Wahlforschung

„Wir müssen die Unsicherheit besser kommunizieren“

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Andreas Graefe betreibt neben seiner Tätigkeit als Professor an der Macromedia Hochschule mit Kollegen das Portal PollyVote. Auch für die US-Wahl wurde eine Prognose aufgestellt. planung&analyse sprach mit ihm über Methoden, Fehler und das Verständnis der Menschen zu Wahlvorhersagen.

Haben die Wahlforscher in den USA wieder versagt? In der Tat hatten wir wieder einen Umfragefehler, der vergleichbar mit dem von 2016 ist. Es sind noch nicht alle Daten ausgezählt, aber der Fehler wird ähnlich hoch sein wie bei der letzten US-Wahl und es ist auch derselbe Fehler: Die Zahl der Trump-Wähler wurde unterschätzt. Bei einzelnen Umfragen ist der Fehler tatsächlich dramatisch und das bei renommierten Instituten. Wenn man verschiedene Umfrage miteinander aggregiert, dann ist er kaum niedriger, weil alle in derselben Richtung daneben gelegen haben. Aber dennoch: Die Umfragen und Wahlprognosen deuteten darauf, dass Biden gewinnen wird und das ist eingetreten.

Andreas Graefe
Andreas Graefe
© Andreas Graefe
ist Professor für Management an der Hochschule Macromedia in München. Außerdem ist er Projektleiter von PollyVote, einer Plattform, die verschiedene Methoden kombiniert, um für eine Wahl die beste Prognose abgeben zu können. Seine akademische Karriere begann er am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse am Forschungszentrum Karlsruhe und hat 2009 an der Universität Karlsruhe (heute: Karlsruher Institut für Technologie) am Institut für Informationswirtschaft und Management zum Thema Prognosemethoden promoviert. Nach einem zweijährigen Forschungsaufenthalt an der Wharton Business School der University of Pennsylvania arbeitete Andreas Graefe als Senior Manager in den Bereichen Forecasting & Planning sowie Customer Relationship Management bei Sky Deutschland, ehe er als LMU Research Fellow ans Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München wechselte, wo er sich mit dem Thema „Forecasting and Decision-Making“ beschäftigte.

Warum war der Fehler systematisch? Es gibt zahlreiche Fehlerquellen: Man fragt die falschen Leute oder sie sagen nicht, was sie wirklich denken. Umfragen haben immer Fehler, das werden wir nie lösen können. Das Ausmaß des Fehlers variiert über verschiedene Wahlen, aber ein Fehler ist immer da. Nun sagen manche, der Fehler ist zufällig und wir können nicht vorhersagen, in welcher Richtung er geht. Das ist aus meiner Sicht eine falsche und zu naive Sichtweise. Wir können sehr wohl den Fehler vorhersagen und dies auch empirisch zeigen. Etwa weil die Erwartungen von Experten sehr oft in die richtige Richtung zeigen.


Wie kann denn derselbe Fehler zweimal hintereinander passieren? Das ist in der Tat sehr, sehr bedenklich. Es gab eine Vielzahl an Studien, die sich damit beschäftigt haben, was 2016 schief gegangen ist. Das Hauptergebnis war: Umfrageinstitute haben speziell weiße Männer ohne Universitätsabschluss nicht erreicht - eine Gruppe, die systematisch für Trump gewählt hat. Ob das in diesem Jahr auch so war? Das ist in dieser Phase Spekulation. Das kann man abschließend erst in ein paar Monaten beurteilen.

Aber es sind vermutlich wieder bestimmte demographische Gruppen, die man durch Befragungen nicht erreicht hat und die systematisch für Trump gewählt haben. Stimmt's? Ein Effekt könnte der Hidden-Trump-Vote sein. Er betrifft Leute, die bei Wahlumfragen nicht mitmachen, weil sie kein Vertrauen mehr in Institutionen haben, wozu sie auch Umfrageinstitute zählen. Trump selber hat dieses Misstrauen ja durch seine Äußerungen durchaus geschürt. Es ist unklar, inwieweit noch der Shy-Trump-Vote-Effekt zum Tragen kam. In vielen Staaten sagen die Leute heute sehr stolz, dass sie Trump wählen. Dann gibt es die Theorie, dass bestimmte Schichten mit höherer Bildung wegen Corona eher von zu Hause aus gearbeitet haben und dort für die Wahlumfragen eher erreichbar waren. Das könnte dazu geführt haben, dass Biden-Wähler in den Stichproben systematisch überrepräsentiert waren.


Sie sagten eben „Wir können den Fehler vorhersagen“. Sie betreiben zusammen mit Kollegen die Plattform PollyVote und erstellen Prognosen zu wichtigen Wahlen. Wie gehen Sie da vor? Ich bin ein Freund von Diversifität. Je mehr unterschiedliche Verfahren wir miteinander kombinieren desto besser. Das eine Verfahren hat vielleicht einen Fehler, den wir durch eine andere Methode kompensieren können. Wir machen das seit 2004. So nutzen wir neben klassischen Umfragen auch Prognosemodelle aus der Forschung, welche Fundamentaldaten, wie den Zustand der Volkswirtschaft, berücksichtigen. Und wir setzen auf Wahlerwartungen von Experten und Bürgern. Das heißt, uns interessiert ganz konkret deren Einschätzung, wer die Wahl gewinnt.

Was macht das für einen Unterschied? Durch die Frage nach der Ergebniserwartung bekommen wir Informationen, die durch andere Fragen nicht abbildbar sind. Das Argument ist nicht, dass die eine oder andere Methode besser ist, sondern das man dadurch unterschiedliche Informationen bekommt. Durch die Kombination verschiedener Methoden reduziert sich der Prognosefehler.

Werden implizite Methoden genutzt, um herauszufinden, wie ehrlich die Befragten sind oder wie unsicher sie noch sind? Ich sehe keinen Mehrwert in solchen Methoden. Ich glaube nicht, dass Leute am Telefon oder bei Online-Befragungen lügen. Das wird seit den 80er-Jahren diskutiert und mit dem Bradley-Effekt bezeichnet. Damals gab es einen dunkelhäutigen Kandidaten und es wurde vermutet, aus sozialer Erwünschtheit wurde da nicht die Wahrheit gesagt. Aber das lässt sich, ähnlich zum Shy-Trump-Vote, empirisch schwer nachweisen. Allerdings sind die Leute weniger bereit überhaupt an Umfragen teilzunehmen. Das ist etwas anderes.

Und wie steht es mit qualitativer Forschung? Kann die einen Beitrag zu besseren Prognose leisten? 
Ja, beispielsweise um Informationen des privaten Umfelds von Wählern zu bekommen. Aber das kann man auch mit einer klassischen Befragung. Wenn ich beispielsweise frage, "wer gewinnt die Wahl", dann bekomme ich mit hoher Wahrscheinlichkeit Informationen darüber, wie Freunde, Verwandte und Kollegen der Befragten wählen werden. Schade, dass Umfrageinstitute diese Frage nur selten stellen, und wenn doch, die Antworten in der Medienberichterstattung praktisch nicht auftauchen.

Wahlforschung hat ja den Vorteil – oder Nachteil –, dass man sie an der Realität messen kann. Wie waren Ihre Prognosen zur US-Wahl? 
Die Prognosen waren extrem stabil und die beste seit es PollyVote gibt. Das hat sehr gut funktioniert, speziell im Vergleich zu rein umfragebasierten Verfahren.

Welche Schlüsse ziehen Sie für die Wahlforschung zur Bundestagswahl im kommenden Jahr in Deutschland? Viele Menschen haben falsche Vorstellungen davon, wie genau Wahlvorhersagen sein können. Das liegt auch daran, dass der Fehler oftmals nicht transparent kommuniziert wird. So ist beispielsweise der tatsächliche Fehler in Wahlumfragen in etwa doppelt so hoch, als der angegebene Stichprobenfehler. Sprich, wenn ein Stichprobenfehler von drei Prozentpunkten angegeben ist, dann liegt der tatsächliche Fehler im Schnitt bei etwa bei sechs Prozentpunkten. Das ist ein dramatischer Unterschied. Wir müssen die, den Prognosen anhaftende, Unsicherheit besser kommunizieren.

Prognosen sprechen oft von Wahrscheinlichkeiten. Biden gewinnt mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit. Können damit die normalen Menschen etwas anfangen? Unsere Prognose war, dass Biden mit 77 Prozent Wahrscheinlichkeit gewinnt. Viele Menschen lesen eine solche Prognose jedoch einfach als: Biden gewinnt die Wahl. Die Wahrscheinlichkeit, dass Trump gewinnt, lag aber bei immerhin etwas mehr als 20 Prozent. Das entspricht in etwa der Wahrscheinlichkeit, dass ein Fußballer einen Elfmeter verschießt. Vielleicht müssen wir künftig auf diese Weise Wahrscheinlichkeiten kommunizieren, damit die Leute sich das besser vorstellen können.

Letzte Frage: Wird Trump am 20. Januar im kommenden Jahr das Weiße Haus verlassen? Hierfür liefert PollyVote aktuell noch keine Prognosen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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