Geneva International Motor Show

Offene Zukunft für den Autosalon

Montag, 02. März 2020
2020 wird es keinen Genfer Autosalon geben. Was vor gut zehn Tagen noch unvorstellbar war, ist seit ein paar Tagen Fakt. Die Absage gefährdet allerdings die Zukunft der traditionsreichen Autoshow, findet in seinem Gastkommentar der renommierte Branchenexperte Professor Ferdinand Dudenhöffer, der seit Monatsbeginn am Institute for Customer Insight (ICI-HSG) der Universität St. Gallen forscht.
Die großen Automessen sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Nachdem die regionalen Automessen in Leipzig, Stuttgart oder Berlin schon vor ein paar Jahren eingestellt wurden, droht jetzt das gleiche Schicksal den großen internationalen Messen, wenn sie sich nicht neu erfinden. Besucherschwund, immer weniger Autobauer, wenige Werbewirkung, weniger Berichterstattungen in den Medien… es sieht nicht gut aus. Die Frankfurter IAA sucht ihr Heil ohne Frankfurt, Detroit soll ohne Winter wieder auf die Füße kommen und in Paris rätselt man, wie man aus einem Treffpunkt bei dem fast nur noch Franzosen sind, herauskommt.


Nicht verschont von diesem Schicksal ist Genf. Bereits im letzten Jahr wurde die Messeflächen mit Bistros, Reifenherstellern und Nachbauten von Oldtimern "aufgepolstert". Dieses Jahr hagelte es noch mehr Absagen. Mindesten 14 prominente Aussteller waren nicht gemeldet: Cadillac, Ford, Jaguar, Lamborghini, Land Rover, Mitsubishi, Nissan, Peugeot, Citroen, Opel, Subaru, Tata, Tesla und Volvo hatten bereits bei den Messeplanungen um Genf einen Bogen gemacht.

Die Gefahr ist groß, dass die kurzfristige Absage des Genfer Autosalons aufgrund der Corona-Epidemie den seiden Faden, an dem Genf hing, jetzt ganz kappt. Die Messestände waren bestellt, die Hotels und Flüge gebucht, die Agenturen haben die Auftritte und Events detailliert für die Kunden geplant und gebucht, die Zulieferer hatten ihre Kunden zu hochwertigen Genf-Events eingeladen. BMW, Ferrari, Daimler, VW, Toyota und alle die anderen müssen hohe Genfer Rechnungen begleichen ohne Gegenwert. Addiert man die Kosten kommt man nach unserer Einschätzung auf einen Gesamtverlust von mehr als 100 Millionen Euro. Und das für eine Sache, bei der die Diskussion um Teilnahmen intensiv diskutiert wurde und keineswegs das "go" klar war.



Ford, Opel, Peugeot, Citroen, Nissan, Volvo haben sich die hohen Genfer-Marketingkosten gespart und können jetzt umso mehr ihre Aktionen planen. Hohe Messeausgaben ohne Gegenwert bereiten im schwierigen Jahr 2020, das bei vielen hohe Verluste erwarten läßt, Schmerzen. Die ersten beiden Quartale dürften bei vielen Autobauern und Zuliefern durch Corona hohe Verluste bringen. Die in den Wind-geschossenen Genfer Messekosten bleiben im Gedächtnis - auch das wird eine Entscheidung im nächsten Jahr für Genf erheblich belasten. Für Genf gibt es jetzt zusätzliche Risiken - bei weniger Attraktivität und Aufmerksamkeit.


Das Corona-Virus stellt eine große Gefahr dar. Von daher ist es nachvollziehbar, dass die Besuchertage ausfallen. Der erste Pressetag ist bei einer Automesse und gerade in Genf das große Asset. Bei den Pressetagen sind deutlich weniger Besucher vor Ort. Bei den Pressetagen hätte man Zeitslots für Besucher definieren können. Man hätte die Pressetage etwas ziehen können – also die Pressevorstellen am zweiten oder einem dritten Tag wiederholen können – um kleinere Gruppen zu bilden. Man hätte Besuchern aus Hoch-Risiko-Ländern den Zutritt verwehren können. Auch das hätte dazu beigetragen, die Hauptbotschaften der Autobauer der Öffentlichkeit mitzuteilen.

Mit der kurzfristigen Absage hat man aber eine sehr große Chance vertan. Es hätte Alternativplanungen geben können, wie etwa eine Genfer Presse Show ohne Besucher. So muß Genf wohl ein ganzes Jahr um sein Überleben bangen. Die Zukunft von Genf ist offener denn je.
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