Zwischen Sorglosigkeit und Schuldgefühlen

Wie die Menschen mit den Lockerungen umgehen und warum Masken ein Bewährungshelfer sein können

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Sorglos bis glücklich sieht man sie flanieren, shoppen und auch schon wieder Grüppchen bilden. Die Zeit nach den ersten Lockerungen des Lockdown verursacht unterschiedliche Gefühle bei den Menschen. Die Psychologin Ines Imdahl vom rheingold salon hat sie beobachtet und beschrieben. Konsum steht dabei nicht unbedingt an erster Stelle. Und die Atemmasken erinnern an die Fragilität der Situation. 

Die Wieder-Erweckung des innerstädtischen Lebens passt zur Nach-Oster-Zeit. Der Frühling treibt den Menschen generell nach draußen. Sie werden unruhig, haben Sehnsucht nach anderen Menschen, putzen sich heraus. In diesem Jahr haben sie noch mehr Nachholbedarf als nach einem gewöhnlichen Winter. Und tatsächlich: mit dem ersten Öffnungstag einiger Geschäfte sind die Innenstädte deutlich voller als in den letzten Wochen. Sorglos bis glücklich sieht man einige flanieren, shoppen und auch schon wieder Grüppchen bilden. Natürlich gibt es auch Vorsichtige, die sich an alle Abstands-Regeln halten – und auch einige, die die Lockerungen wütend machen und die sich eher eine längere Schließung wünschen. Die Gemütslage der Menschen ist ähnlich gespalten, wie die politischen Haltungen hierzu.



Insgesamt kann man grob drei Umgangsformen erleben:

Sorglosigkeit: Viele Menschen wiegen sich in einer Scheinsicherheit, dass nun das Schlimmste überstanden sei. Sie essen Eis, freuen sich, dass sie ein Stück Normalität zurück erobern und wieder real shoppen gehen können, anderen Menschen begegnen können. Sie interpretieren die Lockerungen als Freibrief, sich fast wieder so zu verhalten wie vorher.


Schüchternheit: Andere halten sich akribisch an die Regeln, stellen sich mit Abstand an die Kassen, warten bis andere Menschen weitergegangen sind – sie sind vorsichtig, warten ab, und schauen sich um, wie andere sich verhalten, trauen auch dem neuen Frieden nicht, freuen sich aber heimlich, dass das Leben wieder weiter geht.

Schuldgefühle: weitere empfinden die Öffnungen als zu früh – insbesondere von Geschäften, die nicht zwingend den Alltagsbedarf decken wie Autohäuser, Modegeschäfte, Assecoires- und Handyläden. Sie haben oder hätten Schuldgefühle shoppen zu gehen, wenn in New York und Italien die Menschen sterben. Sie sind auch manchmal wütend auf die allzu 
Sorglosen – und sorgen sich ihrerseits um die mühsam wiedergewonnene Freiheit.

Luxus oder Kleinigkeiten? Was kaufen die Menschen jetzt?

Unabhängig davon, wie sich die Menschen emotional zu den Lockerungen stellen: Was kaufen die Menschen jetzt? Werden sie Versäumtes nachholen, oder warten sie noch ab?

Trotz seelischem Nachholbedarf steht nicht zu erwarten, dass die Menschen allzu große Investitionen tätigen – hiermit werden sich vermutlich sogar die etwas Sorgloseren eher zurückhalten. Auch werden nicht alle nicht getätigten kleineren Anschaffungen etwa im Kleidungsbereich nun nachgeholt.

Vielmehr wird zunächst die Kleinigkeit der neue Luxus sein: Das Eis auf der Straße essen kann zum neuen Luxus werden. Auch einfach nur zu flanieren und genießen, dass die Geschäfte wieder offen haben, ist eine für viele vielleicht erstmalig erkannte Form der Lebensfreude.

Lockerungen auf Bewährung: Die Opfer dürfen nicht umsonst sein!

Natürlich halten sich die Menschen auch zurück mit dem Kauf, weil die Lockerungen derzeit noch fragil sind. Sie sind eine Bewährungsprobe für unser Verhalten. Werden wir rückfällig? Oder sind wir auch in einer Lockerung diszipliniert genug, um uns an die Regeln zu halten?

Aus psychologischer Sicht müssen wir uns jetzt bewähren. Wir müssen zeigen, dass wir mit der neuen Freiheit sehr verantwortungsvoll umgehen können. Denn es steht zu befürchten, dass die Menschen nicht ein zweites Mal bereit sein werden, diese massiven Opfer zu bringen: Ihre Kinder zu betreuen, auf Einkommen zu verzichten, ihre Zukunft zu gefährden. Das ist nicht allein ein wirtschaftlicher oder „virologischer“ Aspekt, sondern auch ein psychologischer. Ein zweiter Lockdown würde uns seelisch überfordern. Deswegen ist die Kanzlerin zu Recht so besorgt.

Maskenpflicht kann Bewährungshelfer sein

Vor wenigen Wochen hätte eine Maskenpflicht vielleicht die Sorglosigkeit der Menschen beflügelt – heute ist es anders herum. Das verpflichtende Tragen von Masken – zumindest in Geschäften und im öffentlichen (Nah-)Verkehr – kann uns die Bewährungszeit in jedem Moment deutlicher bewusst machen. Gegen die Freude über die Lockerungen ist nichts einzuwenden – gegen das Ausblenden der Realität und der Gefahr jedoch sehr wohl. Die Masken können die Realität dabei bildlich gesprochen jederzeit „einblenden“.
Die Autorin
Imdahl
© Ulrike Reinker
Ines Imdahl studierte an der Universität Köln Psychologie mit dem Schwerpunkt Morphologie. Seit Januar 2000 war sie Geschäftsführerin und Inhaberin bei rheingold. 
Sie hat das rheingold Institut, eine der renommiertesten internationalen Adressen für tiefenpsychologische Markt- und Medienforschung, mitgeprägt und aufgebaut.
2011 gründete sie zusammen mit Jens Lönneker den rheingold salon, eine tiefen-psychologisch arbeitende Forschungsagentur, die Empirie, Strategien, Gestaltung und Umsetzungsprozesse verbindet.
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