In der Corona-Krise

Hans Hofmann und der Bellinzona Blues

Mittwoch, 15. April 2020
Er ist eine Institution in der Schweizer Kommunikationsszene. Und ein guter Freund von HORIZONT. Jetzt, in der Corona-Krise, verbringt Hans Hofmann, Gründer von hans hofmann&partner (hhp), seine Zeit in Bellinzona. Seit vier Wochen schreibt er ein Tagebuch - über das Leben, das Weltgeschehen, die Medien. Wir veröffentlichen seine  täglichen Feuilletons als Serie. Hier die erste Woche.

Bellinzona Blues No. 1, 21. März 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino



Patrizia singt. Wunderschön, auf Italienisch und – ich glaube zumindest – es geht um "Amore". Heute ist ja Frühlingsanfang und mit so einer Untermalung kann der Tag nicht besser starten. Die übliche Samstags-Routine, Einkaufen am pittoresken Markt in Bellinzona, Apéro mit Ueli beim "Obelisk", Nachtessen mit Ueli & Karen, Roger & Raphaela, Paula & Sergio, Anita & Rolf – Freundschaften pflegen, Besuche (Gespräch) bei meinem alten Freund Emanuel, für den ich wöchentlich einkaufe – all das fällt aus. Danke Dir, Corona! Auch die beinahe allwöchentliche Fahrt nach Cannobbio oder Intra geht nicht mehr – ich denke, wir würden an der Grenze verhaftet, für verrückt erklärt und eingebuchtet.

Im Ticino herrscht eine surreale Atmosphäre – blühende Bäume, frühlingshafte Temperaturen, leere Plätze, Parkplätze en masse, kaum Leute auf der Strasse und – es ist mit Worten nicht auszudrücken: "Es liegt etwas in der Luft". Wir lassen uns davon aber nicht weiter beeindrucken und versuchen unseren Tag mit einer guten Portion Fröhlichkeit und Lebensfreude zu bewältigen. Zuerst frühstücken, dann geht's zum Einkaufen. Ich verkleide mich – da ein Tessiner Politiker gedroht hat, jeden Senior über 65 Jahren, den er auf der Strasse trifft, der Polizei zu melden – mit einem braunen Borsalino (verdeckt die weissen Haare) und einer coolen Sonnenbrille. Patrizia meint dazu lakonisch: "Du siehst aus wie eine Spaventapasseri" (eine Vogelscheuche). Ich habe ja immer gewusst, dass mir Hüte nicht stehen, aber Vogelscheuche...! Zuerst auf die Post, aber die ist geschlossen: "Nei giorni sopracotati le filiali della Poste della Svizzera Italiana osserveranno riposo e permarranno quindi chiuse dal 19 all 22 marzo". Ich kann meinen Express Brief also nicht aufgeben – wenigstens das Tessiner Verständnis für Service public funktioniert noch...!


Weiter gehts zum Einkaufen. Vor dem Coop kommt etwas "Clubatmosphäre" auf: Am Eingang steht ein bulliger "Bodyguard", der jeden Kunden misstrauisch mustert. "Was du wolle" – aber auf Italienisch – und Karten mit Nummern verteilt. Ich erhalte die Nummer 83, Patrizia die Nummer 32. Das Einkaufen ist genial, kein Gedränge, kein Geschubse – ganz easy. An der Kasse ein leichter Dämpfer, die Dame versprüht einen etwas herben Charme, und als ich Patrizia darauf anspreche, kommt mir plötzlich in den Sinn, dass sie einen Job macht, der im Moment wirklich nicht begehrenswert ist und ich dankbar sein muss, dass jemand hinter der Kasse sitzt und ihren Job macht. "Sorry Madame – mein böser Blick und die flapsige Bemerkung waren daneben."

Emanuel – er ist 84 Jahre alt – muss auf das übliche Gespräch unter alten Freunden verzichten – die Einkäufe werden vor der Türe deponiert. Aber der Vorrat reicht nun wieder für eine Woche – nur der Wein (Rosé) ist jeweils bereits Mitte Woche vernichtet ... und er braucht Nachschub. Dieses Problem lösen wir.

Zu Hause. Patrizia und ich genehmigen uns einen Apéro und ich entscheide spontan (na ja ... nach 2, 3 Gläschen), künftig einen Brief aus dem Tessin zu verfassen. Ich werde nun, in typisch schweizerischer Konsequenz, jeden Tag aus meinem Reduit in Bellinzona berichten. Wer’s nicht mag – bitte mitteilen, ich will niemand belästigen, sondern ganz einfach etwas Tessiner Stimmung in die Deutschschweiz bringen – nicht als Nella Martinetti, sondern als Deutschschweizer, der im Tessin lebt, das Tessin liebt und euch diese kleine, liebenswerte Welt etwas näher bringen will.

A domani. Hans

written in my mobile office – courage is grace under pressure (Hemingway)


NB. Einen habe ich noch (danke Ueli). Einer der verantwortlichen Redaktoren der Literatur Beilage vom Corriere della Sera "La Lettura" heisst: ... Marco del Corona ... -)).
Ja, er ist es: Hans, der Gründer von Hans Hofmann & Partner. Getarnt, aus wichtigem Grund.
© Hans Hofmann
Ja, er ist es: Hans, der Gründer von Hans Hofmann & Partner. Getarnt, aus wichtigem Grund.

Bellinzona Blues No. 2, 22. März, 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

WIR BLEIBEN DAHEIM! So titelt das Leib- und Magenblatt der Deutschschweizer Diaspora im Tessin und der Heimweh-Tessiner in der Deutschschweiz, die Tessiner Zeitung. Statt den üblichen 24 Seiten wurde der Umfang auf 12 Seiten reduziert. Kaum Anzeigen, nur die SVP wirbt unverdrossen mit einer 1/4 Seite (4-farbig) für eine Wahl, die gar nicht stattfindet – längst abgesagt wurde. Das nennt man aktive Presseförderung ...

Was für ein fauler Sonntag! Um 8 Uhr aufgestanden, mit meiner wunderbaren Patrizia gemütlich gefrühstückt und danach gelesen, etwas gearbeitet, Musik gehört und lange Zeit mit Bea Knecht telefoniert. Das war – wie immer – sehr spannend, anregend, lehrreich und auch lustig. Bea kann auch komplizierte Zusammenhänge bildhaft und logisch erklären. So beschreibt sie die aktuellen Krisenmanager aus Politik und Wirtschaft als Köche, die einen Gasherd mit x-Kochplatten bedienen müssen. Niemand hat eine Ahnung, wie er das Gas, die Hitze, richtig reguliert und welche Herdplatte gerade geheizt werden muss. Da nützen auch Kochvirtuosen wie Caminada leider nichts, sondern es sind Leader mit dem richtigen Augenmass und einem guten Händchen gefragt. Bea ist die geniale Gründerin von Zattoo. Hier kann man Zattoo für einen Monat gratis abonnieren: https://zattoo.com/ch/

Heute habe ich mich an ein Gedicht von Rilke erinnert, das ich in der Schule mit Begeisterung und Inbrunst auswendig gelernt und vorgetragen habe. Es passt recht gut zur aktuellen Situation:

DER PANTHER

IM JARDIN DES PLANTES, PARIS


Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.


Morgen ist der erste Arbeitstag einer Woche, die uns bestimmt auch positive Erlebnisse, Begegnungen bescheren wird. Hier noch das ultimative 5-Punkte-Programm für den idealen Arbeitstag/Rhythmus:

1. Beende alles was du anfängst.
2. Trödle nicht herum.
3. Behalte den ganzen Tag deinen mentalen Schlafanzug an.
4. Höre auf, dir selbst leid zu tun.
5. Keinen Alkohol, Sex und keine Drogen bei der Arbeit.
(Die Tipps sind von Colm Toibin, Irland, Romanautor „Brooklyn“)


Herzlich und a domani. Hans

written in my mobile office – courage is grace under pressure (Hemingway)

NB. Einen Buchtipp habe ich noch. "Bittere Erde". Das neue Werk unseres Tessiner Freundes Piero Schäfer. Ein Must für Werber, Verlagsleute und Ticinesi. Hier geht's zur Website: pieroschaefer.ch

Bellinzona Blues No. 3, 23. März 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

"
Ma dove cazzo andate?" (Wo zum Teufel geht ihr hin!) – so harsch werden in Italien (gemäss Watson) die Bürger aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Eine etwas nettere, subtilere Aufforderung (bei einer Dame, die sich einen Parrucchiere nach Hause kommen liess) lautete in etwa so: "Wer will Dich überhaupt sehen mit so einer Frisur, wenn Du im Sarg liegst?" Der Ton wird rauher, die Menschen nervöser, dünn­häutiger – die Nerven liegen blank. Natürlich gibt es immer einen Silberstreifen am Horizont, lasst uns gemeinsam danach suchen.

Der erste Silberstreifen – natürlich – Patrizia. Wenn sie singt, pfeift (sie pfeift so melodiös wie eine Nachtigall) und unsere zwei Katzenbuben Leo und Joe zum Essen lockt, geht mir immer das Herz auf. So viel ehrliche Fröhlichkeit, Lebensmut und Energie, das ist immer wieder ein riesiger Aufsteller.

Der zweite Silberstreifen, Barbara meine Geschäftspartnerin bei hhp. Sie sprüht wie immer vor Power und Unternehmungsgeist. Sie hat mir heute ganz früh skizziert, wie sie aktuell den Menschen etwas Lebensfreude und Farbe in den grauen Alltag zaubern will. Wenn’s mit den Bewilligungen klappt, zieht sie gegen Ende dieser Woche im "Züri Wyland" mit ihrer 1910 gebauten "Wilhelm Bruder & Söhne" Karussellorgel von Dorf zu Dorf und erfreut die Leute mit nostalgischen Melodien. www.nostalgiewelt.ch

Der dritte Silberstreifen, ich musste heute zwingend dringend aus geschäft­lichen Gründen nach Zürich. Die Fahrt dahin war wie vor 50 Jahren, als wir noch rasch mit dem Töffli ins Tessin "pfupften" – keine Autos, kaum Verkehr – nur Lastwagen, die notabene unsere Versorgung sicherstellen. Der Aufenthalt im apokalyptisch angehauchten Zürich war recht erfolg­reich und die Rückfahrt war denkwürdig. Trotz Warnung von Johannes, Leute "die nur ihren Job tun" nicht zu provozieren, habe ich an der Gotthard­ Raststätte Zwischenhalt gemacht. Wie alle wissen, der Kanton Uri hat widerrechtlich über 65­jährigen den Aufenthalt im Freien quasi verboten.

Ich wollte nun checken, wie dieses Verbot greift, umgesetzt wird. Fazit: Ich wurde nicht verhaftet, nicht schief angesehen und auch nicht beschimpft und verspottet. Nada De nada. Einziger Wermutstropfen und schwarzer Fleck am Silberstreifen: Es gab keine "Mohrenköpfe" mehr. Die von "Dubler", die noch Mohrenköpfe heissen und traumhaft gut schmecken und normalerweise ganz speziell an dieser Raststätte verkauft werden.

Hier noch einige Tipps für einen phantastischen Dienstag von Ulla Hahn, Deutschland, Romanautorin, "Das verborgene Wort":


– Fang an! Nur Mut!
– Mach weiter! Keine Angst!
– Bleib dran!
– Wenn’s nicht recht weitergeht, tu so als ob!
– Weg mit der Schere im Kopf. Nur Mut!


Herzlich und a domani. Hans

NB. Einen Buchtipp habe ich noch: „Musenküsse“, die täglichen Rituale berühmter Künstler. Lesenswert – zum Teil nachahmenswert – amüsant. "Man kann auch ohne allzu viel Arbeit produktiv sein." Jean-Paul Sartre. Verlag Kein & Aber. www.keinundaber.ch

Bellinzona Blues No. 4, 24. März, 2020 

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

„Unabhängigkeit ist die Streuung der Abhängigkeit“. Diese weise Aussage machte heute früh Dr. Christian König, Chairman von Farner in Zürich und seit Jahren gescheiter Ratgeber und Mentor für mich und viele andere Medienleute. Christians zweiter Wohnsitz ist Mallorca und er erlebt die aktuelle Corona-Krise im ziemlich heftig betroffenen Spanien und beobachtet die Entwicklung in der Schweiz mit einer wohltuenden Distanz.

Nochmals: "Unabhängigkeit ist die Streuung der Abhängigkeit". O-Ton (Erklärung) Christian König: "Es beginnt bei den Erfahrungen mit der häuslichen Versorgung, die wir gerade alle gemacht haben. Der gute alte Notvorrat feiert Urstände: zwei Flaschen mehr Oel als sonst im Keller, Pasta (wer isst denn das schon regelmässig ausser den Ticinesi?) im Viererpack, das TK-Fach auffüllen, all das reduziert die Abhängigkeit vom Coop um die Ecke (zur Not müssten wir zu Fuss hingehen können, sonst werden wir plötzlich noch abhängig von lybischem Benzin) und gibt ein Gefühl der Unabhängigkeit.

Was für einrückende Rekruten gilt (2 Tage Selbstversorgung), gilt auch im Privaten. Ein paar Tage durchhalten können, ohne auf andere angewiesen zu sein, das ist unser Ziel und das wirkt gegen das archaische Gefühl von Angst." Muchas gracias, Christian – auf den Punkt wie immer.

Heute hat der Tag wunderbar begonnen. Leo und Joe, unsere zwei genialen Katzen, haben ihr Frühstück bereits um 06.30 Uhr reklamiert und Joe ist vor lauter Begeisterung, dass meine Patrizia den unmissverständlich "miauten Wünschen nicht widerstehen konnte, beinahe in die mit heissem Wasser gefüllte Badewanne gefallen. Das sind Adrenalinschübe!

Um 9 Uhr das übliche Telefonat mit Emanuel, meinem in die Jahre gekommenen Freund in Ascona. Habe ihm mitgeteilt (danke Paula für den Tipp!), dass Ascona ab sofort nicht nur Bussen verteilt und Steuern eintreibt, sondern auch – Corona sei Dank – für die älteren Einwohner ab 65 Jahren einen Ess-Service organisiert hat. Die Mitteilung auf Deutsch (Italienisch kann in Ascona sowieso kaum jemand, Deutsch aber auch nicht ...), Zitat Originaltext: "Es gibt ein 'normales' und ein vegeteranisches Menu für CHF 11.–, wird nach Hause geliefert. Die Kosten werden auch in diesem Fall vom Personal der Gemeinde an die Haustüre geliefert und können direkt über die Rechnung direkt an das Herrenhaus bezahlt werden." Bin gespannt, wohin die Kosten bezahlt werden und wohin das Herrenhaus liefert. Oder han ich jetzt es Gnusch im Fadechörbli? Aber so oder so - eine wirklich gute und sympathische Initiative.

Eine berührende Begegnung hatte ich heute mit meinem Nachbarn Eolo. Eolo ist ein Lebenskünstler, ein Philosoph, er raucht wie ein Schlot, ist hart am Glas, klein, zierlich – und ein wunderbarer, inspirierender Charakter. Eolo ist am Boden zerstört. Normalerweise – und das tut er recht erfolgreich – produziert er für unzählige Grotti im Bellinzonese Gelati, unvergleichlich gute Eiscreme – er nennt sie "Pezzi Duri", "harte Stücke". Niemand bestellt zur Zeit. Niemand will überhaupt an Gelato, an Ostern, an Süssigkeiten denken. Eolo gehört zu der grossen Anzahl von Einzelunternehmen, die sich mit viel Engagement, Erfindungsgeist und Unternehmertum eine Existenz geschaffen haben und bei denen nun beinahe "alles" zusammenbricht. Eolo ist aber guter Dinge: "Habe ich viele, starke Grappa! Wenn Kunde kommt ,ich gebe ihm 2, 3 bicchieri und ... er ist so 'ubriaco' (betrunken), dass er ganz viele 'Pezzi Duri' bestellt." Ich wünsche Eolo viele Hektoliter Grappa für seine Kunden und nehme übrigens gerne Bestellungen für ihn entgegen.

Das Wort zum Mittwoch überlasse ich Hemingway: „Glück ist einfach eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis.“

Herzlich und a domani. Hans

NB. Einen Buchtipp habe ich noch: Roger Schwawinski, "Die Schawinski-Methode". Erfolgsrezepte eines Pioniers. NZZ Libro, Schwabe Verlagsgruppe, Basel.

Aus einer Rezension von Reinhard Meier: "Wie hoch der Autor den Faktor Tüchtigkeit und Hartnäckigkeit einschätzt, bringt er durch den Hinweis zum Ausdruck, dass er den Erfolgssong 'You can get it if you really want' des jamaikanischen Reggae-Sängers Jimmy Cliff zu seinem Lebensmotto gemacht hat. Und er versäumt auch nicht, den Leser an die nächste Zeile dieses Welthits zu erinnen: 'But you must try, try and try, try and try. You’ll succed at last."

Bellinzona Blues No. 5, 25. März 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Das Ticino ist ein bisschen der Blinddarm Italiens! Irgendwie gehört das Tessin dazu, aber wenn er (der Blinddarm) denn weg ist, kümmert es niemanden wirklich. Oder wie Meghan Markle. Das Ticino hat Italien geheiratet, zumindest im Herzen und auf dem Teller, hat Sitten und Kultur übernommen, will aber mit dem Königshaus, sprich Italien, nichts zu tun haben. Trotzdem bleibt das Ticino eng mit Italien verbunden.

Das Schicksal der Menschen in Nord-Italien lässt hier niemanden kalt und alle haben Verwandte oder Freunde, die nur durch den Schlagbaum am Grenzgang bei Chiasso getrennt sind. Das Virus ist hier fast schon greifbar.

Die Tessiner fühlen sich momentan etwas isoliert. Als Stiefkind der Schweiz. Die Ressentiments gegen die Zucchini (Zürcher und alle Deutschschweizer) nimmt zu. Der Kanton hat Tag für Tag rund 70.000 Frontanieri (Grenzgänger) aus Italien, die unter anderem auch das Gesundheitssystem am Laufen halten. Trotzdem befürworten viele Ticiniesi die komplette Schliessung der Grenze. Zu gross ist die Angst vor italienischen Zuständen. Ein Blick nach Bergamo lässt ahnen, dass das Chaos nur ein paar Kilometer weit weg ist. Deswegen erstaunt es nicht, dass die Tessiner Politiker eine härtere Gangart einschlagen als der Bund. "As hard as it gets", um Jack Nicholson zu zitieren. Was mich gleich zum Thema Quarantäne bringt. "Shining" von Stanley Kubrick mit Jack Nicholson hat ja auch cineastisch bewiesen, dass es mentale Probleme geben kann, wenn eine Familie zu lange eingesperrt wird. Er hat übrigens Oscars für seine Rollen bekommen, wie hoffentlich unsere Ärzte und Ärtzinnen und das gesamte Pflegepersonal, die nicht nur im Ticino, sondern in der ganzen Schweiz Tolles leisten.

Ich habe heute mit einigen Freunden und Bekannten telefoniert und habe versucht, ihre Sicht der Dinge im Ticino zu erfahren.

Myrte Müller, Korrespondentin für das Blick Büro im Tessin (zuständig für das Tessin und Italien): Der Blick wandert vom Fenster zum Screen. Von blühenden Gärten zu den Hiobsbotschaften aus dem benachbarten Norditalien. Zwei Parallelwelten. Mit den steigenden Fallzahlen im Tessin gleichen sie zwei Geraden, die aufeinander zulaufen. Zuhause ausharren, Kühlschrank und Speisekammer füllen – das ist die eine Realität. Wie fern jedoch ist die andere? Eine Message auf WhatsApp reicht und das Virus ist angekommen, erschüttert Deine Festung. Die Geraden haben sich touchiert. Surreal sei dies, sagte mir Claudio Franscella gestern in einem Interview. Dem Präsident des Grossen Rates ist genau das passiert. Ein Freund ist an Corona erkrankt und innerhalb weniger Tage daran gestorben.

Filippo Leutenegger, Stadtrat (FDP) in Zürich, ehemals CEO der Jean Frey AG (Verlag) und dominanter Dominator der "Arena" SFDRS: Die Ticinesi haben natürlich meine Sympathie. Im Tessin gibt es im Vergleich zur Deutschschweiz ein paar Probleme mehr. Die Alten wohnen bei den Jungen. Die Familienstruktur ist gänzlich verschieden. Durch die rund 70.000 Grenzgänger hat das Tessin eine hohe Exposition. Dass man die Baustellen schliesst, finde ich nicht gut. Man hätte das mit etwas mehr Augenmass behandeln sollen. Man kann ja auch beim Arbeiten Abstand halten. Ich gehe davon aus, dass wir noch bis im Sommer von Corona betroffen sind. Ein Wort noch zur Statistik in Italien: Das Durchschnittsalter der Verstorbenen beträgt 79,5 Jahre. Davon hatten 99,2% (!) Vorkrankheiten.

Moritz Suter, Schweizer Unternehmer und Pilot (Wikipedia): Zur Zeit sind wir nicht im Tessin. Keine Lust, weil ich nicht selber einkaufen kann. (Im Tessin darf man ab 65 Jahren nicht mehr einkaufen). Ich hoffe, das Affentheater ist Ende April wieder vorbei und ich kann wieder zurück ins Ticino. Die Medien machen den Leuten Angst, statt dass sie Hoffnung verbreiten. Was fehlt, sind Leute, die Verantwortung übernehmen und sich exponieren. Heute gibt es nur Apparatschiks und Manager, die sich hinter unfähigen Pressesprechern verstecken. Aber: Bald bin ich wieder im Tessin und werde die Athmosphäre und die wunderschöne Landschaft doppelt geniessen.

Gusti Beerli, legendärer Wirt der "Harmonie" in Basel, Tombeur de femmes in Ascona – und wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden: Mir fehlen die Menschen. Ich als Wirt habe immer den Kontakt mit meinen Gästen gepflegt und auch genossen. Mit jeder Konsequenz ... Mit fehlen jetzt die Leute, meine Stammbar Ivo und auch Kurt, der phantastische Pizzas serviert. Einkaufen kann ich auch nicht mehr, ab 65 Jahren ist das zur Zeit verboten. Profitieren tut im Moment die Swisscom, denn ich telefoniere sehr häufig. Ich kann auch nicht mehr bei Ivo mit der FCB Schärpe im Hinterzimmer rumschreien, denn der FCB spielt nicht und Ivo hat geschlossen – das ist alles vorbei. Aber als positiv denkender Mensch weiss ich – alles kommt wieder. Alles wir gut!

Dr. Ruedi Müller, Pfaueruedi, pensionierter Zahnarzt, Wandler zwischen zwei Welten – Aegypten und Lugano: Eigentlich leide ich nicht am momentanen Corona-Quarantäne-Status! So wahnsinnig wichtig waren ja die stundenlangen Diskussionen in der Bar in Ägypten auch wieder nicht... ich kann mich jedenfalls nicht mehr gross (mit wenigen Ausnahmen) an deren Inhalt erinnern! Die momentanen Einschränkungen sind für mich erträglich und den Griff am Einkaufswägeli im Coop habe ich auch vor Corona immer mit einem Desinfektionsmittel gereinigt, ebenso die unglaublich schmutzigen Armlehnen und Seitentischli in der SBB, 1. Klasse!!! Wenn die Normalität nach Corona zurück sein wird, werden wir diese (vielleicht) wieder etwas mehr schätzen! Gruess Rentner Ruedi

Das Wort zum Donnerstag gehört heute ... (natürlich) Hemingway:
"Nie entmutigt sein. Geheimnis meines Erfolges".


Herzlich und a domani. Hans

PS. Einen Buchtipp habe ich noch (Tippgeber Dr. Christian König): Anthony de Mello, "Der springende Punkt. Wach werden und glücklich sein".

PSS. Soeben erreicht mich eine Mail von Marco Solari – ich hatte ihn auch für ein Statement kontaktiert: Lieber Hans, im Moment haben mir die Ärzte absolute Ruhe verordnet. Ich muss mich daran halten. Herzlichst Marco

(Marco ist nicht mehr in der Intensivstation und wird hoffentlich schon bald wieder für das Ticino werben. Er ist als Chef des Filmfestival Locarno und auch sonst unersetzlich.)

Bellinzona Blues No. 6, 26. März 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Zum Einstimmen ein Songtext von Monty Python:

 
Some things in life are bad
They can really make you mad
Other things just make you swear and curse. When you're chewing on life's gristle
Don't grumble, give a whistle
And this'll help things turn out for the best

And always look on the bright side of life.

Finnisch-Unterricht mit Kaija – Mutter von Rina & Philip:
Kaija unterrichtet jeden Tag während 20 Minuten ihre Enkelin in Finnisch. Sie erreicht damit, dass sich Emilia künftig in Finnland in der Landessprache ausdrücken kann und bringt zudem etwas Abwechslung in den Corona-Alltag. Via Skype. Sie hat dazu in ihrer Küche einige Produkte deren Namen Emilia auf Finnisch lernen soll, aufgebaut und lernt meine Enkelin die finnischen Worte dazu. Hier einige Müsterchen: "minä, sinaä, tänään, suomea, mummin kanssa, 20 Minuuttia." (Das heisst in etwa: Ich lerne 20 Minuten lang Finnisch mit meiner Mummi). Ich werde die Fortschritte von Emilia testen, sobald man sich wieder sehen kann. Damit ich diese Sprache verstehe, braucht es aber einen versierten Übersetzer, der auch die Gebärdensprache beherrscht ...

Eolo zum zweiten: Eolo würde eigentlich ab Freitag für die Bäckerei Filippini Colomba "Ostertauben" produzieren. Eolo ist gelernter Konditor. Colomba – sind ein Gebäck in Taubenform, die ähnlich wie Panettone schmecken, und normalerweise zum Osterfest gebacken werden. Man verschenkt sie an Freunde, Verwandte und Bekannte, sie werden jeweils üppig geschmückt mit verschiedenstfarbigen Bändern und Verpackungen. Aus aktuellem Anlass wurde die Produktion, normalerweise tausende von Colombas, die in die ganze Schweiz und auch ins Ausland verschickt werden, auf eine kleine Anzahl reduziert. Nix Colomba für Eolo, wie auch nix Gelati, wie wir bereits wissen. Eolo hofft nun darauf, dass im Herbst rechtzeitig zur Marroni-Saison wieder alles wie in alten Zeiten funktioniert. Er freut sich darauf ,an der Piazza del Sole in Bellinzona ab Oktober "heissi Marronni" auszurufen und zuverkaufen. We will see.

Jemand hat mich gefragt, was ich denn so alles tue und wie sich mein Alltag in diesen Zeiten gestaltet: Mein Leben spielt sich aktuell auf 150 m2 ab. In den Garten darf ich noch und auch ein oder zweimal Spazieren ist erlaubt, aber Einkaufen liegt nicht mehr drin (Altersguillotine ist 65 Jahre). Das muss Patrizia für uns erledigen. Ich bin wie Roman Polanski damals in Gstaad, einfach ohne das Sex-Zeugs, einen Golden Icon Award und drei Swimming-Pools. Dafür habe ich meine Patrizia, unsere Katzen und genug Bücher, um bis zur nächsten Eiszeit geistig und seelisch versorgt zu sein. Zudem arbeite ich natürlich, telefoniere mit Familie, Freunden und Kunden. Dass ich ab und zu ausbreche – und unter Wahrung aller gebotenen Vorsichtsmassnahmen – nach Zürich (mit dem Auto – allein) fahre, sei auch verraten. Um niemand zu provozieren, und unangenehmen und deprimierenden Fragen nach meinem Alter auszuweichen, habe ich einen Look entwickelt, der solche Fragen obsolet macht. Bin aber froh, wenn ich den Hut dann wieder an den berühmten Nagel hängen kann – ich hasse Hüte!

Kurzes Telefonat mit Mauro vom legendären Grotto Baldoria in Ascona. Seine überraschende Aussage zur aktuellen Situation: "Es ist Zeit, dass so etwas passiert ist. Nun wird die ganze Welt etwas entschleunigt, Ruhe und Frieden kehren in den Alltag ein." Mit der Eröffnung, die normalerweise das Ostern-Highlight in Ascona ist, rechnet er frühestens für Auffahrt/Pfingsten. Dafür plant er, die Saison zu verlängern, wenn möglich bis an Weihnachten. Moro der Koch bleibt daheim in Spanien, "er kommt dann, wenn es ihn braucht". Zur Zeit ist es sowieso zu kalt und er könnte das Grotto gar nicht geöffnet haben. Um zu überbrücken, kann auch Mauro ein Taggeld beziehen und im Fall der Fälle bekäme er auch einen Überbrückungs-Kredit von der Bank (Zehn Prozent vom deklarierten Umsatz). Er habe keine Sorgen, im Gegenteil. "Die vom Steueramt, AHV usw. lassen uns im Moment in Ruhe." Zum Schluss (typisch Mauro): "Mir tun alle Verheirateten leid – ich möchte nie Tag und Nacht mit derselben Frau zusammen sein."

Für den Freitag – und weil wir uns alle wahrscheinlich etwas zu wenig bewegen - eine weitere Weisheit von Hemingway: "Verwechsle niemals Bewegung mit Handeln."

Fröhliche Grüsse aus Bellinzona. Hans

PS. Der Buchtipp: Sherwood Anderson. "Winesburg, Ohio". Eines der schönsten und melancholischsten Werke der amerikanischen Literatur. Verlag Random House. Zu bestellen bei: www.btb-verlag.de

PSS. Man kann gratis und franko einen Newsletter von der Republik abonnieren. Er wird täglich punkt 19 Uhr verschickt. Inhalt: die neusten Meldungen und auch Analysen, Berichte zum Corona-Virus. Sehr gut gemacht, wohltuend neutral und unaufgeregt. Ein Stück sehr guten Journalismus: www.republik.ch

Bellinzona Blues No. 7, 27. März 2020

Briefe aus dem Tessin – lettere dal Ticino

Heute früh hat mich Lucas Zehnder angerufen, mein langjähriger, sehr geschätzter Wegbegleiter bei Hans Hofmann & Partner. Er hat insistiert: "Etwas mehr Swing als Blues in deinen Briefen wäre nicht so schlecht!" Ich werde deshalb die Briefe nicht in "Bellinzona Swing" umbenennen, aber ich greife die Anregung für heute gerne auf. Kurzfristiger Entscheid also meinerseits, heute am 27. März 2020 gibt’s nur positive Nachrichten aus dem Ticino.

Zur ersten guten Nachricht: Zu Eolo, der uns allen schon etwas ans Herz gewachsene Gelati-Fabrikant, Lebenskünstler, Colomba-Bäcker und last but not least Valentino Rossi Fan (für Motorradsport-Ignoranten: Valentino Rossi ist Kult bei allem Motorrad-Fans und zählt mit seinen neun Weltmeistertiteln zu den erfolgreichsten Piloten der Geschichte – Wikipedia). Eolo hat heute ganz bewusst sein Valentino Rossi T-Shirt montiert. Rossi ist auch berühmt durch seine Startnummer: die Nummer 46! Seine Fans tragen entsprechende T-Shirts. Eolo hat heute das Rossi T-Shirt mit der Nummer 46 getragen und hat mir glaubhaft versichert, dass in 46 Tagen – ab heute – der Corona Spuk vorbei ist.

Da bereits Rossis Vater Graziano Rossi diese Startnummer trug und auch Valentino sehr vertrauenswürdig ist, glaube ich an diese Prophezeiung. Hier noch zwei, drei Spitznamen von Valentino, falls ihr dann in 46 Tagen auf ihn (und mich) anstossen wollt: The Doctor, Valentinik, The GOAT (Greatest of all Time) und – ganz wichtig – Rossifumi. Proscht! Eolo mit Rossi T-Shirt in trauter Zwietracht mit Trudi und Max – zwei meiner Lieblings-Skulpturen.

Zur zweiten guten Nachricht: Sympathisches Telefongespräch mit Filippo Lombardi, charismatischer Tessiner Politiker und engagierter Präsident von AMBRI!!! Er hat gleich drei gute Nachrichten:

1. Es gibt keine institutionelle Krise - d.h. der Bund und die betroffenen Kantone haben sich heute darauf geeinigt, dass es bezüglich Verordnung 7e einen Kompromiss gibt. Der Tessin kann also seine bereits in Kraft getretenen (scharfen) Massnahmen bezüglich Ausgangssperre, Baustellenstopp usw. beibehalten und ich werde somit weiterhin nicht im Coop einkaufen können und im Ausgang einen Hut tragen müssen.

2. Filippo ist stolz darauf, dass der Kanton Tessin keinen akuten Mangel an Spitalplätzen für Intensivpatienten hat. Das Tessin hat die Betten-Kapazität für Intensivpatienten von anfangs 45 Plätzen auf 120 Plätze, mehr als verdoppelt und hat zur Zeit – anderslautende Medienberichte sind falsch – keine Platzprobleme.

3. Filippo ist wie erwähnt auch Präsident vom Eishockey Club HC Ambri Piotta. Er hat mir versichert, dass die Verträge mit sämtlichen Spielern ("die man behalten wollte") bereits verlängert wurden, dass zwar der Bau für das neue Eishockey-Stadion in Ambri im Moment ruht, aber die Lohnzahlungen und der weitere Bau des Stadions gesichert sind. Da windet er dem Bund und seinem unkomplizierten unter die Arme greifen ein grosses Kränzchen. Man ist wohl nicht ganz auf der falschen Spur, wenn man Filippos Anteil an den guten Lösungen nicht unterschätzen würde. Er ist ein super Botschafter für den Tessin und weiss ganz genau, welche Strippen er ziehen muss. Complimenti, Filippo!!!

Filippo ist auch im Home Office und am Ordnen seiner Papiere – er meinte verschmitzt und das ist nicht ernst zu nehmen: damit er Ordnung in die Papiere bringen könne, wäre er nicht  unglücklich, wenn der Lock-out noch gaaanz lange andauern würde. Und ... Ueli – eine weitere gute Nachricht: Wir bekommen Tickets für den nächsten Match! Hoffentlich gegen Lugano!!!

Zur dritten guten Nachricht: "Mit Chilbimusik" gegen den Coronablues. So titelt der "Zürcher Landbote" die Aktion von Barbara Wieser, auf die wir schon Mitte Woche aufmerksam gemacht haben. Barbara wird am kommenden Wochenende mit Ihrer Karussellorgel in Winterthur und Neftenbach das erste Mal durch die Strassen ziehen und Jung und Alt mit nostalgischen Melodien verzaubern. Gemäss "Der Landbote" wird diese grossartige Initiative durchgezogen, bis die Corona-Krise überstanden ist. Mal sehen, ob wir Barbara für einen Auftritt nach Bellinzona lotsen können.

Die Weisheit für ein alkoholfreies Wochenende stammt (leicht abgewandelt) von Harald Juhnke (deutscher Film- und Bühnenschauspieler, Entertainer, Showmaster und begnadeter Trinker): "Ich hasse Wochenenden – da trinken auch die Amateure!"

In diesem Sinn und mit fröhlichen Grüssen aus Bellinzona. Hans (Amateur)

PS. Buchtipp für den Samstag: Carson Mc Cullers, "Die Ballade vom traurigen Café". (The Ballad of the Sad Café). Carson McCullers ist eine der grossartigsten Erzählerinnen, die Amerika je hervorgebracht hat.

PSS.Piero Schäfer, ein guter Freund, Tessinlover, brillanter Journalist und Romanautor, hat einen berührenden, wunderschönen Text über sein Elternhaus (Alba Serena) verfasst. Grazie mille Piero, dass ich ihn nachstehend publizieren darf.

Alba Serena. Erinnerungen an ein liebes Haus in Orselina

Es weiss niemand, wann genau die ersten Mauern der Alba Serena aus dem steilen Gelände wuchsen. Früher soll das Haus ja ein Rustico gewesen sein, das erst später um den Richtung Brissago zeigenden Teil erweitert worden ist. Ob das Haus erst nach seinem Um- und Ausbau zu seinem zweiteiligen, wohlklingenden Namen kam, ist ebenfalls unbekannt. Vielleicht hatte der vorherige Bau schlicht "Alba" geheissen und erhielt dann den Zusatz "Serena" nach der Erweiterung.

Wie auch immer: Der Name Alba Serena bringt bei mir auch heute noch einiges ins Schwingen. Erinnerungen an eine unbeschwerte Kindheit werden wach, an den betörenden Duft des Calicantus und der Mimosen, an das Gefühl wärmender Frühlingssonne auf nackten Kinderknien, an die monotonen und dennoch melodiösen Glockenklänge der Kirchen, an das übermütige Spiel im Bambuswald der Clinica Santa Croce, an die einmalige, grossartige, ja atemberaubende Aussicht, die Geist und Phantasie beschwingt und fliegen lässt. Schnee auf Palmen, verwelkende Camelienblätter im Garten, Schlangen im herbstlich raschelnden Laub, Marronistachel in der Hand, unzählig sind die kleinen Episoden, die mit dem Namen und dem dazugehörenden Ort verbunden sind.

Aber die Alba Serena ist mehr als Erinnerung: Die Jahre in Orselina haben mich geprägt, wie wohl nur die unendlich lange scheinenden Jahre in der Kindheit Einfluss auf einen Menschen nehmen können. Man kann den atmosphärischen Unterschied zwischen dem Tessin und der Deutschschweiz metaphorisch mit der Kalligraphie erläutert: In der scuola lief die Schrift weich und rund, Wort floss an Wort, die Gedanken konnten sich ungehemmt und harmonisch entfalten. In der züchtigen Zürcher Schule, wo der strenge Lehrer die an runden Schwung gewöhnte Hand des Schülers mit dem Lineal traktierte, musste man schmallippig spitze Buchstaben zeichnen, die im Abstrich erst noch mit düsterem Schatten betont zu sein hatten. Die Spitze des auf dem kleinen Finger ausbalancierten Federhalters exakt auf die rechte Schulter ausgerichtet. Wie sehnte ich mich damals nach der sanften Lehrerin und den runden Buchstaben. Nach der wohlriechenden Luft und dem weichen Licht. Und auch heute noch fühle ich mich südlich des Gotthards wie befreit. Heiterkeit umfängt mich und Leichtigkeit, wie sie im Namen Alba Serena mitschwingt. Und gleichzeitig umgarnt mich die schwelende Sehnsucht nach jener glücklichen Zeit. Nach jenem Ort und nach jenem Haus am Berg. Und dann fühle ich mich ein wenig, wie wenn ich nie wirklich weggegangen wäre. Wie wenn ich plötzlich aufwachen würde, um festzustellen: Hier hat mein Herz die ganze Zeit gewohnt. Das ist wohl das Gefühl, das man meint, wenn man von Heimat spricht und Geborgenheit.

(Fortsetzung folgt)
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