In der Corona-Krise

Hans Hofmann und der Bellinzona Blues (2)

Dienstag, 21. April 2020
Wie man aus einfachem Grappa ein gefragtes Desinfektionsmittel macht, warum die Katzen es in Corona-Zeiten besser haben, wie es sich im strengen Tessiner Senioren-Arrest lebt: Hans Hofmann, Gründer von hofmann&partner (hhp), schreibt in Bellinzona jeden Tag einen Brief an seine Freunde. Heute: die zweite Woche des Bellinzona Blues.

Bellinzona Blues No. 8, 28. März 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino


"Wenn sich eine Türe schliesst, öffnet sich eine neue. Diese Weisheit hat mir heute früh mein Zwillingsbruder Werner, als Ergebniss einer langen, erfolgreichen Karriere als Unternehmer verraten. Werni ist direkt nach seiner Lehre ins Unternehmertum eingestiegen, hat erfolgreiche Firmen gegründet und ist ein Patron nach altem Schrot und Korn. Seine Mitarbeiter, die Mieter seiner Wohnungen, sie alle müssen keine Zukunftsängste haben – Werni (obwohl er ab und zu etwas knurrt und ausruft), hat ein Herz aus Gold und hat immer ein offenes Ohr für die anderen. Er setzt sich – ohne Wenn und Aber – für seine Überzeugungen ein und hat keine Angst davor, anzuecken und Klartext zu sprechen.
Das berühmte Trojanische Pferd dient im Engadin Kindern als Spielplatz
© Hans Hofmann
Das berühmte Trojanische Pferd dient im Engadin Kindern als Spielplatz
Eines seiner Glanzstücke ist das berühmte Trojanische Pferd, das er anlässlich der Schengen Abstimmung 2005 hat bauen lassen, mit eindrücklichen Massen – ca. 6 Tonnen schwer und 6 Meter hoch. Präsentiert wurde es auf dem Bundesplatz in Bern, verbunden mit einer Aktion der SVP. Es gab zwar enorm viele Leute auf dem Bundesplatz (SVP Sympathisanten und andere), aber zum Leidwesen der Erbauer hat das Schweizer Fernsehen die Aktion boykottiert und keinen Beitrag gedreht. Das Hauptziel der Aktion wurde also nicht erreicht.

Trojanisches Pferd der SVP

Was nun kommt ist ein typischer Werni (O-Ton): "Am Samstagmorgen, rechtzeitig vor der Abstimmung, haben wir das Trojanische Pferd dann direkt vor Ueli Haldimanns Büro beim Schweizer Fernsehen aufgestellt – damit er es aus nächster Nähe bewundern konnte." Ueli Haldimann (damals war er Direktor des Schweizer Fernsehens) hat sich danach artig bei Werni bedankt und die gute handwerkliche Arbeit gelobt, aber natürlich trotzdem nichts publiziert. Das geschichtsträchtige Pferd hat im Engadin auf einem Reiterhof eine wohlverdiente neue Heimat gefunden und dient nun Kindern als Spielpferd.

Thema Einkaufen im Tessin: Patrizia und ich waren heute in der Magadino-Ebene bei einem Gemüsebauern, wo wir regelmässig frisches Gemüse und Früchte kaufen. Für mich ein Spiessrutenlauf. Ich wurde kritisch gemustert, mit bösen Blicken bedacht und irgend so ein Neunmalkluger hat lautstark auf genügend Abstand bestanden, was ein normales Einkaufen verunmöglichte. Fazit für mich: Ich streike! Nix mehr Einkaufen, nix mehr mich blöd anmachen lassen – ich bleibe ab sofort im Auto, wenn Patrizia einkauft und muss dafür auch keinen Hut mehr anziehen.

Eine junge Person zum Einkaufen

Hampe und Bea sind sehr liebe Bekannte, Urbasler, ausgestattet mit dem typischen z. T. schwarzen Basler Humor, sie wohnen seit geraumer Zeit in Ascona und gehören zum Dorfbild. Sie sind hilfsbereit, häufige Gäste beim legendären Ivo. Bea besticht auch durch ihre extravaganten Kopfbedeckungen und die verschiedenfarbigen Fingernägel. Heute hat mir Hampe ziemlich aufgebracht geschrieben: "Du kannst gut lachen! Für Dich geht Deine junge Frau in den Coop, aber was mache ich? Ich bin zwar mit meiner Bea sehr zufrieden, sie ist erst 76 Jahre jung – aber ein Securitas müsste blind sein, wenn er Bea unter 65 Jahre einschätzen würde ... (charmant, charmant!). Nun haben wir das Einkaufen mit einer jungen Person ausprobiert, sie hat Kaffee für uns gepostet und kam prompt mit Kapseln zurück, die nicht in unsere Kaffeemaschine passten!" Noch ein Bonmot von Hampe: "Dängget dra, das Wuchenänd wärde d Uhre umgstellt. Am beschte öppe 3 Mönet vorwärts!"
Bea und Hampe
© Hans Hofmann
Bea und Hampe
In die gleiche Kerbe schlägt Ruedi, der ehemalige Zahnarzt, jetzt u. a. wohnhaft in Lugano: "Man hat mich bei Coop nicht ins Geschäft gelassen! Nach langer Diskussion hat dann eine Verkäuferin für mich eingekauft. Aber von allen gewünschten Produkten nur je 1 Stück. Sie hatte auf der Liste auf meinem Handy die Menge nicht gecheckt! Was soll ich nun am Wochenende – mit einer Flasche Wein, mit einer Flasche Bier! Sitze jetzt frustriert zu Hause und gucke mir Videos vom Münchener Oktoberfest und vom Fete des Vignerons an!"


Das Wort zum Sonntag kommt von Werner Hofmann: "Solidarität und Hilfsbereitschaft sind jetzt gefragt, die Stärkeren müssen jetzt für die Schwächeren einstehen." Gute und wahre Worte von einem guten Bruder.

Ich wünsche einen schönen Sonntag! Herzliche Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp, diesmal aus der Tessiner Zeitung abgekupfert: "Cinkali – Tschinggeli" ist eine zweisprachige Neuauflage des 2005 erschienenen Buches von Dario Robbiani, anlässlich des 125. Jahrestages der Federazione socialiosta italiana in Svizzera. Einer der Exponenten der Arbeiterbewegung war mein Lieblingsmaler Mario Comensoli. Erschienen bei Tragelaphos.

Bellinzona Blues No. 9, 29. März 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Ich denke oft an Ascona

Ein Balkon am Lago Maggiore

1972 war ich das erste Mal in Ascona. Ich absolvierte meine RS in Losone und zu unserem Ausgangs­ rayon gehörte eben auch Ascona. Es war Liebe auf den ersten Blick. Das Licht, die lauschigen Gassen, der See, die Geschichte(n), die einem an jeder Ecke begegnen, die Einwohner – überwältigend. Nach meinem Militärdienst habe ich den Kontakt nie abbrechen lassen. Bin immer wieder nach Ascona gefahren und habe mir geschworen – eines Tages werde ich da leben, bis an mein Lebensende.
Carlo Weidemeyer im Bacchi Haus
© Hans Hofmann
Carlo Weidemeyer im Bacchi Haus
Vor ca. 20 Jahren habe ich dann die Wohnung im Bacchi Haus gemietet, die früher der berühmte Architekt und Künstler Carlo Weidemeyer bewohnte. Was für ein Gefühl, in solch geschichtsträchtigen Mauern zu wohnen. Weidemeyer war eine bekannte und beliebte Persönlichkeit in Ascona. Er war der Architekt des Teatro San Materno – das er für Charlotte Bara konstruiiert hatte – und er war last but not least Mitglied des illustren Ensembles am Puppentheater in Ascona. Bis zu seinem Tod lebte "Weidi" in dieser wunderbaren Wohnung und er hat in Ascona seine letzte Ruhestätte gefunden.

Es geht die Saga um, dass Weidi Spatzen so abgerichtet hatte, dass sie via Balkon in seine Wohnung flogen und sich von ihm füttern liessen. Bei mir hat das nicht geklappt, nur dass die Vögel jeweils einen weissen Gruss an Weidi auf dem Balkon platzierten und mich lautstark auslachten, wenn ich leise fluchend die "Geschenke" entfernte.

Urbi et orbi, ganz protestantisch

Jährliches Highlight (an Ostern) waren für mich die Prozessio­nen, die der damalige Rektor des Collegio Papio und Erzpriester von Ascona, Don Grampa, zelebrierte. Der Ausgangspunkt für die Prozession war jeweils direkt unter meinem lauschigen Balkon oberhalb dem Eingang des Restaurant Borromeo. Ich bin dann in protestantischer Überheblichkeit auf dem Balkon gestanden, habe ganz wichtig in die Menge der Gläubigen geguckt und habe sie huldvoll gesegnet. Urbi et orbi. Der sehr humorvolle und auch volksnahe "Don Mino" Grampa hat mir jeweils zugewinkt und ich fühlte mich für einen kurzen Moment "erleuchtet". Don Grampa – mit vollem Namen Pier Giaco­ mo "Don Mino" Grampa wurde übrigens 2005 Bischof von Lugano und ist 2013 in den wohlverdienten Ruhestand getreten.

Anekdoten aus Ascona

Habe mich soeben entschieden, dass ich ab heute, solange ich diese Lettere schreibe, täglich eine Anekdote aus Ascona zu Papier bringen werde. Ganz spontan, "schon lange her", "erst vor kurzem" erlebt – ganz einfach, wie es mir in den Sinn kommt. Titel: Ich denke oft an Ascona. "Ein Balkon am Lago Maggiore" war der erste Beitrag. Ich hoffe es werden nicht allzuviele...!

Sonntägliches Telefongespräch mit Roberto Dekumbis, einstmals berühmter Eishockeyspieler, jetzt Asconese mit unverkennbaren Bündner Dialekt. Roberto ist in Ascona – da gibt’s beinahe für jeden einen Spitznamen – unter dem Nickname "Murmeli" bekannt. Schuld daran bin ich. Mein Sohn Lars hat auch Eishockey gespielt und jedes Mal, wenn sie im Bündnerland gespielt haben, hiess es, wir gehen zu den Murmeli ... Ich habe dann dieses Substan­tiv für Roberto verwendet, da es einige Robertos in Ascona gibt und damit Verwechslungen vermieden werden konnten. Und jetzt weiss ganz Ascona, von wem man spricht, wenn man(n) Murmeli sagt. Roberto ist von Beruf Innenausbauer, selbständiger Unternehmer im Bereich Innenausbau, Umbau, Immobilien­verkauf mit Sitz in Ascona. Er leidet zur Zeit natürlich auch unter dem Lockdown und unter dem generellen Baustopp. Bauprojekte bleiben liegen, dringende Arbeiten, auch Reparaturen werden nicht ausgeführt – eine schwierige Situation für eine One Man Show. "Ich drehe immer noch mit am Rad der Wirtschaft, will das auch künftig tun, aber jetzt ist halt Pause", so Murmelis gelassene Reaktion.

Roberto ist übrigens auch ein begnadeter Koch. Coniglio con Risotto ist sein Star­rezept. Details verrät er nicht, er meint aber ganz unbescheiden: "Es ist nichts Spezielles, aber meine Gäste lieben es."

Zum Schluss kommen wir noch auf den Digestif zu sprechen, auch da ist Roberto ein wahrer Spezialist und Könner: Er produziert einen in Kennerkreisen berühmten Quitten­schnaps. Und wer weiss, nachdem ein Fachmann/Virologe in der Sendung "Rundum Gesund" zum Trinken von Schnaps geraten hat, um den Corona Virus zu bekämpfen, findet Murmeli ein neues Businessmodell. Er produziert Hochprozentiges anstatt Immobilien zu bewirtschaften und steigt mit seinem Quitten­schnaps in die Championsleague auf. Viva!
Robert ist der ältere der beiden Dekumbis-Brüder
© Hans Hofmann
Robert ist der ältere der beiden Dekumbis-Brüder

5 Saisons beim EVZ (1973–78)

Der ältere der beiden Dekumbis-Brüder kam 1973 zum EVZ und stürmte mit den Zugern in die Nationalliga B (1974) und in die Nationalliga A (1976). Zusammen mit dem Finnen Jorma Peltonen und dem Ostschweizer Talent Walter Pfister bildete er beim NLA-Aufstieg 1976 die zweite Zuger Toplinie neben dem Paradesturm Jenni-Probst-Huber. Sein jüngerer Bruder Reto, der es bis zum Nationalspieler brachte, stürmte von 1975–1979 ebenfalls für den EVZ.

Der Spruch für Montag:

Ogden Nash (1902–1971)

 
A flea and a fly in a flue
Were cought, so what could they do? Said the fly, "Let us flee."
"Let us fly", said the flea.
So they flew trough a flaw in the flue.

Fröhliche Sonntagsgrüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Frank Sinatra ist erkältet". Spektakuläre Storys aus vier Jahrzehnten. "Die Reportagen von Gay Talese sind nichts für eine Tageszeitung – sie sind für die Ewigkeit." (The Tampa Tribune)
Zu beziehen bei:
www.zweitausendeins.de

Bellinzona Blues No. 10, 30. März, 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Ich denke oft an Ascona

Piazzetta San Pietro No. 4, Ascona

Happy Birthday! Doriano Pissoglio Künstler aus Ascona feiert heute einen runden Geburtstag.

Als ich vor rund 5 Jahren die Libreria della Rondine übernahm, gab es im historischen Bau der Casa Serodine bereits eine Kunstgalerie, das Atelier von Doriano. Doriano und ich entwickelten rasch eine verlässliche Freundschaft. Immer wenn es darum ging, bei der Gemeinde Ascona eine Bewilligung für eine Veranstaltung zu erhalten oder sonst eine administrative Klippe zu umschiffen – Doriano hat mich stets wertvoll und nachhaltig unterstützt.
Doriano Pissoglio ist Künstler und ein Freund von Hans Hofmann
© Hans Hofmann
Doriano Pissoglio ist Künstler und ein Freund von Hans Hofmann
Zwischenzeitlich hat Karen Heidl die Libreria della Rondine übernommen, und ich sehe Doriano nur noch sporadisch. Er hat seine Sympathie und Unterstützung aber nahtlos auf Karen über­tragen. Grazie di Cuore, Doriano. Zwei, drei persönliche Anmerkungen: Doriano – Du bist eine Bereicherung für Ascona. Du führst die Tradition der grossen Maler, die Ascona einst bevölkert haben, fort. Ich wünsche Dir noch ganz viele, kreative Jahre und vor allem – es ist wunderbar, dass Du auch im reifen Alter immer noch das weibliche Geschlecht in den Vordergrund Deiner Werke stellst. Die Frauen so malst wie es sein muss (auch in der Tradition von Otto Bachmann): Subtil, Erotisch, Schön, Verführerisch und (Ver)liebenswert! Die Werke von Doriano kann man natürlich auch kaufen.Nähere Informationen auf seiner Website: doriarte.ch

Tote Hose in Ascona

In dieser Jahreszeit und bei dem sonnigen Wetter ist die weltberühmte Piazza von Ascona normalerweise bevölkert mit Touristen, Gauklern, Musikern und einigen wenigen Einheimischen. Jetzt: Tote Hose (gem. Wikipedia: Ereignislosigkeit, Schwunglosig­ keit). Nun gehört die Piazza den wenig Unentwegten, die trotzdem flanieren. Gute Nachricht für die Einheimischen: An Ostern gehört die Piazza uns! Endlich!
In Ascona herrscht Ruhe
© Bea Scherz
In Ascona herrscht Ruhe
Nicht den Horden aus dem Norden – schon gar nicht den "Zucchini" (Deutschschweizern), die einem den letzten Stuhl wegschnappen und beinahe "blutt" über die Piazza stolzieren und die Promenade zu einem Walk of Shame verkommen lassen. "Wertvolle" Unterstützung hat Alain Berset geliefert, mir seinem schon beinahe diskriminierenden Appell: "Fahren Sie über Ostern nicht ins Tessin!" Merci – Grazie Alain, wir tütschen dann die Eier mit dir, wenn der Spuk vorbei ist.

Schnapsidee: Angelo Delea, bekannter und umtriebiger Weinproduzent und Restaurantbesitzer aus Losone, hat sich als begnadeter Zauberer erwiesen. Er verwandelt nicht Wasser in Wein, aber immerhin Traubentrester in Alkohol zur Desinfektion von Händen und Oberflächen. Die Traubentrester, die normalerweise für den Brand vom feinstem Grappa (Uva Americana) verwendet werden, dienen nun als Grundlage für "Disinfettante Nostrano". Die Preise für das Desinfektionsmittel sind recht sportlich – ich finde Apothekerpreise: 500 ml (einen halben Liter!) CHF 26.90, wenn man einen ganzen Bidon à 25 Liter kaufen will, wird es etwas günstiger – schlappe CHF 990.–!!! Bei den Preisen mache ich mir schon Gedanken, ob Ueli, Rolf und ich nächstes Jahr noch mit einem gut geschöpften Gläschen Grappa anstossen können, oder ob die gesamten Tresten in Desinfektionsmittel umgewandelt wurden. Ich habe einen Kompromissvorschlag: Wir bezahlen – wie bisher - CHF 20.– bis CHF 25.–/Liter Grappa Nostrana, aber wir waschen immer bevor wir trinken unsere Hände mit dem Grappa! Deal?

Spruch für den Dienstag (nach Martin Luther):

Iss was gar ist, Trink was klar ist, Red, was wahr ist.

Fröhliche Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Das rote Notizbuch". Paul Auster. Berühmt wurde Paul Auster durch seine "New York Triologie". Er inszenierte gemeinsam mit Wayne Wang die Filme "Smoke" (genial!) und "Blue in the Face". Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Hamburg.

Bellinzona Blues No. 11, 31. März 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Mohrenköpfe – Moretti!!! Ein ganzes Dutzend! Heute hat mich mein Automobil wieder einmal nach Zürich geführt. Wichtige Termine und dringende Arbeiten machten meine Anwesenheit nötig. Die Fahrt nach Zürich war traumhaft, kaum Verkehr, kein Stau vor der Brunau – das könnte so bleiben. Die Termine verliefen recht gut, meine Gesprächspartner waren ohne Ausnahme super sympha – aber das eigentliche Highlight war mein Zwischenstopp an der Gotthard Raststätte – südwärts. Einige mögen sich erinnern, vor einigen Tagen stand ich mit hohem Puls und extrem nervös in eben dieser Raststätte. Die schiere Lust nach den berühmten Dubler Mohrenköpfen hatte mich, trotz Ausgangsverbot in Uri für über 65-jährige, zum verbotenen Zwischenhalt getrieben. Verhaftet wurde ich zwar nicht, auch nicht schief angesehen, das hatte sicher auch damit zu tun, dass die Verkäuferin ca. in meinem Alter war (charmant geschätzt!). Leider gab es aber keine Dubler Mohrenköpfe und ich musste frustriert und unverrichteter Dinge wieder abfahren.
Dubler Mohrenköpfe sind heiss begehrt in der Gotthard Raststätte
© Hans Hofmann
Dubler Mohrenköpfe sind heiss begehrt in der Gotthard Raststätte
Heute nun, welch ein Glück, die goldenen Köstlichkeiten waren am Lager! Ich musste dazu allerdings auf die Nord-Seite wechseln. Einen recht sportlichen Fussmarsch unter der Autobahn waren mir die Moretti allemal wert. Einziger Wermutstropfen war die Begrüssung der (betagten) Verkäuferin: "Ach Sie sind der ältere Herr mit den weissen Haaren, der die Mohrenköpfe abholen will."

Ein kleines Zahlenspiel noch. Ich habe im Gotthardtunnel die Autos und Lastwagen auf der Gegenfahrbahn gezählt. Resultat: 25:15 für die Lastwagen. Man bedenke, der Tunnel ist 16,9 Kilometer lang. Da kann man vereinsamen!

Peter Jankovsky, Tessinkenner, geachteter und bekannter Journalist u. a. für die NZZ, hat für uns seine kompetente Meinung zur Corona-Krise aus dem Blickwinkel des Ticino aufgeschrieben. Weil die Analyse so treffend und spannend ist, wird sie häppchenweise serviert. 1. Teil heute – 2. Teil morgen.

Das Tessin tickt anders, auch in der Corona-Krise

Peter Jankovsky, Ascona (NZZ, agoraascona.ch, nordsudcom.ch )

Jetzt sollte in der Sonnenstube der Start in die touristische Saison erfolgen. Daraus wird vorerst nichts: Bundesrat Alain Berset und der Tessiner Staatsrat Normal Gobbi haben eindringlich an die Schweizer Bevölkerung nördlich des Gotthards appelliert, zu Ostern nicht in den Südkanton zu kommen – dem Coronavirus wegen. Denn das Tessin ist weiter als der Rest der Schweiz. Die Welle der Covid-19-Erkrankungen und leider auch der relativ vielen Todesfälle strebt hier schon ihrem Höhepunkt entgegen: Spätestens gegen Ende Ende nächster Woche solle es so weit sein, sagen die Tessiner Experten.
Journalist Peter Jankovsky schreibt unter anderem für die NZZ
© Sandro Mahler / cooperazione.ch
Journalist Peter Jankovsky schreibt unter anderem für die NZZ
Herrscht nun Angst und immer grösseres Chaos im Südkanton? Nichts dergleichen. Es herrscht vielmehr eine Atmosphäre der Lähmung, verbunden mit viel Disziplin. Man bleibt zu Hause, geht höchstens zu zweit und im Zwei-Meter-Abstand spazieren, wenn man kein Pärchen ist.

Tessin hat sich früh gegen Covid-19 gerüstet

Und vor allem sind die Senioren vorbildlich. Sie akzeptieren das Quasiverbot der Tessiner Regierung, nicht auszugehen und sich auch nicht selber mit Nahrungsmitteln einzudecken. Im Tessin nimmt man die Situation sehr ernst, denn sie ist es auch – das Tessin beklagt momentan gut ein Drittel aller Corona- Todesfälle in der Schweiz. Doch der Südkanton ist gut vorbereitet auf den anstehenden Peak von Corona-Patienten. Italien, das nach wie vor in einer prekären Situation steckt, liegt schliesslich direkt vor der Haustür. Das hat die Tessiner zu einer frühen Vorbereitung auf den Worst Case angespornt. So wurde schon frühzeitig das Krankenhaus La Carità in Locarno auf die ausschliessliche Behandlung von Corona-Patienten umgerüstet – das gibt es in der Deutschschweiz bisher nicht.

Zudem folgte bald darauf die Luganer Privatklinik Moncucco, die einen Teil ihrer Abteilungen komplett für Covid-19-Erkrankte reservierte. Gerade weil es im Tessin einen Verbund verschiedener Kantonsspitäler und nicht ein einiziges, zentrales Kantonsspital gibt, wird auch das Ansteckungsrisiko für andere Patienten und für das übrige Krankenhauspersonal deutlich vermindert.

Baustellen geschlossen

Die Tessiner Regierung ist im Kampf gegen das Coronavirus sogar vorgesprescht und hat noch schärfere Massnahmen als der Bundesrat beschlossen. So hat sie nebst dem Einkaufsverbot für Senioren (das streng juristisch betrachtet "nur“ ein eindringlicher Appell ist) zum Beispiel auch die Schliessung sämtlicher Baustellen und aller nichtsystemrelevanter Firmen verfügt (mehr als nur ein Appell). Besagte Schliessung war ein rechtswidriger Vorgang, aber ein dringend notwendiger. Denn das oberste Ziel muss bleiben, das Tempo der Corona-Ansteckung zu verlangsamen und so die Spitäler nicht zu über- lasten. Der Bundesrat gab sich denn auch einsichtig und segnete im Nachhinein die Tessiner Massnahmen ab. Die Landesregierung öffnete ihnen eine Hintertür, indem sie eine Ausnahmeklausel für besonders vom Coronavirus betroffene Regionen formulierte. Denn wie gesagt, die Covid-19-Krise ist im Tessin weiter fortgeschritten als im Rest der Schweiz. Man kann also gerne auf das Tessin und seine speziellen Lösungen schauen. Denn nachher wird die Corona-Welle auf die Restschweiz überschwappen. Und da wäre es vielleicht von Nutzen, das Tessiner Vorgehen rechtzeitig zu analysieren und es vielleicht zu übernehmen.

Teil 2: "Das Tessin tickt anders, auch in der Corona-Krise" folgt im Bellinzona Blues No. 12

Spruch für den Mittwoch, 1. April (kein Aprilscherz)!

"Der Geburtsschein ist ein Gerücht, das eine Frau durch ihr Aussehen jederzeit dementieren kann." (Marlene Dietrich)

Herzlich Hans

PS. Mein Buchtipp: "Hemingway und ich". Paula McLain. "Ein bezauberndes Buch über ein Frau, die den Mut hat, ihre Träume zu verwirklichen." New York Times Book Review. www.aufbau-verlag.de

Bellinzona Blues No. 12, 1. April, 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Grappa Doppio: Doppelte Wirkung halber Preis. In Anlehnung an das Desinfektionsmittel «Disinfettante Nostrano» das kürzlich von einem Tessiner Wein- und Grappaproduzenten lanciert wurde, hat unser Freund Eolo aus Bellinzona in einer Nachtschicht ein Konkurrenzprodukt entwickelt: "Grappa Doppio".

In einem Kurzgespräch hat mir der Daniel Düsentrieb der Destillierbranche geschildert, was es mit dem Grappa Doppio auf sich hat: "Es ist ein Tessiner Klassiker, destilliert aus der aromati- schen Traubensorte Uva Americana, klar im Aussehen, betörend im Duft."

Gemäss Eolo erfolgt die Destillation der Trestern unmittelbar nach der Gärung des Weines, sodass ein Wässerchen mit einem überraschenden Bukett und einem ausgewogenen Geschmack gewonnen wird. Alkoholgehalt 45 Prozent. Er preist den Grappa Doppio folgendermassen an: "Doppelte Wirkung – halber Preis". Doppelte Wirkung: 1. Man kann ihn zum Desinfizieren der Hände benutzen UND 2. auch innerlich anwenden, nämlich trinken (nicht inhalieren!) und damit auch die Viren im Körper abtöten. Und das zum halben Preis ggü. der Konkurrenz: Die Flasche à 50 cl kostet CHF 14.–. ("Disinfettante Nostrano" kostet CHF 27.90 50 cl). Zu bestellen bei Eolo: Mobile 079 631 07 04. Lieferung erfolgt frei Haus. Leider muss Eolo die Menge/Person auf 100 Flaschen (à 1/2 Liter) beschränken.

Das Tessin tickt anders, auch in der Corona-Krise (Teil 2)

Peter Jankovsky, Ascona (NZZ, agoraascona.ch , nordsudcom.ch). Fortsetzung von gestern

Der Grenzkanton Tessin steckt wegen seiner besonderen geografischen Lage seit je in einer speziellen Situation. Er gehört zur Metropolitanregion Mailand, und die Tessiner Wirtschaft ist dringend auf die italienischen Grenzgänger angewiesen. Ohne diese würde sogar das Tessiner Gesundheitssystem praktisch zusammenbrechen. Die "willigen und billigen Frontalieri" besetzen mittlerweile fast jede dritte Arbeitsstelle im Südkanton, und sie schaffen auch Probleme auf dem heimischen Markt: Lohndumping und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen machen sich breit. Zudem hat sich der Luganer Finanzplatz von den drei massiven fiskalischen Angriffen Italiens, die vor Jahren stattfanden, immer noch nicht ganz erholt.

Kein Wunder also, experimentiert das Tessin herum. Es hat spezielle flankierende Massnahmen für heimische Arbeitnehmende erarbeitet und den "Inländervorrang light" beim Kanton und kantonsnahen Betrieben eingeführt. Und vergessen wir nicht: Im Tessin ist eine schräge rechtspopulistische Gruppierung – die Rede ist natürlich von der Lega dei Ticinesi – von einer Protestbewegung zu einer Partei aufgestiegen, die im Grossen Rat zweitstärkste Kraft ist und in der Kantonsregierung die relative Mehrheit innehat.

Ein Experimentierlabor

Politische Rebellen, die nun viel Exekutivverantwortung übernehmen und konsensfähig werden müssen – das gibt es nur im Tessin. Daher habe ich schon vor Jahren in der NZZ geschrieben, dass der Südkanton ein gesellschaftliches und politisches Versuchslabor sei. Der Südkanton nimmt manchmal Entwicklungen für die ganze Schweiz vorweg und erarbeitet spezielle Lösungen, die dann in der ganzen Schweiz salonfähig werden können.

Das Tessin ist eine andere Schweiz, es tickt anders. Aktuell zeigt sich dieser Unterschied am meisten in der Corona-Krise und auf dem Arbeitsmarkt. Aber nicht nur deswegen muss man nun endlich wegkommen vom Klischee der allzu gemütlichen und gelegentlich von Bundesbern vernachlässigten Sonnenstube, die sich ganz und gar dem Tourismus verschrieben hat. Das Tessin kann, wenn es will, sehr innovativ sein, und das ist es immer häufiger in den letzten Jahren. Sowohl im Bereich der Wirtschaft, die vor der Corona- Krise eigentlich florierte und die auf Grenzgänger nicht verzichten kann, wie auch in der Politik.

Es bleibt spannend

Interessant ist ausserdem die Situation für Deutschsprachige, die im Tessin leben und arbeiten. Je bessersie Italienisch sprechen, desto mehr Türen gehen ihnen auf. Und wenn sie sich zum Beispiel kulturell engagieren wie ich mit Veranstaltungen zu Leadership, Gesundheit und anderen Better-Life-Aspekten (agoraascona.ch), inklusive Gästen aus dem Tessin und der Deutschschweiz, dann steigt die Wertschätzung. Daneben ist es für mich auch beruflich sehr spannend im Südkanton, gerade weil ich ein Portfolio- Worker bin: Ich schreibe für die NZZ über die italienische Schweiz, schlage als Kommunikationsberater (nordsudcom.ch) Brücken zwischen der deutsch- und der italienischsprachigen Schweiz und versuche dasselbe auch als German-Langugage-Coach. Es gibt für mich aktuell keinen spannenderen Ort als das Tessin. Eine andere Schweiz, welche Probleme auf ihre Weise anpackt – aber am Ende die selben guteidgenössischen Kompromisse und Lösungen findet.

Mein ältester Sohn, Philip, hat mir noch einige News zum 1. April gemailt:

Norman Gobbi hat in drei Wochen Quarantäne, wieder sein Gewicht vor der Diät erreicht.

Über 65jährige müssen, wenn Sie rausgehen, neu eine Leuchtweste tragen.

Die Lega empfiehlt tägliches Einreiben mit Grappa um den Virus zu bekämpfen.

Der Gotthard wird während Ostern nur noch für Tessiner befahrbar gemacht. Das Zitat von Alain Berset "Fahren Sie über Ostern nicht ins Tessin" wird über dem Gotthard-Tunnel aufgehängt. Clear Channel Plakanda hat schon ein Megaposter montiert.

Die Gitzi-Population hat sich im Tessin verdreifacht, weil das Oster-Essen in Restaurants ausfällt dieses Jahr.

Christa Rigozzi findet die Restaurant-Schliessung super. Für zu Hause muss Sie keinen Tisch reservieren.

Carla del Ponte fordert Haft für Tessin-Reisende.

Mario Botta will Gotthard zumauern.

Die Band "Gotthard" benennt sich in "bitte nicht Gotthard" um.

Zwei Sprüche zum Donnerstag, den 2. April:

Oscar Wilde: "Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende." - "Was uns als schwere Prüfung erscheint, erweist sich oft als Segen."

Aprilgruss, Hans

PS. Mein Buchtipp: "Drei Stunden zwischen zwei Flügen". F. Scott Fitzgerald. Ein Kritiker schrieb: "Was wäre die Literatur ohne F. Scott Fitzgerald? Die Titanic ohne deren Untergang." www.diogenes.ch

Bellinzona Blues No. 13, 2. April, 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Ein Katzenleben in Corona-Zeiten

Sie springen aus dem Fenster hinaus, in die weite Welt, springen durch den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter. Niemand beengt den Ausgangsradius unserer Katzenbuben Leo und Joe. Keine Schutzmasken, kein Desinfizieren, kein Pfotenwaschen und vor allem: keine Diskriminierung wegen des Alters. Leo und Joe bleibt der Weg in die Migros oder den Coop erspart. Niemand guckt sie schief an und überlegt im Stillen: "Der alte Sack würde lieber zu Hause bleiben und Eile mit Weile spielen."

Katzenleben ohne Zeitung und TV

Nein, in Zeiten von Corona haben unsere zwei Katzen ein Herrenleben. Patrizia schnurrt und gurrt mit den beiden um die Wette. Jedesmal wenn sie die zwei zum Essen ruft, tönt es wie eine Liebeserklärung: "Leo-Joe – Ciccioli, Cuccioli". Kosenamen – eigentlich für Katzenbabys. Die zwei sind aber längt keine Babys mehr. Leo "der Dicke" bringt rund 8 kg auf die Waage und Joe "der Kleine" wahrscheinlich auch ca. 6 kg. Und – es wird ihnen alles serviert, jeder Wunsch von den Katzenaugen abgelesen! Kein Kochen, kein Abräumen, kein Abwaschen – oder Abwaschmaschine einräumen. (Davon wurde ich soeben dispensiert – Patrizia bringt immer doppelt so viel in die Maschine wie ich).
Leo und Joe - die beiden Katzenbuben von Hans Hofmann
© Hans Hofmann
Leo und Joe - die beiden Katzenbuben von Hans Hofmann
Ich ertappe mich dabei, dass ich Joe und Leo ab und zu beneide. Sie lesen keine Zeitungen, sehen kein TV, wissen absolut nicht, was sich da gerade abspielt. Sie sind gänzlich unbeeindruckt von alldem – werden viel öfter gestreichelt als zuvor (auf Bärndütsch: flattiert) – wir haben ja Zeit dazu und sie schlafen in aller Seelen- ruhe, auch wenn wieder einmal am TV die Welt zusammenbricht. Am Wochenende dürfen sie sogar ab und zu in unser Bett – sie haben keine Angst vor Corona ... Joe und Leo geben uns tagtäglich durch kleine "Gesten" viel zurück, Liebe, Wärme, Trost und schenken grenzenloses Vertrauen.

So – jetzt ist Zeit das Fenster zu öffnen, damit die zwei Buben wieder durch den Frühling springen können.

Sprüche für den Freitag, 3. April:

Nochmals Oscar Wilde: "Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze." - "The average gives the world its existence, the extraordinary its value."

Herzliche Grüße aus Bellinzona. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Übermalungen Überspitzungen". Von Urs und Jürg Amann. Urs Amann hat bis zu seinem Tod 2019 in Ascona gelebt. Ein sehr netter, inspirierender Nachbar und Gesprächspartner im Bacchi-Haus an der Via Collegio 16. Er war gelernter Schriftsetzer und hat sich als freischaffender Künstler im In- und Ausland einen guten Namen gemacht. Gemeinsam mit seinem Bruder Jürg, einem renommierten Schriftsteller (u. a. Ingeborg-Bachmann-Preisträger), hat er einige Bücher publiziert. Dieses Buch beinhaltet Van-Gogh-Variationen in Bild und Text von Urs und Jürg Amann ein Bruderbuch im doppeltem Sinn, als das Buch zweier Brüder und das Buch über zwei Brüder. www.haymonverlag.at

PSS. April, April!!! Sorry, den Grappa Doppio gibt es leider nur virtuell, die Flasche wurde vom genialen Layouter Dieter Schätti, gestaltet und hat nie einen Tropfen Grappa beinhaltet, eine reine Attrappe. Sorry! Wer aber wirklich guten, originalen Grappa Uva Americana geniessen will, kann mich kontaktieren und ich verrate dann zwei drei gut gehütete Insidertipps.

Bellinzona Blues No. 14, 3. April 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Christa Rigozzi lebt im Tessin, aber eigentlich ist sie in der ganzen Schweiz zu Hause. Sie moderiert TV-Shows, ist eine der am meisten gebuchten und gesuchten Präsentatorinnen für Events, Anlässe usw. – kurz: Christa ist das sympathische und attraktive Gesicht des Tessins für die Deutschschweiz. Christa – ehemalige Miss Schweiz – ist nicht nur schön, sondern sie fasziniert immer wieder durch Ihre Persönlichkeit, Ihren Charme und ihre Intelligenz.

Für unsere Lettere dal Ticino hat sie uns exklusiv geschildert, wie es ist, als Business-Frau, Mamma, Gattin und Teil einer Familie in Corona Zeiten einzukaufen. Damit es authentisch bleibt, habe ich den Text kaum redigiert.

Christa: Heute war ich einkaufen für uns und für meine Familie. Das letzte Mal war es vor 10 Tagen, deshalb war die Einkaufsliste ellenlang, weil ich die kommenden 10 Tage das Haus nicht mehr verlassen will. Zusätzlich hatte ich auch noch eine Einkaufsliste von meinen Eltern und meiner Grossmamma abzuarbeiten.

Mit Schutzmaske und Handschuhen

Ich habe mich so gefreut! Endlich nach 10 Tagen mal wieder raus an die frische Luft! Ich habe mich natürlich gut vorbereitet und richtig angezogen - Schutzmaske und Handschuhe. Als ich dann an der frischen Luft war, na ja – die Luft war nicht richtig frisch durch die Maske – war ich richtig froh, für die ganze Familie einzukaufen.
Christa Rigozzi auf dem Weg zum Einkaufen ....
© Christa Rigozzi / Hans Hofmann
Christa Rigozzi auf dem Weg zum Einkaufen ....
Normalerweise liebe ich es, einkaufen zu gehen. Ich spaziere zwischen den Abteilungen und lasse mich inspirieren. Ich bin ein Genussmensch, liebe es zu Kochen, zu Backen aber heute war ein genussvolles, intuitives Einkaufen leider unmöglich! Ich hatte zwei Einkaufswagen, 3 Einkaufslisten, Handschuhe und Schutzmaske. Habe mir am Eingang die Hände desinfiziert und einen Zettel mit einer Nummer in die Hand gedrückt bekommen. Ich habe versucht mit den Mitarbeitern zu kommunizieren, ich kenne die alle, weil ich meist da einkaufen gehe – aber das war recht schwierig mit der Maske und ich denke ich habe (zu) laut gesprochen.

Endlich an der Kasse, mit 2 Einkaufswägeli und einem Einkaufskorb, habe ich die Liste nochmals gecheckt. Panik – habe ich wirklich alles gekauft?, denn ich komme erst in 10 Tagen wieder. Dann endlich im Auto – nochmals Check: Ich habe alles! Das Auto ist voll gestopft. 1. Halt bei meiner Grossmutter, 2. Halt bei meinen Eltern, 3. Halt – endlich zu Hause. Endstation!Es war ein anderes Einkaufen als sonst: Abstand zu den Anderen, weniger Geschmack und Geruch, keine menschlichen Beziehungen – keine Gespräche mit den Mitarbeitern, wie sonst! Ich vermisse die Normalität! Eine gute Nachricht zum Schluss: Ich habe alles eingekauft, nichts vergessen!
... und beim kreativ sein in der Küche
© Christa Rigozzi / Hans Hofmann
... und beim kreativ sein in der Küche


Herzliche Grüsse aus dem Tessin. Und für alle Leser des Lettere dal Ticino, die in der Deutschschweiz leben: Bleibt an Ostern zu Hause! – wir freuen uns aber, Euch bald umso herzlicher willkommen zu heissen. Christa Riogozzi

Geschichte wiederholt sich immer wieder! Doriano Pissoglio hat mir ein Flugblatt aus dem Jahr 1918 (Spanische Grippe) netterweise zur Verfügung gestellt. Ich habe es meinem ehemaligen Zahnarzt, Dr. Ruedi Müller (dem legendären "Pfaueruedi", Praxis am Pfauen in Zürich) zur Kommentierung übermittelt. Dieses Flugblatt/Plakat, obwohl 100 Jahre alt, zeigt, dass schon damals die Zusammenhänge zwischen Ursache und Krankheit bestens bekannt waren!
100 Jahre alt und aktuell: ein Grippe-Plakat
© Hans Hofmann
100 Jahre alt und aktuell: ein Grippe-Plakat
Die Entdeckung von Mikroorganismen (Bakterien und Viren) machte die wirklichen Zusammenhänge deutlich und die empfohlenen Massnahmen sind damals wie heute absolut identisch: Hygiene, Hände waschen, Menschenansammlungen vermeiden, Verzicht aufs Händeschütteln, perfekte Körperpflege, Vermeiden von Kontakt mit Tieren, häufiges Wechseln von Taschentüchern, Abstand halten, Kontakt mit Erkrankten auf ein Minimum beschränken. Alles genau gleich wie heute, angesichts Corona! Impfungen und inflationär verschriebene Antibiotika, haben die Furcht und den gebotenen Respekt vor Erregern in der Bevölkerung gemindert.

Beispiel: Das vor 100 Jahren aus Hygienegründen verbotene Spucken ist bei vielen Jungen wieder gross in Mode gekommen! Kein Wunder! Hoch bezahlten Vorbilder und Idole, Spitzenfussballer z. B. spucken in Grossaufnahme jedes Wochenende nach Herzenslust in der Gegend rum. Wenn's einigermassen zivilisiert abläuft, wird der Rasen "gesprengt" – alle anderen Ziele werden zum Glück durch den Schiri sanktioniert. Das ist eine absolute Unsitte, unhygienisch... eine Sauerei!

Weisheit für den Samstag, 4. April: Antoine de Saint-Exupéry, frz. Flieger und Schriftsteller:

Man kann nicht in die Zukunft schauen, aber man kann den Grund für etwas Zukünftiges legen, denn Zukunft kann man bauen. Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.

Herzliche Frühlingsgrüße. Hans

PS. Mein Buchtipp: "Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer".Alex Capus. "Nach dem Bestseller Léon und Louise, der neue grosse Roman von Alex Capus: Eine Liebeserklärung an das Leben und an den Menschen, der unbeirrt seinen Weg sucht." Verlag: www.hanser-literaturverlage.de. Weitere Informationen zum Autor auf der Seite www.alexcapus.de

(Der erste Teil des Bellinzona Blues ist hier zu lesen. Fortsetzung folgt)
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