Kommentar

Durchzogene DAB+-Bilanz

Mittwoch, 25. April 2018
Das Bakom schreibt aktuell eine neue DAB+-Kampagne aus. Mit gutem Grund: Zwar hat DAB+ in den letzten zwei Jahren Boden gut gemacht, doch im Grunde geht die Entwicklung zu langsam, wenn – wie offenbar neuerdings angedacht – schon 2021 (bisher 2024) die UKW-Sender abgeschaltet werden sollen. Markus Knöpfli, Redaktor von HORIZONT Swiss, zeigt auf, weshalb der Termin sejr knapp wird.
Das Bakom wähnt die Schweiz in Sachen DAB+ auf gutem Weg. Sie könnte weltweit das zweite Land nach Norwegen sein, das die analoge Verbreitung der Radioprogramme in den kommenden Jahren einstellt, heisst es in einer Mitteilung. Und die Schweizer Radiobranche wollte bis 2024 das UKW-Netz abschalten und vollständig auf DAB+ umstellen. Neuerdings ist allerdings schon von 2021 die Rede.

Das ist allerdings aufgrund der eher langsamen Fortschritte ein sehr hochgestecktes Ziel: Geht man von den offiziellen Zahlen aus, waren in Schweizer Haushalten und Fahrzeugen per Ende 2017 rund 3.5 Millionen DAB+-Geräte in Betrieb, 600.000 mehr als ein Jahr zuvor. Das wirkt auf den ersten Blick so, als sei mittlerweile jeder der 3,5 Millionen Schweizer Haushalte mit je einem DAB+-Gerät ausgestattet.
In den letzten zwei Jahren hat DAB+-Nutzung signifikant zugenommen. Heute wird jede dritte Radiominute über DAB+ gehört. Ob sich dieser Trend so fortsetzt? Wohl eher nicht.
In den letzten zwei Jahren hat DAB+-Nutzung signifikant zugenommen. Heute wird jede dritte Radiominute über DAB+ gehört. Ob sich dieser Trend so fortsetzt? Wohl eher nicht. (© DigiMig)
Dem ist aber nicht so, da bei den 3,5 Millionen DAB+-Geräte auch 1 Million Autos einbezogen sind, die über DAB+-fähige Empfangsgeräte verfügen. Das heisst: Aktuell steht erst in 2,5 Millionen Haushalten ein DAB+-Gerät. Das ist wenig, wenn man davon ausgeht, dass in jedem Haushalt mindestens zwei, oft aber drei oder vier Radiogeräte genutzt werden. Und wenn man bedenkt, dass auch noch ungezählte Geräte in Büros, Gewerbe und Ställen in Verwendung sind. Und am Arbeitsplatz macht die Radionutzung allein 16 Prozent aus! Kommt hinzu: In der lateinischen Schweiz geht der Trend hinzu DAB+-Geräten deutlich langsamer vorwärts als in der Deutschschweiz. Es wäre aber mehr als heikel, diese Landesteile frühzeitig von der Radioversorgung abzuhängen.

etwas Weiteres: In der Schweiz gibt es rund 5 Millionen Motorfahrzeuge (PKWs und Lastwagen), doch erst 1 Million, also 20 Prozent davon, sind mit DAB+-Geräten ausgerüstet. Das ist nicht unwichtig, denn immerhin erfolgen 11 Prozent der gesamten Radionutzung auf Autofahrten (oder besser: beim Warten im Stau).
„Zu bedenken ist, dass auch noch ungezählte Geräte in Büros, Gewerbe und Ställen in Verwendung sind. Und am Arbeitsplatz macht die Radionutzung allein 16 Prozent aus.“
Zwar sind gemäss Bakom 85 Prozent aller Neufahrzeuge standardmässig mit DAB+-Radios ausgerüstet. Doch auch hier gibt es einen Haken: 2017 wurden 412.000 neue Autos in Verkehr gesetzt, davon waren 55.000 offenbar ohne DAB+. Wenn nun die bestehenden Motorfahrzeuge weiterhin mit dieser Rate ersetzt werden, verfügen bis 2021 erst 2.45 Millionen 0der 50 Prozent und bis 2024 erst 3,5 Millionen oder 70 Prozent der Autos über ein DAB+-fähiges Gerät. Dann schon UKW abzuschalten wäre aber heikel, denn wo hat Radio den volkswirtschaftlich grössten Nutzen? Genau, in Autos, die einem drohenden Stau entgegen fahren. Und wenn diese nicht mehr erreichbar sind, weil sie kein DAB+ empfangen können, dann hat man ein zusätzliches Problem: Entweder mehr Stau oder hohe Umrüstkosten.
(© DigiMig)
Noch etwas zum scheinbar besten Argument des Bakom: Die digitale Nutzung von Radioprogrammen (über DAB+, TV-Netze und Internet) ist 2017 von 54 auf 61 Prozent angestiegen. Doch Vorsicht: Das ist die gesamte digitale Nutzung (inkl. Nutzung über Internet und TV). Die Nutzung nur über DAB+-Geräte – und darum geht es ja – beträgt erst (oder schon) 34 Prozent. Das heisst: Von 100 konsumierten Radiominuten werden 34 oder ein Drittel über ein DAB+Gerät konsumiert, ein weiteres Drittel über UKW und ein Drittel über Internet/TV. Das korreliert etwa mit der Verbreitung der DAB+-Geräte in Haushalten und Fahrzeugen (auch ein Drittel, siehe oben). Nun ist es aber so, dass zu Hause am meisten Radio gehört wird – 61 Prozent der Radionutzung geschieht in den eignen vier Wänden. Und dort stehen meist mindestens zwei Radiogeräte. Diese Zweit-, Dritt oder Viert-Geräte zu ersetzen, wird noch einige Zeit benötigen, denn der DAB+-Empfang hat gegenüber UKW nicht derart viele Vorteile (mehr Sender, angeblich bessere Qualität, Zusatzinfos auf Display), dass aus Sicht der Radiohörer Eile angesagt wäre.
„DAB+ ermöglicht es dem Radiomacher, sein bisheriges Geschäftsmodell (lineares Radio) weiterzuführen, über Internet wird dieses zunehmend infrage gestellt.“
Nun liesse sich ja argumentieren, um auf UKW zu verzichten, muss nicht grossmehrheitlich via DAB+, sondern einfach digital Radio gehört werden (also auch über Internet und TV). Demnach würde es reichen, wenn – sagen wir – 90 Prozent der Radionutzung digital wäre. Heute wird dies schon zu 61 Prozent getan. Das heisst: Von 100 gehörten Radiominuten werden 61 Minuten auf digitalem Weg konsumiert und nur noch 39 Prozent analog (UKW).

Rein vom Schreibtisch aus mag dies Sinn machen, zwei Punkte sind allerdings zu bedenken: Einem Radiomacher ist es nicht egal, ob die Leute sein Radio über Internet (etwa über Spotify) oder über DAB+ hören. DAB+ ermöglicht es ihm, sein bisheriges Geschäftsmodell (lineares Radio) weiterzuführen, über Internet hingegen wird dieses zunehmend infrage gestellt. Der zweite Punkt: Was, wenn die restlichen 10 Prozent UKW-Hörer in erster Linie Autofahrer sind, die unterwegs weder über DAB+ noch über Internet erreichbar sind? knoepfli@horizont.net

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