Zum Streit zwischen Wirtschaftskammer und BaZ

Ein Teil der Vorwürfe fällt auf den Direktor der Wirtschaftskammer zurück

Mittwoch, 14. Februar 2018
Die fast dreiseitige Schimpftirade der Wirtschaftskammer Baselland ist mehr als eine Breitseite gegen die "Basler Zeitung", sagt HORIZONT Swiss-Redaktor Markus Knöpfli. Denn der KMU-Verband droht indirekt einen Inserate-Boykott an, freilich ohne dieses Wort selbst zu verwenden. Andrerseits schwächt er seine Vorwürfe gegenüber der BaZ bereits wieder ab. Ein Teil der Vorwürfe fällt ohnehin auf den Direktor der Wirtschaftskammer zurück.
Klar, es geht um das Image und die Integrität der eigenen Familienausgleichskasse. Und klar, die Wirtschaftskammer will deutlich kommunizieren, dass das grosse Mitglied Kantonsspital Baselland dem KMU-Verband (offenbar) treu bleibt. Aber bei einem aussenstehenden Beobachter hinterlässt die dreiseitige Tirade gegen die BaZ dennoch einen schalen Nebengeschmack. Aus vier Gründen:


1. Aus den drei "Standpunkt"-Seiten geht nirgends hervor, ob die Wirtschaftskammer Baselland auch rechtliche Schritte gegen die BaZ ergreifen wird. Konsequenterweise müsste sie dies tun, immerhin wirft sie der BaZ eine "geradezu rufschädigende" Schreibe vor. Nicht einmal von einer Gegendarstellung, das sanfteste juristische Mittel, ist die Rede. Eine Anfrage von HORIZONT Swiss beantwortete Daniel Schindler, Kommunikationsbeauftragter der Wirtschaftskammer, wie folgt: "Die Wirtschaftskammer hat der BaZ im 'Standpunkt der Wirtschaft' keine Vorwürfe gemacht, sondern objektiv überprüfbare Fakten dargelegt. Damit lassen wir es vorerst bewenden. Sollte die BaZ weitere offensichtliche Falschinformationen publizierenbehalten wir uns rechtliche Schritte vor."

Ob der gestern publizierte BaZ-Artikel, der an den bisherigen Aussagen über die Wirtschaftskammer festhält, unter "weitere offensichtliche Falschinformationen" fällt, muss hier offen bleiben. Klar ist hingegen: Wenn Schindler seine Vorwürfe an die BaZ nicht mehr als solche wahrhaben will,
dann scheint er nun plötzlich den Ball flach zu halten. Und erweckt damit den Eindruck, dass der KMU-Verband sich seiner Sache nicht in allen Belangen sicher ist.

2. Bei dem aktuellen Konflikt zwischen Wirtschaftskammer und BaZ handelt es sich nicht um die erste Auseinandersetzung zwischen den Beiden, sondern mindestens um die zweite. Vor rund zwei Jahren sah sich die Wirtschaftskammer schon einmal der öffentlichen Kritik durch BaZ und andere Medien (und Behörden) ausgesetzt, im Zusammenhang mit der Schwarzarbeitkontrolle. Auch damals stand eine Tochterfirma der Wirtschaftskammer im Scheinwerferlicht. Nicht auszuschliessen ist deshalb, dass das aktuelle Sperrfeuer der Wirtschaftskammer Baselland auch durch eine späte Abrechnung motiviert ist und deshalb so heftig ausfiel. Doch Daniel Schindler mag nicht einmal jetzt von einem Streit sprechen: "Es gibt kein 'aktuelles Zerwürfnis', schreibt er. "Ein BaZ-Journalist hat übers Ziel hinausgeschossen. Das ist alles." Die öffentlichen Vorwürfe an die Adresse von BaZ-Chefredaktor Markus Somm scheint er bereits vergessen zu haben.

3. Dabei ist es ein weiterer "Standpunkt"-Artikel, der den Eindruck einer Abrechnung zusätzlich weckt: S. 6 wird die "Standpunkt"-Auflage (28.000 Exemplare) mit jener der BaZ (knapp 47.000) und der "Basellandschaftlichen Zeitung" (bz, 
25.920) verglichen. Grundtenor: Obwohl die bz in den letzten Jahren leicht an Auflage zulegen konnte, habe der "Standpunkt" sie mittlerweile "überholt". Und zur BaZ heisst es (in leicht triumphierendem Unterton): "Gravierend hingegen war der freie Fall der 'Basler Zeitung' (BaZ) in den vergangenen Jahren. 2002 hat die Auflage noch über 100.000 Exemplare betragen, 2012 waren es noch etwas mehr als 68.000. Heute dagegen beträgt die Auflage der einst stolzen BaZ keine 47.000 Exemplare mehr."

Christoph Buser, Direktor der Wirtschaftskammer Baselland, nahm diese Zahlen in seinem Kommentar auf S. 1 des "Standpunkts" prominent auf – in Form eines Aufrufs an Werbetreibende: 
"Unsere steigende Leserzahl ist übrigens ein guter Grund, hier im 'Standpunkt' zu inserieren. Im Gegensatz zu BaZ und bz drucken wir aber keine Inserate von Gewerbebetrieben aus dem grenznahen Ausland ab. Wir wollen nicht den Einkaufstourismus zusätzlich ankurbeln." Wenn das keine Boykottdrohung ist, dann ist es zumindest ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl.

Dabei ist der "Standpunkt" für einmal nicht sehr präzis: Denn er hätte mindestens erwähnen müssen, dass BaZ und bz Wemf-beglaubigte Auflagenzahlen ausweisen, der "Standpunkt" nicht. Die Wemf berücksichtigt aber beim Beglaubigen zum Beispiel Ferien-Unterbrüche bei den Abos, was insbesondere bei Tageszeitungen die ausgewiesene Auflage um bis zu 8 Prozent erscheinen lässt.


4. Christoph Buser war bis 2014 selbst Mitglied des Verwaltungsrates der "Basler Zeitung", denn nach dem Kauf der Zeitung durch SVP-Stratege Christoph Blocher war er mit anderen Wirtschaftsleuten in dieses Gremium berufen worden – als Zeichen, wie sehr die BaZ bei der regionalen Wirtschaft verankert ist. Doch auch damals sanken die BaZ-Auflagen. Zudem hatte BaZ-Chefredaktor Markus Somm damals das, was er von seinen Journalisten verlangt (etwa dass sie 'das System aushebeln' und Artikel schreiben sollen, 'die schmerzen') längst von sich gegeben. Buser, der selbst regelmässig Kolumnen in der BaZ schreibt, hat sich aber nie von Somms Haltung distanziert. Wenn er und die Wirtschaftskammer es erst jetzt tun, zum Zeitpunkt, da es sie selbst trifft, ist dies spät, peinlich, heuchlerisch – und das ganze Theater wirkt doch stark übertrieben.

Übrigens: Gestern Dienstag, 13. Februar, hat Buser bereits eine weitere Kolumne in der BaZ publiziert.


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