILIEGI RESERVA Azienda Mondò, Giorgio und Andrea Rossi, Sementina, Tessin, 80 Prozent Merlot, 20 Prozent Cabernet Sauvignon, Fr. 37.– Würziges, kräftiges, elegantes Bouquet, Erdbeeren, fein Pflaumen, feine Röstaromen, Mocca, Rauch. Ausgewogener, dichtver­ wobener Gaumen, kräftige, feine Frucht, gutes Tannin, dichte Aromatik, klassische Struktur, langer, voller Abgang. 18/20 trinken – 2036. www.aziendamondo.ch

2015 CASTELROTTO RISERVA Tamborini, Lamone, Tessin, 100 Prozent Merlot, Fr. 39.– Samtenes, süsses, kräftiges, volles Bouquet, Brombeeren, Erdbeeren, Schokolade, Röst­ aromen, Mocca. Ausgewogener, voller, aromatischer Gaumen, dichte Frucht, samtene, cremige Struktur, kräftige, süsse Aromatik, langer, herber Abgang. 18/20 2021–2038. www.tamborini­vini.ch

2017 TERRAFERMA Myra und Christian Zündel, Beride, Tessin, 100 Prozent Merlot, Fr. 41.– Seidenes, duftiges, verschlossenes Bouquet, Himbeeren, Kirschen, Kreide, Edelhölzer. Kerniger, aromatischer Gaumen, feine Frucht, feinsandiges Tannin, gute Aromatik, schlanke Struktur, herber Abgang. 17/20 2022–2036. www.zuendel.ch

2018 RONCO DI PERSICO, MERLOT DI MONTEGGIO Jonas Huber, Monteggio, Tessin, Fr. 25.– Samtenes, süsses, fruchtiges Bouquet, Erd­ beeren, braune Schokolade, frische Kräuter. Ausgewogener, seidener, feinfruchtiger Gaumen mit süsser Frucht, feines Tannin, süsse Aromatik, feinherber Abgang. 17/20 trinken –2035. www.hubervini.ch

2017 RONCAIA RISERVA Zanini Vinattieri, Ligornetto, Tessin, Fr. 25.– Kräftiges, fein mineralisches, frisches Bouquet, Cassis, Erdbeeren, Pralinen, frische Kräuter. Dichter, feiner, duftiger Gaumen, feine, süsse Frucht, gutes Tannin, dichtverwobene Struktur, vielfältige Aromatik, sehr langer, kräftiger Abgang. Kann noch zulegen. 17/20 trinken – 2038. www.zanini.ch

PIEROS IMMAGINI NO. 18

Kultur 1: Zuerst hat Hans das Bijou vor dem Kommerz gerettet, und jetzt setzt Karen das löbliche Abenteuer fort: Auf dass uns das wunderbare Buchantiquariat noch viele Jahre erfreue. Aufnahme: 23. Oktober 2015
© Pieros
Kultur 1: Zuerst hat Hans das Bijou vor dem Kommerz gerettet, und jetzt setzt Karen das löbliche Abenteuer fort: Auf dass uns das wunderbare Buchantiquariat noch viele Jahre erfreue. Aufnahme: 23. Oktober 2015
Kultur 2: Und gleich nebenan Dorianos schmuckes Atelier. In der wunderbaren Casa Serodine geben sich Malerei und Literatur ein vortreffliches Stelldichein und verbrüdern sich auf Dauer. Aufnahme: 24. Oktober 2015
© Pieros
Kultur 2: Und gleich nebenan Dorianos schmuckes Atelier. In der wunderbaren Casa Serodine geben sich Malerei und Literatur ein vortreffliches Stelldichein und verbrüdern sich auf Dauer. Aufnahme: 24. Oktober 2015
Kultur 3: Assortiert posiert der Bildhauer und Maler Ivo Soldini vor einer seiner eindrücklichen Skulpturen im Garten des Castello, die zu einem Anziehungspunkt für Kulturfreunde wurden. Aufnahme: 1. September 2017
© Pieros
Kultur 3: Assortiert posiert der Bildhauer und Maler Ivo Soldini vor einer seiner eindrücklichen Skulpturen im Garten des Castello, die zu einem Anziehungspunkt für Kulturfreunde wurden. Aufnahme: 1. September 2017


Spruch für Donnerstag, 23. April:

Marcel Reich-Ranicki, deutschsprachiger Literaturkritiker: "Man soll die Kritiker nicht für Mörder halten. Sie stellen nur den Totenschein aus."

Herzliche Grüsse. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Mein Leben". Marcel Reich-Ranicki, einflussreicher Literaturkritiker, Deutschland. "In diesem Buch bewährt sich Reich-Ranicki als temperamentvoller und anschaulicher Erzähler. Farbig, pointiert und anekdotenreich schildert schildert er die Stationen seines so bewegten wie bewegenden Lebens." Klappentext. Deutsche-Verlags-Anstalt. www.randomhouse.de

Bellinzona Blues No. 34, 23. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Viele von uns haben schon die kraftvollen, kleinen Bronze-Figuren von Steff Lüthi bewundert. Sie sind in Institutionen, privaten Sammlungen und Galerien im In- und Ausland beinahe omnipräsent. Lüthi lebt seit 45 Jahren im Tessin und hat mich eingeladen, ihn in seinem Atelier in Gordola zu besuchen.

Der Scultore

Via S. Gottardo 24, in Gordola. An dieser eher unspektakulären Adresse ist das Atelier von Steff Lüthi. Scultore (Bildhauer) steht auf seiner Visitenkarte – und an der Via San Gottardo gibt es tatsächlich unzählige, faszinierende Figuren und Skulpturen zu bestaunen – zur Hauptsache sind sie aus Bronze und Eisen gefertigt. Das Atelier liegt direkt an der Hauptstrasse, man steigt einige Treppen hinab, vorbei an einer offenen Tür mit einer "Hock­ toilette" (gabinetta alla turca), wie man sie in Italien noch ab und zu antrifft. Dann noch einige Stufen tiefer, eine Türe "per favore bussare – bitte anklopfen", und man ist mitten im Herzen von Steff Lüthi – dem riesigen Atelier.
Bildhauer Steff Lüthi
© Steff Lüthi
Bildhauer Steff Lüthi
Ein gut aussehender Mann, ein mar­kantes, vom Leben gezeichnetes Gesicht, ausdrucksvolle Hände, zurückhaltend – beinahe scheu – heisst er mich willkommen. Als Erstes offeriert er mir einen selbstgebrauten Kaffee und ich legitimiere mich für diesen Besuch mit meiner Visitenkarte – zwei, drei Fotos von kleinen Bronze-Figuren, die seit Jahren bei mir zu Hause einen Ehrenplatz haben und an denen ich mich immer noch täglich erfreue. Steff hat sie erschaffen. Damit ist das Eis gebrochen und wir führen ein Gespräch – wir plaudern über Gott und die Welt.

Steff Lüthi ist bereits 1975 in das Tessin gezogen – er hatte genug vom Nebel am Bodensee und er sagte sich als Zwanzigjähriger, "ich gehe dahin wo es alle Pensionierten hinzieht – ins Tessin". Er schwärmt: "Zu der Zeit war der Ticino genial! Partys, schöne Frauen, dicke Autos, Sex and Drugs and Rock & Roll und mittendrin Ascona. Da war jedes Wochenende Action pur – eine Riesen-­Chilbi." Ein Schlaraffenland für einen jungen, aufstrebende Künstler. Die Nebelschwaden vom Bodensee hatten sich rasch verzogen und der Scultore Steff Lüthi nahm Gestalt an.

Es folgten Aus -­und Weiterbildungen an der "Accademia delle Belle Arte", Brera, Milano, und an der Uni Kassel, Fachbereich freie Kunst Bildhauerei. In Pietrasanta (Italia) lernte er Bronze-Skulpturen zu erschaffen. Ge­prägt von der 68er Bewegung und von Joseph Beuys’ Auseinandersetzung mit den Gegensätzen, Wärme und Kälte, Evolution und Erstarrung, Kreativität und Rationalisierung sucht er seine eigene künstlerische Hand­schrift. Aus dieser Zeit stammen Sätze wie "Ich pfeiffe auf Ästhetik und gehe weiter", oder "Wer nicht fliegen kann ist nicht über den Berg". "Wenn die Menschen immer mehr und Pflanzen und Tiere immer weniger werden, gerät das Ökosystem aus dem Gleichgewicht." Das sind seine Statements von anno dazumal, haben aber für Steff ihre Gültigkeit bis zum heutigen Tag bewahrt.
Ein Werk von Steff Lüthi
© Hans Hofmann
Ein Werk von Steff Lüthi
Heute ist Steff Lüthi ein renommierter, ein arrivierter Künstler. Geerdet. Seine Werke sind begehrt und in vielen Privatsammlungen präsent. Die Liste der Ausstellungen in Museen und Galerien im In­ und Ausland füllen mehrere Seiten in seiner Publikation "Steff Lüthi – Opere/Works 1970–2015". Das recht aufwändig gemachte Buch, zeigt ein­ drücklich die ganze Vielfalt seines Schaffens. Das Buch ist dreisprachig (i/d/e). Zudem hat Steff Lüthi auch einen umfangreichen Farbkatalog herausgegeben. Beide Werke sind direkt bei ihm zu beziehen.

Für die Kunst von Steff Lüthi braucht es eigentlich keine Bücher und Kataloge, das ist überflüssig, kann man sich sparen. Das lenkt nur vom Wesentlichen ab, seinen Skulpturen und Figuren. Die benötigen keine vollmundigen Lobpreisungen. Steffs Kunst ist ganz einfach gut, hat eine eigene, unverkennbare Handschrift und gefällt vielen Sammlern und auch mir ganz ausgezeichnet. Basta!

Der Kaffee ist ausgetrunken, der Gesprächsstoff ausgegangen. Ich schaue mich noch etwas im Atelier um, entdecke immer wieder Neues, Faszinierendes – ich könnte noch stundenlang verweilen. Ich bin kein grosser Kunstkenner und kann Steffs Kunst nicht in Worte fassen. Deshalb rate ich jedem Interessierten – nach Voranmeldung – bei einem Atelier­besuch ein Auge voll Kunst zu nehmen und sich selbst eine Meinung zu bilden. www.steffluethi.ch

Lieber Steff, danke für die spontane Gastfreundschaft, deine Zeit und das gute Gespräch. Ritornerò presto! Ich komme bald wieder!

PIEROS IMMAGINI NO. 19

Wer beim Anblick solch malerischer Bilder nicht ins Schwärmen kommt, muss aus Linoleum oder Gips sein. Die Möve aus Nr. 1 ist übrigens wieder aufgetaucht. Ob es wohl dieselbe ist? Aufnahme: 29. Dezember 2019
© Pieros
Wer beim Anblick solch malerischer Bilder nicht ins Schwärmen kommt, muss aus Linoleum oder Gips sein. Die Möve aus Nr. 1 ist übrigens wieder aufgetaucht. Ob es wohl dieselbe ist? Aufnahme: 29. Dezember 2019
Wo Wasser fl iesst, gibt’s Leben. Und das Tessin ist voll davon. Aus allen Tälern strömt es herbei, lässt Grünes spriessen und betört nicht nur Wanderer mit rauschendem Auft ritt. Aufnahme: 15. Oktober 2015
© Pieros
Wo Wasser fl iesst, gibt’s Leben. Und das Tessin ist voll davon. Aus allen Tälern strömt es herbei, lässt Grünes spriessen und betört nicht nur Wanderer mit rauschendem Auft ritt. Aufnahme: 15. Oktober 2015
Silhoutten, die Ascona und seine Gassen prägen: Skulpturen vertreten den künstlerischen Anspruch und die Palmen prägen wie kaum ein anderes Gewächs den mediterranen Charme. Aufnahme: 4. Januar 2016
© Pieros
Silhoutten, die Ascona und seine Gassen prägen: Skulpturen vertreten den künstlerischen Anspruch und die Palmen prägen wie kaum ein anderes Gewächs den mediterranen Charme. Aufnahme: 4. Januar 2016


Weisheit, für Freitag, 24. April:

Saul Bellow, US-amerikanischer Schriftsteller: "A fool can throw a stone in a pond that 100 wise men can not get out."

Herzliche Grüsse aus dem Tessin. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Das war ein Leben", Erinnerungen. Curt Riess, auch Riess-Steinam, ursprünglich Curt Martin Steinam, alias Peter Brandes. C.R. Martin und Martin Amstein, deutscher Journalist und Schriftsteller: "Curt Riess hat viel zu erzählen, und er tut es mit Temperament, Sachkenntnis und Humor. Mit seiner Lebensgeschichte schrieb er gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte, Skandalgeschichte, Theater-und Filmgeschichte – einpackendes Dokument." Klappentext. www.herbig.net

Bellinzona Blues No. 35, 24. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Gerhard Lob bringt seit Jahren den Deutschschweizern das Tessin näher. Sei es als Radiojournalist mit der Sendung "Die Woche im Tessin" oder als akribischer Tessin-Chronist in den verschiedensten Printmedien im deutschsprachigen Raum. Kein billiges Lob, Gerhard ist eine (ge-)wichtige Stimme für das Tessin und ich bin froh, dass er für den Bellinzona Blues ein wenig von seiner kostbaren Zeit geopfert hat. Mille grazie, Gerhard – es war mir ein grosses Vergnügen.

Lob – La voce del Ticino

Sie sind die Stimme des Tessin für die Deutschschweiz(er). Jedes Wochenende – beim Rasieren – höre ich mir Ihren Beitrag "Die Woche im Tessin" auf SRF 1 an. Wie kommt es, dass ein Mann aus Deutschland, in perfektem Hochdeutsch, diese Sendung präsentiert – und nicht ein(e) TessinerIn mit charmantem Tessiner Akzent?

Gute Frage. Das Schicksal hat es gewollt, dass ich im Tessin gelandet bin, auch wenn ich in Deutschland aufgewachsen bin. Die Hälfte meines Lebens lebte ich in Deutschland, die andere Hälfte in der Schweiz beziehungsweise im Tessin. Wie häufig, wenn das Schicksal eine Rolle spielt, ist die Liebe mit im Spiel. Denn meine Ehefrau stammt aus dem Tessin. Als ich 1989 (!) nach vollendetem Studium einiger Elfenbeinturm-Fächer (Musikwissenschaft, Philosophie und Romanistik) auf Jobsuche im realen Leben war (ich wollte eigentlich Kulturredaktor beim Radio werden), stiess ich über einen Bekannten auf das Produkt "Tessiner Zeitung", eine deutschsprachige Zeitung im Tessin, die Journalisten suchten. Ich gehöre zu den Babyboomer-Jahren, wo wir immer zu viele waren. Für einmal sagte jemand: "Wir suchen genau eine Person wie Sie!" Denn mein Vorteil war, dass ich Italienisch sprach. Das war schon aussergewöhnlich. Ich sagte zu, um in die Berufswelt einzusteigen. Ich wollte eigentlich nur zwei Jahre bleiben, aber daraus sind nun 30 Jahre geworden. Nach zehn Jahren bin ich zur Depeschenagentur gegangen, danach habe ich mich als Freelancer selbständig gemacht. Damals war mein Hauptpartner die Basler Zeitung.
Radiojournalist und Tessin-Kenner: Gerhard Lob
© Gerhard Lob
Radiojournalist und Tessin-Kenner: Gerhard Lob
So bin ich inzwischen ein Experte in Sachen Tessin geworden, habe vor allem die Politik verfolgt, kenne aber auch die Geschichte gut. Ich war dabei, als Giuliano Bignasca und Flavio Maspoli die Lega gründeten. Viele meiner jungen Tessiner Kollegen kennen diese Personen nur vom Hörensagen oder von Bildern. So ist das eben mit dem Generationenwechsel. Auch meine eigenen Kinder kennen die Berliner Mauer nur aus Erzählungen oder aus Erinnerungsstätten. Dass ich nun auf Hochdeutsch aus dem Tessin berichte, verstört vielleicht einige Hörerinnen und Hörer. Man hätte tatsächlich vielleicht lieber eine Tessinerin, die mit charmantem Akzent spricht, oder einen Deutschschweizer, der in sein Schriftdeutsch die Mundart-Kadenz einbringt. Aber ich kann das nicht ändern. Ich bin auch Ausdruck von Interkulturalität. Ich erinnere mich jedenfalls, dass ich auch beim WDR in Köln, wo ich einmal ein Praktikum machte, kritisiert wurde, weil ich eine allzu stark süddeutsche Kadenz hätte ... Übrigens: Nicht mal Dimitri (Der Clown), der im Tessin aufgewachsen ist und TI-Dialekt sprach, wurde als Tessiner erachtet. Auch das ist interessant. Über die Sprachenfrage könnte man ewig reden ...

Die meisten Deutsch-Schweizer Verlage haben ihre Korrespondenten im Tessin abgezogen oder gekündigt. Sie sind bald einmal der "letzte Mohikaner". Wird das Tessin und seine Bedeutung für die Schweiz unterschätzt? Negiert?

Das ist ein Problem. Früher hatten TA und NZZ feste Korrespondenten, dazu waren in der Regel zwei freie Korrespondenten im Einsatz, die für zwei unterschiedliche Gruppen arbeiteten (Basler Zeitung, St.Galler Tagblatt, Der Bund/Berner Zeitung, Aargauer Zeitung, Luzerner Zeitung). Und natürlich war es auch stimulierend, dass Konkurrenz da war. Die Umwälzungen der Medienbranche haben alles verändert. Ironie des Schicksals: Die Medienhäuser haben eigentlich mein Geschäftsmodell übernommen. Ich konnte einen Artikel schreiben und mehrfach verwerten (verkaufen). Dank der Fusionen kauft nun eine Mediengruppe bei mir einen Artikel ein und kann diesen in allen Kopfblättern streuen. Der Abzug der Korrespondenten hat vor allem wirtschaftliche Gründe, aber nicht nur. Das Interesse am Tessin ist mit Sicherheit abgeflacht. Ich habe dieses Phänomen sehr ausführlich in einem Artikel für die Medienwoche beleuchtet (im April 2019). Der Artikel trägt den Titel "Das Tessin im medialen Abseits". (https://medienwoche.ch/2019/04/11/das-tessin-im-medialen-abseits/)

Ich habe Sie das letzte Mal im Zug Richtung Art Goldau, zusammen mit der Entourage von Andreas Meyer, getroffen. Haben Sie da schon geahnt, dass die Tage von Andreas Meyer gezählt sind?

Kleine Vorbemerkung. Der Öffentliche Verkehr und insbesondere der Bahnverkehr ist ein Schwerpunkt meiner Arbeit. Ich habe beispielsweise den Bau des gesamten Gotthard-Basistunnels als Journalist begleitet. Am 8. August 2019 gab es ein Medientreffen im Tessin mit der SBB-Spitze, just am Tag, als der tödliche Unfall eines Zugbegleiters in Baden bekannt wurde. Andreas Meyer gewährte mir (exklusiv als erstem Journalisten) in Bellinzona als Reaktion auf den Unfall ein Video-Interview, das für einiges Aufsehen sorgte, denn er zeigte sich so emotional wie nie zuvor – den Tränen nahe. Trotz dieser Betroffenheit war klar, dass die Regentschaft von Andreas Meyer an der SBB-Spitze wohl ihrem Ende zuläuft. Zu viele Probleme hatten sich im Jahr 2019 angehäuft; der Rückhalt für seine Person war klar am Schwinden.
Gerhard Lob (Mitte) moderiert eine politische Debatte in Locarno. Mit Chiara Simoneschi und Fulvio Pelli.
© z.V.g
Gerhard Lob (Mitte) moderiert eine politische Debatte in Locarno. Mit Chiara Simoneschi und Fulvio Pelli.
Wenn Sie in Deutschland, wo Sie aufgewachsen sind, das Tessin und deren Bewohner auf sympathische Art und Weise – in einem Artikel oder Radio/TV Format vorstellen müssten, wen würden Sie als ideale Tessiner Persönlichkeit auswählen? Mehrere Nennungen möglich.

"Ideal" ist ein schwieriges Wort. Und in diesen Jahrzehnten habe ich viele Persönlichkeiten kennengelernt. Generell habe ich eine grosse Anerkennung für Tessiner, die ausserhalb des Tessins Karriere gemacht haben und dann nochmals im Tessin etwas anstossen wollen. Eine solche Persönlichkeit ist zum Beispiel Boas Erez, der jetzige Rektor der Universität der italienischen Schweiz, oder auch der neue Direktor von Ticino Turismo, Angelo Trotta, der das letzte Jahrzehnt in Spanien verbracht hat. Zu nennen wären auch Unternehmer wie Tito Tettamanti, obwohl ich seine politischen Ansichten nicht unbedingt teile. Mühe habe ich mit denen, die ihr Leben nur in einem Tal verbracht haben und meinen, so wie ihr Tal ticke die ganze Welt.

Können Sie uns in schwierigen, freudlosen Zeiten eine kleine, amüsante Episode aus Ihrer Tätigkeit als Tessin-Korrespondent erzählen?

Ich hatte mal eine Kollegin, die leider nicht sehr gut Italienisch sprach. Einmal hatten wir Redaktionsbesuch und der Herr begrüsste die Redaktorin mit den Worten "Sono lieto" (es freut mich). Meine Kollegin antwortete: "Sono Hannah". Der Hintergrund ist klar: Sie meinte, der Mann hiesse Lieto ... . Generell amüsiere ich mich ja mit den beiden Sprachen Italienisch und Deutsch, die so unterschiedlich sind.

PIEROS IMMAGINI NO. 20

Wenn auf den Bergen noch Schnee liegt und der Frühling auf sich warten lässt, erhellt die goldene Mimosa winterlich vernebelte Seelen. Und ihr betörender Duft lässt die Gefühle tanzen. Aufnahme: 7. März 2016
© Pieros
Wenn auf den Bergen noch Schnee liegt und der Frühling auf sich warten lässt, erhellt die goldene Mimosa winterlich vernebelte Seelen. Und ihr betörender Duft lässt die Gefühle tanzen. Aufnahme: 7. März 2016
Die dulsame und unglaublich vielseitige Kamelie kommt etwas später, oder früher, je nach Art. Ihre intensiven Blüten begleiten uns mal rot, mal weiss oder gesprenkelt fast rund um Jahr. Aufnahme: 27.3. 2016
© Pieros
Die dulsame und unglaublich vielseitige Kamelie kommt etwas später, oder früher, je nach Art. Ihre intensiven Blüten begleiten uns mal rot, mal weiss oder gesprenkelt fast rund um Jahr. Aufnahme: 27.3. 2016
Der mediterrane Bruder unseres Hibiskus syriacus ziert sich in unseren Breitengraden, doch auch die hiesige, winterharte Form erfreut durch strahlende Blumen und üppiges Wachstum. Aufnahme: 18. September 2015
© Pieros
Der mediterrane Bruder unseres Hibiskus syriacus ziert sich in unseren Breitengraden, doch auch die hiesige, winterharte Form erfreut durch strahlende Blumen und üppiges Wachstum. Aufnahme: 18. September 2015


Zitat für Samstag, 25. April:

Ulrich Wickert, Deutscher Journalist und Autor, erster Moderator der ARD-Nachrichtensendung Tagesthemen: "Die Welt braucht gute Nachrichten. Sorgen Sie für eine."

Herzliche Grüsse. Hans

PS. Mein Buchtipp: «Sonate mit dem Paukenschlag». Erwin Wickert, deutscher Diplomat und Schriftsteller. "Der Band vereint acht Geschichten des erfolgreichen Erzählers. Sie sind spannend, hintergründig, heiter, unglaublich und warten mit überraschenden Pointen auf." Klappentext. Deutsche Verlags-Anstalt, www.randomhouse.

(Wird fortgesetzt)


 




 
 




 


 
 
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