Mediapulse

Das Vertrauen in die Radio- und TV-Forschung steht auf dem Spiel

Montag, 06. Februar 2017
Die Situation ist erstaunlich, ja unhaltbar: Der Mediapulse-Verwaltungsrat bestellt operative Schlüsselpositionen neu und auf fragwürdige Weise, schweigt danach und verschanzt sich hinter einem Communiqué, das zwar von Mediapulse verschickt wurde, aber offensichtlich nicht von dort stammt und auch keine Ansprechperson nennt.

Die Abgänge von Franziska von Weissenfluh, Stiftungsrats- und Verwaltungsratspräsidentin die Forschungsstiftung Mediapulse, und von Forschungsleiterin Caroline Kellerhals schafften bereits einige Unruhe bei Mediapulse und seinen Kunden, zumal mit der neuen Radioforschung und dem Swiss Media Data Hub wichtige Grossprojekte anstehen. Doch statt für Beruhigung zu sorgen, öffnet der Mediapulse-Verwaltungsrat (VR) nun völlig überraschend eine weitere Baustelle, indem er den bisherigen Geschäftsführer Franz Bürgi quasi über Nacht absetzt – noch dazu ohne Dringlichkeit, wie man dem offiziellen Communiqué entnehmen kann: Bürgis Arbeit wird ausdrücklich gelobt.. Ja, er "geniesst das volle Vertrauen". Das Schlimmste aber: Niemand vom VR steht hin und beantwortet die zahlreichen offenen Fragen. Transparenz und gute Kommunikation sähen anders aus.


Kein Wunder, entstehen nun Gerüchte und Mutmassungen. Von dem, was in den letzten Tagen und Wochen hinter den Kulissen ablief, kursieren in der Branche beispielsweise zwei Versionen. Die eine geht von einem Machtkampf zwischen SRG und Goldbach Group aus: Nach Mirko Marrs Wahl zum Forschungsleiter – möglicherweise gegen die Stimmen der SRG-Vertreter im VR – soll der grösste Mediapulse-Kunde gefordert haben, dass er als Ausgleich mit Tanja Hackenbruch die Geschäftsleiterin stellen darf.
„Die Zweifel sind gesät.“
Eine zweite Version ortet den Lead bei Hackenbruch und Marr: Als der Posten des Forschungsleiters bei Mediapulse frei wurde, sollen die beiden übereingekommen sein, die Leitung der Mediapulse am besten gemeinsam und in einer Art Arbeitsteilung zu übernehmen. Zumal sie schon bisher intensiv im Dienste der Forschung zusammen gearbeitet haben und von Franz Bürgi auch häufig zu Rate gezogen worden waren.

Im ersten Fall versuchen die grössten Kunden über Personalentscheide bei Mediapulse Einfluss zu nehmen, im zweiten Fall durch Personenförderung. So oder so: Marr und Hackenbruch wären ihren bisherigen Arbeitgebern, die ihnen zu diesem enormen Karriereschritt verhelfen, stets zu Dank verpflichtet. Echte Unabhängigkeit sähe anders aus.

Damit soll keineswegs die forscherische Kompetenz der beiden Personen in Zweifel gezogen werden. Aber aus der Verantwortung können sie sich nicht stehlen: Sie haben sich zumindest in ein undurchsichtiges und obendrein unfaires "Spiel" einspannen lassen, ohne sich der fatalen Wirkung bewusst zu sein. Integrität und Weitsicht sähen anders aus.
„In der neuen Situation ist für diese Aufgabe vielmehr eine starke Persönlichkeit nötig, die nicht dem Dunstkreis von SRG oder Goldbach entstammt.“
Wer auch immer diesen Coup eingefädelt hat – und warum auch immer – die Verantwortlichen scheinen sich nicht bewusst zu sein, dass das Vertrauen in die Radio- und TV-Forschung und ihre Währung das höchste Gut der Mediapulse ist. Vertrauen setzt aber Kommunikationsfähigkeit, Transparenz, Unabhängigkeit und Integrität voraus, Fachkompetenz allein reicht nicht. Schon gar nicht in der misstrauischen und uneinigen Schweizer Radio- und TV-Szene. Anders gesagt: Durch sein Vorgehen und Verhalten setzt der VR die Glaubwürdigkeit der Mediapulse aufs Spiel. Derzeit geniesst niemand mehr das volle und uneingeschränkte Vertrauen, weder der VR noch der Stiftungsrat, weder Hackenbruch noch Marr. Die Zweifel sind gesät. Verantwortung sähe anders aus.

Wie geht es nun weiter? Wohl weil Hackenbruch dem Stiftungsrat angehört, verhält sich dieses Gremium etwas gar duckmäuserisch, obwohl es eigentlich dem VR vorgesetzt ist. Einer der nächsten wichtigen Schritte wird deshalb die Wahl des neuen Stiftungsratspräsidenten sein. Diese erfolgt durch das UVEK – auf Vorschlag des VR.
„Marr und Hackenbruch wären ihren bisherigen Arbeitgebern, die ihnen zu diesem enormen Karriereschritt verhelfen, stets zu Dank verpflichtet“
Auch dazu hört man in der Branche zwei Versionen. Die eine: Das UVEK ernennt wie bisher Stiftungsrats- und VR-Präsident in Personalunion. Oder aber: Die beiden Funktionen könnten künftig getrennt werden. Im letzteren Fall könnte der VR seinen Vizepräsidenten, SRF-Direktor Ruedi Matter, fürs VR-Präsidium vorschlagen, und wiederum zum Ausgleich den Kandidaten der Goldbach Group fürs Stiftungsratspräsidium.

Das aber würde der Glaubwürdigkeit von Mediapulse definitiv das Grab schaufeln. In der neuen Situation ist für diese Aufgabe vielmehr eine starke Persönlichkeit nötig, die nicht dem Dunstkreis von SRG oder Goldbach entstammt. Zu hoffen ist, dass das UVEK Weitsicht hat.



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