Wegen angezweifelter Repräsentativität

Meinungsforscher beschweren sich beim Presserat

Der Presserat soll in einer Sache der Meinungsforschung entscheiden
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Der Presserat soll in einer Sache der Meinungsforschung entscheiden
Forsa, Infas und die Forschungsgruppe Wahlen haben beim Presserat eine Beschwerde eingelegt. Es geht um eine Umfrage in Focus Online, ob Özil und Gündogan weiter in der Nationalmannschaft spielen sollten. Die Umfrage wurde vom Online-Startup Civey durchgeführt.
Die drei Meinungsforscher wenden sich an den Presserat, weil es ihnen um den Umgang der Presse mit Umfrageergebnissen geht. „Seriöse Markt- und Sozialforschungsinstitute müssten auf irreführende Presseveröffentlichungen aufgrund von an die Presse übermittelten Falschmeldungen hinweisen“, heißt es in der Beschwerde, die planung&analyse vorliegt.


Nachdem die Fußballspieler Gündogan und Özil sich mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan hatten fotografieren lassen, fragte Civey für Focus Online, ob die beiden weiterhin für die deutsche Nationalmannschaft spielen sollten. In der Civey-Umfrage sagten 80 Prozent „Nein“. In einer Umfrage von Forsa für RTL wollten nur 25 Prozent Özil und Gündogan von der WM ausschließen. Eine Umfrage von Emnid hatte eine Zustimmung für den Ausschluß der Beiden von 35 Prozent ergeben.

Diese Focus-Veröffentlichung nahmen die Meinungsforschungsinstitute Forsa, Infas und die Forschungsgruppe Wahlen zum Anlass, um sich beim Presserat zu beschweren. Der Presserat hat gegenüber planung&analyse das Vorliegen einer Beschwerde bestätigt, im Dezember soll über die Beschwerde entschieden werden.


Geht es um journalistische Sorgfalt oder um Repräsentativität?

Die Veröffentlichung hätte nach den Grundsätzen journalistischer Sorgfalt einer weiteren Plausibilitätsprüfung bedurft, glauben die Vertreter der drei Meinungsforschungsinstitute. Außerdem sei die Umfrage nicht repräsentativ.

Das seit 2014 aktive Startup Civey ist in mehreren Online-Medien, darunter Spiegel Online und Focus Online mit schnellen Umfragen unter Lesern vertreten. Durch die Implementierung in einer großen Anzahl von Medien versucht das Institut eine größtmögliche Vielfalt an Stimmen einzuholen und berechnet dann ein Ergebnis, dass für die Grundgesamtheit der Bevölkerung gültig sein soll. Die Methode ist recht neu und grundlegend anders als bislang Meinungsforschung betrieben wurde.

Die Beschwerdeführer zweifeln die Repräsentativität der Umfragen an, da die Befragten sich zum Einem selbst selektieren (wer Lust hat, der macht mit) und zum Zweiten keine Zufallsstichprobe zugrunde liegt (jedes Individuum muss die gleiche Chance haben, in die Stichptobe zu gelangen).

Die Tageszeitung taz hatte als erste über den Vorgang berichtet, und geschrieben, dass die Konkurrenz der Meinungsforscher sich über das Startup Civey beschwert habe. Von den genannten Instituten war Thorsten Thierhoff, Geschäftsführer von Forsa, zu erreichen. Er erläuterte, dass die Intention für die Klage sei, dass in der Öffentlichkeit sorgfältig mit Umfragen umgegangen werden solle. Alle müssen sich der Verantwortung für eine korrekte Information der Öffentlichkeit stellen. Das betreffe die Forscher und die Journalisten, die Ergebnisse veröffentlichen. Dies sei jenseits von wirtschaftlichen Interessen gültig.

Das Institut Civey äußert sich schriftlich gegenüber planung&analyse: „Die Daten von Civey sind repräsentativ. Unsere online-basierten Methoden zur Datenerhebung und –auswertung basieren auf Standards, die international längst anerkannt sind. Wir schließen aus, dass unsere Daten schlechter sind als jene traditioneller Call-Center Institute. Das Gegenteil ist vielmehr anzunehmen.“

Die Geschäftsführerin von Civey, Janina Mütze, sieht in der Beschwerde einen "Baustein eines immer aggressiveren Verhaltens“. Sie vermutet, dass es mehr um die Verteidigung wirtschaftlicher Pfründe gehe. Civey teilte weiterhin mit, dass man gegen Prof. Manfred Güllner von Forsa und Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen juristische Schritte prüfe, wegen der in dem erwähnten taz-Artikel verbalen „Ausfälle“.

Warum sich die beteiligten Institute nicht an den Rat der Markt-, Meinungs- und Sozialforschung gewendet haben, einem Gremium das sich mit den Verfehlungen in den genannten Branchen beschäftigt und recht ähnlich dem Presserat agiert, bleibt als Frage im Raum stehen.
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