In der Corona-Krise

Hans Hofmann und der Bellinzona Blues (4)

Mittwoch, 06. Mai 2020
Gute Nachrichten für Senioren: Wer über 65 ist, darf im Tessin wieder einkaufen gehen. Eine ganze Stunde am Tag! Über das Leben und die Medien im Lockdown schreibt Hans Hofmann, Gründer von hans hofmann&partner (hhp), ein sehr persönliches Krisentagebuch.

Bellinzona Blues No. 22, 11. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Ein Ostersonntag im Tessin, wie es hätte sein können

Man trifft sich ab 11 Uhr bei Ivo im Mistral. Die Stammgäste bevölkern langsam die Bar, drinnen und draussen. Jeder hat seinen angestammten Platz, und nur die allgegenwärtigen Ostertouristen halten sich nicht immer an die Spielregeln und besetzen unbewusst Plätze, die beinahe lebenslang reserviert sind.


Die Getränke holt sich jeder selber an der Bar, nur für Manu (Emanuel) findet sich immer jemand, der ihn bedient, weil er nicht mehr gut zu Fuss ist. Die Gäste sind eine spannende Mischung aus waschechten Tessinern (auch die gibt es noch), Bröni (Brunoni) farbenprächtig gekleidet wie immer, Angelo – Champagner, Piero der Schriftsteller, der "Professore", sein Freund Roberto, obwohl Deutschschweizer, gehört zum harten Kern der Einheimischen. Dann gibt es die Zugezogenen, eine bunte Mischung aus Deutschschweizern und Deutschen, auch ein Niederländer gehört dazu, die dem Mistral den speziellen Mix verleihen.

Es wird gequatscht und getratscht – jeder kennt jeden, es wird viel getrunken, aber auch viel gelacht. Das Mistral ist wie ein Laufsteg. Hautnah flanieren die Touristen an den Hockern und Tischen vorbei. Eifrig kommentiert von den Stammgästen. Manch einen modischen Missgriff gibt es zu belächeln und bissig zu deuten. Um 12 Uhr gibt’s auf die Ohren: Die Kirchenglocke von Ascona, monoton und nostalgisch, läutet den letzten Drink ein. Hastig werden nun die letzten Getränke an der Bar geordert, denn bald schliesst das MistraI. Ivo lässt sich nicht stressen, sitzt hinter der Bar, schlürft seinen Rosé, raucht eine Zigarette, löst
ein Sudoko-Rätsel und flattiert seine zwei Katzen, die im Gegensatz zu den Gästen stets vom Chef persönlich bedient werden. Punkt 12.30 Uhr ist Schluss, Ivo geht nach Hause.

Grotto Baldoria, Mauro

Nach dem ausgedehnten Apéro, einige von uns sind schon recht beschwingt, geht's zum Osteressen ins "Grotto Baldoria". Nicht etwa unten an der Promenade gelegen, sondern in einer der verwinkelten Gassen im "alten" Teil von Ascona. Keine "Vista Lago", dafür ein gutes Stück Gemütlichkeit und Authentizität. Wir bekommen den Ehrentisch – den bei der Uhr – und quetschen uns zu 18. an einen Tisch, der normalerweise 12 Personen Platz bietet. Die Stühle wackeln, das Geschirr ist ein Sammelsurium aus den verschiedensten Brockenhäusern, die kleinen Gläser für Weiss- und Rotwein ebenfalls.


Zum Osterfest gönnen wir uns einen hervorragenden Wein, wir vergewissern uns, dass genügend Flaschen auf Vorrat sind und entscheiden uns dann für einen Sassi Grossi von Gialdi. Es gibt auch am Ostersonntag keine Karte, keine Sonderwünsche – es wird gegessen was auf den schrötigen Tisch kommt. Zuerst Salami und feine Tessiner Mortadella, serviert auf einem Rüstbrett. Man schneidet sich ab, soviel man will: Aber Achtung: Den Salami bitte nicht schälen (passiert immer wieder). Das gibt Strafpunkte und macht sich bei der Schlussrechnung bemerkbar. Danach wird der Chicorietta, fein geschnittener, leicht bitter schmeckender Salat mit Tomaten, serviert.
Genuss für Gaumen und Augen
© Hans Hofmann
Genuss für Gaumen und Augen
Der 2. Gang – die Teller werden nicht ausgewechselt, man reinigt sie zwischen den Gängen mit etwas Brot – besteht aus Penne mit einem hausgemachten, einmaligen Tomatensugo.

Zwischendurch muss immer wieder jemand von uns auf die Bank steigen und einen Fünfliber beim Zähler einwerfen. Wir sitzen bei der "Uhr" und ca. alle Stunden stellt der Strom ab, der auch die Energie und das Licht in der Küche und der Anrichte liefert, weshalb die Uhr regelmässig mit einem 5-Franken-Stück gefüttert werden muss. Jetzt kommt der Hauptgang: Voressen mit Polenta und einem "Seeli". Wunderbar! Der Wein fliesst in Strömen, die Stimmung ist super – Mauro der Capo ist auch gut gelaunt, er flirtet mit den Damen. Und Moro der Küchenchef ist aufgestellt, dass er so viele zufriedene Gäste hat. Zum Abschluss kommen Kuchen vom Blech und verschiedene Käse (alles Selbstbedienung) auf den Tisch und natürlich Grappa, Nocino und Limoncello. Die Flaschen bleiben auf dem Tisch und sehen aber kaum je die Tischplatte. Zum Schluss noch einen sehr guten Espresso, die sehr moderate Rechnung bezahlen, Ciao sagen und hoffen, dass wir nächstes Jahr in "echt" im "Baldoria" Ostern feiern können.

Danke an: Patrizia & Loan, Philip & Sabina, Lars & Fränzi, Rina, Roger & Raphaela, Piero & Daniela, Rolf & Anita, Ueli & Karen, Sergio & Paula, dass ihr heute mit mir im "Grotto Baldoria" gefeiert habt.

PIEROS IMMAGINI NO. 7

Ostern ist für viele der beliebteste Feiertag, es ist Frühling, es blüht rundum, die Gefühle entfalten sich, und es gibt ein Happy End. Sei’s drum: Chiesa San Vicenzo in Losone.
© Hans Hofmann
Ostern ist für viele der beliebteste Feiertag, es ist Frühling, es blüht rundum, die Gefühle entfalten sich, und es gibt ein Happy End. Sei’s drum: Chiesa San Vicenzo in Losone.
Kleiner Osterwettbewerb: Wer weiss, wo dieser Metzler steht? Wer richtig tippt, wird nach Corona zum apéro riche eingeladen, ja nach wem auch zum Diner ... Aufnahme: 10. April 2019
© Pieros
Kleiner Osterwettbewerb: Wer weiss, wo dieser Metzler steht? Wer richtig tippt, wird nach Corona zum apéro riche eingeladen, ja nach wem auch zum Diner ... Aufnahme: 10. April 2019
Und schon bricht der Abend wieder herein, der einsame Böötler ist sich seiner tragenden Rolle als attraktives Fotosujet nicht bewusst. Ich danke ihm trotzdem! Aufnahme: 16. September 2018
© Pieros
Und schon bricht der Abend wieder herein, der einsame Böötler ist sich seiner tragenden Rolle als attraktives Fotosujet nicht bewusst. Ich danke ihm trotzdem! Aufnahme: 16. September 2018


Einsicht für Ostersonntag den 12. April: von Audrey Hepburn britisch-niederländische Schauspielerin (Frühstück bei Tiffany). Ein Trostpflaster für aktuell verhinderte Oster-Partygänger: "Wenn man im Mittelpunkt einer Party stehen will, darf man nicht hingehen."

Herzliche Grüsse. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Das Buch der Illusionen." Paul Auster. US-Amerikanischer Schriftsteller. "Paul Auster ist der vielleicht bedeutendste amerikanische Schriftsteller der letzten Jahre; seine literarischen Fähigkeiten suchen hierzulande ihresgleichen." Deutschlandfunk. Rowohlt Verlag GmbH. www.rowohlt.de

PSS. Morgen Sonntag, den 12. April, wird mein Zwillingsbruder Werner 69 Jahre alt. Er ist ein wunderbarer Familienvater, ein guter Chef, ein Patron alter Schule und für seine Kunden ein verlässlicher Geschäftspartner.
Werner Hofmann, der Zwillingsbruder von Hans, wird 69 Jahre alt
© Hans Hofmann
Werner Hofmann, der Zwillingsbruder von Hans, wird 69 Jahre alt
Er hat viel erreicht in seinem Leben, musste aber auch viele Rückschläge (geschäftlich und gesundheitlich) verkraften und überstehen. Er ist immer wieder aufgestanden, wenn er am Boden lag und hat den Blick in die Zukunft gerichtet. Heute ist er stärker denn je. Etwas weniger kantig, etwas runder, nicht mehr so aufbrausend, aber immer noch konsequent und unbeirrbar – etwas halsstarrig, aber wenn es angebracht ist, kompromissfähig. Er hat ein riesengrosses Herz, das ist ein Erbstück von unserer lieben Mutter. Er unterstützt im Stillen, ohne grosses Aufsehen viele Menschen, er macht Gutes und spricht nicht gross darüber. Danke Wensch für Alles! Ich hoffe, wir können den 70. gemeinsam feiern, am liebsten bei Ivo in Ascona, wo die Gläser ganz besonders gut gefüllt werden. Weiterhin alles Liebe und alles Gute im Spiel des Lebens. Hausi & Familie

Bellinzona Blues No. 23, 12. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Die Schlange und der Hilfs-Dichter von Orselina 

Von Peter Hartmeier, Publizist und Berater; Teilhaber von Lemongrass Communications AG Zürich; Ex-Chefredaktor des "Tages Anzeigers" und Ex-Kommunikationschef UBS Schweiz

Meine Geschichte mit dem Tessin beginnt früh, sehr früh: sie beginnt vor meiner Geburt! Meine Eltern fuhren auf ihrer Hochzeitsreise mit einer frisch erstandenen Vespa ins damalige "Hotel Reber au lac" in Muralto – einem Hotel, das vor etwa 20 Jahren zugunsten eines Blocks mit Eigentumswohnungen abgerissen wurde. Im "Reber au lac" wurden bis in die neunziger Jahre reizvolle Feriengeschichten geschrieben – zum Beispiel in der charmant-diskreten Bar, auf der an Hollywood erinnernden See-Terrasse oder im verwunschenen Grill-Room; dort hatte ich als blutjunger Journalist meinen Vater mit dem ersten selbst verdienten Geld als Redaktions-Volontär des "Badener Tagblatts" zu einem fürstlichen Essen eingeladen. Während dieses Essens berichtete er nicht nur von der damaligen Hochzeitsreise auf der Vespa, sondern auch von einer für ihn wichtigen Entscheidung: Nach der Gründung einer eigenen Arzt-Praxis in Schaffhausen sei der Kauf eines Hauses mit Blick auf den Lago Maggiore sein wichtigstes Lebensziel gewesen: Locarno, Ascona, Orselina und die italienische Sprache hätten ihn verzaubert. Das von ihm erworbene, schon damals alte Haus in Orselina befindet sich noch heute im Besitz meiner 92-jährigen Mutter, die mit der "Casa le Palme" den Lago Maggiore-Virus weiterträgt.
Peter Hartmeier
© Peter Hartmeier
Peter Hartmeier
Selbstverständlich führte ich meine zukünftige Frau ziemlich rasch in dieses Haus in Orselina – jedenfalls lange vor unserer eigenen Hochzeitsreise; allerdings wurde sie bei ihrem ersten Besuch in Orselina zu Tode erschreckt: im verwilderten Garten wurde sie von einer Schlange überrascht, die eben eine Maus verspies! Diese Begegnung inspirierte mich dann zu einem literarischen Text: Unter dem Titel "Eva und die Schlange" versuchte ich mich zum ersten und letzten Mal poetisch – aber immerhin druckte die Weltwoche das zumindest für mein Liebesleben und weniger für die Literatur-Welt wichtige Ereignis ab. Ich war stolz, endgültig als eine Art Hilfs-Schriftsteller im Tessin angekommen zu sein, wo ja die ganz Grossen wie Erich Maria Remarque, Hermann Hesse, Richard Katz und Hans Habe gewirkt hatten. Ein Schriftsteller bin ich trotz Schlange und Lago Maggiore-Virus bekanntlich aber nie geworden.

Hingegen verlustierte ich mich Jahr für Jahr während der Film-Nächte in Locarno: Das Film-Festival hat dank Marco Solari mehr zur Verbindung zwischen der deutschsprachigen und der italienischen Schweiz beigetragen als jeder politische Vorstoss in Bundes-Bern. Jetzt, in der schwierigen Bewältigung der Corona-Krise, geht es darum, dieses für den Zusammenhalt unseres Landes so wichtige Kultur-Ereignis über den Tag hinaus zu sichern – und damit auch Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich Gastronomie und Hotellerie wieder entwickeln können – auch und vor allem für die nachwachsende Generation. Deshalb sind der Erhalt, die Weiterentwicklung und Neugründungen von Kultur-Events im Kanton Tessin so wichtig: Sie stärken die Konkurrenzfähigkeit. Kultur-affine Gäste bilden in einer ökologisch und architektonisch anspruchsvollen Generation eine entscheidende Zielgruppe, um den Wiederaufbau des Tourismus im Tessin zu realisieren. Die Deutschschweizer müssen während dieser Aufbauarbeit Verantwortung mitübernehmen. Nur so wird es gelingen, die Auswirkungen der Corona-Krise im Kanton Tessin zu bewältigen.

PIEROS IMMAGINI NO. 8

Noch ist Otsern. Einige waren eute vielleicht in Gedanken in der Chiesa Misericordia und haben über den Sinn des Festes nachgedacht. Deren Eingang als Inspiration. Aufnahme: 2. Oktober 2015
© Piero
Noch ist Otsern. Einige waren eute vielleicht in Gedanken in der Chiesa Misericordia und haben über den Sinn des Festes nachgedacht. Deren Eingang als Inspiration. Aufnahme: 2. Oktober 2015


Im Fadenkreuz der Yacht: Die Brissago- inseln liegen verlassen im See und warten auf den Ansturm des Frühlings, der Touristen-Schiffe und der Bootsbesitzer. Aufnahme: 30. Dezember 2018
© Piero
Im Fadenkreuz der Yacht: Die Brissago- inseln liegen verlassen im See und warten auf den Ansturm des Frühlings, der Touristen-Schiffe und der Bootsbesitzer. Aufnahme: 30. Dezember 2018


Nach dem Regen scheint die Sonne», heisst’s im Kinderlied, das lässt sich auch auf die Zeit nach Corona übertragen. Die Via Borgo war auch schon vorher leer. Aufnahme: 16. Juni 2016
© Piero
Nach dem Regen scheint die Sonne», heisst’s im Kinderlied, das lässt sich auch auf die Zeit nach Corona übertragen. Die Via Borgo war auch schon vorher leer. Aufnahme: 16. Juni 2016


Heute waren wir im Paradies auf Erden. In Palagnedra. Um 11 Uhr sind wir losgefahren. Um keine unnötigen Komplikationen (mit der Polizei, aber auch mit übermotivierten Ticinesi) zu riskieren, war unser
"Car to Heaven" ein VW Fox mit Tessiner Nummernschild. ZH-Nummernschilder sind im Moment nicht gerade gern gesehen. Die "Zucchini" dürfen dann nach Corona den Tourismus wieder ankurbeln.

Palagnedra ist ein Dorf, wie es Giovanni Orelli in seinen Büchern beschrieben hat. Munzig klein, kaum 100 Einwohner, aber es hat eine Kirche und natürlich eine Osteria. Man fährt von Intragna Richtung Centovalli, abenteuerliche Kurven verunmöglichen es, die wunderschöne Landschaft zu geniessen und kurz vor der italienischen Grenze biegt man ab, fährt über den Staudamm und erreicht dann ziemlich "Sturm im Kopf" ob all der vielen Kurven, Palagnedra.


Wir besuchen Paula – eine erfolgreiche Immoblienmaklerin aus Zürich – und Ihren Ehemann Sergio – ein attraktiver Fernsehmann aus Mailand, der mit viel handwerklichem Geschick einheimische Handwerker überflüssig macht.
So lässt es sich im Paradies aushalten
© Hans Hofmann
So lässt es sich im Paradies aushalten
Paula und Sergio haben sich in Palagnedra einen Traum verwirklicht: Ein Refugium, eingerichtet mit viel Liebe zum Detail und ringsum Natur pur. Auf über 2500 Quadratmetern
haben die Zwei im Einklang mit der Natur ein Paradies auf Erden geschaffen. Das feine Essen, hausgemachte Foccacia und Crespelle aus der nahe gelegenen Osteria, guter Wein, Grappa (natürlich) und die traumhafte Landschaft – so lässt man sich den Ostersonntag gefallen. Leider mussten wir viel zu früh die vielen Kurven nach Bellinzona wieder unter die Räder nehmen und konnten deshalb auch den Fuchs nicht mehr beobachten, der jeden Nachmittag auf der Wiese vor dem Haus auf die Jagd geht. Kurz vor Bellinzona erreicht mich eine SMS von Paula: Er ist doch noch aufgetaucht – der Reineke Fuchs – und damit ist die Welt im wunderhübschen, kleinen Ort Palagnedra wieder in Ordnung.

Erkenntnis für Montag, den 13. April. Henry James, amerikanisch-britischer Schriftsteller: "Don’t mind anything anyone tells you about anyone else. Judge everyone and everything for yourself."

Herzliche Grüsse. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Der lange Winter." Giovanni Orelli. Das ist eine Erzählung aus den Tessiner Bergen über den grossen Lawinenwinter 1951. Mit diesem Buch war Orelli schlagartig bekannt und er wurde 2012 mit dem grossen Schillerpreis der Schweiz ausgezeichnet.

Bellinzona Blues No. 24, 13. April, 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Good News für Senioren – bad News für die Rüeblibauern

Ab morgen, Dienstag, dürfen über 65-jährige wieder selbständig Einkaufen. Allerdings öffnen die meisten Lebensmittelgeschäfte erst um 9 Uhr und Tor-Schluss für die Senioren ist bereits um 10 Uhr! Das hat wohl jemand entschieden, der noch nie selber einkaufen musste und nicht weiss, was für ein Stress es ist, innerhalb einer Stunde den Einkaufszettel abzuarbeiten. Speziell für Männer.

Hanspeter Faes (Hampe), rüstiger Rentner aus Basel, mit seiner Bea in Ascona wohnhaft, meint dazu – mit typischem schwarzem Basler Humor: "Es war ja sehr nett und gut gemeint von den Jungen, die für uns Senioren eingekauft haben. Aber wir Senioren haben halt unsere langjährige Erfahrung und unsere "Mödeli" (Angewohnheiten/Marotten)." Hampe nennt einige Beispiele aus seiner Einkaufsliste während des Einkaufsverbots und was dann geliefert wurde:

– Bestellt Kartoffel festkochend. Geliefert wurden Kartoffeln mit Keimen! Keimen, wie einst in meiner Jugend, als man die Kartoffeln noch im Keller lagerte, die dann für den ganzen Winter reichen mussten.

- Bestellt Vier Stück Karotten. Geliefert zwei Kilo! Zu Ostern vielleicht nicht unpassend, aber zwei Kilo – wenn ich die alle essen würde, käme ich mir vor wie ein Karnickel und meine Frau Bea würde fluchtartig das Weite suchen.

- Von den Kaffeekapseln, die nicht für meine Maschine geeignet sind und sie kaputtmachen, ganz zu schweigen.

Hampe ist trotz der Zeitvorgabe happy, dass er und Bea wieder selber einkaufen können. Ausgerüstet mit einem perfekten Einkaufszettel, einer Stoppuhr mit Stundenalarm – ausgeruht und fit, damit sie im Schnellzugstempo fertig sind.

Tronchi – Baumstämme aus Ponte Brolla

Hanspeter Wyss ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Cartoonisten in der Schweiz. Unter anderem hat er den Bronzenen Bären am Cartoonfestival in Berlin gewonnen, die Goldene Dattel und die Goldene Palme am Salone internazionale dell’ Umorismo di Bordighera. Er lebt seit vielen Jahren in Ponte Brolla (Tegna) und verzaubert jetzt Kunstliebhaber mit seinen "Tronchi" (Tronchi = Mehrzahl von "il Tronco" – Deutsch: Baumstämme). Er erweckt das Holz zum Leben, kreiert farbenfrohe, bezaubernde Fabel-Wesen, die den Betrachter in gute Laune versetzen. www.hpwyss.ch

Warum hat es einen der bekanntesten Schweizer Karikaturisten nach Tegna – Ponte Brolla verschlagen? Es war nicht Südsehnsucht, sondern schlicht die Liebe zu einer Frau ...

Karikaturen sind leider aus den deutschsprachigen Medien beinahe verschwunden. Die Zeitungen setzen lieber auf seichte, aber unterhaltsame Cartoons. Dabei: Eine punktgenaue Karikatur hat schon manchen Mächtigen mehr geschmerzt als lange Texte. Welche deiner Karikaturen hat am meisten ausgelöst, für Furore oder gar Ärger gesorgt? Keine Ahnung mehr – ist halt alles schon ziemlich lange vorbei – Schnee von Vorgestern. Trotzdem eine kleine Geschichte, die haften geblieben ist: In der Schweiz sind wir ja recht stolz und überzeugt, dass bei uns Pressefreiheit herrscht und Zensur nicht existiert. Es gab vor Jahrzenten einen einigermassen überraschenden Skandal um die "Rocco Ravioli" – es wurde nämlich aufgedeckt, dass deren Inhalt sich zu grossen Teilen aus Fleischabfällen zusammensetzte.
Coronatime
© Hanspeter Wyss
Coronatime
Das war natürlich ein gefundenes Fressen für mich. Für den Nebi (Nebelspalter) zeichnete ich also sofort einen Comic, der zeigen sollte, was offensichtlich alles so wunderbares in Ravioli verwurstet wird. Nun, vom Redaktor wurde mir sanft, aber sehr bestimmt klar gemacht, dass es nicht möglich sei, diese Zeichnung im Nebelspalter zu veröffentlich – Rocco Ravioli sei ein zu wichtiger Inseratenkunde, ausserdem produziere Rocco in Rorschach (Standort des damaligen Nebi) ... Der Comic wurde dann in der "Basler Zeitung", für welche ich jede Woche zeichnete, veröffentlicht.
Hanspeter Wyss
© Hanspeter Wyss
Hanspeter Wyss
Der Basler Zeitung schlug ich etwas später einen Cartoon vor: Ein ziemlich angeschlagener Mann im Nachthemd, vor einem "Apothekerkästchen" gefüllt mit nummerierter Pharmaka – offensichtlich wählt er seine Medis mittels einem Würfel aus. Die Basler schickten mir die Zeichnung kommentarlos zurück, der Nebi veröffentlichte sie problemlos ..."

Wie erlebst Du und Deine Lebenspartnerin den aktuellen Lockdown? Da wo Du wohnst, wunderschön zwar, aber ziemlich abgelegen, fällt einem weitgereisten Künstler wie Dir bestimmt ab und zu die Decke auf den Kopf. Da ich ja immer im "Homeoffice" gearbeitet habe, trifft mich persönlich diese "Kerkerhaft" nicht wirklich. Die Decke fällt mir nicht auf den Kopf – auch nicht ab und zu – dank Fantasie und Kreativität.

PIEROS IMMAGINI NO. 9

Wenn die Natur zur Künstlerin wird. Gewiss, der Mensch wird auch hier seine Finger im Spiel gehabt haben, aber die Äste fügten sich willig dem ambitionierten Spiel. Aufnahme: 20. März 2017
© Piero
Wenn die Natur zur Künstlerin wird. Gewiss, der Mensch wird auch hier seine Finger im Spiel gehabt haben, aber die Äste fügten sich willig dem ambitionierten Spiel. Aufnahme: 20. März 2017
Nr. 3 der Oster-Kirchentrilogie. Der Glockenturm Pietro e Paulo gehört zu den am meisten fotografierten Kirchen des Tessins, und die Casa Serodine flankiert sie stolz. Aufnahme: 23. März 2018
© Piero
Nr. 3 der Oster-Kirchentrilogie. Der Glockenturm Pietro e Paulo gehört zu den am meisten fotografierten Kirchen des Tessins, und die Casa Serodine flankiert sie stolz. Aufnahme: 23. März 2018
Blumen am Strassenrand bedeuten selten etwas Gutes. Für die Betroffenen mögen sie tröstende Erinnerung sein, für Passanten sind sie ein berührendes Fragezeichen. Aufnahme: 11. November 2017
© Piero
Blumen am Strassenrand bedeuten selten etwas Gutes. Für die Betroffenen mögen sie tröstende Erinnerung sein, für Passanten sind sie ein berührendes Fragezeichen. Aufnahme: 11. November 2017


Weisheit für Dienstag, 14. April: Rupert Murdoch, Medienmogul aus Australien: "People are reading news for free on the web, that's got to change."

Herzliche Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Der Medienmogul". Michael Wolff. Edelfeder aus New Jersey. Er gehört zu den besten Kennern der amerikanischen und speziell der New Yorker Medienszene. Die ziemlich respektlose Biographie über den "gefährlichsten Mann der Welt" (Der Spiegel), ist "eine präzise und sehr kritische Analyse von Mann und Unternehmen, die Murdoch zu einer, vielleicht der Schlüsselfigur des globalen Medienwandels der letzten Jahrzehnte erklärt". NZZ. Deutsche Verlags-Anstalt, München. www.dva.ch 

"Die Zukunft von Digital ist Print" - Larissa Bollmann, Trendforscherin, in "trends/innovations & design management"

Bellinzona Blues No. 25, 14. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino 

Look up im Lockdown – Homeoffice auf höchster Ebene

Wie die Zeit vergeht! Das ist bereits der 25. Bellinzona Blues! Ich habe eigentlich gehofft, dass ich meine Drohung, den "Lettere dal Ticino" bis zum Ende des Lockdowns zu publizieren, locker während einiger wenigen Wochen durchziehen kann – aber jetzt entpuppt sich das Ganze als Kaugummi und wird immer länger und länger. Das kleine Jubiläum zum 25. Bellinzona Blues möchte ich dazu verwenden, allen zu danken: Den Lesern die sich die Lektüre antun, aber auch den Autoren, die sich jeweils ganz spontan bereit erklärt haben, mich zu unterstützen und etwas Gehaltvolles beizusteuern. Danke auch an Dieter Schaetti dem Gestalter, der mit viel Können und auch mit viel Geduld, das Geschriebene in eine lesbare Form bringt. Grazie mille, Dieter!

Heute am 25. Tag nach Bellinzona Blues ist etwas klösterliche Ruhe in mein Gemüt eingekehrt und ich möchte den aktuellen Lockdown aus meiner kleinen Tessiner-Sicht, aber auch aus Sicht des Headhunters im Medienbereich reflektieren: "Es chlöpft und tätscht" – nichts ist mehr, wie es vor einigen Wochen war. Die meisten Medienunternehmen haben Kurzarbeit eingeführt, leiden einerseits unter den Storni von bereits erteilten Aufträgen, erfreuen sich anderseits über eine ungeahnte Audience auf ihren Plattformen! Was die genialste, teuerste Werbekampagne nicht geschafft hätte – Corona macht’s möglich. Es wird gelesen, Medien werden konsumiert, diskutiert – querbeet durch das ganze Land. Das ist wunderbar!

Mit Einführung des Lockdowns fehlt mir der persönliche Kontakt – die natürlichen Emotionen. Jetzt ist alles virtuell, man kommuniziert via Zoom, Skype, Facetime – schaut, wenn es das Gegenüber verlangt, dass der Hintergrund passt (wohlgefüllte Büchergestelle sind en vogue) – und dann geht’s los mit den seelenlosen Diskussionen. Viele Manager und Personalverantwortliche haben mir zwar versichert, dass es "bestens läuft" und man mit diesen Tools viel Zeit und (vor allem) auch Reisespesen spart. Was mir als Headhunter mit Herz und Engagement bei den aktuellen Kommunikationsmitteln fehlt, ist der persönliche Kontakt, die Gestik, die Mimik, der Augenkontakt, die Kleidung, die Schuhe, der Händedruck, das Lächeln – ich muss die Kandidaten im wahrsten Sinne der Wortes riechen können – sonst passt das für mich nicht.

Nach dem 25. Bellinzona Blues wünsche ich mir in Bälde: Persönliche Kontakte! Inspirierende Momente! Mutige Kunden! Geniale Kandidaten! Das Gefühl – jetzt matcht es! In diesem Sinne: Homeoffice ist ok – Livehaftig ist besser!!!

Danke an alle, die ihr Foto aus dem Homeoffice exklusiv auf Bellinzona Blues teilen.

Michi Frank, Rolf Bollmann, Christoph Marty, Christa Rigozzi, Bea Knecht, Andreas Schaffner, Dieter Schaetti,
Christoph Marty im Homeoffice
© Christoph Marty
Christoph Marty im Homeoffice
Christa Rigozzi
© Christa Rigozzi
Christa Rigozzi
Michi Frank
© Michi Frank
Michi Frank
Bea Knecht
© Bea Knecht
Bea Knecht
Luca Pissoglio, Johannes Braun, Hans & Patrizia Hofmann, Hans Siegwart, Filippo Leutenegger, Barbara Wieser, Andreas Erb, Filippo Lombardi, Rocco Salvioni, Matthias Ackeret, Markus Schwab, Pete und Jim Kurath, Rolf Auf der Mauer, Ueli Eckstein, Roger Baur, Axel Beckmann, Roland Oetterli, Christof Kaufmann, Marc Backé, Rina Hofmann, Lucas Zehnder und Jürg Inniger

PIEROS IMMAGINI NO. 10

Nostalgie Nr. 1: Als Ascona und ins- besondere die Piazza voller Besucher war, die an der Sonne flanierten, das einmalige Ambiente genossen und hier und da ein Glas Wein. Aufnahme: 1.4.2018
© Piero
Nostalgie Nr. 1: Als Ascona und ins- besondere die Piazza voller Besucher war, die an der Sonne flanierten, das einmalige Ambiente genossen und hier und da ein Glas Wein. Aufnahme: 1.4.2018
Nostalgie Nr. 2: «Artisti di Strada», ein feines Event, das heuer nicht stattfindet (29.5.–1.6.). Mögen die Künstler ihre sympathischen Auftritte bald wieder präsentieren können! Aufnahme: 20. Mai 2018
© Piero
Nostalgie Nr. 2: «Artisti di Strada», ein feines Event, das heuer nicht stattfindet (29.5.–1.6.). Mögen die Künstler ihre sympathischen Auftritte bald wieder präsentieren können! Aufnahme: 20. Mai 2018
Nostalgie Nr.3: Unvergessliche Momente im legendären «Torchio» mit Sergio und Gastsänger Angelo ("amici miei"). Manchmal müsste man die Zeit wirklich zurückdrehen können. Aufnahme: 16. März 2018
© Piero
Nostalgie Nr.3: Unvergessliche Momente im legendären «Torchio» mit Sergio und Gastsänger Angelo ("amici miei"). Manchmal müsste man die Zeit wirklich zurückdrehen können. Aufnahme: 16. März 2018


Weisheit für Mittwoch, den 15. April: Truman Capote, Schriftsteller – In Zeiten von Social Distancing: "Ein Realist ist ein Mensch, der den richtigen Abstand zu seinen Idealen hat."

Herzliche Grüsse aus Bellinzona. Hans #ZZPS. Mein Buchtipp: "Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie." Truman Capote, US-amerikanischer Schriftsteller. "Alle Literatur – von Biographien über Essays bis zu Romanen und Kurzgeschichten – ist Klatsch." (Truman Capote)

Bellinzona Blues No. 26, 15. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Der Tessin ist die Schweiz in Italien und Italien in der Schweiz

Interview mit Valerio De Giorgi (Ticino Management)

Valerio de Giorgi ist der Verleger der renommierten Wirtschaft-Zeitschrift Ticino Management. Wir kennen uns seit vielen Jahren und haben zusammen die Metamorphose der Verlagsbranche erlebt. Valerio ist ein Tessiner mit Mailänder Einschlag: Immer top gekleidet, wortgewandt, sehr eloquent und ein inspirierender Gesprächspartner. Auch er erlebt im Moment schwierige Zeiten als Verleger. Er hat mir während einem Telefongespräch einen Blick in die Vergangenheit, aber auch einen Blick in die Zukunft gewährt.

Warum hat es Dich in das Verlagsbusiness gezogen? Es begann 1961 mit einer Lehre bei der Publicitas in Lugano, wo ich – wie viele heutige Verlagsmanager – das Handwerk von der Pike auf gelernt habe. Highlight während der Lehre waren die Samstage: Da habe ich die Klischees (Druckstock) beim "Corriere del Ticino" abmontiert und dann per Schubkarren zur Publicitas transportiert. Das war immer ein Heidenspass, auch weil meist viele hübsche Mädchen beim Karren schieben kräftig mitgeholfen haben. Danach habe ich noch zwei Jahre in Hamburg gearbeitet und die Publicitas Hamburg mit aufgebaut. Danach übernahm ich – für den dreifachen Lohn – in Mailand das internationale Anzeigengeschäft für Mondadori Editore. Das war eine phantastische Zeit! Die Anzeigen von den Luxuslabeln (Jaguar, Rolex, Louis Vuitton, Gucci, Audemars Piquet usw.) trudelten nur so rein und die 26 Publikationen waren Bücher mit wenig Text und vielen Anzeigen. Kurz: Viel Fun, viel Geld – ganz viel von Allem.

Und warum wurde dann der verwöhnte Anzeigenmann zu einem sorgengeplagten Verleger? 1989 habe ich Ticino Management gegründet. Damals war die grosse Zeit des Tessiner Finanzplatzes. Beinahe 100 Banken verwalteten Vermögen von über 500 Milliarden und es war DER Moment, um eine Wirtschaftspublikation zu lancieren. Zwischenzeitlich hat sich die Anzahl der Banken in Lugano auf rund 45 reduziert, das verwaltete Vermögen ist geschmolzen wir Gelato an der Tessiner Sonne. Zudem ist auch das ehemals lukrative Cross Border Geschäft mit Italien verboten. Die Private Banker dürfen zwar noch die Märkte in Cannobbio und Luino besuchen, aber keine Kunden mehr in Italien betreuen. Das macht das Bankgeschäft sehr schwierig, es gingen viele Arbeitsplätze verloren.
TICINO MANAGEMENT die Tessiner Wirtschaftspublikation
© Hans Hofmann
TICINO MANAGEMENT die Tessiner Wirtschaftspublikation
Wie siehst Du die Zukunft des Tessin bezüglich Arbeitsplätzen und Wirtschaftsstandort? Von 100 Leuten, die im Tessin arbeiten, sind 28 beim Staat angestellt. 32 Prozent der Arbeitenden sind Grenzgänger. Das ist eine gefährliche Situation. Die Grenzgänger findet man auf allen Hierarchie-Stufen – vom Hilfsarbeiter bis zum Direktor. Es gibt im Tessin "zwei Löhne": Einen "Tessiner Lohn" und einen "Frontalieri-Lohn". Die Grenzgänger verdienen im Schnitt rund 30 Prozent weniger – und das obwohl die Löhne im Tessin einiges tiefer liegen als in der Deutschschweiz. Das ist auch gesellschaftspolitisch eine gefährliche Situation – eine Zeitbombe.

Hast Du zum Schluss noch eine gute Nachricht? Gibt es einen Silberstreifen am Horizont? Der Tessin ist kein bedeutender Finanzplatz mehr. Aber wir haben andere, lukrative Industrien und Dienstleistungen angesiedelt. So wird zum Beispiel die Logistik der führenden italienischen Modekonzerne (Gucci, Armani usw.) im Tessin gecrafted, auch das speziell jetzt boomende Online-Geschäft, wird aus dem Tessin gemanagt. Zudem hat auch die Pharmaindustrie viele neuen Stellen geschaffen. Nicht zu unterschätzen ist auch die Goldverarbeitung. Es gibt im Tessin drei Gold-Raffinerien die für den weltweiten Goldhandel sehr wichtig sind. Sie verarbeiten jährlich rund 1500 Tonnen Gold, das einspricht einem Drittel des weltweiten Jahresangebot. Auch andere Edelmetalle wie Silber werden im Tessin raffiniert. Der Tessin ist damit eine globale Drehscheibe für die Raffination von Edelmetallen.

Der Tessin hat eine weitere grosse Chance. Wir sind "die Schweiz in Italien und Italien in der Schweiz". Unsere internationalen Verbindungen, die Sprachenvielfalt, und das stabile Wirtschaftssystem sind wichtige Trümpfe. Wir müssen in Italien diskrete Dienstleistungen erbringen, die man gerne nur uns Schweizern anvertraut. Die Schweiz könnte mit dem Tessin "einen Fuss" in der italienischen Wirtschaft platzieren, dann würde man gegenseitig voneinander profitieren.

PIEROS IMMAGINI NO. 11

Als hätte er es geahnt: Bereits vor einem Jahr präsentierte sich die Piazza mitunter menschenleer. Und unser Schwan bemächtigte sich der öden Leere und mutierte zum Fotosujet Aufnahme: 21. Februar 2019
© Hans Hofmann
Als hätte er es geahnt: Bereits vor einem Jahr präsentierte sich die Piazza mitunter menschenleer. Und unser Schwan bemächtigte sich der öden Leere und mutierte zum Fotosujet Aufnahme: 21. Februar 2019
Eine Stimmung wie in "Tod in Venedig", Melancholie und Tristesse bestimmen das Bild, doch wie in Thomas Manns Roman gibt’s auch am Landesteg in Ascona reichlich Hoffnung. Aufnahme: 1. Dezember 2018
© Piero
Eine Stimmung wie in "Tod in Venedig", Melancholie und Tristesse bestimmen das Bild, doch wie in Thomas Manns Roman gibt’s auch am Landesteg in Ascona reichlich Hoffnung. Aufnahme: 1. Dezember 2018
Ein Bild von einem Haus: Mitten in Ascona lässt es Passanten träumen von einem unbefleckten Frühjahr und einem ausgelassenen Sommer voller Heiterkeit und Freude. Aufnahme: 1. September 2017
© Piero
Ein Bild von einem Haus: Mitten in Ascona lässt es Passanten träumen von einem unbefleckten Frühjahr und einem ausgelassenen Sommer voller Heiterkeit und Freude. Aufnahme: 1. September 2017


Zitat für Donnerstag, 16. April: Ian McEwan, Schriftsteller: "Wie schon Schopenhauer über den freien Willen sagte, kannman wohl tun, was man will, aber man kann nicht wollen, was man will."

Herzliche Grüsse. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Abbitte". Ian McEwan ist ein britischer Schriftsteller. "Ein tiefenpsychologisches Meisterwerk." Evelyn Finger/Die Zeit, Hamburg. Das Buch wurde mit Keira Knightley und James McAvoy verfilmt.

Bellinzona Blues No. 27, 16. April  2020 

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

So ein Käse!

Mein alter Freund Ruedi Müller, ehemals Zahnarzt in Zürich, versteht die Welt nicht mehr. Er wohnt in Lugano und er gehört zu den Senioren, die nur von 9 bis 10 Uhr Vormittags einkaufen dürfen. Deshalb hat er versucht, via Coop-App seine Lebensmittel zu ordern. Allerdings ist der Lieferdienst hoffnungslos überlastet und Coop Grancia (Einkaufszentrum in Grancia – nahe bei Lugano) hat ihm nun angeboten, via E-Mail seine Bestellungen aufzugeben und danach, einen halben Tag später, die Lebensmittel beim Kiosk vor dem Coop in Grancia abzuholen und zu bezahlen.
Ruedi Müller
© Ruedi Müller
Ruedi Müller

Ruedi Müller – seine Story

Alles kein Problem für mich: Ich stelle die Einkaufsliste auf der Coop@home Seite in Deutsch zusammen, wähle dann als Sprache Italienisch (ich weiss ja nicht, was Fleischkäse, Randensalat, Fenchel, Bratwurst etc. auf Italienisch bedeutet) und hoffe dann mit Hilfe der Übersetzung meine E-Mail-Bestellung in perfektem, verständlichem Italienisch an Coop Grancia zu senden! Dann – kleine Überraschung!, quel surprise!, what a surprise!: Der Sprachwechsel ins Italienische ist leider im Gegensatz zu Französisch oder Englisch (neue Landessprache?) im Übersetzungsprogramm nicht vorgesehen! Ich finde das unsäglich, nicht nachvollziehbar – eine Diskriminierung! Auf meine höfliche Anfrage per Mail, warum dem so sei, hat man mich zwei Wochen später mit einem Einzeiler abgespeist: "Die Coop@home Seite wird nicht auf Italienisch geführt."
Post von Coop
© Ruedi Müller
Post von Coop
Kommen wir zurück zum Fleischkäse. Ruedi Müller spricht und versteht zwar leidlich Italienisch, aber wenn er bewaffnet mit einem Wörterbuch oder zeitgemäss mit dem Übersetzungsprogramm DeepL die gewünschten Produkte versucht auf Italienisch zu übersetzen, wird es schwierig und auch unfreiwillig komisch. So wird Fleischkäse auf Französisch mit (ausgerechnet!) "fromage d’Italie", oder auch "pain de viande" übersetzt. Wir haben in einer Blitzumfrage bei Tessinern abgeklärt: Die Tessiner übersetzen Fleischkäse mit ... Fleischkäse, also nix mit "formaggio di carne".

Ruedi ereifert sich weiter: "Man bestellt Insalata noce (wörtliche Übersetzung für Nüsslisalat/Feldsalat) und erhält geraffelte Haselnüsse!" Herr Müller würde noch Dutzende weitere Beispiele aufzählen, aber dann wäre der "Wurst-Käse-Salat" perfekt und darauf habe ich jetzt keinen Bock – man weiss ja nie, was dann wirklich serviert wird.

Jetzt wird es ernst: Es ist ein Affront, dass die 3. Landessprache, mit der man sich übrigens bei jeder Gelegenheit gerne brüstet, so geringschätzig behandelt wird. Von den Tessinern wird erwartet, dass sie perfekt Deutsch sprechen. Sie müssen Deutsch sprechen, wenn sie sich in der Deutschschweiz aufhalten – aber was ist mit den Deutschschweizern im Tessin? Kaum jemand nimmt sich die Mühe Italienisch zu sprechen, weil ja das Gegenüber sowieso Deutsch versteht und spricht. Sei es, weil es ein deutschsprachiger Tessiner ist, oder ein "Zucchini",  der nur Deutsch kann.

Ich finde es ziemlich respektlos, dass sogar Grossverteiler die italienische Sprache nicht gleichwertig wie Deutsch und Französisch behandeln. Natürlich ist es ein Riesenaufwand,  zig-Tausend Produkte in die jeweilige Sprache zu übersetzen. Aber wenn wir schon bei jeder Gelegenheit den Service public propagieren, sollte die Übersetzungsarbeit auch den Grossverteilern die Kosten und den Aufwand wert sein. Zumal sie grosse Einkaufszentren im Tessin betreiben und das sauer verdiente Geld der Tessiner gerne kassieren, – aber Geld ist eben sprach(en)los.

Patrizia und ich sind – nach Corona – bei Ruedi zum Essen eingeladen. Ich freue mich schon jetzt auf die geraffelten Haselnüsse und den Fromage d’Italie. Zum Glück heisst Grappa, Grappa – und da bin ich zu 100 Prozent sicher: Wo Grappa draufsteht ist auch Grappa drin! Salute Ruedi!

PIEROS IMMAGINI NO. 12

Im Moment ruht der kulturelle Betrieb in Ascona, darum erinnern wir uns gerne an den Tag, als Ivo Soldini seine einmaligen Skulpturen in Urs Ris’ (r) Castello platzierte. Aufnahme: 1. September 2017
© Piero
Im Moment ruht der kulturelle Betrieb in Ascona, darum erinnern wir uns gerne an den Tag, als Ivo Soldini seine einmaligen Skulpturen in Urs Ris’ (r) Castello platzierte. Aufnahme: 1. September 2017
Ein bisschen Geschichte kann nicht schaden: Unser exklusives Bild zeigt die Kapelle der ca. 1556 von Peter a Pro erbauten, rätselhaften Wehranlage Cà di Ferro in Minusio. Aufnahme: 24. Mai 2019
© Piero
Ein bisschen Geschichte kann nicht schaden: Unser exklusives Bild zeigt die Kapelle der ca. 1556 von Peter a Pro erbauten, rätselhaften Wehranlage Cà di Ferro in Minusio. Aufnahme: 24. Mai 2019
Kunst made by water. Gelegentlich sind es kleine, wenig beachtete Ecken, die bei näherer Betrachtung sich so präsentieren, als wären sie von Künstlerhand geschaffen worden. Aufnahme: 4. März 2019
© Piero
Kunst made by water. Gelegentlich sind es kleine, wenig beachtete Ecken, die bei näherer Betrachtung sich so präsentieren, als wären sie von Künstlerhand geschaffen worden. Aufnahme: 4. März 2019


Zitat für Freitag, den 17. April: Von Henry James, US-amerikanischer Erzähler: "Dreierlei ist wichtig im Leben: Erstens: Toleranz. Zweitens: Toleranz. Drittens: Toleranz."

Herzliche Grüsse. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Überfahrt mit Dame." Eine Salonerzählung. Henry James, US-amerikanischer Erzähler. "Henry James widmet sich mit wonnevoller Durchtriebenheit dem selsamen Paarverhalten der Viktorianer. Ein bissiger, kluger Autor." F.A.Z. www.aufbau-verlag.de

Bellinzona Blues No. 28,  17. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

The Aviator 

Gespräch mit Fabio Schulthess

Er ist der Mann mit dem wahrscheinlich längsten Arbeitsweg im ganzen Tessin. Fabio Schulthess pendelt zwischen seinem Wohnort Ascona und seiner Homebase München. Und das seit 15 Jahren. Er ist als Schweizer(!) Flugkapitän bei der Lufthansa und sogar "im seltsamsten Dorf der Welt" (Buch von Curt Riess über Ascona) eine auffallende Persönlichkeit. Ich traf ihn früher öfters auf ein Bier bei Ivo und es ergaben sich meist spannende und interessante Gespräche. Fabio ist zur Zeit auch im Homeoffice – eine sehr spezielle Situation für jemand, der gewohnt ist, beinahe grenzenlos in der Welt herum zu jetten.

Wie kommt es, dass Du als Schweizer bei der Lufthansa als Flugkapitän gelandet bist?

Bei der Lufthansa bin ich gelandet, weil der Swissair-Psychologe mich nicht wollte. Dann bin ich halt ins nahe Ausland, nur so weit, dass ich immer in der Schweiz wohnen konnte und anfangs von Basel aus nach Frankfurt pendelte. Die letzten fünfzehn Jahre von Ascona nach München, um dort den Airbus 330, 340 und 350 fliegen zu können. Im Moment sind 95 Prozent aller Flüge bei der Lufthansa gestrichen.

Was bedeutet das für Dich?

Zum ersten Mal in meinem Leben Kurzarbeit. Angeordnete Freizeit mit reduziertem Lohn. In Euro notabene ... Ein guter Test für mich persönlich, wie es mir nach der Pensionierung daheim ergehen wird. Immerhin fliege ich schon 42 Jahre als Berufspilot und nach knapp 27.000 Flugstunden ist es ohnehin Zeit aufzuhören.

Wann rechnest Du damit, dass es wieder richtig losgeht?

Auf tiefem Niveau im Herbst 2020. Wenn ich 9/11 als Masstab nehme, dauert es mindestens zwei Jahre, bis wir wieder auf dem alten Niveau sind. Das ist meine private Einschätzung.
Fabio Schulthess
© Fabio Schulthess
Fabio Schulthess
Welche Destination fehlt Dir am meisten? Wohin würdest Du am liebsten fliegen?

Chicago. Meine Lieblingsstadt im Streckennetz von Lufthansa München. Meine Lieblingsbar an der Michigan Avenue, mein Beatrix Café um die Ecke des Crewhotels, der Mexikaner zum Brunch mit der enormen Cholesterinschleuder, das Hotelzimmer mit Blick auf das Treiben der Michigan Avenue. Und als Pilot die vielen Pisten, die zur Verfügung stehen, also selten Seitenwind, die professionell schnelle Enteisung des Flugzeuges im Winter und dass ich noch nie Warteschlaufen fliegen musste. Und dass ich im Anflug vor der Ueberquerung des Lake Michigan knapp an Grand Rapids vorbeifliege und somit direkt über das Haus meines Freundes John Meyer komme. Er ist Privatpilot, hat seine eigene Maschine hinter dem Haus stehen, mit Landeplatz und wir funken zusammen. Ich pflege jeweils die Landescheinwerfer der Airbus Maschine einzuschalten und er sieht mich und wartet bis ich im Westen am Horizont entschwunden bin.

Du hast drei Wünsche frei. Wünsch Dir was!

Ich bin bescheiden, mir reicht ein Wunsch: Mit meinem Oldtimer Flugzeug, einer Piper Pacer, Jahrgang 1956, während mehrerer Wochen von Vermont nach Alaska und zurück zu fliegen.

PIEROS IMMAGINI NO. 13

Ascona maritima 1: Wer von der Piazza gen Süden schaut, könnte mei- nen, das Wasser sei Teil des Meeres. Der Beweis: Bei Flut überschwemmt der Lago Teile der Ufermauern. Aufnahme: 22. Oktober 2019
© Piero
Ascona maritima 1: Wer von der Piazza gen Süden schaut, könnte mei- nen, das Wasser sei Teil des Meeres. Der Beweis: Bei Flut überschwemmt der Lago Teile der Ufermauern. Aufnahme: 22. Oktober 2019
Ascona maritima 2: Und wenn sich das Wasser gemäss Gezeiten bei Ebbe zurückzieht, liegt das Gemäuer des Quais wie verdorrt da. Der Beweis ist erbracht: Ascona liegt am Meer. Aufnahme: 16. September 2018
© Piero
Ascona maritima 2: Und wenn sich das Wasser gemäss Gezeiten bei Ebbe zurückzieht, liegt das Gemäuer des Quais wie verdorrt da. Der Beweis ist erbracht: Ascona liegt am Meer. Aufnahme: 16. September 2018
Dass die Natur Wunder vollbringt, ist bekannt, indes, nicht in jeder Ihrer Kreationen liegt dermassen viel Phantastisches und Wunderbares wie in der Blüte der Passionsfrucht. Aufnahme: 31. Oktober 2019
© Piero
Dass die Natur Wunder vollbringt, ist bekannt, indes, nicht in jeder Ihrer Kreationen liegt dermassen viel Phantastisches und Wunderbares wie in der Blüte der Passionsfrucht. Aufnahme: 31. Oktober 2019


Spruch für Samstag, 18. April: Laura Spinney, britische Schriftstellerin und Wissenschaftsjournalistin: "Your best chance of survival was to be selfish."

Herzliche Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "1918 – Die Welt im Fieber". Laura Spinney, britische Schriftstellerin und Wissenschaftsjournalistin. "Laura Spinney hat einen Bestseller über die Spanische Grippe geschrieben. Er liest sich wie ein Kommentar zur heutigen Krise." Der Spiegel. Carl Hanser Verlag. www.hanser.de 

(Wird fortgesetzt)









 

 

Bitte loggen Sie sich hier ein, damit Sie Artikel kommentieren können. Oder registrieren Sie sich kostenlos für H+.
stats